Böttcherstraße: Der Weg nach Atlantis führt zu den Barbaren

von DJ Kersten




Am Eingangstor der „‘heimlichen Hauptstraße‘ Bremens“[1] sehen wir das schmucke „vergoldete Relief ‚Der Lichtbringer‘“[2],welches TouristInnen aus aller Welt begeistert. Beim von den entzückenden Klängen des Glockenspiels begleiteten Flanieren durch die mit expressionistischen, Jugendstil- und Art Deco-Elementen aufgepeppte und doch traditionelle Backsteinarchitektur der von Bernhard Hoetger gestalteten Passage stoßen wir auf ein Haus Atlantis. Atlantis in Bremen? Das macht neugierig. Doch weder eine Ausstellung noch Schriftafeln erhellen unsere Frage, von den Führungen und Werbeschriften ganz zu schweigen. Man muß schon detektivisches Gespür aufweisen, um herauszufinden, was es mit der hübschen Straße auf sich hat. Auf Betreiben des Bremer Kaffeebarons Ludwig Roselius und massiv von den Ideen des Gründers des SS-Ahnenerbes Hermann Wirth beeinflußt, schuf der Expressionist Hoetger hier zwischen 1923 und 1931 eine von völkischen Ideen inspirierte Baukunst. Dies gilt, auch wenn sich Teile der Nazis ab 1934 gegen die „Böttcherstrassen-Kultur“ (Hitler)[3] aussprachen und die Straße später als „Entartete Kunst“ galt. So hat etwa der erst 1936 angebrachte Lichtbringer weniger mit Erzengeln und Drachentötern zu tun, sondern vielmehr damit, dass „der nordische Künstler“[4] Hoetger damit keinem anderen als Adolf Hitler ein Denkmal setzen und zeigen wollte, „wie sehr ich unseren Führer und seine Taten verehre“[5]. Das Haus Atlantis ist Teil der völkisch-esoterischen Suche der 20er Jahre nach dem versunkenen Reich – die Germanenmystiker verorteten Atlantis übrigens in der Nordsee, Himmler z. B. unter, na klar, Helgoland. Bei so viel in Backstein geformtem Germanenkult kann es einem nur schlecht werden. Ich habe die Touristenbroschüre und ihren Aufruf „Machen Sie sich ein Bild von der Stadt und ihrer Architektur“[6] wohl wieder zu Ernst genommen. Gerade in der ehemaligen Handwerkergasse ist dies wohl kaum erwünscht.

DJ Kersten
 

Lesetip für Detektive:

Arn Strohmeyer: Der gebaute Mythos. Das Haus Atlantis in der Bremer Böttcherstraße. Ein deutsches Mißverständnis, Donat-Verlag, Bremen 1993
 

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[1] Broschüre „Alles auf einen Blick. Bremen 2004“ der BTZ, S. 12
[2] ebd.
[3] Hitler 1935, nach: Strohmeyer, a. a. O., S. 74
[4] Ludwig Roselius, nach: Arn Strohmeyer: Der gebaute Mythos. Das Haus Atlantis in der Bremer Böttcherstraße. Ein deutsches Mißverständnis, Donat-Verlag, Bremen 1993, S. 27
[5] „Das Moor und die Moderne“, in: taz Bremen 31. 12. / 1. 1. 01 / 02, S. 27
[6] Bremen Städtereisen 2004, S. 35