Alfred Schobert
(1963
– 2006) – ein Nachruf von DJ Kersten
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Sinking down-the world is round ... Standing
on the moving ground
Sinking
down-the
world is flat there's no-one here to question that (Desert
Kisses - Siouxsie & The
Banshees)
Harmful
elements in the air /
symbols
crashing everywhere
(Hongkong
Garden - Siouxsie & The
Banshees)
Zeichnung:
Nora Below „Alfred“ (2006)
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Am 18. November 2006 ist mein Freund Alfred Schobert nach kurzer, schwerer Krankheit im Alter von nur 43 Jahren gestorben.
Aufklärung im Trockeneis-Nebel
Kennengelernt habe ich ihn zunächst als
kritischen
Journalisten. Aufmerksam las ich seine Artikel über eine sich
ausbreitende
„Graswurzelrevolution
von rechts“[1]
innerhalb der Gothic- bzw. Dark Wave-Szene, die er Mitte der 90er Jahre
u. a. in SPEX[2]
oder junge
Welt[3]
veröffentlichte. Da mich diese in der schwarzen Szene schon damals
kaum zu übersehenden, von Alfred aber minutiös recherchierten
braunen Tendenzen auch und gerade als Szenegänger sehr
störten,
archivierte ich seine Artikel. Die darin enthaltenen Informationen
über
den von ´Neuen´ Rechten u. a. in der Zeitschrift Junge
Freiheit[4]
ausgerufenen ´Kulturkampf´, die „Operation Darkwave“[5],
hoffte ich bei passender Gelegenheit auch innerhalb der Szene zu
verbreiten.
Im Frühjahr 1998 war der Zeitpunkt gekommen: in Bremen
gründete
sich die Initiative Grufties
gegen Rechts / Music for a new society,
eine erste Informationsbroschüre und ein Aufruf gegen die rechten
Ränder der schwarzen Szene wurden ausgehend von Bremen in der
ganzen
Bundesrepublik und darüber hinaus verbreitet[6].
Die Veröffentlichung zog zahlreiche Reaktionen nach sich und unter
den Briefbergen, die in Bremen eintrafen, befand sich auch eine
Glückwunschkarte
von Alfred Schobert, AK Rechts(extremismus) am Duisburger
Institut für Sprach- und Sozialforschung (DISS)[7].
Wie viele andere schrieb er uns, „auf so etwas“ habe er
„seit
langem gewartet.“ Kurz danach präzisierte er in einem Brief: „Endlich
regt sich wirklich etwas innerhalb ´der Szene´“.
Dieser Brief war der Beginn einer engen und inspirierenden
Zusammenarbeit.
Schon hier warf Alfred ein Licht auf ein Problem der antifaschistischen
Recherche-Arbeit: die Notwendigkeit einer Beschäftigung mit oft
ermüdenden
Details rechter Verstrickungen, „so langweilig die Darstellung von
Infrastruktur
und Organisationskram auch ist“. Mit welcher Ausdauer der
akribische
Archivar und Wissenschaftler diese Aufgabe auch meisterte[8],
zielte er letztlich dennoch auf etwas anderes, bei weitem
anspruchsvolleres:
„Viel
interessanter finde ich ja zu untersuchen, was ideologisch so per Musik
rüberkommen soll bzw. tatsächlich rüberkommt“[9].
Er saß gerade an seinem Vortragstext für eine Veranstaltung
der inzwischen gegründetenGrufties
gegen Rechts Berlin,
wo er „am Beispiel von Death In June (DIJ; braune
Neo-Folk-Band,
bis heute sehr populär in der Düster Szene; Anm. d. V.) den
Kult männlichen Heroismus´“ problematisierte. „Maske,
Macht, Militär und Männlichkeit“ lautete der Titel[10]
- eine „Nachbereitung meines Eindrucks vom DIJ-Konzert in Arnsberg“.
Damit erweiterte Alfred schon früh die Debatte über die
bloße
Kritik an recht(sextrem)en Tendenzen um, in diesem Fall, eine Kritik am
soldatischen Männerbild in Segmenten der schwarzen Szene. Seine
Texte
und Vorträge waren Aufklärung im besten Sinne des Wortes –
und
er, der rastlose Vortragsreisende, betrieb sie in unzähligen
Alternativ-,
Kultur- und Jugendzentren der Republik[11].
Dabei scheute er auch nicht die inhaltliche Auseinandersetzung mit
uniformierten,
jugendlichen Death
In June-Fans[12],
die bei seinen Vorträgen gerne symbolträchtig die erste Reihe
besetzten und meist anschließend einräumen mußten,
daß
dieser Mann zumindest weiß, wovon er spricht. Seine Geduld war
bemerkenswert,
und wenn ihn seine Diskussionslust verließ, verschwand er im
Trockeneis-Nebel
der Tanzfläche oder verdrückte sich an die Bar. Schonungslos
in der Kritik war er, aber behandelt hat er alle korrekt.
Stop! In The Name of Justice
Typisch für Alfreds Genauigkeit ist,
daß
er uns von Anfang an auf derweil veraltete Informationen in unserer
Broschüre
hinweist und diese korrigiert oder ergänzt – gerade auch dort, wo
wir uns auf seine eigenen Texte beriefen. Ebenso wichtig war ihm unsere
Rückmeldung zu seinen eigenen Texten. Unser Respekt war ein
gegenseitiger.
Für uns hatten seine Artikel Maßstäbe gesetzt: genaue
Recherche,
keine Generalverurteilung der Gothic-Szene, falls nötig, etwa im
Falle
von in der journalistischen oder politischen Arbeit unvermeidbaren
Fehlern:
eine Berichtigung von Seiten des Autors selbst[13]
(Alfred verließ sich hier nie bloß auf seine
HerausgeberInnen
oder Chefredaktionen). Das war freilich selten nötig. Wer ein
solches
Verhalten auf eine solide journalistische Ausbildung
zurückführt,
irrt – denn eine solche hat Alfred, den insbesondere sein Studium beim
französischen Philosophen Jacques Derrida[14]
in Paris tief geprägt hat, nicht genossen. Den deutschen
Universitäten,
deren opportunistische Kritikfeindlichkeit er verabscheute, stand er,
nach
ernüchternden Erfahrungen als Projektmitarbeiter an der Hochschule
in Aachen, fern. Ich denke, daß die Stärke von Alfreds
Schreibe
in seinem unerschütterlichen Gerechtigkeitssinn begründet
liegt.
Daß verantwortungsbewußter Journalismus nicht unbedingt
üblich
ist, mußten wir, das kritische Dark Wave-Projekt und Alfred
Schobert,
in den folgenden Jahren gleichermaßen schmerzhaft erfahren.
Seine prinzipielle Anti-Kriegs-Haltung wurde auf
die
Probe gestellt, als er nach dem 11. September von immer mehr
bellizistischen
Linken umgeben war. Die Kriegsbefürworter schossen wie Pilze aus
dem
Boden, was Alfred dazu veranlaßte, sich von der Jungle
World,
für die er 5 Jahre lang geschrieben hatte, auf die kleinere,
radikal-pazifistische Graswurzelrevolution
zurückzuziehen[22].
Ein solches Rückgrat imponierte mir. Als selbst linke Zeitungen in
die „Mühle der binären Reduktion“[23]
Als KritikerInnen des braunen Randes der schwarzen Szene, wie
gleichermaßen
des unkritischen Umgangs vieler (Musik-)Medien damit, saßen wir
gewissermaßen
´im gleichen Boot´ und wurden meist von den gleichen Leuten
angefeindet. Und was mußte sich gerade Alfred, keinesfalls nur in
der rechten Publizistik, sondern auch von Seiten diverser
Musikmagazine,
alles anhören. Während bei ihm zu Hause längst
Drohbriefe
von Neonazis eingingen, gefiel sich etwa der Rock
Hard-Journalist Wolf-Rüdiger Mühlmann darin, seinem
Gesprächspartner
Alfred Schobert zu unterstellen, er sei personalidentisch mit den
Journalisten-Kollegen
Daniel Bax (taz)
und Daniel Hügel (Jungle
World), außerdem sei sein Name ein Pseudonym: „Wer
oder
was ist Alfred Schobert wirklich?“[16].
Trotz aller Richtigstellungen, die Alfred derartigen Lügen
entgegensetzte,
schien er manchmal unter der Last solcher Journaillen zu verzweifeln.
Mann mit Prinzipien
Alfreds Gespür für Gerechtigkeit und
Ausgrenzung
zeigte sich auch in anderen Feldern, etwa im Engagement für die
Rechte
von Flüchtlingen und MigrantInnen und gegen institutionellen
Rassismus.
Eine zentrale Thematik seiner Veröffentlichungen war die Kritik an
Antisemitismus und Antizionismus, an (deutscher) Geschichtspolitik und
den ´Normalisierungs´diskursen, etwa in der Walser- und der
Finkelstein-Debatte[21].
Afterhours
Im März 1999 war Alfred, um einen Vortrag zu halten, erstmals zu uns ins Kulturzentrum Schlachthof in Bremen gekommen. Schnell wurde klar, daß wir es bei ihm nicht nur mit einem profilierten Schreiber und eloquenten Redner zu tun hatten, sondern auch mit einem höchst sympathischen, herzlichen und geselligen Zeitgenossen, mit dem man gerne bis spät in der Nacht in der Kneipe zusammensaß. Auf der sich anschließenden Vortrags-Tour durch Mecklenburg-Vorpommern im April d. Jahres (die derweil konstituierten Grufties gegen Rechts Rostock hatten eingeladen) mangelte es dann nicht an Gelegenheiten, mit ihm bis früh am Morgen zu diskutieren, Weizenbiere zu trinken, Geschichten zu erzählen und zu lachen. Wenn ich ihn anrief, hatte er immer Zeit und mich wunderte oft, daß sein Duisburger Institut ihm unsere stundenlangen Telefonate durchgehen ließ. Dabei interessierte sich Alfred auch immer für das Persönliche, erzählte von FreundInnen, seiner Familie, von den KollegInnen, fragte nach, wie es einzelnen unserer Gruppe ginge. Unvergessen wie Alfred im Frühjahr 2004 extra angereist kam, um mir, inzwischen selbst Referent in Sachen Widerstand gegen den ´rechten Kulturkampf´, bei einem Vortrag in Oberhausen zuzuhören. Er umarmte mich und spuckte in die Hände, um mir viel Erfolg zu wünschen.
Ein Klassiker unter unseren zahlreichen Anekdoten war die Geschichte mit der ´Saloontür´. Wir waren in Wismar, die sich an Alfreds Vortrag anschließende Wave-Party war längst zu Ende, als das Stichwort fiel, es existierten irgendwo im alternativen Wohnprojekt vorzügliche Haschischkekse. Da ich mit Vorliebe ortsspezifische Besonderheiten ausprobiere, wollte ich mir auch diese Kostbarkeit nicht entgehen lassen und griff beherzt zu. Zu später Stunde beschlossen Alfred, M. und ich, uns nun auch mal in Richtung unseres Schlafgemaches zu bewegen. Die Kekse sowie zahlreiche Biere machten die Wegbeschreibung unserer Gastgeber nicht gerade klarer. Mit einem Feuerzeug als einzige Lichtquelle stolperten wir durch kaum sanierte, stockfinstere Gänge. Pssst kam es von allen Seiten, denn ein Bremer Kollege hatte sich bereits vorzeitig zum Schlafen gelegt und wir wollten ihn ja nicht wecken. In unserem Zustand ein gewagtes Unterfangen. Wieder pssste es rundherum und wir kicherten uns einen ab, als uns plötzlich der Weg versperrt war. Ich, voranschreitend und breit wie ein Eimer, posierte - wie mich John Wayne gelehrt hatte - und gab dem unverschämten Hindernis einen kräftigen Tritt. Es krachte laut scheppernd zu Boden, von erneuten Mahnungen zur Stille und Kicheranfällen meiner Genossen begleitet. Was denn diese arme Sperrholzplatte mir getan hätte, fragte Alfred ironisch mahnend und die Nachtruhe des Kollegen, die das alles noch nicht hatte stören können, war endgültig dahin, als ich entschuldigend erklärte: „Ich dachte, das ist eine Saloontüre“. Da war kein Halten mehr.
Noch Wochen und Monate später erzählte Alfred diese Posse mit einem unnachahmlichen Feixen im Gesicht. Wie oft haben wir darüber gelacht, und wie schön wäre es, wenn uns der Tod nicht die Möglichkeit genommen hätte, weitere Abenteuer, Lach- und Sachgeschichten miteinander zu erleben.
Alfred ist tot. Vielleicht wird es noch Jahre
dauern,
bis die politische wie auch die Gothic-Szene begreifen wird, welchen
Verlust
dies darstellt und was wir diesem Mann zu verdanken haben. Wir haben
einen
wunderbaren Freund und unermüdlichen Streiter für
Gerechtigkeit
verloren – hoffentlich treffen wir uns eines Tages wieder, an einem
etwas
gastlicheren Ort. Ich werde ihn nie vergessen.
DJ Kersten
2006
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18 (Oktober 06) (Bundeswehr-Edition II)
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17 (Seotember 06) (Bundeswehr-Edition)
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16 (August 06)
(Madonna-Holiday-Edition)
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15 (Juli 06) (Football World Cup:
Funny
Films & Games about Zinedine Zidanes nice career ending...)
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14 (Juni 06) (Vortrag zu Leopold von
Sacher-Masochs
"Venus im Pelz")
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13 (März / April / Mai 06) (DJ
Kersten
on Tour: Vorträge zu rechten Tendenzen in der Dark Wave-Szene in
Bremen,
Berlin & Potsdam; DJ-Abend im Rum Bumpers (Flyer))
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12 (Jan./ Feb. 06) (Düstere
Zeiten
DJ-Abend im Rum Bumpers (Flyer); Latex-Linx)
2005
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11 (Nov./ Dez. 05) (Vortrag "Spacing
&
flaming gestures - Die situationistische Stadt" in der Uni Bibliothek;
Juicy Delights presents Nora
Below - eine queere Nacht mit Lesungen, Konzert und Party am
Güterbahnhof;
Düstere Zeiten DJ-Abend
im Rum Bumpers)
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10 (Aug./Sept. 05) (Düstere
Zeiten
DJ-Abend (Flyer); Vortrag "Die Langeweile ist konterrevolutionär!
- Das große Spiel der Situationistischen Internationale" im
Kuß
Rosa / Bremen; Vorankündigungen)
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9 (Juli 05) (Führung im
Übersee-Museum:
"Zwischen Übersee und Völkermord - Der Deutsche Kolonialismus
in Namibia"; Düstere Zeiten u. a.)
#
8 (Mai / Juni 05) (Studi-Wahlen
Uni-Bremen;
Bewegung gg. Studiengebühren; Party-Termin)
#
7 (April 05) (Party-Termine,
Veranstaltungen,
Konzerte)
#
6 (März 05) (Party-Termine &
Veranstaltungen)
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5 (Jan./Feb. 05) (Bericht eines
"chronisch
Kranken"...)
2004
# 4 (Okt. 04) (Wilder Streik
bei Opel Bochum: Berichte, Analysen, Bilder, Kommentare...)
# 3 (Sept. 04) (Termine;
Webpage-News; Vorträge von DJ Kersten; Anti-Globalisierungs-Kritik)
# 2 (März / April 2004)
(Termine; Anti-Kriegs-Parolen; Anti-Globalisierungs-Kritik)
2003
# 1 (April / Mai 2003)
(Webpage-Diary;
Queeruption-Festival Berlin; Anti-Kriegs-Parolen)