BAUHAUS
Emanzipatorische Architektur oder „künstlerischer Technizismus"?
Achtung: Diese Hausarbeit ist extrem lang! Auch als Datei war sie zu groß für den Piranho-Server. Daher habe ich sie in 3 Teile geteilt. Es folgt das Inhaltsverzeichnis der gesamten Arbeit, die roten Ziffern geben an, wo die Teile anfangen. Jeweils am Ende der Dateien (also z. B. hier ganz unten) könnt Ihr dann wählen, ob Ihr weiterlesen wollt oder zurück zum Menü. Es folgt Teil 1 von 3.
P. S.: Im Original war diese Hausarbeit reichlich bebildert, was man z. T. noch an Bildunterschriften (ohne Bilder...) erkennen kann. Wenn ich irgendwann mal Zeit und Lust auf Scan-Arbeiten haben sollte, werde ich diese hier noch einfügen. Kann aber dauern...
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Inhalt
EINFAHRT
Less is more oder: Die „totale Zimmeraufräumung"
I. Ist die Moderne gescheitert ? (Prolog)
Einstürzende Neubauten
II. Die Architektur der Moderne
1. Vorgeschichte der architektonischen Moderne:
1.1. Modernisierungsprozesse und Industrialisierung
1.2. ArbeiterInnenbewegung
1.3. Arts & Crafts / Kunstgewerbe-Bewegung und L'Art Nouveau (Jugendstil)
1.4. Der Deutsche Werkbund
1.5. Der Erste Weltkrieg
2
2. Anspruch der Moderne am Beispiel BAUHAUS
2.1. Nur 14 Jahre lang: eine Bauhaus - Geschichte
2.2. Die Bauhaus - Idee
2.3. Bauhaus-Architektur
2.4. Linke Kritik am Bauhaus
3. Moderner Siedlungsbau der 20er Jahre (Fotos)
Bruno Taut: Onkel Toms Hütte
(Exkursion, Berlin-Zehlendorf,
Oktober 2000)
PARKPLATZ
15qm Deutschland
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III. Ist die Moderne gescheitert?
1. Kriterien für eine Beurteilung emanzipatorischer Architektur
2. Stärken und Schwächen des Bauhauses und der architektonischen Moderne
3. Ist die Moderne gescheitert? (Epilog)
AUSFAHRT
Strategien gegen Architektur
Verwendete Literatur
„Sammeln scheint angeboren zu sein. Da hat ein jeder seine eigenen Ordnungsprinzipien, seine Vorlieben, was wert ist, aufbewahrt zu werden. Bei vermeintlich größter Unordnung ist da ein Organisieren der Dinge im Spiel, ein Zusammenhang von Vertrautem, Disparatem, das seine Gestaltungskategorien zumindest im Sammler selbst besitzt, auch wenn es jedem anderen uneinsichtig und chaotisch erscheint. (...) Wenn es nicht um Schmetterlinge oder Akten geht, wird das Anhäufen von Dingen paradox und geht beständig mit der Tatsache um, daß Zeit vergangen ist und etwas sich angesammelt hat, das man nicht verloren geben will - ein Protest gegen das Vergehen der Lebenszeit, die Angst vor dem Verschwinden, oder auch das Bedürfnis nach einem Vorrat, für eine ungewisse Zukunft, einer Grabbeigabe für ägyptische Könige vergleichbar."
(Jörg Becker: „Krimskrams als Existenzbeweis")
Papierstapel, Kleiderberge, Schallplatten, unsortiert und nicht wieder in die zugehörigen Hüllen gesteckt, kleine Notizzettel, halbleere Tabakbeutel, Zeitschriften, Kopien, Schmierzettel, Tagebücher, Fotos und Fototaschen, Stifte, Flyer, Bücher, Staub und Dreck, Medikamentenpackungen, Kassetten, CD's, Schmuck, Stoffe, Taschentücher, ausgeliehene Bücher und Zeitschriften, Briefe, Postkarten... ein riesiges Durcheinander von Gegenständen auf engstem Raum. Die Unordnung in meinem Zimmer, die während der monatelangen Tag- und Nacht-Arbeit an der Broschüre „Die Geister, die ich rief..." (Ausgabe 2, Juni 2000) der Initiative Grufties gegen Rechts / Music for a new society stetig angewachsen ist, war unerträglich geworden. Praktisch jeder Quadratzentimeter meines (nur) 15qm großen Zimmers war zwischen 20 und 50 cm hoch mit Kram bedeckt, so daß man kaum noch laufen, geweige denn irgendetwas finden konnte. Insbesondere die gigantische Ansammlung von rechtsextremem Quellen-Material aus unserem Archiv im Kulturzentrum Schlachthof, die ich angesammelt hatte, um sie auszuwerten und in Artikel zu verarbeiten, machte mich wahnsinnig: rechtsextreme Zeitschriften, Flugblätter und Kopien von Artikeln, dazwischen Briefe und Korrespondenzen mit am Thema arbeitenden GenossInnen aus dem ganzen Bundesgebiet und dem Ausland, zum Teil noch nicht beantwortet, zum Teil für die Schreibarbeit benötigt, und schließlich stapelweise Tonträger rechtsextremer Musikprojekte, die noch darauf warteten, durchgehört zu werden. Unbedarfte BesucherInnen hätten fast den Eindruck bekommen können, sie hätten das Zimmer eines Neonazis betreten.
Neben dem steigenden Unbehagen über diesen Zustand wuchs allerdings auch ein weiterer Verdacht in mir: daß sich in meinem Zimmer auch unabhängig von dem Archiv-Material endlos viele Gegenstände befinden, die dort längst nichts (mehr) zu suchen haben, weil ich sie weder benötige noch behalten will.
Die an die Fertigstellung der Broschüre anschließende, mehrere Monate andauernde und geradezu fanatisch betriebene „totale Zimmeraufräumung" (auch sprachlich schlägt hier die intensive, vielleicht auch allzu exzessive Beschäftigung mit rechten Ideologien durch...) hatte verschiedene Gründe:
Dieses Zimmer aber ist nicht mehr mein Zimmer, denn von einer freien Entscheidung im Sinne der Zimmergestaltung konnte hier keine Rede mehr sein.
Ich erstickte vielmehr in ihm.
„Mein Schwarzsein bedeutet vor allem: Laßt mich in Ruhe mit eurer lauten Welt."
Andrea in ihrer Neubauwohnung (aus K. Farin u.a., S. 117)
Dann schenkte mir meine Geliebte eine rote Rose und ich bekam einen ausgeprägten Tobsuchtsanfall. Mir erschien es unwürdig, das Geschenk in diesem Saustall untergehen zu lassen. Es gab keinen würdigen Platz für dieses Geschenk. Das war im Juni 2000, das Seminar über die architektonische Moderne war in vollem Gange und ich beschloß: Less is more - raus mit dem Scheiß. So sollte es sein.
In all den Papierstapeln schließlich
fiel mir ein Artikel in die Hände, den ich aus dem Bremer Anzeiger
herausgeschnitten hatte.
Dabei wurde mir dann schlecht.
I. Ist die Moderne gescheitert? (Prolog)
Einstürzende Neubauten
Es ist „Krieg in den Städten!" (Einstürzende Neubauten, 1983)
„Die neuen Tempel haben schon Risse / Alles nur künftige Ruinen / Material für die nächste Schicht" (Einstürzende Neubauten, 2000)
Am 15. Juli 1972 wurden die 14geschossigen Scheibenhäuser der Siedlung Pruitt-Igoe des Architekten Minora Yamasaki in St. Louis, Missouri gesprengt. Noch 1951 waren sie mit dem ersten Preis des Institute of Architects gekrönt worden.
„Am 18. Februar 1986 wurde im Wohngebiet ‚Les 4000' in La Courneuve bei Saint Denis um 13.07 Uhr - zur live-Übertragung nach den Nachrichten - der Wohnblock mit dem symbolträchtigen Namen „Debussy" gesprengt. 1987 wurde die mit Pathos und Bundesmitteln erst in den sechziger Jahren erstellte ‚Metastadt' in Wulfen abgebrochen" (Hartmann, S. 10).
Und nachdem Anfang 1995 das IDUNA - Hochhaus in Hamburg am Millerntor „unter den Augen von 80.000 begeisterten ProletarierInnen zu Boden gesprengt worden war", jubilierte das linke Zirkular „wildcat", indem es ein Bild der Sprengung auf das Titelbild setzte und ihm den ironischen Untertitel „Guy Debord -Gedächtniskirche" verlieh (wildcat - Zirkular 13, März 1995).
Kritiker der Moderne wie Heinrich Klotz oder Charles Jencks nehmen solche symbolischen Aktionen zum Anlaß, der (Architektur der) Moderne vorzuwerfen, sie sei „alt geworden" (Klotz 1984), sehen sie als „Schlußakkord der Uniformitätsdynamik" (Jencks) bzw. gleich als „Tod der Moderne" (Jencks). Jencks ging so weit zu fordern, „das Museum of Modern Art, das 1932 die moderne Architektur mit der Bezeichnung ‚Internationaler Stil' von Europa in die USA gebracht hatte, solle in ‚Museum of Post Modern Art' umbenannt werden" (Hartmann, S. 11).
„Die moderne Architektur, wie sie von Walter Gropius und Ludwig Mies van der Rohe in hohem Maße geprägt wurde, bestimmt ganze Stadtlandschaften. Freilich verbindet sich damit auch heftige Kritik, das Bauhaus sei für die vielerorts so bestürzend ausgebreitete Container-Architektur und die damit einhergehende städtebauliche Verödung mitverantwortlich" schreibt selbst Peter Hahn, Direktor des Bauhaus-Archiv / Museum für Gestaltung, Berlin in seinem Vorwort zu Christian Grohns Buch „Die ‚Bauhaus-Idee'" (S. 9).
Uniformität und Unmenschlichkeit wurde dem „Neuen Bauen" von linker wie von rechter Seite vorgeworfen. Als immer wiederkehrende Stichworte benennt Hartmann Schlagworte wie „der ‚weiße Rechtkant', die ‚leere weiße Wand', die ‚weißen und gläsernen Kästen', die ‚weißen Elementarkörper', die ‚nackten weißen Kuben' oder die ‚weiße Stereometrie der Baukuben' wie auch das ‚stählerne Weiß der Maschine'" (S. 10).
Schon 1923, als Walter Gropius „eine große Leistungsschau organisierte, auf der vor der Kunst- und Pressewelt ein aufwendiges Spektakel von Ausstellungen, Theater und Veranstaltungen ablief, schrieb Paul Westheim, abgestoßen vom geometrischen Schematismus der Bauhaus-Arbeiten, in der renommierten Berliner Avantgardezeitschrift Das Kunstblatt: ‚Drei Tage in Weimar und man kann sein Leben lang kein Quadrat mehr sehen'" (Paul Westheim, Bemerkungen zur Quadratur des Bauhauses, in: Das Kunstblatt 1923, S. 319f., hier nach: Conrads u.a. (Hg.) - Die Bauhaus-Debatte 1953, S. 9).
Die Angriffe wurden - parallel zum (in Ost und West umstrittenen) Siegeszug der modernen Architektur nach dem 2. Weltkrieg - eher mehr denn weniger.
1966 wurde Mies van der Rohes berühmter Satz „less is more" von dem US-Amerikaner Robert Venturi in den hämischen Spruch „less is a bore" umgewandelt, aus Sullivans für die architektonische Moderne ebenso zentralem Postulat des „form follows function" machte Peter Blake 1974 „form follows fiasco", die Postmoderne schließlich ein lapidares „formfollows fun". Kristiana Hartmann kommentiert bissig, „form follows profit" sei einepassendere Umdeutung für das praktisch ausschließlich renditeorientierte Baugeschehen der Postmoderne (Hartmann, S. 10). Allerdings sei die Frage erlaubt, ob sich diese Kritik letztlich nicht auf sämtliche Bauvorhaben im Kapitalismus anwenden ließe.
An Abgesängen auf die Moderne
fehlt es wahrlich nicht. 1984 erscheint Hans-Jürgen Heinrichs Buch
„Die katastrophale Moderne". Wolf Jobst Siedler schreibt 1986, der „Traum
der Vernunft gebar Ungeheuer"(DerTagesspiegel vom 13.11.1986)
(Nach den tagelangen Pogromen von Hoyerswerda 1991 und Rostock-Lichtenhagen 1992 verbreiteten westdeutsche Medien gar das Bild, der weit verbreitete Rassismus hätte seine Wurzeln in den Plattenbausiedlungen des Ostens. „Faschistische Aktivitäten, rassistische Überfälle - in der ex-DDR scheinen sie mit der Plattenbauweise ursächlich zusammenzuhängen" kritisiert die linke Zeitung „17° C" eine solche Mediendarstellung („New York, New York. Fragmente einer Sprache der Plattenbauweise", in: 17° C - Zeitschrift für den Rest, S. 44). Denn dieser Nonsens war nicht nur eine Verharmlosung des rechten Potentials in der Gesellschaft. Sie ignorierte auch nicht nur die Existenz gleichartiger Siedlungen im Westen, die zudem häufig von einem vergleichsweise hohen „Ausländeranteil" geprägt sind. Sie verhöhnte insbesondere die ganze Geschichte und das soziale Anliegen der architektonischen Moderne.).
„Absolutheitsdogmen" und ein „Ozean
der Monotonie" warfen Kritiker wie etwa Heinrich Klotz in „Die Revision
der Moderne. Postmoderne Architektur 1960-1980" (München 1984) dem
ehemals „Neuen Bauen" vor (Hartmann, S. 10-11). Die „politisch reflektierende(n)
Moderne" (Hartmann S. 11) sollte durch die „‚spontane' und ‚sinnesfreudige'
Postmoderne" (ebenda) abgelöst, ja ersetzt werden. In ähnlicher
Siegerpose wie spätestens ab 1989 ff. der Sozialismus und damit einhergehend
alle utopischen Gesellschaftsmodelle im herrschenden Diskurs als Irrwege
der Geschichte gehandelt wurden, so verwarf die Postmoderne die Utopien
des „Neuen Bauens". Ist damit auch in der Architektur „Das Ende der Geschichte"
gekommen? Waren „De Stijl" und „Bauhaus" mit samt den Versuchen, zumindest
letzteres als „New Bauhaus, Chicago" oder „Ulmer Hochschule für Gestaltung"
fortzuführen, von vornherein zum Scheitern verurteilt? Waren die Utopien
von Walter Gropius, Bruno Taut, Hannes Meyer, Ernst May, Gerrit Rietveld
oder Le Corbusier am Wesen des Menschen vorbeigeplante Kopfgeburten? Ist
die Moderne gescheitert?
Oder anders gefragt: wenn es wirklich
einen „Krieg in den Städten" gibt, wer führt ihn und warum?
II. Die Architektur der Moderne
1. Vorgeschichte der architektonischen Moderne
Um das „Neue Bauen" im Allgemeinen
oder die „Bauhaus - Idee" (Christian Grohn) im Speziellen begreifen zu
können, lohnt es sich, einen Blick auf die gesellschaftliche und kulturgeschichtliche
Vorgeschichte zu werfen.
1.1. Modernisierungsprozesse
und Industrialisierung
„Die Häuser
sind bewohnt vom Keller bis hart unters Dach, schmutzig von außen
und innen, und sehen aus, daß kein Mensch drin wohnen möchte.
Das ist aber noch alles nichts gegen die Wohnungen in den engen Höfen
und Gäßchen zwischen den Straßen, in die man durch bedeckte
Gänge zwischen den Häusern hineingeht und in denen der Schmutz
und die Baufälligkeit alle Vorstellungen übertrifft - fast keine
ganze Fensterscheibe ist zu sehen, die Mauern bröcklig, die Türpfosten
und Fensterrahmen zerbrochen und lose, die Türen von alten Brettern
zusammengenagelt oder gar nicht vorhanden - hier in diesem Diebsviertel
sogar sind keine Türen nötig, weil nichts zu stehlen ist." (Friedrich
Engels, Die Lage der arbeitenden Klasse in England, S. 93)
Insbesondere durch die Industrialisierung
veränderten sich die gesellschaftlichen Bedingungen im 19. und frühen
20. Jahrhundert fundamental und mit einem rasanten Tempo. So stieg etwa
die Bevölkerungszahl in den Städten explosionsartig an. Fabriken
schossen wie Pilze aus dem Boden, während Landwirtschaft und Handwerk
dem gegenüber an Bedeutung verloren. Soziale Folgen dessen waren bittere
Armut, schlechte Ernährung und Hunger, Krankheiten, Wohnungsnot und
Obdachlosigkeit, Arbeitslosigkeit, mangelnde (Aus-) Bildung, Kriminalität
und Trunksucht, Kinderarbeit, extreme Arbeitsbedingungen, Ausbeutung und
Entfremdung. Die Menschen wurden aus ihren gewohnten Zusammenhängen
gerissen und als Industrieproletariat zu einer anonymen Massenerscheinung.
Während alle gewohnten sozialen und auch kulturellen Strukturen zusammenbrachen
oder sich auflösten, herrschten auf der kulturellen Ebene weiterhin
ein miefiges (Spieß-) Bürgertum, bürgerliche Moralzwänge,
ein überholter „männliche(r) Ichkult der Gründerzeit" (Fiedler
/ Feierabend, S. 14), in Kunst und Architektur ein rückwärtsgewandter
und beliebiger Historismus und in der Malerei „stets großformatige(n)
Bilder", die „in theatralisch-realistischer Weise antiken oder altdeutschen
Schwulst" (Otto Lorenz, S. 13) darstellten. Diether Schmidt konstatiert
gar eine „heraufziehende allgemeine Kunstfeindlichkeit des Kapitalismus"
(S. 9).
Dieser Situation standen freilich
Gegenbewegungen gegenüber.
1.2. ArbeiterInnenbewegung
„This is the system
which we seek to overthrow and supplant by one in which labour will no
longer be a burden." (William Morris, S. 20)
Auf der politischen und sozialen
Ebene war dies insbesondere die aufkeimende ArbeiterInnenbewegung, also
die Sozialdemokratie (damals noch als revolutionär - sozialistische
Bewegung) und die mit ihr verknüpfte Gewerkschaftsbewegung. Durch
Organisierung, Bildung und Politisierung der ArbeiterInnen versuchten diese,
die brutalen Folgen der Industrialisierung abzufedern und perspektivisch
die kapitalistische Gesellschaftsform zu überwinden und den Sozialismus
zu errichten. Diese Gegenbewegung setzte neue Themen auf die Tagesordnung:
kapitalistische Entfremdung und Ausbeutung, Überwindung der Massenarmut,
Arbeits- und Obdachlosigkeit, die Wohnsituation, die Emanzipation der Frauen,
die Entwicklung sozial-kommunikativer Räume und Strukturen, Bildung
der unteren Klassen, Vernetzung und Organisierung, Solidarität und
Internationalismus.
1.3. Arts & Crafts / Kunstgewerbe-Bewegung
und L'Art Nouveau (Jugendstil)
Auch auf der künstlerischen
Ebene entwickelte sich eine Gegen-Kultur. Wie die ArbeiterInnenbewegung
kritisierte auch die aufkeimende Kunstgewerbe-Bewegung Arts & Crafts
mit ihrer theoretischen Leitfigur John Ruskin und ihrem gestaltenden
Führer William Morris die Entfremdung der Industrie-
und Fabrikgesellschaft und erkannte „den Zusammenhang der Kunstprobleme
der Zeit mit dem Gesellschaftssystem" (Schmidt, S. 11). Doch während
die politischen Programme der SozialistInnen die Hoffnung ihres Kampfes
auf die Aneignung, Vergesellschaftung resp. Verstaatlichung der modernen
Produktionsmittel legten, reagierten die Künstler mit einer grundsätzlichen
Ablehnung dieser entfremdenden Produktion und wollten zurück zum Handwerk.
Damit glichen sie auf eine Art den frühsozialistischen „Maschinenstürmern"
(s.a. Schmidt, S. 10).
Diether Schmidt schreibt und kritisiert dazu recht treffend: „Seit der ersten industriellen Revolution befanden sich weite Teile der künstlerisch schöpferischen Intelligenz in einem permanenten Aufstand gegen die mit ihr heraufziehende allgemeine Kunstfeindlichkeit des Kapitalismus. Sie beantworteten diese Kunstfeindlichkeit auf eine durchaus mechanistisch dualistische Weise mit einem romantischen Antikapitalismus, der sich, an- und abschwellend, wie ein roter Faden durch die Kunstgeschichte des 19. Jahrhunderts zieht. Damit stellte sich die Intelligenz nicht ihrer Zeit, sondern gegen sie, und wandte sich zur Flucht in die historischen Räume einer vermeintlich heilen, widerspruchslosen Kultur auf der Grundlage des Handwerks. Industrie, Werkzeuge und Maschinen erschienen ihr als dämonisch fetischisierte Ursachen aller zeitgenössischen Widersprüche. Das geht zusammen mit dem utopischen Sozialismus vor Marx. Sehnsucht nach einer das Individuum bindenden Gemeinschaft idealisierte die ganz auf dem Handwerk begründete Kultur des Mittelalters" (Schmidt, S. 9, Hervorhebungen von mir).
Die insbesondere in England und
Frankreich weit verbreitete Arts & Crafts - Bewegung erinnerte damit
an Karl Marx' Worte zum Thema historischer Rückgriffe:
„Die Menschen machen ihre eigene
Geschichte, aber sie machen sie nicht aus freien Stücken, nicht unter
selbstgewählten, sondern unter unmittelbar vorgefundenen, gegebenen
und überlieferten Umständen. Die Tradition aller toten Geschlechter
lastet wie ein Alp auf dem Gehirne der Lebenden. Und wenn sie eben damit
beschäftigt scheinen, sich und die Dinge umzuwälzen, noch nicht
Dagewesenes zu schaffen, gerade in solchen Epochen revolutionärer
Krise beschwören sie ängstlich die Geister der Vergangenheit
zu ihrem Dienste herauf, entlehnen ihnen Namen, Schlachtparole, Kostüm,
um in dieser altehrwürdigen Verkleidung und mit dieser erborgten Sprache
die neue Weltgeschichtsszene aufzuführen. (...) So übersetzt
der Anfänger, der eine neue Sprache erlernt hat, sie immer zurück
in seine Muttersprache, aber den Geist der neuen Sprache hat er sich nur
angeeignet, und frei in ihr zu produzieren vermag er nur, sobald er sich
ohne Rückerinnerung in ihr bewegt und die ihm angestammte Sprache
in ihr vergißt" (Marx, S. 226).
Den „antikapitalistischen Romantikern" (Schmidt, S. 9) ging es mit ihrer „l'art pour l'art" freilich nicht um eine Stabilisierung der Herrschaftsverhältnisse. So vertrat William Morris klar und deutlich einen anti-elitären Anspruch: „Ich wünsche keine Kunst für wenige, so wenig wie Erziehung für wenige oder Freiheit für wenige... Was haben wir überhaupt mit Kunst zu schaffen, wenn nicht alle daran teilnehmen können?" (aus: Pevsner, hier nach: Schmidt, S. 11).
Es ging Morris um nichts weniger als die „Gestaltung der gesamten Lebenssphäre des Menschen vom Haus und seiner Fassade bis zur Tapete, zum Möbel und weiter bis zum Geschirr und Besteck" (Schmidt, S. 11).
Schönheit und Sozialismus
sollten eine Einheit sein.
In seinem Aufsatz „A Factory As
It Might Be" schwärmt Morris von der „anderen Fabrik", einer Fabrik
der freien Entfaltung, wie sie in einer sozialistischen Gesellschaft wohl
denkbar wäre. Seine Ablehnung gegenüber Maschinen geht zwar nicht
so weit, wie Schmidt dies behauptet, denn Morris sieht in den Maschinen
durchaus auch ein Mittel, den Menschen lästige Arbeiten abzunehmen,
sofern sie der Bedürfnisbefriedigung und nicht der Ausbeutung dienten:
„Furthermore, machines of the
most ingenious and best-approved kinds will be used when necessary, but
will be used simply to save human labour; nor, indeed, could they be used
for anything else in such well-ordered work as we are thinking about (...)"
(Morris, S. 11).
Zentral bleibt aber ein Ästhetizismus,
der die Fabriken zu Zentren einer „befreiten Arbeit" machen will:
„In a duly ordered society, in
which people would work for a livelihood, and not for the profit of another,
a factory might not only be pleasant as to it s surroundings, and beautiful
in it s architecture, but even the rough and necessary work done in it
might be so arranged as to be neither burdensome in itself nor of long
duration for each worker; but furthermore, the organisation of such a factory,
that is to say of a group of people working in harmonious co-operation
towards a useful end, would of itself afford opportunities for increasing
the pleasure of life" (Morris, S. 14).
Da Morris einen (sozialistischen) Arbeitsbegriff der freien Entfaltung zu Grunde legt, hat seine Fabrik mit den aus dem Kapitalismus bekannten wenig gemein: von außen umgeben von Parks und Gärten, von wunderschöner Architektur, innen geschmückt und ornamentiert, eine Produktion ohne Umweltverschmutzung, die lästige Arbeit auf Maschinen und alle Gesellschaftsmitglieder gleichmäßig verteilt, gleichzeitig Orte der Bildung, Erziehung, der freien künstlerischen und handwerklichen Entfaltung, der Kooperation, der Kommunikation, des Erfahrungsaustausches usw. Alles dient der Bedürfnisbefriedigung, befreit von Profitstreben und Ausbeutung würde die Arbeit zu einer Tätigkeit der Verbesserung des eigenen Lebens, der Freude und Freiwilligkeit. Der geschmacklose Schund der Industriegesellschaft würde ersetzt durch liebevoll gestaltete Produkte, die das Leben der Menschen verbessern und lebenswert machen.
Ich halte Morris' utopische Beschreibung der sozialistischen Fabrik für eine gelungene; sein Traum ist durchaus auch meiner. Doch Morris' Ansatz krankt nicht an der Utopie, meiner Meinung nach nicht einmal an ihrer möglichen Umsetzbarkeit, sondern schlicht und einfach am Ausbleiben der sozialistischen Revolution. Innerhalb des Kapitalismus mußten solche Utopien aber Träume bleiben. Wir werden später sehen, daß die Ideen des Bauhauses in einigen Punkten viel näher an Morris sind, als oftmals behauptet. Der Kooperationsgedanke, die Idee, die Maschinen für die Menschen nutzbar zu machen, der Wunsch, auch Alltags-Produkte künstlerisch zu veredeln, die Frage nach dem Verhältnis zur Natur, die Verbindung von Arbeit, Kunst und Bildung - all diese Momente spielen auch am Bauhaus eine große Rolle. Vielleicht hat das Scheitern des symphatischen Sozialisten und Unternehmers (sic!) William Morris und das noch zu untersuchende Scheitern des Bauhauses am Ende die gleiche Grundursache: das Scheitern einer anti-kapitalistischen Revolte.
In meinem kleinen, liebevoll nach Arts & Crafts - Art gestalteten Bändchen des Mushroom Bookshop aus Nottingham wird Morris' Aufsatz durch eine wohlwollende Nachbetrachtung von Colin Ward aus den 1990ern ergänzt, die trotzdem wohl nicht zufällig den Titel trägt: „The Factory We Never Had". Den hehren Anspruch einer genossenschaftlichen Handwerksproduktion, die der gesamten Gesellschaft zu Gute kommt, konnte Morris in der kapitalistischen Industriegesellschaft nicht sozial umsetzen. Denn „die handwerklich solide produzierten, künstlerisch (wenn auch noch dem Historismus verbundenen) gestalteten Gebrauchsgüter seiner 1861 gegründeten Firma Morris, Marshall & Faulkner, Kunsthandwerker für Malerei, Schnitzerei, Möbel und Metallarbeiten, mußten notwendig teurer sein als die, wenn auch schlechteren, Industrieprodukte und den Massen, für die sie eigentlich gedacht waren, unerschwinglich bleiben. Dieser Widerspruch erwies sich als unlösbar für die ganze kunstgewerbliche Bewegung, die sich auf Morris gründete. Unbestritten aber bleibt es sein Verdienst, der erste Künstler gewesen zu sein, der alltägliche Gebrauchsgüter zu gestalten und herzustellen versuchte und dies als würdige und der Gesellschaft nützliche Tätigkeit des Künstlers erkannte" (Schmidt, S. 11, Hervorhebungen von mir).
Letztlich setzte sich die Kunstgewerbe - Bewegung durch ihre gutgemeinte Verweigerung der Industrialisierung gegenüber ins Abseits, in einen „Elfenbeinturm einer zweckfreien, reinen ‚schönen Kunst'" (Schmidt, S. 9). Sie war vom allgemeinen gesellschaftlichen Leben und dem Produktionsprozeß isoliert und damit politisch neutralisiert; die reale Entwicklung zog an ihr vorbei:
„Bis an die Schwelle der industriellen
Revolution war der Künstler ein Handwerker in einer handwerklich produzierenden
Gesellschaft (...). Die industrielle Revolution riß den Künstler
aus diesen Bindungen. Kunst und Produktion gerieten in einen idealistisch
gespannten Gegensatz. Die Industrie glaubte, der tätigen Mitwirkung
des Künstlers bei der Gestaltung der Produkte der Maschinenarbeit
entraten zu können. Der Künstler dünkte sich erhaben über
derlei werkmäßige Aufgaben und vergrub sich in den Idealismus
(...)" (Schmidt, S. 9 - 10).
So konnte auch Morris' Ansatz
zunächst nichts daran ändern, daß „Geschmacklosigkeit"
und „billiger Schund" Kennzeichen industriell-gefertigter Produkte im 19.
Jahrhundert (Schmidt, S. 10) blieben.
Arts & Crafts: Schönheit und Sozialismus Jugendstil: Schönheit und Industrialisierung
(William Morris:
„News from nowhere") (Alfons Maria Mucha: Farblithographie für das
Zigarettenpapier „Job", 1898)
Mit der aus England kommenden Arts & Crafts-Bewegung verwandt ist der sogenannte Jugendstil (in England „Modern Style", in Frankreich „Style Moderne", in Holland „Nieuwe Kunst" genannt, „bevor sich außerhalb Deutschlands überall der Begriff „L'Art Nouveau" durchsetzte" (Otto Lorenz, S.9). „Das charakteristische Element des Jugendstils ist die Betonung des Ornamentalen, der starken Stilisierung bei rhythmischer Übersteigerung der Formen, sowie die Dominanz der Linie. Vielfach wurde in diesem Zusammenhang auf die deutliche Verwandtschaft zur Gotik verwiesen." (S.9). Entscheidend war das Dekorative, eine „Darstellung realistischer Arbeiter etwa, die darzustellenden Künstlern des Expressionismus eine selbstverständliche Aufgabe war, kennt der Jugendstil nicht" (S. 10).
Trotz der im Kern völlig unpolitischen Ästhetik der „Art Nouveau" kennzeichnen auch einige moderne Elemente diese Strömung. Die Rolle der Künstler etwa hatte sich entscheidend verändert, denn die „Demokratisierung des Kunstbetriebes machte den Künstler zu einem Wirtschaftsfaktor. Traditionelle Bindungen der Künstler an einen Mäzen aus der Schicht der Herrschenden verloren sich zusehends (...). Die Bindung an die Kirche als Auftraggeber war schon früher abgebrochen. Die Kunst mußte sich einen Markt suchen" (S. 12). Dies hatte zur Folge, daß die Herstellung von Öffentlichkeit über Ausstellungen, Zeitschriften, Plakate und auch Werbung immer zentraler wurde. Künstler scheuten sich nicht mehr, Plakate für industrielle Produkte wie Zigaretten oder Fahrräder, aber auch für Theateraufführungen, Automobilausstellungen oder Tanzveranstaltungen zu entwerfen, welche dann u.a. an den eben erfundenen Litfaßsäulen öffentlich für alle zugänglich und sichtbar waren. Auch Kalender und insbesondere die graphische Gestaltung von Zeitschriften und Büchern zeugen von einer gewissen Partnerschaft zwischen neuen Produktionsmöglichkeiten und Kunst.
Nicht nur Malerei, Grafik und Plastik kennzeichnen den Jugendstil, auch in der Architektur und im Bereich der Innenausstattung kam der neue Stil zum tragen.
Am berühmtesten sind vielleicht „die neuen Aufgänge zu den Métrostationen (...) beim Bau der ersten Untergrundbahn im Jahre 1900 in Paris" geworden, die der Architekt Hector Guimard im Style Moderne entworfen hatte. „So wurde ein Millionenpublikum, nämlich eine komplette Weltstadtbevölkerung, auf ihren täglichen Wegen an Jugendstilobjekten vorbeigeführt" (S. 20).
Die Idee eines Zusammenspiels verschiedener Künste zu einer „völlige(n) Durchdringung des öffentlichen und privaten Lebensbereiches" (S. 20) und die verloren gegangenen Berührungsängste zwischen Künstlern und Industrie wiesen in die Moderne. So verwundert es nicht weiter, das Namen wie Peter Behrens und Henry van de Velde, die im Zusammenhang der architektonischen Moderne von Interesse sind, ihr Schaffen im Jugendstil begonnen haben.
Doch für „eine umfassende
Lebensreform auf allen Ebenen reichten die Kräfte nicht. Das, was
die geistige Führungsspitze in Literatur, Kunst und Handwerk schuf,
waren letztlich nur Dinge, die aufgrund ihrer unbedingten Qualität
einzig für eine elitäre Minderheit hergestellt werden konnten.
Bücher einer Insel, Gläser von Gallé, Einrichtungen
von Peter Behrens konnte sich nur ein kleiner Kreis Reicher leisten.
Die industrielle Massenproduktion jedoch griff gierig nach Jugendstilornamenten,
die für kurze Zeit in einer qualitätslos gewordenen Industriewelt
den Anschein von gestalteter Gediegenheit vorgaukelte. Die Zierseuche
nahm ihren Anfang. Der Jugendstil überschwemmte innerhalb weniger
Jahrzehnte das Leben der Menschen derart, daß sich die Aufnahmebereitschaft
erschöpfte (...)". Der „Stilwillen" war durch die „Surrogate aus der
anonymen Industriefertigung" ad absurdum geführt worden, so daß
ein Kritiker schließlich schrieb: „Man kann nicht mehr auf der Straße
gehen, ohne sich den Kopf am Schnörkel eines Jugendstilkandelabers
zu stoßen" (Lorenz, S. 10).
Damit war auch der Jugendstil
an seine Grenzen gestoßen. Denn nicht nur Ornamente um des Dekorativen
willen waren ja das Ziel gewesen:
„Das Besondere der Epoche und
ihres Stils liegt in der geistigen Haltung, im Lebensgefühl, das in
allen Medien Gestalt annimmt: in der Musik von Richard Strauss ebenso wie
in den Gedichten Rainer Maria Rilkes, den Malereien Segantinis, den Zeichnungen
Beardsleys, den Plakaten Toulouse-Lautrecs, den Glasvasen Gallés,
den Metroeingängen Gallimards, den Stühlen van de Veldes und
den Tapeten Leistikows. Jedes dieser Kunstmedien ist dem Stil gleichermaßen
zugänglich, drückt gleichermaßen ein Gemeinsames aus: den
Wunsch, ein Gegengewicht zu schaffen gegen die seelenlose Mechanisierung
und Industrialisierung, die seit der Mitte des 19. Jahrhunderts die ganze
Welt zu erobern begonnen haben.. Man wollte diese Entwicklung nicht aufhalten,
man wollte im Gegenteil ihre Möglichkeiten nutzen; aber man wollte
zugleich auch verhindern, daß über den Bedingungen der industriellen
Fertigung, dem Zwang zur Rationalisierung, und damit auch zur Sozialisierung
der Produkte, der Endabnehmer, für den alle diese Dinge hergestellt
wurden, vergessen werde: der Mensch". (Hans H. Hofstätter, in: Otto
Lorenz, S. 7).
1.4. Der Deutsche Werkbund
Gegen Ende des 19. Jahrhunderts setzte sich die Erkenntnis durch, daß mit der „Flucht nach rückwärts" (Schmidt, S. 9) und dem „intellektuellen Maschinenstürmertum" (Schmidt, S. 12) der Kunstgewerbe - Bewegung die industrielle Entwicklung nicht mehr aufzuhalten war.
„Ein langer widerspruchsvoller Prozeß führte zu der Erkenntnis, daß man den Kapitalismus nicht einfach leugnen oder rückgängig machen kann, indem man die Maschinen zerstört, sondern daß man Widersprüche in den Produktionsverhältnissen überwinden muß (...)" (Schmidt, S. 10).
So verbreitet sich ein Drang,
die Maschinen „zu meistern". „Schriftsteller und Dichter wie Walt Whitman,
Emile Zola und Oscar Wilde waren begeistert von den modernen Wunderwerken
der Maschinen. Ihr Enthusiasmus inspirierte eine jüngere Künstlergeneration
des Kontinents und Amerikas, unter denen die Österreicher Adolf
Loos und Otto Wagner, der Belgier Henry van de Velde
und die Amerikaner Louis Sullivan und Frank Lloyd Wright
Entscheidendes leisteten" (Schmidt, S. 12, Hervorhebungen von mir). Nicht
gegen die Maschine, vielmehr „mit der Maschine - durch industrielle Formgestaltung"
(Schmidt, S. 11) sollte nun gearbeitet werden. Schon 1894 schrieb Henry
van de Velde: „Durch das mächtige Spiel ihrer Eisenarme werden sie
(die Maschinen) Schönes erzeugen, sobald die Schönheit sie leitet"
(Schmidt, S. 12). „Die Ingenieure stehen am Beginn des neuen Stils" (van
de Velde, 1900), dessen Charakteristika „größte Einfachheit
und ein energisches Vortreten von Konstruktion und Material" (Otto Wagner
in seiner Antrittsvorlesung an der Wiener Akademie, 1894) werden sollten.
„Die Schönheit nur in der Form zu suchen und nicht vom Ornament abhängig
zu machen, ist das Ziel, dem die ganze Menschheit zustrebt" schrieb Adolf
Loos zwei Jahre später nach seiner Rückkehr aus den USA und überschrieb
einen Artikel gar mit den Worten „Ornament und Verbrechen" (nach Schmidt,
S. 12).
Im Jahre 1907 gründete Hermann Muthesius mit Alfred Lichtwark, einem Hamburger Kunsterzieher, und dem liberalen Volkswirtschaftler Friedrich Naumann den Deutschen Werkbund, „der Künstler, Kunstverständige und Unternehmer zu einer geschlossenen Gesellschaft vereinigte" (Schmidt, S. 13). Dabei waren sie sich „über die soziale, wirtschaftliche und kulturelle Zielrichtung ihrer Ideen und Arbeiten" (Schmidt, S. 12) weitgehend einig.
Friedrich Naumann formulierte es folgendermaßen: „Was will oder sucht die Masse, die dem Sozialismus folgt? ... einesteils ideale Güter ... wie Bildung, Erziehung, politischen Einfluß und gesellschaftliche Achtung, und andernteils materielle Güter, wie bessere Wohnungen, Luft und Licht, gesunde, wirklich stärkende Ernährung, eine anmutende Einrichtung des Lebens. Beides aber setzt voraus, daß wir uns den Qualitätsgewerben immer mehr zuwenden; denn nur in ihnen gewinnt die einzelne Arbeitskraft denjenigen persönlichen Wert, der sie auch bürgerlich ‚frei' macht, und nur durch sie erlangen wir diejenige Kaufkraft, die uns erlaubt, unsere Volksmasse gut zu versorgen ... Gewöhnliche, ungeschulte Arbeit aber hat auf dem Weltmarkt keinen Wert; denn gewöhnliche Arbeit gibt es überall. Was bezahlt wird, ist gestaltende, formgebende, mit Geist und Charakter gesättigte Arbeit. Sie allein schafft volkswirtschaftliche Werte. An ihr hängt unsere nationale Zukunft ... können die Deutschen nicht die Wohnungsausstattung des Erdkreises beeinflussen? ... Sicher nicht, solange wir nur Nachahmer der Antike oder der Franzosen und Engländer sind. Zur kunstgewerblichen Markteroberung gehört originale Leistung, deutscher Stil, der sich in der übrigen Welt durchsetzt ... In diesem Sinne war die Dresdner Gewerbeausstellung von 1906 ein historisches Ereignis" (Ausstellungsbriefe, Berlin 1908, S. 210 ff., hier nach Schmidt, S. 13).
Dieses Zitat macht deutlich, welches Interesse die Industrie an diesem Projekt haben konnte.
Fortschrittlich ist die Anerkennung sozialer und materieller Bedürfnisse der unteren Schichten.
Politisch völlig reaktionär hingegen der nationalistische Ton, den das Zitat durchtränkt. Der „gewöhnliche(n) Arbeit" wird die „deutsche" Arbeit entgegengesetzt, die „nationale Zukunft" liegt darin, die „Wohnungsausstattung" nichts weniger als „des Erdkreises (zu) beeinflussen". Am deutschen Wesen soll die Welt genesen? Ein „deutscher Stil" kann freilich nicht gefunden werden, wenn „die Deutschen" weiter den Franzosen und Engländern hinterherrennen. Hier offenbart sich ein ganz und gar unsozialistischer, vielmehr nationalistischer Charakter des Werkbundes mit deutlich aggressivem, imperialistisch - kolonialistischen Unterton.
In diesem Zusammenhang erscheint
das soziale Element in der Werkbund - Idee dann auch eher -ähnlich
wie Bismarcks Sozialgesetze Ende des 19. Jahrhunderts - wie ein kluger
Schachzug von Seiten vorausschauender Industrieller, die zur Revolution
strebenden Massen durch soziale Reformen an den Kapitalismus zu binden
(Da überrascht es dann auch nicht, wenn im Jahre 1998 eine kleine rechtsextreme Zeitschrift, das sich selbst als „konservative Avantgarde" bezeichnende Dresdner Dark Wave - Magazin „Sigill", in einem Artikel über ein rechtsextremes Musikprojekt namens „Werkbund" schwadronieren kann:
„1888 - (...) das Jahr, in dem die englische Regierung versuchte, durch die zwangsweise Verhängung der Aufschrift ‚Made in Germany' auf deutsche Exportwaren deren Ruf abzuwerten. Das sie sich damit ein kapitales Eigentor schoß und die Aufschrift ‚Made in Germany' zum Gütesiegel ersten Ranges avancierte, war damals nicht abzusehen, die Forderung der Briten mobilisierte jedoch kreative Kräfte in Deutschland, die geringwertiger Massenware industriell gefertigte Handwerkskunst gegenüberstellen wollten, um so die deutschen Exportzahlen zu steigern und mit den erwirtschafteten Gewinnen auch den alten Forderungen der (ausgerechnet) britischen Lebensreformer John Ruskin und William Morris näherzukommen, nämlich eine Verbesserung der ästhetischen Qualität in allen Lebensbereichen als Schlüssel zu (sic!) Läuterung der menschlichen Natur. Diese Bemühungen führten zur Gründung des Deutschen Werkbundes im Jahre 1907 durch 12 Künstler und 12 Kunsthandwerksfirmen (ein Schelm, wer hier wieder an Zahlenmystik denkt) mit dem Ziel, das deutsche Kunstgewerbe zu fördern und die Gefahr der Entfremdung des erfindenden vom ausführenden Geist in der industriellen Massenproduktion zu bannen, indem zwischen dem Künstler, der die Form eines Produktes entwirft und dem Arbeiter, der diese Vorgabe in ein materielles Produkt umsetzt, der Handwerksmeister, der beide Vorgänge in sich vereint, seinen ihm zustehenden Platz wieder einnimmt". Bezogen auf die Musik von „Werkbund" heißt es dann: „Die Geräuschmusik von WERKBUND ist nicht schön und nicht häßlich. Aber sie ist dynamisch wie der Krieg" (Sigill Nr. 17, Herbst 1998).
Natürlich entlarvt sich das interessierte Geschwätz der „neu"rechten Zeitschrift von selbst und es verwundert auch nicht, daß in der schrägen Darstellung des Deutschen Werkbundes kein Wort über die Bezüge zu den sozialistischen Bewegungen jener Zeit, geschweige denn über das Bauhaus verloren wird. Hier offenbart sich lediglich der funktionalistische Umgang der Zeitschrift mit (deutscher) Geschichte (siehe dazu den „Sigill"-Artikel in: Grufties gegen Rechts / Music for a new society: „Die Geister, die ich rief..." (Ausgabe 2, Juni 2000), S. 18-21). Dennoch ist der nationalistische Ansatz des Dt. Werkbundes natürlich ein gefundenes Fressen für die „neu"rechte Propaganda des Sigill).
1908 wurde dann die von Henry van de Velde geleitete Kunstgewerbeschule in Weimar offiziell eröffnet. Bereits 1902 war er „als künstlerischer Beirat für Industrie und Gewerbe nach Weimar berufen worden" (Schmidt, S. 13). Die Dresdner Gewerbeausstellung von 1906 legte Rechenschaft ab über die ersten Jahre seiner Tätigkeit dort. Während Peter Behrens Kontakte zur AEG aufnahm, bezog sich van de Velde auf die 1889 von Karl Schmidt gegründeten Deutschen Werkstätten, um seine Kunst „in den Dienst der Industrieformgestaltung zu stellen". 1906 versprach ein Katalog der Werkstätten die „Entwicklung eines Möbelstils aus dem Geist der Maschine" (nach Schmidt, S. 13), 1910 stellten diese ihre ersten Typenmöbel aus. „Kunst und Industrie" wurde zum Schlüsselwort.
Dem Vorbild des Deutschen Werkbundes folgen bald andere Nationen: „1910 wurde der Österreichische, 1913 der Schweizer Werkbund gegründet, durch Reformen 1910 und 1917 paßte sich Schwedens Slöjdsförening dem deutschen Vorbild an, 1915 folgte England mit der Design and Industries Association" (Schmidt, S. 14).
„Das Feld der kühnsten Neuerungen auf dem Gebiet der Architektur wurde der Industriebau, wie ihn Behrens und Poelzig, schließlich mit jugendlichem Elan Walter Gropius anpackten. Hier nahm sich der Architekt einer Aufgabe an, die das 19. Jahrhundert hochmütig dem Ingenieur überlassen hatte. Der Industriebau wurde zur Hohen Schule der Zweckform, der Materialgerechtigkeit, der tektonischen und konstruktiven Klarheit und Ehrlichkeit, der Übereinstimmung von außen und innen ohne lügenhafte Fassadenvorblendung, des Gefühls für die Eigenheiten der modernen Baumaterialien Eisen, Glas und Beton und der veränderten tektonischen und räumlichen Maßstäbe und Möglichkeiten, die sich aus ihnen ableiteten. Amerikas Wolkenkratzer mit ihren inneren Tragkonstruktionen, wie sie besonders durch Sullivan und den jungen Wright ausgebildet worden waren, grüßten als anfeuerndes Beispiel herüber" (Schmidt, S. 14).
Walter Gropius, der spätere Bauhaus-Direktor, machte bereits in diesen Jahren vor dem Ersten Weltkrieg mit modernen, mit Adolf Meyer im gemeinsamen Berliner Architekturbüro (ab 1910) entwickelten Projekten wie der Fagus-Schuhleistenfabrik in Alfeld an der Leine (1911-16) und der Modellfabrik und dem Bürobau auf der Werkbundausstellung 1914 in Köln auf sich aufmerksam.
„Reform war die tragende Losung
der Zeit, Schulreform wie in Gustav Wynekens „Freier Schulgemeinde" oder
in Ellen Keys Forderung nach dem Zeitalter des Kindes, Jugendbewegung vom
Wandervogel bis zur Sozialistischen Arbeiterjugend; ein neues Verhältnis
zur Natur und zum Menschen und seinem Körper entstand wie etwa in
der Hellerauer Schule für Rhythmus, Musik und Körperbildung,
die Heinrich Tessenow für Émile Jacques-Dalcroze errichtete,
und ein starkes Verlangen nach gemeinschaftlicher Bindung schlug sich nieder
in Künstlergemeinschaften gleich der ‚Brücke' oder dem ‚Blauen
Reiter', nach Gemeinschaftsarbeit wie in Hoffmanns Wiener Werkstätten"
(Schmidt, S. 15).
1.5. Der Erste Weltkrieg
Der erste Weltkrieg machte dann zunächst alle Hoffnungen auf einen Aufbruch in ein neues Zeitalter zunichte. Spätestens jetzt - Marx, Morris und viele andere hatten das bereits Jahrzehnte zuvor erkannt - wurde klar, daß die modernen Produktionsmittel im Kapitalismus nicht den Menschen dienten, sondern lediglich Mittel zur Akkumulation von Kapital, zur Ausbeutung und für einen erbarmungslosen Konkurrenzkampf, eingeschlossen eines wahnwitzigen Rüstungswettlaufes, waren. Nicht „ein besseres Leben" war mit ihnen gewonnen worden, sondern eine bisher nicht dagewesene Zerstörungskraft. Die Zuspitzung von Nationalismus, Kolonialismus und Imperialismus und die technologische Aufrüstung an Kriegswaffen führten zu einer Katastrophe mit rund 10 Millionen Toten.
Diese Katastrophe wurde gleichzeitig zum prägenden Erlebnis des Walter Gropius.
„Gropius im Weltkrieg, ein Architekt, seit 1914 im Felde, Husarenoffizier, derzeit in eine Liebesgeschichte mit Alma Mahler verwickelt, sah nach seinen eigenen Worten (...) ‚die Welt im Haß ersticken', sah sie ‚stürzen', sah sich selber in einer schweren inneren Krise, das Gemüt ‚wie in Narkose'" (Wünsche, S. 10, Gropius-Zitate nach Marcel Franciscono: Walter Gropius, The creation of Bauhaus in Weimar, S. 253). Im Sommer 1918 mußte Gropius diese Bewußtlosigkeit im Wortsinne erleiden, als „er nämlich verschüttet wie tot gelegen hatte in seinem Gefechtsstand an der Westfront" (Wünsche, S. 10). „Als Geschlagener kehrte er aus dem Felde zurück, körperlich und seelisch ausgezehrt. Zerstört war die hergebrachte Ordnung, waren die Traditionen, in denen er aufgewachsen war..." (Reginald R. Isaacs: Walter Gropius, Bd. 1, nach: Wünsche, S. 10).
„Ich möchte rasen, in Ketten geschlagen durch diesen wahnsinnigen, allen Lebenssinn tötenden Krieg... Der Krieg wird uns noch alle zu Grunde richten. Die Dauer zerstört die Nerven sensibler Menschen. Die Stimmung der Front wird Gott sei Dank gefährlich, so werden vielleicht diese elenden Noten-Schreiber doch noch vor unser aller Ende Bankrott machen. Jeder sollte das seinige dafür tun" schrieb Gropius im August 1916 an seine Mutter (Wünsche, S. 10).
Auch Henry van de Velde hatte unter dem Krieg zu leiden:
„Die chauvinistische Hochflut bei Kriegsausbruch zwang den Belgier van de Velde, seine Stellung in Weimar zu kündigen und Deutschland zu verlassen. Als seinen Nachfolger zum Leiter der Weimarer Kunsthochschule und Kunstgewerbeschule schlug er neben Endell und Obrist den jungen Walter Gropius vor. Verhandlungen und Amtsantritt verzögerten sich durch den Krieg. An seinem Vorabend aber war die Idee zu einer neuen Baukunst vorhanden, und manche Werke standen bereits und legten Zeugnis ab von der Realität und Realisierungsfähigkeit der kühnen Neuerungen" (Schmidt, S. 15-16).
Doch trotz der modernen Werke, die vor dem Krieg entstanden waren, war nach dem Krieg nichts mehr wie zuvor.
Ja, Gropius war auch schon vor dem Weltkrieg „ein erfolgreicher, durchaus profilierter Architekt gewesen" (S. 10), der neuartige Industriebauten und Siedlungshäuser entworfen hatte. Im Rückblick aber war ihm bewußt, daß es erst „ein Resultat des Weltkriegs" war, was er dann mit dem Bauhaus beginnen sollte. Als Henry van de Velde ihn zu seinem Nachfolger vorschlug, war Gropius' Ansatz noch längst nicht von der späteren Radikalität geprägt. Die Pläne, die er 1916 an das zuständige Staatsministerium geschickt hatte, sahen lediglich die „Gründung einer Lehranstalt als künstlerische Beratungsstelle für Industrie, Gewerbe und Handwerk" (Gropius, nach: Wünsche, S. 11) vor. „Das sprach die Behörden an: bewährte Handwerkerforderungen für die praktische Tätigkeit der Studierenden, verbunden mit den gemäßigt modernen Werkbund-Vorstelllungen von einer Gemeinschaft von Künstlern und Technikern zur Hebung des Formniveaus der Industrieprodukte" (Wünsche, S. 11). Doch im Verlauf des Weltkrieges wurde Gropius bewußt, daß es um einen viel radikaleren Neuanfang gehen mußte.
„Nach jener brutalen Unterbrechung (dem Krieg) verspürte jeder denkende Mensch die Notwendigkeit eines intellektuellen Frontenwechsels"
(Walter Gropius: „Meine Konzeption des Bauhaus-Gedankens", in: „50 Jahre Bauhaus", Stuttgart 1968, S. 14, nach: Wünsche, S. 12).
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Inhalt
Teil 2:
2. Anspruch der Moderne am
Beispiel BAUHAUS
2.1. Nur 14 Jahre lang: eine
Bauhaus - Geschichte
2.2. Die Bauhaus - Idee
2.3. Bauhaus-Architektur
2.4. Linke Kritik am Bauhaus
3. Moderner Siedlungsbau der
20er Jahre (Fotos)
Bruno Taut:
Onkel Toms Hütte
(Exkursion,
Berlin-Zehlendorf, Oktober 2000)
PARKPLATZ
15qm Deutschland
III. Ist die Moderne gescheitert?
1. Kriterien für eine
Beurteilung emanzipatorischer Architektur
2. Stärken und Schwächen
des Bauhauses und der architektonischen Moderne
3. Ist die Moderne gescheitert?
(Epilog)
AUSFAHRT
Strategien gegen Architektur
Verwendete Literatur