Sprachmagie in der Dark Wave - Szene
Über Beschwörungen in der „Schwarzen Musik"
von
Kersten
ursprünglich
eine Hausarbeit zu einem Germanistik-Seminar von Monika Unzeitig über
"Sprachmagie"
(Sprach- u. Literaturwissenschaft,
Magister, Uni Bremen WS 00 / 01)
- Meiner Geliebten Inka,
Abousoufiane und Markus gewidmet -
I. Die Gothic- und Dark Wave-Szene als Subkultur
1. Musik und Lebensstil
1.1. Vom Punk zum Gothic
1.2. Dark Wave und Mittelalter-Bezüge
1.3. Electro und EBM: Schwarze elektronische Tanzmusik
1.4. Industrial Music: Die Spielart mit der längsten Tradition
1.5. Neo- und Apokalyptic-Folk: Brauntöne in der schwarzen Szene?
1.6. Noch mehr Verwirrung um Namen und Begriffe...
2. Die Themen der Szene
3. Zur Verbreitung der
Szene
II. Zur Sprachmagie in der schwarzen Szene
1. Qntal - Vos Attestor (1995)
2. Death In June - Runes And Men (1987)
3. Helga Pogatschar - Mars Requiem (1995)
3.1. Das Projekt „Mars Requiem"
3.2. Die Musik
3.3. Die Samples, die Texte und die Thematik
4. Schlußwort
- Danksagung -
III. Literatur & Materialien
Gothic-Magic:
Sprachmagie in der Dark Wave - Szene
Über Beschwörungen in der „Schwarzen Musik"(1)
Warum gerade eine Arbeit über Sprachmagie in der Dark Wave-Szene?
Die moderne Popmusik kennt die Verwendung sprachmagischer Phänomene schon lange. Im Hardrock, im Black Metal und in weiteren Genres finden wir bei genauem Suchen Beispiele für Sprachmagie.
Zum einen kenne ich mich jedoch in der
Dark Wave-Szene am besten aus, weil ich selbst ein Teil von ihr bin, zum
anderen gibt es - mit Ausnahme des Black- oder Death-Metals vielleicht
- keinen anderen Bereich der populären Musik, in dem die Beschäftigung
mit Abseitigem, Spirituellem, Magischem oder Mystischem eine so große
Rolle spielt. Bevor ich drei auch für die Wave-Szene eher ungewöhnliche
Beispiele für Sprachmagie näher beleuchte, will ich die „schwarze
Szene" in ihrer Geschichte und Gegenwart präsentieren, damit sich
auch Außenstehende ein Bild dieser Subkultur machen können.
I. Die Gothic- und Dark Wave-Szene als Subkultur
Zunächst zur Entstehungsgeschichte
der in Deutschland häufig auch als „Grufties"(2)
bezeichneten Anhänger der sogenannten Gothic-, Dark Wave-
oder
schwarzen
Szene.
1. Musik und Lebensstil
1.1. Vom Punk zum Gothic
Ende der 70er Jahre gründeten sich im Zuge der Punk-Rebellion(3) 1976 ff. die ersten Bands, denen posthum ein Gründerstatus des sogenannten Gothic oder Gothic Rock zugesprochen werden sollte: Siouxsie & The Banshees (Siouxsie und die heulenden Todesgespenster, ab 1976), Adam & The Ants (ab 1977), Joy Division (ab 1977), bald auch The Cure (ab 1978, als The Easy Cure ab 1977) und Bauhaus (Gründungsjahr 1979), alle aus Großbritannien, gelten mit ihrer im Vergleich zum klassischen Punk verspielteren, aber auch düstereren oder schwermütigeren Musik als die Ikonen der ersten Stunde. So wurde etwa Siouxsie Sioux - Sängerin der Banshees - schon 1977 auf dem Titelbild der legendären englischen Musik-Zeitschrift „Sounds" als unterkühlte „Ice Queen" (Eiskönigin) präsentiert (a. a. O.).
Die 1980 gegründete Band Sisters Of Mercy aus Leeds (UK), die wie einst die US-amerikanische Underground-Band The Velvet Underground (1965-1972) mit schwarzen Sonnenbrillen auftritt, besticht dann durch ihre extrem tanzbaren Songs, wobei hier der Punk-Einfluß zugunsten düsterer Gesangslinien, gepaart mit einem druckvollen Bass und einem charakteristischen, treibenden Drum-Computer (!), zurückgedrängt wird.
Neben den Sisters mit ihrer schwarzen
Kluft können vor allem Siouxsie Sioux von den Banshees und
Robert
Smith von The Cure mit ihren kajalumrandeten Augen und geschminkten
Gesichtern, ihrem androgynen Styling und den kunstvollen Frisuren als stilprägende
Pioniere des heutigen „Gruftie-Stylings" angesehen werden. Die „schwarze"
Musik der weißen Kinder der (britischen) Industriegesellschaft bekommt
Konturen, die Szene bekommt ein „Gesicht".
Themen und Musik waren häufig düster. Zukunftsangst beherrschte damals auch die Jugendlichen. Im Gegensatz zum Punk wandte sich die aufgestaute Angst und Perspektivlosigkeit, Wut und Aggression allerdings weniger nach außen als nach innen. Die Krise der Industriegesellschaft spiegelte sich in den Songtexten, die häufig von Krankheit, Leid, Tod, Verfall, Verlorenheit, Enttäuschung und Isolation, aber auch bereits von magischen Themen handelten.
Beim heutigen Begriffswirrwarr der sogenannten
Schwarzen Szene mit einer Vielzahl musikalischer Genrebezeichnungen erscheint
erstaunlich, daß bis Anfang der 80er Jahre aller Verschiedenheit
zum Trotz sämtliche der erwähnten Bands mehr oder weniger dem
Punk (oder, noch schwammiger, dem Underground) zugeordnet wurden und der
Begriff Gothic selbst noch nicht verbreitet war.
Anfang der 80iger Jahre gab es einen zweiten Schub. Aus Punk wurde New Wave(4); Cold Wave bzw. Dark Wave tauchten als Begriffe für die aufkommenden elektronischen Spielarten düsterer und unterkühlter Musik auf (s. auch Kapitel I.1.2.).
Der Begriff Gothic als Bezeichnung für die düsteren Gitarrenklänge des „Post-Punk" war zwar bereits zum ersten Mal in Zusammenhang mit Joy Division aufgetaucht, doch im Jahre 1982 wurde er in Großbritannien, dem Geburtsland der literarischen Gattung der Gothic Novels(5), groß.
Der Bat Cave Club (Fledermauskäfig) in London wurde zur Brutstätte dieser zweiten Welle gitarrenorientierter Gothic-Music: Alien Sex Fiend als die berühmtesten, aber auch die Virgin Prunes, Sex Gang Children oder die Specimen spielten hier Gothic-Rock mit skurrilen Outfits. Durch das beliebte androgyne Erscheinungsbild war eine gewisse Nähe zum Glam Rock(6) der 70er Jahre vorhanden. Die Gothics der Bat Cave-Szene vollendeten, was insbesondere Siouxsie, The Cure, aber auch Bauhaus oder Adam Ant in punkto Styling vorgelebt hatten. Die Kleidung war noch nicht so vorherrschend schwarz wie heute, aber von der 1982er Bat Cave - Blüte ausgehend bekam das, was später in Deutschland als „Grufties" bezeichnet werden sollte, ein Gesicht mit - vom Punk distinktiven - Wiedererkennungswert.
Aus dem Punk heraus war also eine eigene
Szene entwachsen, die Gothics oder (Dark)
Waver.
Spätestens mit der US-amerikanischen
Kult-Band Christian Death (Christlicher Tod, Plattenveröffentlichungen
ab 1982) entwickelte sich auch in den USA eine Szene, die düstere,
aber rockige Gothic-Musik spielte und das entsprechende Styling auslebte.
Dort wird diese Musik allerdings als Death Rock bezeichnet.
Auch in anderen Ländern, insbesondere
in Deutschland und den Benelux-Staaten, entsteht mit einiger Verspätung
eine derartige Subkultur mit namhaften, international anerkannten Bands
wie X-Mal Deutschland (Hamburg, ab 1981?), die zunächst in
ihrer deutschen Heimat nur mageren Erfolg verzeichnen können, während
sie in Großbritannien zu Kult-Stars werden. Bedeutsam in diesem Zusammenhang
auch die Berliner Band Malaria. Beide Bands bestanden hauptsächlich
bzw. ausschließlich aus Frauen, was als fortschrittliches Charakteristikum
der Punk- und Wave-Musik in einer bis dato männerdominierten Rock-Musik
betrachtet werden muß. Dies zieht sich bis in die heutige Zeit fort:
es gibt keine andere Jugend-Subkultur, in der der Frauenanteil so hoch
ist und schon gar keine, in der Frauen auch in Szene-Reputation verschaffenden
Positionen (als Bandmitglieder, DJ's, Redakteurinnen von Zeitschriften
und Fanzines usw.) so häufig anzutreffen sind.
Mit den Bands The Mission (UK) und
Fields
Of The Nephilim (UK), die Mitte der 80er populär werden, werden
die Grenzen zur sogenannten Gitarren-Independent-Szene mit Bands wie New
Model Army (UK) fließend. Der Gothic als eigenes, abgrenzbares
Genre verliert zunächst an Bedeutung, um erst Anfang der 90er in den
deutschsprachigen Ländern als sogenannte „Neue Deutsche Todeskunst"(7)
wiederaufzustehen, aber auch an Klischeehaftigkeit zu gewinnen.
In den 90er Jahren hat Deutschland Großbritannien
den Rang als Gothic-Metropole abgelaufen. Mittlerweile gibt es in keinem
Land der Erde eine derartige Flut von entsprechenden Musikzeitschriften.
Auch die weltweit größten Festivals dieses Genres, das „Zillo-Festival",
welches in den letzten Jahren in Hildesheim mit mehreren 10.000 ZuschauerInnen
stattfand und das internationale Wave-Gotik-Treffen in Leipzig
mit ca. 25.000 BesucherInnen, haben diesen Ruf untermauert.
Seit Mitte der 90er Jahre gibt es einerseits
wieder Rückbezüge auf das klassische Gothic-Dasein mit entsprechender
Musik, Lifestyle und Kleidung, insbesondere aus den USA (London After
Midnight, Cinema Strange), auf der anderen Seite - sehr zum Unmut der
Puristen oder Traditionalisten unter den Gothics - aber auch eine Verbindung
mit dem bisher der Gothic-Szene fremden Metal(8).
1. 2. Dark Wave und Mittelalter-Bezüge
Dark Wave nennt man heute die Richtung,
die ihre Wurzeln im elektronischen Wave und „Synthi-Pop" der frühen
80er Jahre hat und nicht im gitarrenlastigen Punk. Parallel zum Punk und
dessen Folgeströmung des Gothic hatte sich Ende der 70er Jahre eine
weniger harte Musik entwickelt, die durch ihre Kühlheit bestach und
in der Hauptsache elektronisch produziert war. Frühe Vertreter waren
Ultravox
(ab 1976), Human League (ab 1977), Visage (ab 1978), Orchestral
Manoeuvres In The Dark (OMD) (ab 1978) und
Gary Numan (ex -
Tubeway
Army) (ebenfalls alle UK).
Auch deren Styling war sehr androgyn, die
Männer waren geschminkt, trugen allerdings streng nach hinten gegeltes
kürzeres Haar und häufig Anzüge und Krawatten. Sie sahen
- passend zur Musik - aus wie aus einem Science - Fiction.
Zum Dark Wave können heute auch die
hauptsächlich elektronisch arbeitenden Deine Lakaien (D) und
deren direktes Umfeld, die „Nebenprojekte" Estampie und Qntal,
gezählt
werden. Hier gibt es neben elektronischen Elementen auch akkustische Instrumentation
mit häufig mittelalterlichem Einschlag.
Mit Dead Can Dance (UK) gab es bereits
Mitte der 80er Jahre eine erste Band, die u. a. durch die Rezeption mittelalterlicher
Musik auffiel. Ihr düsterer Wave wurde zum Stichwortgeber für
Rückbezüge verschiedener Gothics (die - wie erwähnt - wegen
den englischen Schauergeschichten so heißen) auf die Gotik
und das Mittelalter im Allgemeinen. Trotzdem lassen sich Dead Can
Dance keineswegs auf die Rezeption mittelalterlicher Musik reduzieren -
sie verarbeiten vielmehr unterschiedlichste Einflüsse in ihrer Musik.
Obwohl das Mittelalter ursprünglich
kein originärer Bezugspunkt der Gothic-Musik war, so gab es schon
früh einen Hang zu alten Gebäuden, überwucherten Friedhöfen,
verlassenen Schlössern und mittelalterlichen Kathedralen in der Szene,
der wohl hauptsächlich durch die Sehnsucht nach Romantik, aber auch
Mystik abseits der schnelllebigen Industriegesellschaft veranlaßt
war. Dazu kam das Faible für Horror-, Grusel-, Geister-, Dracula-
und Vampir-Geschichten bzw. - Filme.
Seit den 90er Jahren nehmen die Bezüge
auf mittelalterliche Musik, Mystik, ja sogar auf die Heilkunde und das
Handwerk dieser Epoche innerhalb der Szene deutlich zu. Auf größeren
Treffen oder Festivals gehören Mittelalter-Märkte mittlerweile
zum Standard. Parallel dazu überschneiden sich die Gothic- und die
Rollenspiel-Szene(9)
zu einem gewissen Teil. Flucht aus der modernen Gesellschaft scheint angesagt
zu sein. Diese Entwicklungen sind durchaus nicht unumstritten innerhalb
der schwarzen Szene, finden aber auch abseits statt (siehe u. a. den Erfolg
der Harry Potter-Bücher und die Renaissance gruseliger Filme wie „Blair
Witch Project").
1. 3. Electro und EBM: Schwarze elektronische Tanzmusik
Im Bereich düsterer, aber harter und
tanzbarer elektronischer Musik, heute als Electro oder
EBM
(Electronic Body Music) bezeichnet, spielt Belgien eine federführende
Rolle: Bands wie
Front 242 oder The Klinik bringen schon
in den (frühen) 80ern völlig neue musikalische Einflüsse
in eine für Weiterentwicklung und Veränderung aufgeschlossene
schwarze Szene. Sie beziehen sich dabei insbesondere auf deutsche Traditionen
elektronischer Musik der 70er und frühen 80er, hier insbesondere Kraftwerk
und D.A.F. (Deutsch-Amerikanische Freundschaft), aber auch englische
Synthi-Pop Bands wie Depeche Mode und Human League. Wichtige
und frühe Vertreter der elektronischen Spielart sind neben Front
242, die mit ihrem Song „Body To Body" (1981) zum Namenspatron der
Electronic Body Music wurden, zum Beispiel The Cassandra Complex,
Click
Click, à; Grumh..., A Split Second und
Clock DVA aus
England, Die Krupps aus Deutschland, Die Form aus Frankreich
(ab 1982),
Skinny Puppy aus Kanada (ab 1984) und aktuell - neben
vielen anderen - Projekte wie VNV Nation (UK) oder
Velvet Acid
Christ (USA).
1. 4. Industrial Music: Die Spielart mit der längsten Tradition
Die verwirrendste Geschichte hat der sogenannte
Industrial,
die historisch älteste musikalische Spielrichtung, die heute von „Grufties"
gehört wird und zum Teil in die schwarze Szene eingegliedert
ist. Die britische Gruppe Throbbing Gristle (ab 1975) gelten als
Gründerväter der sogenannten Industrial Culture - Bewegung
und damit dieser vielleicht unverdaulichsten und heftigsten musikalischen
Richtung. Im Industrial wird viel mit Samples gearbeitet (Tonbandeinspielungen,
beispielsweise von Industrielärm, historischen Reden oder angsteinflössende
Dokumente menschlicher Abgründe), die mit Musik gekoppelt oder collagenhaft
zusammengesetzt werden. Mittlerweile werden die Geräusche und Samples
häufig mit harten Beats unterlegt, die die Musik teilweise auf reinen,
brachial-beschwörenden Rhythmus reduziert. Vertreter dieser Richtung
sind neben den Gründern Throbbing Gristle beispielsweise Boyd
Rice (USA, ab 1975), SPK (Sozialistisches Patientenkollektiv) (UK),
Test
Department (UK), Cabaret Voltaire
(UK, ab 1978), die „genialen
Dilettanten" der Einstürzenden Neubauten (D, ab 1980), die
durch die Verwendung von Metallschrott, Stahl, Preßlufthämmern
und Bohrmaschinen als Musikinstrumente berühmt geworden waren,
die
Nine Inch Nails (USA), oder, neueren Datums, beispielsweise
Winterkälte
(D) oder Sonar (B).
1. 5. Neo- und Apokalyptic-Folk: Brauntöne in der schwarzen Szene ?
Vom Industrial wiederum hat sich der sogenannte
Neo
Folk fortentwickelt, der sich durch akkustische Gitarrenklänge,
traditionelle Instrumente und ruhige oder pathetische Melodien auf der
einen, martialisches Getrommel auf der anderen Seite auszeichnet. Leider
hat sich sowohl im Industrial, aber mehr noch im Neo Folk, ein rechtsextremes
Segment herausgebildet, welches vielen Leuten in der Schwarzen Szene Kopfzerbrechen
bereitet und auch zu Widerstandshandlungen führt. Wichtige Vertreter
dieser Richtung sind Current 93
(UK), Sol Invictus (UK) sowie
die rechtsextremen Death In June (UK / Australien).
1. 6. Noch mehr Verwirrung um Namen und Begriffe...
Dieser kurze Überblick über einen Teil (!) des musikalischen Spektrums der schwarzen Szene macht bereits deutlich, wie schwer es ist, diese Szene auf ein paar wenige Stichworte zu reduzieren. Jennifer, eine DJ der Dark Wave-Szene aus Bremen, betont in ihrer Diplom-Arbeit, daß „zwei Hauptmerkmale" der Szene „ihre Vielfältigkeit und ihre Dynamik" (a. a. O., S. 1) seien. Zum Begriffswirrwarr musikalischer Genrebezeichnungen innerhalb der schwarzen Szene vermerkt sie:
„Erstens lassen sich die einzelnen Musikrichtungen
nicht klar voneinander abgrenzen. Zweitens sind viele dieser Bezeichnungen
im Nachhinein der Musik übergestülpt worden; sie wurden erst
viel später als die Musik erfunden. In den späten 70ern, frühen
80ern sprach man größtenteils von Underground als Abgrenzung
zum Pop, heute unterteilt man gerne akribisch in Wave, New Wave, Dark Wave,
Gothic, Gothic Rock etc. pp. Zum anderen hat sich die Benutzung der Begriffe
mit der Zeit gewandelt (...). Drittens tragen sie nicht wirklich zum Verständnis
bei, sie dienen vielmehr zu Streitgesprächen" (ebd.).
Wichtig ist auch zu wissen, daß die
erwähnten Stilrichtungen zwar alle in der schwarzen Szene gehört
werden und damit Teil der Disco-, Festival-, Konzert- und Zeitschriftenkultur
sind, aber sich keineswegs in Hinblick auf diese entwickelt haben. Man
kann eher davon ausgehen, daß die Szene der „Grufties" diese Musikrichtungen
für sich vereinnahmt hat, was häufig sogar in Widerspruch zu
den Ambitionen einiger KünstlerInnen steht, die sich mit der Szene
gar nicht identifizieren wollen oder können.
Dazu kommt, daß nicht alle Leute
innerhalb der schwarzen Szene wie klassische Gothics aussehen. So ist es
häufig so, daß der Hang zur Androgynität im Bereich des
Electro, EBM und auch Industrial eher abnimmt. Deren männliche Vertreter
ziehen oft kurzhaarige, teils auch rasierte Frisuren gegenüber den
wallenden, mittelalterlich oder barock anmutenden Gewändern, wie sie
beispielsweise häufig von AnhängerInnen der „Neuen Deutschen
Todeskunst" getragen werden, vor. Man trägt hier gerne schwarze Lederjacken,
während etwa die Fans der klassischen Gothic-Musik ein eher punkigeres
Styling mit (zerfetzten) Netzstrumpfhosen, toupierten Haaren, schwarzen
oder auch bunten Irokesenschnitten präferieren und üblicherweise
geschminkt sind (Männer und Frauen). Insbesondere - aber nicht nur
- Frauen aus der Electro- und Industrial-Szene orientieren sich seit einigen
Jahren vermehrt an Fetisch- oder SM-Kleidung, was allerdings - wer hätte
das gedacht - alles auch im Bereich des klassischen Gothic vorkommt, sich
überschneidet, vermischt und gegenseitig beeinflußt.
Doch trotz aller Unterschiedlichkeit und
Vielfältigkeit der schwarzen Szene existieren
gemeinsame Zeitschriften
und in den Discos oder auf Konzerten und Festivals treffen sich meist alle
Strömungen in normalerweise friedlichem Einvernehmen.
2. Die Themen der Szene
Noch schwieriger als die Darstellung der
musikalischen Palette, die wie beschrieben rockigen Gitarren-Gothic, mittelalterliche
Gesänge, ruhige melancholische Musik, brachialen Industrial, techno-beeinfluss(end)(t)en
Electro und EBM oder auch schwere, harte Metal-Klänge umfaßt,
ist es, die Philosophie, politische Haltung und den Lebensstil
der Szene auf eine griffige Formel zu bringen.
Wenngleich Gothic nie so politisch eindeutig
und aktiv war wie Punk, so war in den 80ern auch ein Großteil der
Gothics - wenn überhaupt politisch - eher links eingestellt. In den
90ern wandelte sich das parallel zu allgemeinen gesellschaftlichen Entwicklungen
dergestalt, daß der unpolitische Teil deutlich zunahm, aber auch
vermehrt rechts oder mindestens konservativ orientierte Leute auftauchten.
Mittlerweile hat dies zu einem Konflikt zwischen dem linken, emanzipatorischen
und antifaschistischen Teil der Szene auf der einen, den offensiv „unpolitischen"
und Rechten auf der anderen Seite geführt (siehe dazu: www.geister-bremen.de).
Allgemein kann gesagt werden, daß
es in der Szene ein gewisses Unbehagen gegenüber der Industrie- und
Konsumgesellschaft gibt, welches üblicherweise durch ein starkes Interesse
an
Kunst, Handwerk, Theater, Büchern,
Geschichte,
Philosophie,
Science
Fiction und / oder
Phantasy-Literatur kompensiert wird. Die
Szene besteht hauptsächlich aus sich selbst als Individualisten bezeichnenden
Menschen, was es schwer macht, allgemeingültige Aussagen zu treffen.
So dürfte ein Philosoph wie Nietzsche insgesamt genauso populär
in der Szene sein wie Horror-Schriftsteller á la Edgar Allen Poe,
H. P. Lovecraft oder Stephen King, das Lesen mittelalterlicher Romane ebenso
auf Begeisterung stoßen wie das Interesse für Science Fiction-Filme
vom Schlage „Star Trek" oder „Raumschiff Voyager" verbreitet ist. Extrem
populär sind auch Schriftsteller wie Arthur Rimbaud, Charles Baudelaire
(„Die Blumen des Bösen"); aber auch Walter Benjamin, Rainer Maria
Rilke, ja sogar Goethe werden rezipiert. Künstler wie Antonin Artaud
werden ebenso zu Inspirationsquellen wie das Weimarer Bauhaus. Die Widersprüchlichkeit
- oder wenn man will Vielseitigkeit - kennt kaum Grenzen. Es ist eine beinahe
in alle Richtungen verlaufende Suche nach Alternativen zur bestehenden
Gesellschaftsordnung, wobei konsequenterweise so inkonsequent vorgegangen
wird, daß der durchschnittliche Gothic aller rückwärtsgerichteten
Romantik zum Trotz keinerlei Probleme mit modernen Errungenschaften wie
CD-Player, Videorekorder oder Computern hat...
Gleiches gilt für die Bereiche Liebe
und Sexualität: während es auf der einen Seite eindeutig
ein starkes Bedürfnis nach ehrlichen und tiefen, wenn man so will
romantischen Liebesbeziehungen gibt, sind auf der anderen Seite sado-masochistische
Praktiken nicht unpopulär (zumindest das Kokettieren damit) und freie
Liebe ebenso gängig wie treue, langjährige Beziehungen bis hin
zur traditionellen Heirat.
Als Gothic zu leben heißt auf alle
Fälle auch: ein ausgeprägter Narzismus mit stundenlangem
vor-dem-Spiegel-stehen, um das ausgefeilte Styling (Haare, Schminke usw.)
zu gewährleisten,
Gewaltfreiheit und Toleranz, aber
auch Abgrenzung von „Normalos", ein romantisches Verhältnis
zu Natur und ein manchmal verklärendes zu Geschichte,
nach innen gekehrte
Trauer und Sehnsucht, ein ausgeprägter
Ästhetizismus, aber auch Spaß und Party,
Zärtlichkeit
im Umgang untereinander sowie ein freizügiges Verhältnis zu Erotik
und Sex. Gerne sieht man sich auch als große Familie.
Negative Erscheinungen sind Gelästere
und Hierarchien (häufig gekoppelt an Dauer der Szene-Zugehörigkeit
und (bewußte oder unbewußte) Brüche mit Szene-Codes),
Intoleranz (trotz des gegenteiligen Anspruchs) und Schubladendenken (häufig
gegenüber Nicht-Szene-Angehörigen), Arroganz und eine zunehmende
Kommerzialisierung der Szene. Die vielbeschworene Toleranz machte es im
übrigen ausgerechnet rechtsgerichteten Kräften leicht, in der
Szene heimisch zu werden, da die faktische Gewaltfreiheit der schwarzen
Szene mittlerweile auch gegenüber Neonazis praktiziert wird (dem war
nicht immer so).
Rechte Ideologen und Vordenker der sog. „Neuen Rechten" fühlten sich zudem seit Anfang der 90er vom Hang einiger Gothics zu Esoterik, rückwärtsgewandter Romantik, Runen, Magie und Mystik sowie zum Heidentum angezogen. Der Plan des von rechter Seite gegen anglo-amerikanische Popmusik gerichteten „Kulturkampfes"(10) sieht vor, die Gothics zu einer eurozentristischen, rein weißen, rassistischen und sozialdarwinistischen Szene zu machen, wo Heidentum zu Germanenstolz wird, Magie, Mystik und Esoterik gegen ein universalistisches Weltbild und eine angeblich „jüdische Weltverschwörung" stehen und Sozialdarwinismus gegen die Erklärung der Menschenrechte und die Werte der Französische Revolution. Dies ist zwar definitiv eine Perversion des ursprünglichen Gothic-Geistes(11), fällt aber dennoch leider zum Teil auf fruchtbaren Boden.
(dieses Thema ist bei weitem zu umfassend,
um hier näher behandelt zu werden, daher verweise ich an dieser Stelle
auf die Broschüre „Die Geister, die ich rief..." (Ausgabe 2, a. a.
O.) von den Grufties gegen Rechts / Music for a new society, an der der
Autor dieser Hausarbeit mitgearbeitet hat, sowie nochmals auf die entsprechende
Homepage (www.geister-bremen.de)).
Während das Interesse an Esoterik,
Mystik, Romantik, Magie und Heidentum im Allgemeinen durchaus vorhanden
ist, so sind Klischees von dem Satanismus(12)
zugewandten Gothics, die Friedhöfe schänden und andere Gewalttaten
verüben, (meist) völlig an den Haaren herbeigezogen. Darüber
hinaus gibt es eine Vielzahl religiöser Anschauungen innerhalb der
Szene: u. a. Christen, Juden, Heiden und - vermutlich in der Mehrheit -
Atheisten.
Die häufigsten Themen in den Songs
sind auch in der schwarzen Szene Liebe, Erotik, Sex. Dies wird sowohl in
einer eher melancholischen als auch in einer offensiven Variante umgesetzt.
Dann erst folgen „typische Gruftie-Themen" wie Krankheit, Verfall, Selbstmord,
Tod, Verderben, Untergang, Verlust, Einsamkeit usw. sowie auch mystische,
heidnische oder religiöse Themen. Es gibt darüber hinaus auch
eine Vielzahl von Beispielen, daß die Szene auch Humor besitzt.
3. Zur Verbreitung der Szene
So vielfältig die Strömungen und Themen innerhalb der Szene sind, so sehr ist sie doch im Boomen. Gerade die Fähigkeit, unendlich viele Einflüsse in sich aufzunehmen, scheint zum Erhalt der Szene beizutragen. So bedeutete das Aufkommen der Techno-Musik in den 90ern nicht den Todesstoß, sondern „frisches Blut" für die schwarze Szene.
Gefeiert und getanzt wird hauptsächlich
an sporadischen Disco-Abenden mit der gesamten, oben angedeuteten Palette
von Musikstilen, auf Konzerten und großen Festivals, bei FreundInnen
sowie - seltener - im Freien. Eine Reihe von monatlich erscheinenden Hochglanz-Musik-Magazinen
(u. a. „Zillo", „Orkus", „Sonic Seducer", „Gothic",
„Astan", „Legacy") widmet sich sämtlichen Unterstilrichtungen,
informiert über neue Platten, Künstler und Ereignisse. Mehr und
mehr ergänzen sie ihre Berichterstattung durch Features zu Themen
wie Mittelalter, SM- / Fetisch-Kult, Bücher, Filme, Comics, Phantasy-
und Science Fiction usw. usf. Daneben gibt es eine kaum überschaubare
Anzahl kleiner Fanzines, die sich meist an eine spezielle Zielgruppe wenden
und in kleineren Auflagen erscheinen.
II. Zur Sprachmagie in der schwarzen Szene
Aus einer Vielzahl möglicher Beispiele
habe ich exemplarisch drei ausgewählt, die für verschiedene musikalische
und inhaltliche Ausrichtungen stehen. Ich werde jeweils anhand der konkreten
Beispiele etwas über die Künstler, die LP oder CD, auf der das
entsprechende Stück erschienen ist, und damit über das spezifische
musikalisch-textliche Umfeld des ausgewählten Stückes sagen,
bevor ich auf das Lied im Speziellen eingehen werde. Daran wird sich noch
einmal zeigen, wie vielschichtig und widersprüchlich die schwarze
Szene auch in Zusammenhang mit der Verwendung von Sprachmagie ist. Die
Auswahl besteht aus Qntal (Dark Wave), Death In June (Neo Folk) und Helga
Pogatschar (Neo-Klassik / Industrial / Avantgarde), wobei die angegebenen
musikalischen Stilrichtungen nicht automatisch an die inhaltlichen Ausrichtungen
gekoppelt sind.
Zur Definition von Sprachmagie ist anzumerken,
daß ich in dieser Arbeit einen recht umfassenden Begriff von Sprachmagie
verwende.
Zunächst ist da die klassische Variante, also Beschwörungen im engeren Sinne. Solche werden wir etwa im ausgewählten Stück „Vos Attestor" von Qntal finden. Der dort rezipierte Text (aus der „Carmina Burana" aus dem 13. Jahrhundert) besteht aus Zauberformeln, ist Sprachmagie im engen Sinne.
Auf der Suche nach Beispielen für in Liedtexten vorkommende Zaubersprüche oder Beschwörungen mußte ich allerdings feststellen, daß diese seltener vorkommen, als zunächst vermutet. Zwar existiert eine kaum noch überschaubare Anzahl an Musikstücken der schwarzen Szene, in denen es um im weitesten Sinne Mystisches geht, jedoch werden selten direkte Beschwörungen in die Texte eingebaut. Eher noch wird Material aus dem Mittelalter oder aus der christlichen und eben auch heidnischen Mythologie zum Stoff für Songtexte (so etwa in „The Four Horsemen" von Christian Death (1987, a. a. O.), wo die Thematik der „Apokalyptischen Reiter" aufgegriffen wird, ohne sie jedoch direkt zu beschwören). Dies mag daran liegen, daß die Szene eben lange nicht so „satanistisch" ist, wie ihr gerne von Außenstehenden unterstellt wird. So habe ich - abgesehen vom rechtsextremen Sektor dieser Musikrichtung - auch kein einziges Beispiel für einen Schadenzauber gefunden, was als Beleg für die Friedfertigkeit des traditionellen, nicht rechten Segments der Szene gelten mag.
Wenn überhaupt Magie „praktiziert"
oder zum Thema von Texten wird, dann eher „weiße Magie" denn „schwarze
Magie". So warnt etwa Valor von Christian Death im Booklet der LP „The
Scriptures" (a. a. O.), welches eine große Vielfalt religiöser,
naturreligiöser und mystischer Texte beeinhaltet (u. a. christliche,
islamische, jüdische, buddistische Religion, ägyptische und indianische
Mythologie sowie Prophezeiungen des Nostradamus), ausdrücklich vor
„schwarzer Magie". Zitat: „However if vengeance, greed, anger and hate
are symptoms of which you suffer, for which you require magic to satisfy
your own selfish inadequacies, Black Magic is your tool. And so too are
the consequences, of which I do not recommend"(13)
Da ich persönlich weder an Magie noch
an Religion glaube, ist eine solche Unterscheidung sicherlich problematisch.
Aber auch vom Standpunkt eines Atheisten dürfte die Ambition
der Verwendung von Magie durchaus von Bedeutung sein. Eine Beurteilung
davon bleibt allerdings dennoch abhängig von - letztlich politischen
oder weltanschaulichen - Standpunkten, ähnlich wie bei Begrifflichkeiten
von „gut" und „böse".
Während wir bei Qntal einen Abwehrzauber
(gegen „böse Geister") finden, ist der Clou an Helga Pogatschar, daß
sich ihr Musikstück relativ direkt gegen Beschwörungen
richtet. Damit ist im Falle ihres „Mars Requiems" zum einen die christliche
Liturgie mit ihren steten, suggestiven Wiederholungen gemeint, zum anderen
die moderne Suggestion propagandistischen Einschlags. Beide werden als
Beispiele für die negativen Folgen eines - dem menschlichen Verstand
entzogenen - Beschwört-Werdens herangezogen. Es ist also eine
aufklärerische Sichtweise, welche zur Thematik die historischen
Konsequenzen von Sprachmagie hat. Vergleichbare Ansätze finden
sich (auch) häufiger in der Industrial-Szene, etwa bei den frühen
SPK (s. a. Grufties gegen Rechts..., a. a. O., S. 78).
Welch fatalen Folgen eine unreflektierte
Beschäftigung mit (beispielsweise und in diesem Fall) Runenmagie haben
kann, will ich am zweiten Beispiel Death In June verdeutlichen. Denn der
Kopf dieses Musikprojektes, der Brite Douglas Pearce, hat sich im Laufe
der Jahre nicht nur intensiv mit Runenmagie und nordischer Mythologie beschäftigt,
sondern ist auch zu einem Vertreter rechtsextremer Ideologien geworden.
Seine Musikstücke verwenden häufig
eine andere, eine modernere Form von Sprachmagie, sogenannte (Sprach-)
Samples(14).
Dies ist ein zweiter Ansatz dieser Arbeit,
nämlich die These, daß es sich bei solchen Sprach-Samples
häufig ebenfalls um eine Art von Beschwörungen handelt.
Samples im Allgemeinen sind ein Phänomen,
welche eine lange Tradition in der Pop-Musik haben und keineswegs auf die
Dark Wave-Szene beschränkt sind. Auch lassen sie sich als solche nicht
in Kategorien von emanzipatorisch / nicht - emanzipatorisch einordnen,
da ihre Tradition und Verwendungsweise zu vielfältig ist.
Spätestens von der britischen Band
Roxy Music ausgehend kann man eine lange Entwicklungstradition des Zitates,
und
nichts anderes sind Samples zunächst, in der Pop-Musik zeichnen. Von
Bands der frühen 80er Jahre (wie ABC aus England) und deren Rückbezüge
auf vorangegangene Musikstile über den HipHop mit seinen, für
die Stücke durchaus zentralen, Samples bis hin zu moderner Techno-
und House-Musik reicht diese Kette
musikalischer Zitate in Form
von Samples und ein Ende ist nicht absehbar (s. hierzu u. a. den Pop-Theoretiker
Diedrich Diederichsen (a. a. O.) und die Vorlesungen und Schriften von
Jochen Bonz (a. a. O.), beide Lehrbeauftragte an der Bremer Universität,
Fachbereich Kulturwissenschaft). Diese „Kunst des Zitates" schafft Verweise.
Während - unabhängig von der Stilrichtung - musikalische Samples meist eine positive Bezugnahme auf das zitierte Stück bzw. die entsprechenden KünstlerInnen sind, so ist dies bei politischen oder historischen Samples schon schwieriger. Solche Sprachsamples, also Ausschnitte irgendwelcher Reden, Filme, Gespräche usw. sind es, mit denen wir es in der Musik der schwarzen Szene häufiger als anderswo zu tun haben. Gerade die Industrial-Musik zeichnete sich von Anbeginn dadurch aus, Tonmitschnitte von eher verabscheuungswürdigen politischen, historischen oder „kriminellen" Reden oder Gesprächen in die Musik einzubauen. Insbesondere in der frühen Industrial-Musik (Throbbing Gristle & Co.) konnte es also passieren, daß eine politisch eher links stehende Band die Hörer mit Ausschnitten aus NS-Reden oder Aussagen von Massenmördern konfrontierte. Während damals von einem Phänomen wie „Rechtsrock" noch keine Rede sein konnte (siehe dazu auch: Annas / Christoph (Hg.), a. a. O.) und es somit auf der Hand lag, daß solche Sprachsamples nicht affirmativ gemeint waren, so ist dies mittlerweile schwieriger und problematischer geworden.
Wenn etwa die US-amerikanische Gothic-Band London After Midnight in den 90er Jahren ihr Stück „Revenge" (Rache) mit einem Sample einer Hitler-Rede beginnt, um dann im Songtext gegen Intoleranz und Diskriminierung und damit gegen Hitler zu argumentieren, wird es für Laien (oder Leute, die nicht auf englisch-sprachige Texte achten) schwierig, die Intention richtig einzuordnen (s. Grufties gegen Rechts..., a. a. O., S. 74). Schließlich, auch darum wird es gehen, existieren mittlerweile leider auch Bands, die solche Sprach-Samples mit autoritärem, totalitärem oder diskriminierendem Inhalt nun eben doch affirmativ verwenden.
Wieviel Wissen (mittlerweile) nötig
ist, um politische oder historische Sprach-Samples in den richtigen Zusammenhang
zu bringen, werde ich an allen drei ausgewählten Beispielen vorführen,
denn keine der drei Platten kommt ohne die Verwendung von solchen aus.
Dort, wo etwas zitiert wird - was bei Samples,
gleich welcher Art, notwendigerweise der Fall ist - , wird natürlich
auch immer auf etwas verwiesen, an etwas erinnert und - ganz allgemein
gesprochen - auch etwas heraufbeschworen: die Vergangenheit nämlich.
So werden Klänge, Teile von Musikstücken, aber eben auch die
Stimmen verstorbener Personen oder die Klänge vergangener Ereignisse
in aktuelle Stücke eingewoben, um sie entweder positiv einzubinden
oder aber - im Gegenteil - musikalisch und textlich zu kritisieren.
Wie differenziert eine Beurteilung sein
muß und vor allem auch wie unterschiedlich diese Beschwörungen
in Form von Sprach- Samples Verwendung finden können, dies ist also
der zweite Ansatz meiner Untersuchung über Sprachmagie in der Dark
Wave-Szene.
1. QNTAL - Vos Attestor (1995)
Aus dem Umfeld der deutschen Dark Wave
- Band Deine Lakaien kommt das Projekt Qntal, um deren
CD „Qntal II" von 1995 es im Folgenden gehen wird.
Die CD beginnt mit Samples der Riots, die 1992 Los Angeles erschütterten. Der in vielen Medien fälschlicherweise als „Rassenunruhen" beschriebene, explosionsartige Aufstand marginalisierter Bevölkerungsgruppen hatte sich an dem Freispruch der Polizisten entzündet, die den Schwarzen Rodney King halbtot geprügelt hatten. In der rassistischen Realität (auch) in den USA ist ein Vorkommen derart exzessiver Polizeigewalt zwar nicht ungewöhnlich - die Zeitschrift „wildcat" schreibt lapidar, „so was kommt in L. A. mehrmals am Tag vor" (a. a. O., S. 32) - ; besonders an diesem Fall war lediglich, daß ein Amateur den Übergriff auf Rodney King zufälligerweise auf Video gefilmt hatte und es somit eine klare Beweislage gab. Die hauptsächlich weiße Jury des folgenden Gerichtsverfahrens sprach die vier angeklagten Polizisten dennoch frei. Dieser Justiz-Skandal ließ Los Angeles explodieren: es kam zu tagelangen, schweren Ausschreitungen verschiedener ethnischer und sozialer Gruppen in der Stadt. Auch weiße, ärmere Bevölkerungsgruppen waren dabei, als Geschäfte geplündert und angezündet, Polizisten angegriffen und ganze Stadtteile verwüstet wurden. Obwohl die Beschreibung als „Rassenunruhen" das Phänomen nicht trifft, gab es auch gewalttätige Angriffe innerhalb der StadtteilbewohnerInnen, die allerdings mehr soziale als ethnische Konflikte widerspiegelten. So schrieb selbst die New York Times: „In einigen Gegenden wirkte es wie ein Straßenfest, denn Schwarze, Weiße, Hispanics und Asiaten haben sich vereinigt, um an einem Karneval der Plünderungen teilzunehmen. Wie die allermeisten Polizisten bemerkten, gingen Menschen jeden Alters und aller Arten, einige mit Kindern, in den Kaufhäusern ein und aus, Einkaufstüten und Arme voll mit Schuhen, Spirituosen, Radios, Lebensmitteln, Perücken, Ersatzteilen für Autos, Fußbällen, verschiedenen Gebrauchsgegenständen und Schußwaffen. Einige stellten sich geduldig an und warteten, bis sie an der Reihe waren" (nach: wildcat, a. a. O., S. 32).
Der Aufstand von L. A. war derart massiv,
daß die US-amerikanische Regierung sich genötigt sah, innerhalb
des eigenen Landes das Militär (Nationalgardisten und Marines) zur
Beruhigung der Situation einzusetzen (Zusammenfassung und Einschätzung
der Ereignisse nach: wildcat, a. a. O., S. 32 - 35).
Drei Jahre nach den Riots erscheint nun
eine CD aus dem üblicherweise mit Romantizismus assoziierten Bereich
des Dark Wave, welche durch Samples und Zitate immer wieder auf den „Aufstand
in der Stadt der Engel" (wildcat, a. a. O.) verweist. Wie verarbeiten Qntal
dieses Ereignis?
„Introitus" nennen Qntal mit ihrem
Hang zu lateinischen Songtiteln die Einleitung. Man hört einen unbeschreiblichen,
schauererregenden Lärm, der offensichtlich aus weiter Ferne aufgenommen
ist, denn es ist unmöglich, aus der zu hörenden Geräuschkulisse
einzelne Lautquellen zu isolieren. Es lassen sich lediglich wiederkehrende
dumpfe, explosionsartige Geräusche vernehmen. Die naheliegende Assoziation
ist schlicht und einfach: Krieg. Darüber hört man Frauenstimmen,
die an kirchliche Choräle erinnern. Nicht so deutlich vernehmbar,
aber im beiliegenden Booklet (Textheft) nachzulesen, ist die Stimme eines
Jugendlichen zu hören, der immer wieder sagt: „Things are never
gonna change..." (Die Dinge (Verhältnisse) werden sich niemals
ändern). Durch die mehrmalige Wiederholung des Satzes bekommt dieser
einen gewissermaßen resignativ - beschwörenden Charakter.
Und dann, ein größerer Bruch
erscheint kaum möglich, hören wir eine moderne, gefällige
Interpretation mittelalterlicher Lyrik, in der mittelhochdeutschen Sprache
gesungen: Walter von der Vogelweides (~1170-1230) „Palestinalied"!
Es endet mit folgenden Zeilen:
QNTAL - Palestinalied (letzte Strophe) von Walter von der Vogelweide
| Mittelhochdeutscher Text:
In diz lant hât er gesprochen einen angeslîchen tac. dâ diu witwe wirt gerochen und der weise klagen mac //: und der arme den gewalt, der dâ wirt an ime gestalt. wol im dort, der hie vergalt! :// |
Hochdeutsche Übersetzung:
In diesem Land, so hat er verkündet, will er einen furchtbaren Gerichtstag halten. Da werden die Witwe und die Waisen gerächt //: und Arme dürfen klagen gegen die Gewalt, die man ihnen angetan hat. Wer hier seine Schuld bezahlte, wird dort froh sein :// |
Things are never gonna change? Es dämmert, was damit gemeint sein könnte.
Denn der Text des Palästinaliedes
paßt ja tatsächlich sehr treffend auf die oben beschriebenen
Ereignisse in L. A., wenn man Vogelweides Text - wie Qntal es tun - aus
dem historischen Zusammenhang reißt: „Arme (...) klagen gegen
die Gewalt, die man ihnen angetan hat" (in L. A. die Gewalt einer (rassistischen)
Polizei), die Aufständischen hatten - siehe New York Times
- ihren Spaß, waren „froh" über ihre Rache, wenngleich
der „Gerichtstag" letztlich - wie jeder Ausbruch von (auch Gegen-) Gewalt
- „furchtbar" war.
Plötzlich bekommt das CD-Cover auch
einen umfassenderen Sinn. Eine gotische Rosette, wie sie an mittelalterlichen
Kathedralen häufig zu sehen ist. Der innerste Kreis ist ausgestanzt,
so daß man direkt auf Seite 3 des Textheftes blicken kann. Wir sehen,
inmitten der Rosette, den Kopf eines wütenden Jugendlichen. Wenn wir
aufblättern, können wir die ganze Abbildung sehen: Jugendliche,
die erbost mit Steinen werfen, in schwarz-weiß und streifig-grobkörnig,
wie von einem TV-Schirm abfotografiert. Es gibt im ganzen Textheft keinen
direkten Hinweis auf Ort, Situation und Zeitpunkt der Darstellung. Ich
gehe davon aus, daß dies Absicht ist, was ich daraus schließe,
daß das Beiheft ansonsten sehr ausführlich und genau ist (So
sind neben den hochdeutschen Übersetzungen der u. a. mittelhochdeutschen,
lateinischen, französischen und englischen Texte auch eine komplette
englische Übersetzung sowie Geburts- und Todesjahre der mittelalterlichen
Autoren abgedruckt).
Das Bild könnte also sowohl in Zusammenhang
mit den Riots in Los Angeles, die in Form von Samples wiederholt Bezugspunkt
der CD sind, als auch beispielsweise in Palästina entstanden sein.
Es ist mit den beiden zentralen ersten Sätzen der CD überschrieben:
oben das Zitat des L.A.-Jugendlichen („Things are never gonna change..."),
unten das Zitat aus Vogelweides „Palestinalied": „In diz lant hât
er gesprochen, einen angeslîchen tac". Vielleicht sollen beide
Assoziationen offengehalten werden, wodurch die Aussage (und Behauptung)
„Things are never gonna change" unterstrichen würde.
Das „Palestinalied" ist nicht das einzige Stück auf der CD, welches alte Texte und Gesänge in modernem Gewand interpretiert. Sigrid Hausen mit ihrer phantastischen Stimme singt zur mehrheitlich elektronischen Musik der beiden Deine Lakaien - Musiker Ernst Horn und Michael Popp (der teilweise auch Geige spielt) das gefällige, tanzbare „Frühling", „Vos attestor" (dazu später mehr) und „Sine Nomine", alle drei aus der Carmina Burana (13. Jahrhundert, in Latein gesungen), das schleppende „Hymni Nocturnales" und „Abaelard" von Abaelard (1079-1142, beide ebenfalls in Latein), das getragene, mittelhochdeutsche „Herbst" des Konrad v. Würzburg (13. Jhdt.), das lateinische „Virgo splendens" von Hildegard v. Bingen (1098-1179) (aus dem Codex Llibre Vermell, 14. Jhdt.), das (alt)französische „Trobar clus" (Text von Arnaut Daniel, 12. Jhdt., Melodie traditionell) sowie das (alt)französische „Ab vox d'Angel" (Troubadour) aus dem 13. Jhdt. Als Ausklang hören wir wieder Aufnahmen aus Los Angeles, wobei die explosionsartigen Geräusche nunmehr fast wie ein Marschrhythmus klingen, dazu die Frauenstimmen und der Jugendliche, dessen Aussage am Ende länger zu hören ist. Auf deutsch übersetzt sagt er: „Die Dinge werden sich nie ändern. Das weiß ich einfach. Und wäre ich jemand, der was ändern könnte, hätte ich wahrscheinlich Millionen von Dollars, aber die würde ich da bestimmt nicht reinstecken. So einfach ist das. Niemand wird das jemals stoppen. Das ist die neue Generation und es wird schlimmer, nicht besser". Ein pessimistischer Ausklang, durchaus, aber auch einer, der die mittelalterlichen Gesänge durchbricht und keine romantizistische Verklärung nach dem verqueren Motto „Damals war alles besser..." zuläßt. Schließlich beinhaltet die streitbare Aussage, daß sich die Dinge (im Grunde) nie ändern, zumindest auch den Verweis, daß das Mittelalter eben nicht die „romantische" Epoche war, als die sie einige „Grufties" gerne betrachten wollen.
Außerdem behält einer der Betroffenen
moderner und ungerechter Gesellschaftsordnung, ein Jugendlicher aus L.
A., das letzte Wort.
Letztlich bleibt dem Zuhörer und der
Zuhörerin selbst überlassen, welche Gedanken er / sie sich zu
dem Gehörten macht. Die „freie" Reflexion wird gerne hochgehalten
in der auf Meinungsfreiheit und - vielfalt konzentrierten schwarzen Szene.
Die so verschiedenen Elemente des Mittelalters, der modernen Pop-Musik und der Riots in L. A. bilden einen Fundus, der zunächst gegenüber gestellt wird, aus dem aber auch geschöpft werden kann. Es schließen sich Fragen an: wie war das Mittelalter wirklich? Was passierte während der Kreuzzüge? Was passierte in L. A.?
Oder grundsätzlicher: Dreht sich die
Menschheit im Kreis? Sind Gewalt, Armut, Unterdrückung menschliche
Konstanten, ebenso wie wohl auch der Widerstand dagegen? Wird es immer
schlimmer, bleibt alles beim Alten oder ändern sich die Dinge mittelfristig
zum Positiven? Wer herrscht über wen und warum? usw.
Eine im engeren Sinne sprachmagische Beschwörung
hören wir in dem Stück „Vos attestor".
QNTAL - Vos attestor
aus der Carmina Burana (13. Jhdt.)
| Omne genus demoniorum
cecorum claudorum, attendite issum meorum, sive confusorum.
Vos attestor vos contestor per timendum per tremdendum ne zeletis quem soletis vos vexare, homini.
Per sigillum Salomonis omnes vos coniuro et per magos Pharaonis omnes exorcizo.
Vos attestor vos contestor per timendum per tremdendum ne zeletis quem soletis vos vexare, homini. |
Ihr Geister all, ihr blaß Gelichter,
ihr Schatten wie Ratten, ihr sollt auf die Befehle hören, all ihr Bösewichter.
Euch ermahn ich und euch bann ich bei dem Heulen, bei dem Greulen wollet absehn, wollet abstehn, bleibet von den Menschen fern.
Bei dem Siegel Salomonis, wollet all mich hören, bei den Weisen Pharaonis euch will ich beschwören.
Euch ermahn ich und euch bann ich bei dem Heulen, bei dem Greulen wollet absehn, wollet abstehn, bleibet von den Menschen fern. |
Es handelt sich hier um einen Abwehrzauber.
In der Beschwörung werden die bösen Geister („Bösewichter")
dazu aufgerufen, „von den Menschen fern" zu bleiben. Sie werden
gleichzeitig gebeten (passiv) („Euch ermahn ich") und beschworen
(aktiv) („und euch bann ich"), den „Befehle(n)" der Menschen
zu gehorchen. Damit wird der Mensch grundsätzlich als „gut" dargestellt,
lediglich Mächte von außen, die bösen „Geister",
bedrohen das Leben der redlichen Menschen. Eine solche Sichtweise ist freilich
nur vor dem Hintergrund eines christlichen Weltbildes, welches unterscheidet
in „gut" und „böse", vorstellbar. Aufklärerisches Denken würde
die „bösen Geister" als mystische Idee denunzieren. Dennoch beschreibt
der Text auch ein aktuelles Phänomen - so wie es Qntal wohl ambitioniert
hatten. Es mag das nicht-hin-sehen-wollen (auch) moderner Menschen sein,
wenn unangenehme Dinge geschehen - wie die Riots in L. A.!
Eine Beurteilung dieser ca. 700 Jahre alten
Beschwörung mittels lateinischer Formeln auf einer CD, welche gleichzeitig
derart aktuelle Bezüge aufweist (s. o.), ist sicherlich nicht ganz
einfach. Sie hängt auch davon ab, wie man die Riots (nicht nur) von
L. A. einordnet: als Hoffnungsträger eines Umsturzes ungerechter Gesellschaftsordnung
(Stichwort: Widerstand, Rebellion oder auch „Rache" der Entrechteten) oder
als frustrierendes Moment, welches die Allgegenwart von Gewalt und Ungerechtigkeit
abermals ans Tageslicht bringt und „Arm und reich" als Konstanten der menschlichen
Geschichte ansieht.
Dem Stück „Vos attestor" ist ein Zitat
vorangestellt, welches eine Beurteilung einfacher werden läßt:
„Aus
der Pressekonferenz einer Selbsthilfeorganisation zur Bekämpfung der
Drogenkriminalität in den Ghettos von L.A. (eines ihrer Mitglieder
war am Vortag erschossen worden): ‚Ich weine und appelliere an die Bürger
von Los Angeles. Bitte helft den Brüdern und Schwestern in den Gangs.
Verschließt nicht die Augen vor dieser Krise'" (Booklet, S. 5).
Dies spricht dafür, daß Qntal
tatsächlich kritisieren wollen, daß Leute Weg-Schauen und die
Position vertreten, das gehe sie nichts an und auch dafür, daß
die Zitate, die Sprach-Samples der Jugendlichen von L. A., einen positiven
Verweis darstellen. Die bösen Geister wären dann nicht die Gangs
von L.A., deren soziale Realität nach dem Wunsch von „Erna Müller"
„von den Menschen fern" bleiben soll (was immer noch eine Kritik
an der Gesellschaft darstellen würde), sondern tatsächlich die
PolizistInnen von L. A. und deren alltägliche, von Rassismus geprägten
Übergriffe auf Arme und Schwarze. Dafür sprechen auch die Begriffe
„blaß Gelichter" (Weiße?) und „Ratten". Denn es ist unvorstellbar,
daß ein Musikprojekt wie Qntal, welches sich öffentlich immer
wieder gegen Rechtsextremismus (in Deutschland) geäußert hat,
schwarze Jugendliche aus den USA mit Ratten vergleicht. Erst Recht nicht
in einer Zeit, wo übelste Pogrome gegen MigrantInnen in Deutschland
wie in Hoyerswerda (1991), Rostock-Lichtenhagen (1992) und Mannheim-Schönau
(1992) für politisch und freiheitlich denkende Menschen - und für
solche halte ich die MusikerInnen von Qntal - noch deutlich in Erinnerung
gewesen sein mußten.
Die Frage, wie die Hörer das Geschilderte
lesen, hängt jedoch sicherlich von ihren Positionen ab. Qntal geben
ihnen lediglich Stoff für eine Auseinandersetzung, ohne allzu klare
Standpunkte vorzuschreiben. Immerhin fordert die CD dazu auf, sich mit
Geschichte und politischer Gegenwart zu beschäftigen und genau hinzusehen,
wenn etwas so gewaltiges passiert wie in Los Angeles. Die zunächst
verwirrende Konfrontation mittelalterlicher Gesänge und Beschwörungen
mit aktuellen Themen öffnet einen Raum, der über Alltag und Gegenwart
der (meist) Jugendlichen Hörer hinausweist und die Präsenz von
Vergangenheit und Geschichte im heutigen Leben thematisiert und dabei aktuelle
Geschehnisse einbindet.
Kritisch anmerken könnte man das völlig
ahistorische
Moment
der aufgegriffenen Thematiken. So gibt die CD ebensowenig Auskünfte
über die Hintergründe der Riots von Los Angeles wie über
die sozialen, politischen und geistigen Verhältnisse des Mittelalters
(und damit letztlich die faktische Unvergleichbarkeit der beiden „Epochen")
- vom aktuellen „Palästina-Konflikt" mal ganz abgesehen.
Wir sollten jedoch nicht vergessen, daß
eine CD eines noch so anspruchsvollen Projektes auch kein Agitationsorgan
im klassischen Sinne ist. Die Verweise sind durch die Sprach-Samples
geschaffen, die HörerInnen sollten das übrige tun. Die Auseinandersetzung
ist eröffnet...
2. DEATH IN JUNE - Runes And Men (1987)
Die komplexe Geschichte der britisch-australischen
Band Death In June, von einer links-sozialistischen Punk-Band namens
Crisis zu einem „nationalrevolutionären", rechtsextremen Musikprojekt,
näher zu beleuchten, würde den Rahmen dieser Arbeit definitiv
sprengen. Ich habe dies in aller gebotenen Ausführlichkeit an anderer
Stelle getan und verweise auf das entsprechende Kapitel zu Death In June
in der Broschüre der Grufties gegen Rechts / Music for a new society
(a. a. O., S. 39 - 47).
Fakt ist, daß das Projekt um Douglas
Pearce nicht nur faszinierende, teilweise sogar schöne Musik zu machen
im Stande ist, sondern seit Jahren in den von rechtsextremen Kräften
betriebenen „Kulturkampf" in der schwarzen Szene verwickelt ist. Wie sich
dies innerhalb von einzelnen Songs ausdrücken kann, will ich exemplarisch
an dem Stück „Runes And Men" darstellen.
Das Stück beginnt mit einer Fanfare, wie sie wohl auch auf nazistischen Großveranstaltungen in den 30er und 40er Jahren zu hören war. Daraufhin setzt eine akkustische Gitarre ein, die das zentrale Instrument in „Runes And Men" bleiben wird. Noch bevor Sänger und Gitarrist Douglas Pearce mit seiner tiefen Stimme beginnt, den englischen Text zu singen, setzt bereits ein Sample einer Reichsparteitagsrede aus dem Jahre 1934 (nach: Grufties gegen Rechts..., a. a. O., S.54) ein, welches während des ganzen Stückes zu hören ist, in dem es - regelrecht suggestiv - fortwährend wiederholt wird.
Der Parteitag fand direkt nach der Ausschaltung
der SA statt und sollte diese rechtfertigen. Der Text der NS-Rede von Viktor
Lutze (ebenda) lautet:
NSDAP-Sample (Viktor Lutze auf dem Reichsparteitag 1934) in „Runes And Men" von Death In June:
| "Es gibt keine Revolution als Dauererscheinung (...). So wie die Welt
nicht von Kriegen lebt, so leben Völker nicht von Revolutionen.
Es gibt nichts Großes auf dieser Erde / das Jahrtausende beherrschte / und in Jahrzehnten entstanden wäre. (...) Was Jahrhunderten trotzt / wird auch nur in Jahrhunderten stark. Es gibt keine Revolution als Dauererscheinung." |
Die Rede kann gewertet werden als Rechtfertigung
der Ausschaltung der SA durch Hitler und die SS. Die SA war auf eine „zweite
Revolution" nach der Machtergreifung der Nazis im Januar 1933 aus, die
die Großindustrie verstaatlichen sollte. Hitler hatte indes durch
gute Kontakte zur mit ihm kooperierenden Wirtschaft kein Interesse, dies
zu verwirklichen. Die SA hatte als Instrument der heimlichen Aufrüstung
wider den Versailler Vertrag und als Terrorgruppe in Weimar, die die politischen
Gegner verunsichern und ausschalten sollte, ihre Schuldigkeit getan. Die
neuen Kräfte im NS sollten die Wehrmacht und die Waffen-SS sein. Der
wiederkehrende Satz „Es gibt keine Revolution als Dauererscheinung" ist
also direkt gegen das Konzept der SA von einer „zweiten Revolution" gerichtet.
Da Sänger Douglas Pearce bekanntermaßen
Verehrer der
SA und ihres Chefs Ernst Röhm ist, fragt sich natürlich, weshalb
dieses Sample hier Verwendung findet. Dies wird erst deutlich in Zusammenhang
mit dem Text von „Runes And Men". Die zentralen Textzeilen, als wiederkehrender
Refrain, lauten:
Textauszug von „Runes And Men" (Death In June):
| "And when my loneliness closes in / so I drink a German wine /
and drift in dreams of other lives / and greater times / and drift in dreams of other lives / and greater times." |
Daraufhin hören wir jeweils eine helle Frauenstimme, die immer wieder ein fröhlich-poppiges, vor dem Hintergrund der Thematik des Stückes freilich verstörendes, „lalala lalala..." singt (Rose McDowell).
Douglas Pearce betrinkt sich also, von Einsamkeit geplagt, mit einem deutschen Wein, und träumt von „größeren Zeiten" und „anderen Leben". Wessen Leben ist gemeint, was bringt ihn zum Träumen, was löst jene Sentimentalität aus, welche das Stück auch musikalisch prägt? Es ist der Songtitel selbst, der Auskunft gibt, und die Textzeile „...in drunken thoughts of Runes and Men...". Die „größeren Zeiten" sind also die Zeiten von „Runen und Männern". Man muß sich zwar schon etwas genauer mit der Gedankenwelt des Herrn Pearce auskennen, um das Stück richtig interpretieren zu können, dies ist jedoch bei den meisten Fans durchaus gewährleistet. So kann man, vorausgesetzt man weiß um die Homosexualität des Douglas Pearce und seinen Hang zu den Männern der SA, insbesondere Ernst Röhms, darauf schließen, daß es durchaus einen Zusammenhang gibt, der von der besungenen „Einsamkeit" zu den Zeiten der „Runen und Männer" führt. Pearce betrinkt sich also, aus Einsamkeit, wie er singt, und seine Gedanken und Träume schweifen fort in die Vergangenheit. Er träumt offensichtlich von den (häufig homosexuellen) Männern der SA, von „Runes And Men" eben. Das Sample, welches die Seite der NSDAP präsentiert, die die SA ausgeschaltet hat, dient also nicht der Affirmation, sondern unterstreicht die Traurigkeit, die Pearce in dem Stück ausdrückt. Die Sentimentalität hat also zwei Seiten: Die eine bemitleidet sich selbst („And when my loneliness closes in..."), die andere die untergegangene SA (vermittelt über das nostalgische Sample des NSDAP-Parteitags), womit explizit ein Bund geschlossen wird. Die „größeren Zeiten", von denen Pearce träumt, die „(betrunkenen) Gedanken von Runen und Männern" beziehen sich also auf die SA, nicht auf Hitler oder die SS.
Das Sample, was bei oberflächlicher
Betrachtung als Distanzierung von der SA mißinterpretiert werden
könnte, dient also einem anderen Zweck: der Untermauerung der
Trauer
um
die Ausschaltung der SA. Man muß sich sozusagen vorstellen, wie Pearce
sich diese alten Mitschnitte anhört und in Traurigkeit verfällt,
daß seine männlichen „Helden" der SA das „Tausendjährige
Reich" nicht überleben sollten. Die „anderen Leben", an die er denkt,
sind also die von Leuten wie Röhm und Strasser. Ihr Scheitern war
- in der Gedankenwelt von Death In June - das Ende der „größeren
Zeiten", der Zeiten von „Runen und Männern".
Schon Mitte der 80er Jahre, also bald nach
seiner Zeit als „Linker" und in einer Zeit, in der viele Linke sich mit
Esoterik zu beschäftigen begannen, interessierte sich Douglas Pearce
für nordeuropäische Magie und Runen (Grufties gegen Rechts...,
a. a. O., S. 44), bevor er dann ein stramme Entwicklung nach rechts machen
sollte. So verkündete er 1992 in einem Interview im deutschen Musik-Magazin
„Zillo" über seine widersprüchliche politische Entwicklung: „Anfang
der 80er waren Tony (ex-Death In June - Musiker, K. H.) und ich
sehr engagiert in linksradikaler Politik und nebenbei Geschichtsstudenten.
Auf der Suche nach einer zukünftigen politischen Perspektive stolperten
wir über den nationalistischen Bolschewismus, der sich wie ein Leitfaden
durch die Hierarchie der SA zog. Leute wie Gregor Strasser und Ernst Röhm,
die später als die ‚zweiten Revolutionäre' bekannt wurden, fielen
uns auf. Die Tatsache, daß sie im Juni 34 gestürzt wurden, hat
wohl den Verlauf der Geschichte und die Entwicklung der Humanität
entscheidend verändert" (Zillo, Mai 1992, nach: Grufties gegen
Rechts..., a. a. O., S 42). Hier wird offensichtlich Geschichtsklitterung
übelster Art betrieben und die antisemitische, nationalistische, militaristische,
chauvinistische Terrorgruppe SA als eine Art harmlose Alternative zu den
Hitler-Faschisten aufgebaut. Und da offenbart sich dann auch die Gefahr
von „esoterischer" Beschäftigung mit Magie, Runen und nordischer Spiritualität:
die Nähe zu rechtem Gedankengut.
Einen ähnlich verwirrenden Mechanismus wie „Runes And Men" verfolgt ein zweites Stück der Platte „Brown Book".
So wurde dort auch das „Horst-Wessel-Lied", Schlachthymne der „braunen Bataillone" der SA, unter dem Album-Titel „Brown Book" neu vertont. Auch hier gibt es ein zunächst irritierendes Moment, denn das „Horst-Wessel-Lied" wird hier nicht als Marsch, sondern als eine Art Trauergesang (A-capella) interpretiert. Somit gibt es auch hier Raum für Mißverständnisse, den Death In June auch im Bestreben, nicht unmittelbar als plumpe Nazi-Band geoutet werden zu können, gerne einräumen. Schließlich wissen die, die es wissen sollen (also etwa nicht: staatliche Zensurbehörden oder „unpolitische" Waver, die die Musik gerne hören und somit für höhere Verkaufszahlen sorgen, ohne die politische Gesinnung von Death In June zu teilen), solche Spielchen schon richtig zu interpretieren. Denn es handelt sich hierbei natürlich auch um nichts anderes als um die Trauer über die ausgeschaltete SA. Das „Horst-Wessel-Lied" wird also deshalb vom „Kampfgeschrei" zum „Trauergesang", weil jene, die es in der Weimarer Republik gesungen haben und damit ihren Terror schon von weitem ankündigten, tot sind.
Durch solche, zunächst widersprüchlich
erscheinenden, Brüche - die wie beschrieben, dann doch keine sind
- wird verhindert, daß solche Platten auf den „Index" kommen und
damit zensiert werden. Die Texte, welche auch durch ihre Eingängigkeit
und die häufige Wiederholung markanter Textzeilen beschwörenden
Charakter bekommen, sind also bei näherem Hinsehen noch „härter",
als sie zunächst erscheinen. Ein Song wie „Runes And Men" ist durch
seine Eingängigkeit und relative „Schönheit" prädestiniert
für das Bestreben, reaktionäre Inhalte jugendlichen Hörern
schmackhaft zu machen. Gerade die Uneindeutigkeit, die scheinbar
Raum für Interpretationen läßt, lädt ein zur näheren
und tieferen Beschäftigung mit der Materie. Von Leuten, die bereits
durch die Faszination, die von dem Projekt Death In June ohne Zweifel ausgeht,
gefangen sind, ist dabei freilich nichts gutes zu erwarten. So mag es auch
nicht verwundern, wenn das Publikum von Death In June - Auftritten zu einem
immer größeren Teil aus rechts bis rechtsextrem denkenden Menschen
besteht.
3. HELGA POGATSCHAR - Mars Requiem (1995)
Auch Helga Pogatschar arbeitet in ihrem
„Mars Requiem" mit Sprach-Samples, welche einen autoritären Hintergrund
haben. Daß die Verwendung von solchen Samples nicht automatisch auf
die Gesinnung des Künstlers oder der Künstlerin schließen
läßt (ein Fehler, der wie beschrieben von Laien und „Moralaposteln"
allzu oft gemacht wird), will ich im Folgenden nachweisen.
3. 1. Das Projekt „Mars Requiem":
Zum Begriff des Requiems ist in Meyers
Großem Handlexikon (a. a. O.) nachzulesen:
„Requiem, das, in der kath.
Kirche: Totenmesse, benannt nach dem Eingangsgesang: Requiem aeternam dona
eis (lat. „Gib ihnen die ewige Ruhe"); als Musikwerk u.a. von Mozart, Berlioz,
Verdi, Reger bearbeitet".
Was bringt die Künstlerin Helga Pogatschar
dazu, Mitte der 90er Jahre ein „Requiem" zu komponieren, zudem eines, welches
den Titel „Mars" (römischer Kriegsgott, nach: a. a. O.) trägt?
Der Deine Lakaien - Musiker Alexander Zimmermann, der beim „Mars
Requiem" als
„conductor and director" (Booklet der CD, S. 3, a.
a. O.) fungiert, schreibt im dort abgedruckten „Produktionstagebuch":
„MARS - ein kriegerischer Titel. Weshalb?
Vielleicht, weil man heute kaum noch des Todes gedenken kann, ohne der
Gewalt zu gedenken. Vielleicht, weil dieses Jahrhundert so häufig
nicht nur seine Toten zu begraben hatte, sondern auch seinen Glauben, seine
Ideale und manchmal jeden Trost.
Wie werden spätere Jahrhunderte
dieses Zwanzigste, in dem wir leben, wohl betrachten? Vielleicht als eines,
das den Krieg ins Grenzenlose eskalieren ließ, indem es ihn weit
über Menschenmaß hinaustrieb. Vielleicht aber auch als Wendepunkt
im Angesicht der letzten atomaren Katastrophe" (Booklet der CD, S.
7, a. a. O.).
Schon in diesen Zeilen wird deutlich, welchen
ehrgeizigen Anspruch das Projekt verfolgt.(15)
Während der Produktion dieser CD ergeben
sich neue und auch aktuelle Bezüge, die sich in die von Helga Pogatschar,
der Komponistin des Werkes, gewählte Thematik einfügen. Die grausame
Geschichte und Gegenwart des 20. Jahrhunderts bricht in die Aufnahmen des
Requiems hinein:
„In diesen Tagen jähren sich die
Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki offenbar zum 50. Mal. Im Fernsehen
kamen Bilder aus den zerstörten Städten, aufgenommen 6 Monate
nach der Katastrophe: Farbaufnahmen der Amerikaner, die damals gewissenhaft
das Ausmaß der angerichteten Vernichtung dokumentierten. Ich hatte
ähnliches noch nie gesehen. Wüste, plan und leer, wo vorher eine
Stadt gewesen war. Sonnenlicht auf allen Bildern. Menschen, die Aufräumungsarbeiten
verrichteten, wo eigentlich nichts mehr aufzuräumen blieb. Keine Kolonnen,
keine Trümmerfrauen. Wenige Menschen nur, Brennholz sammelnd oder
nur unschlüssig in den Trümmern stehend. Diese Vernichtung überstieg
all ihre Vorstellungskraft. Wie soll man das begreifen, fassen? Und doch
ist es geschehen" (Booklet der CD, S. 10, a. a. O.).
Dazu kommt der Eindruck des Krieges im
ehemaligen Yugoslawien:
„In der Krajina führt man jetzt
einen regelrechten Krieg: Kroatien gegen die Krajinaserben. Früher
fuhr man dorthin in die Ferien. (...) Ich habe das Gefühl, sehr wenig
zu verstehen. Ein Stück aus MARS geht so: „sicut cervus desiderat
ad fontes aquarum, ita desiderat anima mea ad te, Deus" („Wie der Hirsch
lechzt nach der Wasserquelle, so lechzt meine Seele nach Dir, Gott", K.
H.). „- Nur langsam, im Laufe meines Lebens" schreibt Alexander
Zimmermann
„wuchs in mir der Sinn für solche Sätze" (ebd.).
Mit welchen musikalischen, kompositorischen
und textlichen Mitteln lassen sich derart gewaltige Themen bearbeiten?
Das Projekt ist in jeglicher Hinsicht ein
aufwendiges und gewagtes Unterfangen:
3. 2. Die Musik
Einen Einblick in die komplexe musikalische Struktur des „Mars Requiem" gibt Alexander Zimmermann im „Produktionstagebuch":
„21.06.95 - Treffen mit Helga Pogatschar.
Sie spielt mir die ersten Instrumentalteile von MARS vor. Mir ist kein
ähnlicher Versuch bekannt, derartige Sampleklänge mit einem klassischen,
solistischen Vokalensemble zu verbinden. Sie zeigt mir Klangwände,
musikalische Flächen von erstaunlichem Obertonreichtum, aber auch
vertrackte rhythmische Kombinationen in den Arrangements. Dazu schlanke,
eigenartig melismatische Gesänge (...). Zwei stilistische Welten,
die zunächst sehr gegensätzlich scheinen.
Diese Musik gehorcht keiner der üblichen
ästhetischen Strategien (...). Sie läßt sich in die klassische
Avantgarde sowenig einordnen, wie in die Sparte der experimentellen Popmusik.
Einerseits sind darin klassische Disziplinen verwirklicht, wie polyphone
Stimmführung, Variationstechniken und rondoähnliche Liedformen.
Andererseits gehören neben diesen Techniken die völlig unverwechselbaren
Klangsamples der einzelnen Stücke nicht weniger zum innersten Kernbestand
des Materials; ohne diese Klänge (...) wäre MARS gar nicht denkbar.
Das aber heißt, daß diese
Musik den alten Materialgedanken völlig anders definiert: die Grundbausteine
dieses Requiems sind nicht mehr nur spezifische Intervalle oder melodisch-harmonische
Motive, sondern ebenso die spezifischen Sounds, aus denen sich die Form,
wie auch die Dramaturgie der Musik ergibt" (a. a . O., S. 6).
Mars
Solche „Sounds" können wir gleich beim Eingangsstück, „Mars" betitelt, hören. Im Grunde instrumental, hören wir zunächst ein beschwörendes, beinahe geflüstertes und dreifach wiederholtes „Mars" (Frauenstimme). Während weiblicher Gesang sich immer weiter zuspitzt („lala", „dadada,, „ahaaaha"ahha" „ah ah ah aaaahhh"), sich immer höher schraubt, wird die Musik (Trommeln, Samples) immer bedrohlicher. Verzweifelte, weibliche Schreie, fast wie aus einer Folterkammer, sind am Ende zu hören.
Als ob damit gesagt sein soll, daß
unter der Herrschaft des „Kriegsgottes" Menschen leiden. Die Sängerin
macht sich so zur Fürsprecherin der Leidenden.
3.3. Die Samples, die Texte und die Thematik
„05.07.95 - Ein Themenkreis im Hintergrund
von MARS ist der von Macht und Glauben und von der innersten Verschränkung,
in welcher beide miteinander liegen. Dies war (...) am schwersten zu vermitteln.
Denn was in aller Welt sollte ein Requiem zu tun haben mit Krieg, Manipulation
und Macht? Wer aber je als Kind in dunklen Kirchenräumen katholischen
Messen beiwohnen durfte, dem wird die suggestive Kraft des kirchlichen
Ritus wohl nichts Unbekanntes sein.
Charakteristisch für den Ritus
ist die Wiederholung. Die Gemeinde kennt die Formeln, die sie zu sprechen
hat und spricht sie voll Gehorsam: (...) - Wieder und immer wieder.
Die Aufklärer verurteilen das und
nennen Gottes ‚Schäflein' spöttisch Schafe - um dann (wie oft!)
auf ihrem Sterbebett zu konvertieren.
In MARS geht es nicht darum, Urteile
auszusprechen für oder gegen religiösen Glauben. Worum es aber
geht, ist, darzustellen, wie nahe sich Ritus und Indoktrination seit jeher
stehen und wie artverwandt die religiöse Floskel der doktrinären
Floskel ist" (a. a. O., S. 7/8)
Helga Pogatschar entdeckte in der frühen Entstehungsphase von „Mars" alte Schellack-Platten von Oscar Schellbach, die als Samples in „Mars" zu einem zentralen Baustein des Requiems werden sollten: „Frühe Versuche mit professioneller, systematisierter Autosuggestion aus den nazistischen 30er Jahren, Vorläufer unzähliger Übungskassetten für autogenes Training und alle möglichen Arten moderner Meditation. Was diese frühen Aufnahmen von ihren Epigonen aber unterscheidet, ist ihr brutales, unverstelltes Bekenntnis zu autoritärer Erziehung, Macht und Machtausübung (...). Es erscheint mir beinahe müßig zu fragen, weshalb Helga Pogatschar gesampelte Auszüge dieser historischen Aufnahmen in MARS integriert hat. Zu augenfällig ist die innerste Verwandtschaft dieser mit heiligem Ernst rezitierten Suggestionen mit jenem heiligen Zorn, aus dem heraus die Mutter Kirche jahrhundertelang Abweichlern und Häretikern, aber auch harmlosen Sündern mit Strafe und Vernichtung auf den Fersen war.
Gespenstisch dabei ist jedoch, daß
man sich heute der suggestiven Wirkung der Schellbachtexte zwar mit dem
Verstand entziehen kann, daß diese Texte aber auf einer anderen Ebene
noch immer so etwas wie einen düsteren, magischen Sog ausüben.
Gleichzeitig ekelhaft und faszinierend sind sie beinahe ideal geeignet
als Metapher für die Doppelbödigkeit der Liturgie" (a. a.
O., S. 8)
Die im Produktionstagebuch geschilderte
Verbindung und Gegenüberstellung von kirchlichen Liturgien und den
Schellbach-Samples ist zentrales Element der Stücke auf dem „Mars
Requiem". So in Kyrie:
| Samples von Oscar Schellbach
„Du hörst jetzt sehr schön zu,
was ich Dir sage. Kleine Kinder sind lieb und artig. Und Du bist auch ein
artiges und liebes Kind, nicht wahr?"
„Artige Kinder gehorchen immer sehr brav
ihren Eltern und weinen nicht."
„Sehr schön schlafen willst Du. Denn
Du bist müde. Ganz müde. Ganz müde. Du willst schön
schlafen. Und Du schläfst. Ganz schön. Und Du schläfst.
Ganz schön. Und Du schläfst."
„Und Du schläfst. Ganz schön.
Und Du schläfst. Ganz schon. Sehr schön. Ganz Schön. Schön.
Sehr schön. Ganz schön. Schön. Schön. Schön. Schön"
|
Musik und Text von Helga Pogatschar
Wir hören u. a. dumpfes Getrommel
Gesang: „Kyrie, Kyrie, Kyrie Eleison..." (Herr, erbarme Dich unser) (bedrohlich) (Getrommel) (bedrohlicher Krach) („Kyrie..." wird fortwährend wiederholt)
Weitere, tranceartige Steigerung der sich perpetuierlich wiederholenden Musik, die hauptsächlich aus Getrommel und einem musikalischen Sample-Loop besteht. |
In Graduale wird der ideologische
Hintergrund der Schellbach-Platten noch deutlicher:
| „Wenn Du vorwärts willst. Wenn Du
vorwärts willst. Wenn Du vorwärts willst. Wird dieser starke
Glaube Dich tragen. Wird dieser starke Glaube Dich tragen."
„Wenn Du vorwärts willst. Wird dieser
starke Glaube Dich tragen. Wenn Du vorwärts willst. Wird dieser starke
Glaube Dich tragen.
Wenn Du vorwärts willst. Wird dieser
starke Glaube Dich tragen. Wenn Du vorwärts willst, denke daran, mein
Freund (...) nun strebe zum Licht."
„Du kannst alles, was Du willst. Du kannst alles, was Du willst. Wenn Du vorwärts willst, wird dieser starke Glaube Dich tragen. Wenn Du vorwärts willst, wird dieser starke Glaube Dich tragen." |
Extrem hohe weibliche Stimme(n), im
Hintergrund tiefe Männerstimmen:
Si ambulem in medio umbrae mortis non timebo mala quoniam tu mecum es, Domine.
Virga tua et baculus tuus ipsa me consolata sunt.
Si ambulem in medio umbrae mortis non timebo mala quoniam tu mecum es, Domine.(16) |
In Sequentia schlagen die autosuggestiven
Texte der Schellbach-Aufnahmen dann endgültig ins Nazistische um.
Interessanterweise ist „Sequentia, Dies Irae" das musikalisch gefälligste,
das populärste Stück auf „Mars".
„Man assoziiert ein Requiem immer mit
Klage und Trauer. Aber einige der traditionellen lateinischen Requiemtexte
haben wenig mit Trauer zu tun. Statt dessen manifestiert sich in ihnen
eher der uralte katholische Herrschaftsanspruch über die Menschen.
Am deutlichsten kommt das vielleicht im Dies Irae zum Ausdruck.
Dort wird mit der Strafe ewiger Verdammnis gedroht, vor der es kein Entrinnen
gibt. Dort spricht ein Mensch, dessen hervorstechendste Eigenschaft sein
tiefer Schuldkomplex zu sein scheint und dessen dominierende Haltung tatsächlich
die der Unterwerfung ist. In MARS ist das Dies Irae dementsprechend
das am meisten ironisierende Stück: ein greller sakraler ‚Popsong'
mit deutlichen musikalischen Anspielungen auf den ganzen tumben Sektengeist"
(Produktionstagebuch, S. 11).
Einige Textauszüge aus „Sequentia":
„Dies
irae (...) Quantus tremor est futurus, quando judex est venturus,
cuncta stricte discussurus. Tuba, mirum spargens sonum per sepulchra regionum,
coget omnes ante thronum. Mors stupebit et natura, cum resurget creatura,
judicanti responsura. Liber scriptus proferetur, in quo totum continetur,
unde mundus judicetur (...) Quid sum miser tunc dicturus? Quem patronum
rogaturus, cum vix justus sit securus? (...) Inter oves locum praesta,
et ab haedis me sequestra, statuens in parte dextra. Oro supplex et acclinis,
cor contritum quasi cinis: Gere curam mei finis."(17)
Die „Gerechtigkeit Gottes" wird hier als
grausames Gericht dargestellt, vor dem auch der Gläubige nur erschauern
kann. Dazwischen hören wir immer wieder Samples der Schellbach-Aufnahmen,
die diesen Eindruck unterstreichen. Einige Passagen des fast sieben Minuten
langen „Sequentia" will ich noch einmal grafisch darstellen. Wie bei den
vorangegangenen Beispielen habe ich versucht, die Text- und Musikbeschreibungen
grob in der zeitlichen Abfolge oder auch Parallelität vor Augen zu
führen, die „Zeitleiste" geht von oben nach unten:
Sequentia
| Samples Gleich zu Beginn:
„Nur als besserer und höherer Mensch
hast Du Daseinsberechtigung. Sonst bist Du faul und krank und verdienst
den Untergang."
„Ein tiefes heiliges Gefühl muß
Dich erfassen. Ein tiefes heiliges Gefühl muß Dich erfassen."
„Ein tiefes heiliges Gefühl muß Dich erfassen. Ein tiefes heiliges Gefühl muß Dich erfassen. Ein Gefühl, daß Du innerlich viel viel größer bist und viel viel mehr bist, als ein vergänglicher äußerer Mensch." |
Gesang
keine Musik, kein Gesang
Unmittelbar nach diesem Schellbach-Zitat
hören wir Krach, Geschrei: einen krassen Bruch. Sofort setzt auch
der Gesang mit den oben auszugsweise zitierten Texten ein. Er ist zunächst
sehr offensiv, eine Mischung aus ängstlich und aggressiv vielleicht,
wird aber gerade dadurch zunehmend dramatischer, daß sich die Stimmen
der Sängerinnen in unglaubliche Höhen schrauben, immer verzweifelter.
Die Musik ist bedrohlich im Hintergrund, läßt sich aber kaum
mit Worten beschreiben. Alles zusammen erzeugt eine Atmosphäre großer
Existenzialität.
Getrommel, die Frauenstimmen wie Echos
Pie Jesu Domine, dona eis requiem. (...) Confutatis maledictis, flammis acribus addictis: Voca me cum benedictis.
Lacrimosa dies illa, qua resurget ex favilla judicandus homo reus.
Getrommel, die Frauenstimmen wie verklingende
Echos
Pie Jesu Domine, dona eis requiem(18)(immer wieder, bis zum Ende, dazu laute Trommelschläge) |
4. Beurteilung
Helga Pogatschar hat mit dem „Mars Requiem" ein schlüssiges, musikalisch wie inhaltlich wertvolles Werk zur Auseinandersetzung mit „Sprachmagie", mit der Thematik des Beschwörens und des Beschwört-Werdens, vorgelegt. Es ist meiner Meinung nach in sich stimmiger als das Werk von „Qntal", da die wechselseitigen Verweise (zunächst) verschiedener Thematiken bzw. Epochen bei Pogatschar weniger unter dem Manko der A-Historizität leiden. Ihr und den Beteiligten MusikerInnen gelingt eine kritische Auseinandersetzung sowohl mit nazistischer Autosuggestion als auch mit kirchlichen Ritualen und Beschwörungen: verstörend, zum Nachdenken anregend. Durch die klaren Worte im Booklet der CD ist jegliche Affirmation von vorne herein unmöglich gemacht. Und auch die musikalische Umsetzung bietet, obwohl ich die CD durchaus gerne höre, keinen Raum für eine positive Bezugnahme - ganz im Gegensatz etwa zu Death In Junes „Runes And Men". Dazu ist die Musik im „Mars Requiem" zu gebrochen; - kein einziges Stück der CD hat den Charakter eines „Pop-Songs" (erinnern wir uns an Rose McDowells „Lalala" im Hintergrund von „Runes And Men" - hier wurde offensichtlich versucht, einen zu kreieren).
Helga Pogatschar rettet durch das „Mars
Requiem" einen Zusammenhang, der in den letzten Jahren in der schwarzen
Szene absolut zu kurz gekommen ist: den zwischen Dark Wave und Aufklärung,
zwischen Musik und Emanzipation!
Worauf ich - neben der Alltäglichkeit
des Umgangs mit magischen und mystischen Themen in der Dark Wave-Szene
- auch hinweisen wollte, ist, wie problematisch und auch gefährlich
ein vermeintlich „esoterischer" Zugang zu Magie und Mystik wie im Falle
Death In June sein kann. Schließlich sind die historischen Verbindungen
zwischen Magie und Reaktion nicht zu leugnen (s. Grufties gegen Rechts...,
a. a. O.).
Schön, daß es noch solche KünstlerInnen
wie Qntal und Pogatschar in der schwarzen Szene gibt, die durch einen reflektierten
Umgang mit Magie, Beschwörungen und Ritualen die Thematik retten,
ohne die Problematik zu verharmlosen.
Wie schrieb ein Michael Göttel in
einem Leserbrief an das Musik-Magazin Zillo bezüglich der Problematik
Rechtsextremer in der Dark Wave-Szene so schön:
„Nicht die Beschäftigung mit Abseitigem,
Häretischem und Tabuisiertem rückt einen in eine bräunliche
Ecke, sondern die unreflektierte und kritiklose Wiedergabe und Überhöhung
kruden völkischen Gedankenguts" (a. a. O.).
Danksagung
Ohne die inhaltliche und praktische Unterstützung
von Abousoufiane, Charly, David, Inka, Kerstin und Markus wäre diese
Hausarbeit niemals fertig geworden...
Literatur
Zur Geschichte des Punk:
Martin Büsser: If The Kids Are United. Von Punk zu Hardcore und zurück, Dreiecks-Verlag Jens Neumann, Mainz 1995
Greil Marcus: Im faschistischen Badezimmer.
Punk unter Reagan, Thatcher und Kohl 1977 bis 1994, Rogner & Bernhard
bei Zweitausendeins, Hamburg 1994
Zu den Kapiteln I. 1.1, I. 1. 2 und I.1.3 (Entstehung der Gothic-, Dark-Wave- und Electro / EBM - Szene):
Deborah Curtis: Aus der Ferne... Ian Curtis und Joy Division, 1995, Die Gestalten Verlag, Berlin 1996
Pete Frame: The Complete Rock Family Trees, Edition Olms, Zürich 1979 /1994
Ray Stevenson's: Siouxsie And The Banshees. Photo Book, Symbiosis, London 1983
Dave Thompson & Jo-Ann Greene: The
Cure. Biographie, 1988 (Omnibus Press), Moewig KG, Rastatt 1989
Einen guten Einblick in die Zeit Anfang der 80er, als Punk und Wave selbst in der deutschen Provinz richtig wichtig für das Leben vieler Jugendlicher waren, bietet:
Silvia Szymanski: Chemische Reinigung.
Roman, Reclam Verlag Leipzig 1998
Zeitschriftenartikel (Auswahl)
„New Musick - The Ice Queen", in:
„SOUNDS", 3. Dezember 1977, UK
„The History Of Gothic", Part 1, in:
„Orkus" Nr. 12 / 1, Dezember 1999 / Januar 2000, S. 22 - 29
„The History Of Gothic", Part 3, in:
„Orkus" Nr. 3, März 2000, S.
84 - 88
Fanzines (Auswahl)
„The Bat Cave. A History - Special", in:
„Goth's Not Dead!", Ausgabe 4 (Sommer 1996), Hamburg / Bargteheide, S. 24 - 28
„Virgin Prunes", in:
„Goth's Not Dead! Gothic- & Underground-Magazine", Ausgabe 7 (Herbst 1997), Hamburg / Bargteheide, S. 28 - 30
„Die Gothic Novel", in:
„Cavity. Magazine for Goth Culture", Ausgabe 2 (Februar 1999), Oldenburg, S. 43 - 44
Verschiedene Artikel, u. a. „Sex Gang Children"-Interview und Bericht, „Cinema Strange" und Filmkritik „Blair Witch Project" in:
„Cavity. Magazine for Goth Culture",
Ausgabe 3 (Januar 2000), Oldenburg 2000
Tonträger (Auswahl)
LP: Various Artists: This Is Electronic Body Music (1989)
LP: Die Goldenen Zitronen: Porsche, Genscher, HSV (1987)
(mit „Für immer Punk")
...sowie unzählige weitere Schallplatten
der erwähnten KünstlerInnen und Zeitschriftenartikel über
diese...
Zu Kapitel I. 1. 4. (Industrial):
V. Vale / Andrea Juno (Hg.): Industrial Culture Handbook, Re-Search Nr. 6/7, San Francisco 1983, 1. Auflage
Zum Thema des rechtsextremen „Kulturkampfes" in der schwarzen Szene (Kapitel I. 1. 5. und I. 2.):
Grufties gegen Rechts / Music for a new society: Die Geister, die ich rief... (Ausgabe 2, Juni 2000), Broschüre, Bremen Juni 2000
Zu den Kapiteln I. 1. 6., I. 2. und I. 3. (Szene allgemein):
Klaus Farin (Hg.): Die Gothics, Archiv der Jugendkulturen, Verlag Thomas Tilsner, Bad Tölz 1999
Jennifer Oonk: Musikalische Lebenswelten Jugendlicher: Gothic, Vorabversion einer Diplom-Arbeit, Studiengang Sozialpädagogik, Fachhochschule Bremen, 1999
Artikel
Alfred Schobert: Auf Teufel komm raus, aus der Internet-Bibliothek des Duisburger Instituts für Sprach- und Sozialforschung, erstmals erschienen in „Deutsche Lehrerzeitung", 1997
...sowie Berge von Zeitschriften und
persönliche Erinnerungen und Erfahrungen in und mit der schwarzen
Szene...
Webpages (Auswahl)
Gothics in Bremen (D):
www.bremen.cc (unter „Chagall", „Geistertanz" und „Der Schrei")
Gothics in Chicago (USA):
Goths Against Hate (Toronto, Kanada):
http://insidetoronto.com/freakgoddess/gah/html
Literaturtips (Auswahl)
H. P. Lovecraft: Cthulhu. Geistergeschichten, Phantastische Bibliothek, Band 19, Suhrkamp, 4. Auflage, Ulm 1963 / 1977
Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra, Wilhelm Goldmann Verlag, München, o. J.
Edgar Allen Poe: Grube und Pendel (und andere Erzählungen), insel taschenbuch 362, Insel Verlag, Leipzig / Frankfurt am Main 1979
u. v. m.
Zu Kapitel II. (Sprachmagie und Theorien des Sampling):
Max Annas / Ralph Christoph (Hg.): Neue Soundtracks für den Volksempfänger. Nazirock, Jugendkultur & rechter Mainstream, Edition ID-Archiv, Berlin - Amsterdam 1993
Jochen Bonz: Meinecke Mayer. Musik erzählt, Verlag INTRO, Osnabrück 1998
Dietrich Diederichsen: Hören, Wiederhören, Zitieren, in SPEX Nr. 1 / 97
Ders.: Sexbeat: 1972 bis heute, Kiepenheuer & Witsch, Köln 1985
Grufties gegen Rechts / Music for a new society: Die Geister, die ich rief..., a. a. O.
LP: Christian Death: The Scriptures, Normal Records 1987
CD: London After Midnight: Selected
Scenes From The End Of The World, EFA 1995
Zu Kapitel II. 1. (Qntal):
CD: Qntal - Qntal II, Gymnastic Records - CLASSX, München 1995
„Aufstand in der Stadt der Engel"
in der Zeitschrift: wildcat, Nr.
59 (Juni 1992), Sisina-Verlag, Berlin 1992, S. 32 - 35
Zu Kapitel II. 2. (Death In June):
David V. Barrett: Runen und was sie bedeuten, Kleine Orakelkunde, Flechsig Verlag Würzburg 1995
Grufties gegen Rechts / Music for a new society: Die Geister, die ich rief..., a. a. O., S. 39 - 47
Picture-LP: Death In June - The Brown
Book, World Serpent 1987
Zum Kapitel II. 3. (Helga Pogatschar):
CD: Helga Pogatschar - Marsrequiem,
Gymnastic Records, München 1995
Sonstiges
Meyers Grosses Handlexikon, 19.,
neu bearbeitete Auflage, Meyers Lexikonverlag, Mannheim-Leipzig-Wien-Zürich
1997
Länderabkürzungen
UK= Großbritannien
US= USA
CAN= Kanada
D = Deutschland
B = Belgien
Dies war eine Hausarbeit
von Kersten aus dem Seminar "Sprachmagie" im Magister-Nebenfach Germanistik
(Literatur- u. Sprachwissenschaften) bei Monika Unzeitig
aus dem Wintersemester 2000
/ 01 an der Uni Bremen.
Kommentare, Anmerkungen und Kritik an Webslave Magenta Netzwerk:
Magenta.Netzwerk@gmx.de
Fußnoten:
1. Schwarze Musik: Nicht zu verwechseln mit der sogenannten „Black Music", also der hauptsächlich von Afro-AmerikanerInnen entwickelten und gespielten Musik des Blues, Soul, Jazz, Funk, Hip-Hop und House. Gemeint sind vielmehr sämtliche in der Dark Wave-Szene gespielten und gehörten Spielarten düsterer Musik. Eine englische Entsprechung des Begriffes existiert folgerichtig nicht und ich plädiere dafür, ihn - im Gegensatz zum Terminus der „schwarzen Szene" - zu vermeiden, da Pop-Musik als internationales Phänomen diesen Begriff seit langer Zeit und zu Recht durch afro-amerikanische Musik besetzt.
2. Grufties: diese Bezeichnung ist nicht unumstritten innerhalb der „schwarzen Szene". Als von außen auf die Szene gemünzter Begriff fand er dennoch große Verbreitung auch in der Szene selbst, gilt in manchen Regionen aber beinahe als Schimpfwort. Die Hamburger Punk-Band Die Goldenen Zitronen singt - unter Beteiligung der Gothic-Sängerin Anja von X-Mal Deutschland - in ihrem Song „Für immer Punk" (a. a. O.): „...sollen Deine Kinder alle Grufties werden, für immer, für immer?". Die „Grufties gegen Rechts" tragen es gelassen und sehen die Selbstbezichtigung als Zeichen für ihren sich-selbst-nicht-zu-wichtig-nehmenden Humor...
3. Punk-Rebellion: siehe dazu die Literaturhinweise im Anhang. Auslöser für die Punk-Revolte waren neben v. a. eine langweilig, weil stachellos und kommerziell gewordene Rock-Musik, die mit der Realität und dem Alltag der meisten Jugendlichen nichts mehr zu tun hatte, eine für damalige Verhältnisse hohe (Jugend-) Arbeitslosigkeit sowie die Krise der klassischen, spießig gewordenen Linken und der weltfremd gewordenen Hippie-Bewegung. Historische Bezugspunkte waren u. a. DADA und der Situationismus.
4. New Wave: Auch dieser Begriff findet eine sehr breitgefächerte Verwendung. Zeitweise galten beinahe sämtliche neueren Bands, die wie der Punk mit dem Bombast-, Art- und Hard-Rock der 70er Jahre (gemeint sind ganze Fußballstadien füllende, millionenschwere Bands wie Pink Floyd; Yes; Emerson, Lake & Palmer; Deep Purple usw.) gebrochen hatten, als New Wave, darunter so unterschiedliche Bands wie Blondie, Talking Heads, The Police, B 52's, The Boomtown Rats usw. usf.
5. Gothic Novels: literarische Gattung des anglo-amerikanischen Sprachraums: Schauergeschichten á la Edgar Allen Poe („Der Untergang des Hauses Usher", „Die Maske des roten Todes"), Mary W. Shelley („Frankenstein") oder Bram Stoker („Dracula"). Klassische Kulissen solcher Geschichten sind Burgen, Schlösser, Friedhöfe sowie verlassene Häuser und Ruinen.
6. Glam Rock: Rock-Musik von (ausschließlich männlichen) Musikern mit glamourösem, häufig „tuntigem" bzw. androgynem Erscheinungsbild. Glitzernde Kostüme, Schminke und Plateau-Absätze sind damit für Männer Anfang der 70er Jahre hip geworden. Neben David Bowie und T. Rex können auch die frühen Queen hier eingeordnet werden. Bedeutsam für die Bat Cave-Bewegung war auch der schon in den 70er Jahren mit Grusel- und Horror-Elementen arbeitende Alice Cooper, dessen Klassiker „School's Out" eines der ersten Stücke war, die von Alien Sex Fiend aufgenommen wurden.
7. Neue Deutsche Todeskunst: etwas scherzhafte Bezeichnung für die morbiden, aber auch selbstmitleidigen Texte und Aufführungen von Bands wie Goethes Erben, Das Ich oder dem Schweizer Lacrimosa, die Anfang der 90er Jahre in den deutschsprachigen Ländern ungeheure Popularität erlangten.
8. Metal: Fortentwicklung des sog. Hard Rock der 70er Jahre.
9. Rollenspiele:Aus dem Genre der Fantasy-Literatur entstanden. Die SpielerInnen schlüpfen mit Verkleidungen in die Rollen von Phantasie-Figuren wie Zauberern, Elfen, Kriegern usw. und spielen in einer Art lebensechtem Theaterspiel die Abenteuer der Fantasy-Literatur nach. Einige orientieren sich dabei an Büchern, andere lösen sich von solchen Vorgaben. Umso echter die Rolle nachempfunden wird und umso ausgefeilter die Köstume, der Sprachduktus und die Orte, an denen gespielt wird, sind, desto besser.
10. Kulturkampf: Dieser Begriff geht ursprünglich auf Bismarck zurück. Wer sich für den von Seiten einiger „Neuer Rechter" Anfang der 90er Jahre ausgerufenen „Kulturkampf" in der Pop-Musik, insbesondere in der Dark Wave - Szene, interessiert, möge meinen Artikel „Der rechte Kulturkampf - Von braunen Schreibtischen in die Schwarze Szene" in der Broschüre der „Grufties gegen Rechts / Music for a new society" (a. a. O., S. 5 - 10) lesen.
11. Gothic-Geist: Trotz aller Unterschiedlichkeit der Szene halte ich die von den kanadischen „Goths Against Hate" (http://insidetoronto.com/freakgoddess/gah.html) postulierten Ansprüche für vorbildhaft und authentisch. Sie beeinhalten insbesondere ein Diskriminierungsverbot, Gewaltfreiheit und Toleranz („Freedom of speech, choice and expression. Equality in gender, sex, race, religion, orientation. Respecting life: animal, vegetable and human"). Die „Grufties gegen Rechts / Music for a new society" zählen auch das Recht auf freie Wahl des Wohnortes zu ihren Ansprüchen an eine tolerante Goth-Szene und weisen damit jegliche Idee von „Ausländergesetzen" oder Abschiebungen zurück (a. a. O., S. 4).
12. Satanismus: Ein bahnbrechender Artikel zum Thema „Gothics und Satanismus" jenseits interessierter Klischees von Seiten u. a. der katholischen Kirche ist der Text „Auf Teufel komm raus" des Sozialwissenschaftlers Alfred Schobert (a. a. O.). Hier wird der Satanismus als ‚Bastard des Katholizismus' kritisiert und „erzkonservativen Kreisen" im Zuge ihrer „Wertekulturpolitik"ein Interesse an der Satanshysterie unterstellt.
13. „Falls aber Rache, Gier, Zorn und Haß Symptome sind, unter denen Du leidest, für die Du Magie benötigst, um Deine selbstsüchtigen und eigennützigen Unzulänglichkeiten zu befriedigen, dann ist Schwarze Magie Dein Werkzeug. Und so sind auch die Konsequenzen, die ich nicht empfehlen kann" (a. a. O.)
14. Samples: (kurze) Einspielungen von Tondokumenten in der Pop-Musik, unabhängig davon, ob es sich um historische, geschichtliche, politische, religiöse etc. oder musikalische Dokumente (Ausschnitte anderer Musik-Stücke etwa) handelt.
15. Wenngleich
an diesen Formulierungen auch Kritik ansetzen kann:
Wieso wird hier der Holocaust - als grausamstes aller Verbrechen des 20. Jahrhunderts - im Gegensatz zu den Atombomben nicht explizit thematisiert? Daß es sich hierbei nicht um eine bewußte Verdrängung handelt, zeigt sich allerdings daran, daß Alexander Zimmermann mit dem Verweis auf die Shoah und den Talmud sein Produktionstagebuch schließt.
16. Graduale
(deutsche Übersetzung):
Muß ich auch wandern inmitten
des Todesschattens, ich fürchte kein
Unheil, denn Du bist bei
mir, Herr.
Dein Stock und Dein Stab trösten
mich.
Muß ich auch wandern inmitten des
Todesschattens, ich fürchte kein
Unheil, denn Du bist bei mir, Herr.
Tag der Rache (...)
Welch ein Graus wird sein und Zagen,
Wenn der Richter kommt, mit Fragen
streng zu prüfen alle
Klagen.
Laut wird die Posaune klingen,
Durch der Erde Gräber dringen,
Alle hin zum Throne zwingen.
Schaudernd sehen Tod und Leben
Sich die Kreatur erheben,
Rechenschaft dem Herrn zu
geben.
Und ein Buch wird aufgeschlagen,
Treu darin sind eingetragen
Alle Schuld aus Erdentagen
(...)
Weh! Was werd ich Armer sagen?
Welchen Anwalt mir erfragen,
Wenn Gerechte selbst verzagen?
(...)
Bei den Schafen gib mir Weide,
Von der Böcke Schar mich scheide,
Stell mich auf die rechte
Seite.
Schuldgebeugt ich zu Dir schreie,
Tief zerknirscht in Herzensreue,
Sel'ges Ende mir verleihe. (...)
18. Übersetzung:
Milder Jesus, Herrscher Du, schenk den Toten ew'ge Ruh. (...) Wird die
Hölle ohne Schonung den Verdammten zur Belohnung, ruf mich zu der
Sel'gen Wohnung. Tag der Tränen, Tag der Wehen, da vom Grabe wird
erstehen zum Gericht der Mensch voll Sünden. Milder Jesus, Herrscher
Du, schenk den Toten ew'ge Ruh.
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