Kersten aka Magenta Netzwerk:
Hausarbeit im Projekt-Seminar
"Wenn bei Capri die rote Sonne im Meer versinkt..."
(Mediale Repräsentationen von Zukunft in den 50ern)
bei Inge Marszolek
VAK: 09 – 1055; WS 02 / 03; 2 SWS
Fachbereich 9: Kulturwissenschaft an der Universität Bremen
... denn sie wissen, was sie tun
Rock‘n‘Roll und Klassenkampf im Nachkriegsdeutschland
Inhaltsverzeichnis
I. Prolog
(S. 3)Ein Gespenst geht um... (S. 3)
...eine Welt zu gewinnen! (S. 3)
Ambivalenzen (S. 4)
II. Rock‘n‘Roll und Klassenkampf im Nachkriegsdeutschland
(S. 5)1. Die Halbstarken und die Modernisierung der Arbeiterkultur in den 50ern (S. 6)
2. ArbeiterInnenuntersuchung vs. Frankfurter Schule (S. 6)
3. Cultural Warfare (S. 11)
3. 1. Mopeds, Rollkragen und Diktatur (S. 12)
3. 2. Jailhouse Rock (S. 12)
3. 3. Kultur und Klassenkampf (S. 13)
3. 4. The Kids are (not) alright (S. 13)
4. Proletarische Jugend außer Rand und Band.
Klassenverhältnisse & Rock‘n’Roll (S. 15)
5. Soziusmiezen und flotte Bräute.
Geschlechterverhältnisse zwischen Machotum und Emanzipation (S. 16)
6. Bravo Amerika!
Amerikanisierung von unten gegen Volksgemeinschaft (S. 21)
7. Mit Knüppel, Pfeil und Bogen.
Über die Gewalt (S. 23)
8. Levi‘s - Jeans und Cowboy-Stiefel.
Der Übergang vom Klassen- zum Markenbewußtsein (S. 24)
9. My Generation und die andere (S. 25)
10. Roll Over The Nazis.
Das Verhältnis zum NS (S. 26)
III. Exkurs:
Gesellschaftsstruktur in der Bundesrepublik Deutschland der 50er Jahre (S. 28)
1. Was waren die Fünfziger?
"Restauration" zwischen Modernisierung und Konservatismus (S. 28)
2. Von der "Währungsreform" zum "Wirtschaftswunder".
Über die ökonomischen Verhältnisse (S. 31)
3. Strukturwandel der Sozialstruktur (S. 32)
3. 1. Wohnsituation, geographische Mobilität & Migration (S. 32)
3. 2. Work Work Work. Klassenlagen und Geschlechterverhältnisse (S. 34)
3. 2. 1. Trend zur Arbeit (S. 34)
3. 2. 2. Anstieg der Frauen-Lohnarbeit (S. 35)
3. 2. 3. Bedeutungsverlust des "primären Sektors" zugunsten des sekundären, v. a. aber
des tertiären Sektors (S. 36)
3. 3. Bildungswesen (S. 36)
4. Freizeit & Freizeitverhalten (S. 37)
4. 1. 1. Arbeitszeiten & Freizeit (S. 37)
4. 1. 2. Wohnen, Haushalt, Familie (S. 39)
4. 1. 3. Finanzielle Situation (S. 41)
4. 2. Konsumverhalten (S. 41)
4. 3. Freizeitverhalten (S. 44)
4. 3. 1. Allgemeines Freizeitverhalten (Gesamtbevölkerung) (S. 44)
4. 3. 2. Freizeitverhalten der Jugendlichen (S. 45)
4. 3. 2. 1. Jugendbilder der 50er Jahre (S. 46)
4. 3. 2. 2. Rahmenbedingungen jugendlichen Freizeitverhaltens (S. 46)
4. 3. 2. 3. Umrisse jugendlichen Freizeitverhaltens (S. 49)
IV. Fazit
(S. 55)V. Kritik (S. 58)
VI. Epilog (S. 60)
VII. Verwendete Literatur (S. 62)
Artikel und Zeitschriften (S. 64)
Musik (S. 64)
Filme (S. 65)
I. Prolog
Ein Gespenst geht um...
Ich mag sie nicht. Die lärmenden, sich ewig breit machenden, in der Vor-, Spät- oder Dauer-Pubertät steckenden Burschen, die sich in öffentlichen Verkehrsmitteln, vor und in Discotheken oder Kneipen, meist aber auf der Straße, aufspielen, als ob die Welt ihnen gehöre und sonst gar niemandem. Nicht nur, daß es absurd wäre, wenn sie glaubten, die Welt gehöre ihnen. Da hätten sie sich freilich geirrt (und das wissen sie wohl nur zu gut). Dennoch: natürlich gehört ihnen die Welt, jedenfalls temporär in der Straßenbahn, bei Fußballspielen oder zu Freimarkt-Zeiten. Dann nämlich, wenn sie sich dermaßen "beschissen" aufspielen, daß jedes Gespräch ohne ihre Beteiligung zwangsläufig verstummt und jeder Versuch, sich seinen eigenen Gedanken oder Tätigkeiten zu widmen, zum Scheitern verurteilt ist. Ich mag sie nicht, weil sie häufig dummes Zeug reden, latent aggressiv, rassistisch (auch / selbst die MigrantInnen unter ihnen), sexistisch und / oder homophob sind, ergo, weil ich sie meist gräßlich dumm finde. Dumm und aggressiv, keine gute Mischung. Man fragt sich doch jedesmal, ob man diese Balgen nicht wenigstens vorübergehend aus dem Verkehr ziehen könnte.
...eine Welt zu gewinnen!
"Hinter der Barrikade kann viel Edles und Heroisches stehen. Aber was steht hinter dem Leitartikel als Vorurteil, Dummheit, Heuchelei und Geschwätz?
"(Oscar Wilde, a. a. O.)
Und dennoch: wenn ich in jemanden die Hoffnung auf eine bessere Welt stecken würde, dann wären es eher (mutmaßlich) proletarische Jugendliche, Fußballfans, Cliquen, Szenen oder "Gangs" als beispielsweise irgend ein Student. How come?
Ich "liebe" sie: Türkische Kids gegen Berliner "Bullen"... steinewerfende Jugendliche, brennende Barrikaden und Riots... sich mit Neonazis kloppende Jugendliche... junge Frauen mit "frecher Klappe"... Punker, die Gullideckel in Schaufenster schmeißen... streikende ArbeiterInnen... besoffene Frauen, die ihren Kerl zur Sau zu machen... Junkies, die sich mit Straßenbahnkontrolleuren anlegen... die Drogen verkaufenden "Eckensteher" an der Sielwallkreuzung... sogar die 16-jährigen HipHopper, die mir nachts um drei mit ziemlich lächerlichen Methoden 5-Euro abknöpfen, mit dem fadenscheinigen Argument, mir dafür Haschisch zu kaufen und dann - natürlich - einfach wegrennen... lachend, triumphierend, über soviel (von meiner) Dummheit. Ich liebe sie. Ich liebe sie, weil sie die öffentliche Ordnung durchbrechen, durcheinanderbringen, wenigstens für Momente. Selbst wenn sie mich um mein wohlverdientes Ganja prellen.
Ambivalenzen
Ich glaube, es geht letztlich um die gleichen Leute. Es geht um Klassenkampf, Männlichkeit, Pubertät, "Jugend" und "erwachsene" Gesellschaft, um Geschlechterbeziehungen, Öffentlichkeit, um Sprechen-können und Sprechen-wollen, zum-Sprechen-kommen, Verstummen-lassen, Selbst-Verstummen. Um Artikulation und Sprachlosigkeit. Um Auf-Begehren und Nieder-Schläge...
... denn sie wissen, was sie tun
II. Rock‘n‘Roll und Klassenkampf im Nachkriegsdeutschland
1. Die Halbstarken und die Modernisierung der Arbeiterkultur in den 50ern
Genau darum geht es auch in Kaspar Maases Untersuchung "Rhythmus hinter Gittern - Die Halbstarken und die innere Modernisierung der Arbeiterkultur in den fünfziger Jahren". Erschienen ist der Text in einem von Andreas Kuntz (a. a. O.) herausgegebenen Sammelband der 6. Tagung der kommunistischen Arbeiterkultur an der Otto-Friedrich-Universität in Bamberg (1992) über "Arbeiterkulturen". Der Untertitel "Vorbei das Elend - aus der Traum?" signalisiert, daß hier der Versuch einer Neubestimmung proletarischer Wirklichkeiten und der Möglichkeiten zur Gesellschaftsveränderung gemacht wird.
Es war eine Zeit, in der es an Abgesängen auf das Proletariat und den Sozialismus wahrlich nicht mangelte. Umso erfreulicher der Text von Kaspar Maase, da er dem Zeitgeist zum Trotz noch so etwas wie "Klassenlagen" und "proletarische Wirklichkeiten" benennt. Es handelt sich dabei um eine Untersuchung über das Leben und Wirken der sogenannten Halbstarken in den fünfziger Jahren. Maase hat reichlich Material verarbeitet und Interviews, Statistiken, Literatur, Aussagen von Zeitzeugen, Presseberichte, Kultur- und Gesellschaftstheorien ausgewertet, verglichen und auf ihre Brauchbarkeit überprüft. Da (nicht nur) in Deutschland jeder Blick auf linke Nachkriegsgeschichte, auf Revolten und Rebellionen vom allgegenwärtigen Zeitzeichen des Jahres 1968 erdrückt wird, ist es erfreulich, wenn er sich dieser weitaus proletarischer geprägten und vielleicht auch deshalb unterbelichteten Bewegung widmet.
2. ArbeiterInnenuntersuchung vs. Frankfurter Schule
Zunächst kritisiert er Horkheimers und Adornos "Kulturindustrie"-These aus der "Dialektik der Aufklärung" ("Kulturindustrie. Aufklärung als Massenbetrug", in: Horkheimer / Adorno, a. a. O., S. 128 - 176). An dieser "materialistischen Theorie der Kultur" (Klein, a. a. O., S. 24) haben sich schon viele Intellektuelle die Zähne ausgebissen, weshalb ein erneuter Blick auf die zentralen Gedanken und die Genese der Theorie durchaus lohnen. Herbert Marcuse kennzeichnete den "affirmativen Charakter der Kultur" (Marcuse, a. a. O., S. 56) bereits in den 30er Jahren als "die Behauptung einer allgemein verpflichtenden, unbedingt zu bejahenden, ewig besseren, wertvolleren Welt, welche von der tatsächlichen Welt des alltäglichen Daseinskampfes wesentlich verschieden ist, die aber jedes Individuum ‚von innen her‘, ohne jede Tatsächlichkeit zu verändern, für sich realisieren kann" (ebd., S. 63, Hervorh. K.). Die Frankfurter Schule radikalisierte unter dem Eindruck der 40er Jahre ("Omnipräsenz von Radio und Kino und deren schamlose Ausnutzung durch die nationalsozialistische Propaganda sowie im amerikanischen Exil die Erfahrung, daß Kino, Werbung und TV in der Alltagskultur des ‚freien Amerika‘ allgegenwärtig waren", Klein, a. a. O., S. 25) ihre Theorie. Was als Erweiterung des Kulturbegriffes, als "Ausdruck des Spannungsverhältnisses von technologischer Entwicklung und ökonomischer Struktur, oder marxistisch ausgedrückt: der Dialektik von Produktivkräften und Produktionsverhältnissen" (ebd.) und damit als "Analyse der Beziehung von materieller und geistiger Kultur" (ebd.), begonnen hatte, fokussierte sich nun auf den "Nachweis einer politischen Totalisierung von Ökonomie und Kultur" (ebd.). Damit war die - unbestritten sich vollziehende - "industrielle Vereinnahmung der kulturellen Sphäre" (ebd.) gemeint, welche "die Bildung autonomer, selbständiger, bewußt urteilender und sich entscheidender Individuen" (Adorno: Résumé über Kulturindustrie, nach: Klein, a. a. O., S. 26) verhindere.
Und genau hier beginnen sich die "Geister" zu streiten. Es ist nämlich umstritten, ob "diese Entindividualisierung" (Klein, ebd.) tatsächlich signifikant ist und wenn ja, ob sie treffend gekennzeichnet ist durch das Diktum, "die Kulturindustrie (mache) die Menschen zu Massen, um sie dann als Massenmenschen zu verachten und sie zugleich an ihrer individuellen und kollektiven Emanzipation, zu der sie historisch reif wären, zu hindern" (ebd.).
Meines Erachtens haben Horkheimer / Adorno eine treffende Beschreibung und Kritik der Mechanismen kultureller Produktion im "Spätkapitalismus" vorgelegt, der auch und gerade in ihrer Radikalität zuzustimmen ist:
-"Kultur heute schlägt alles mit Ähnlichkeit" (Horkheimer / Adorno, a. a. O., S. 128)
- "Die Wahrheit, daß sie nichts sind als Geschäft, verwenden sie als Ideologie, die den Schund legitimieren soll, den sie vorsätzlich herstellen" (ebd., S. 129)
- "Autos, Bomben und Film" (ebd.)
- "Für alle ist etwas vorgesehen, damit keiner ausweichen kann" (ebd., S. 131)
- "Was widersteht, darf überleben nur, indem es sich eingliedert" (ebd., S. 140)
- "Die Unverschämtheit der rhetorischen Frage, ‚Was wollen die Leute haben!‘ besteht darin, daß sie auf dieselben Leute als denkende Subjekte sich beruft, die der Subjektivität zu entwöhnen ihre (gemeint: der Kulturindustrie, K.) spezifische Aufgabe darstellt" (ebd., S. 153)
- "Die Industrie ist an den Menschen bloß als an ihren Kunden und Angestellten interessiert" (ebd., S. 155)
- "es wird gleichsam zu jedem Ton der Symphonie noch die sublime Reklame beigegeben, daß die Symphonie nicht durch Reklame unterbrochen wird" (ebd., S. 168)
- "personality bedeutet ihnen kaum mehr etwas anderes als blendend weiße Zähne und Freiheit von Achselschweiß und Emotionen" (S. 176),
Diese Kritik ist so "richtig", daß sie längst Eingang in die Kulturindustrie selbst gefunden hat! Von Bob Dylan bis zu Punk, im Protestsong und auf Konzerten, im ewigen Bemühen um Authentizität (ich kenne keine Subkultur, in der das Wort "true" nicht positiv besetzt ist) kommt dies seit Dekaden zum Ausdruck. Auch und gerade das tendenzielle Scheitern aller den beiden "grauen" Herren nachfolgender Bemühungen - von den Hippies über die Punx zu Independent oder Grunge - um eine widerständige, revolutionäre oder auch nur von der Kulturindustrie "unabhängige" Subkultur zeigt die Richtigkeit dieser materialistischen Analyse. Tatsächlich sind alle oben genannten Aussagen immer noch und mehr denn je zutreffend auf den Punkt gebracht.
Strittig wird es hingegen bei der Frage danach, wie die Konsumgüter, die Produkte der Kulturindustrie rezipiert werden. Das "Zauberwort" hierfür lautet: "Aneignung" (vgl. Klein, a. a. O., S. 29 ff.). Es ist nämlich keineswegs ausgemacht, ob auch folgende Zitate aus der "Dialektik der Aufklärung" zutreffen:
- "Jede Spur von Spontaneität des Publikums (...) wird (...) gesteuert und absorbiert" (Horkheimer / Adorno, a. a. O., S. 130; ich halte diesen Satz für absolut richtig, dennoch bleibt die Frage, ob das "Publikum" das auch (immer) mit sich machen läßt!)
- "Wenn die objektive gesellschaftliche Tendenz in diesem Weltalter sich in den subjektiven dunklen Absichten der Generaldirektoren inkarniert" (ebd.) (lustiger Satz, aber: Verschwörungstheorie!)
- "der Phantasie und dem Gedanken der Zuschauer keine Dimension mehr übrigläßt, in der sie (...) unkontrolliert (...) abschweifen könnten" (ebd., S. 134) (das ist m. E. nicht bei jedem "kulturindustriellen Produkt" ausgemacht)
- "Die Produkte selber (...) lähmen ihrer objektiven Beschaffenheit nach jene Fähigkeiten" (ebd.) (s. o.)
- "Unweigerlich reproduziert jede einzelne Manifestation der Kulturindustrie die Menschen als das, wozu die ganze sie gemacht hat" (ebd., S. 135) (hier – wie auch sonst des öfteren – haben Horkheimer / Adorno nur eine Blickrichtung: die von der Kulturindustrie auf die "Massen", also die vom Kapital zum Proletariat; vgl. Panzieri-Zitat in diesem Text, S. 9 und Anmerkung 11)
- "erfüllt sie höhnisch den Begriff der einheitlichen Kultur" (ebd., S. 139) (dies kann man so sehen; phänotypisch zeigt sich jedoch gerade im Feld der Pop-Musik eine "Tribalisierung", eine Segmentierung in viele unterschiedliche Sub-Kulturen usw. (vgl. Klein, a. a. O.), die man zusammengenommen natürlich – mit Recht – wiederum der Kulturindustrie zuordnen kann; - die "Betroffenen" würden allerdings ebenfalls zu Recht protestieren, sie als "einheitliche Kultur" zusammenzufassen, wo gerade "Distinktion" ihr Hauptbestreben ist)
- "Denn nur der universale Sieg des Rhythmus von mechanischer Produktion und Reproduktion verheißt, daß nichts sich ändert, nichts herauskommt, was nicht paßte" (ebd., S. 142) (wir werden sehen, daß dem nicht unbedingt so ist...)
- "Das Prinzip gebietet, ihm zwar alle Bedürfnisse als von der Kulturindustrie erfüllbare vorzustellen, auf der anderen Seite aber diese Bedürfnisse vorweg so einzurichten, daß er in ihnen sich selbst nur noch als ewigen Konsumenten, als Objekt der Kulturindustrie erfährt" (ebd., S. 150).
Gerade an dem letzten Punkt kann man den Hebel ansetzen, die stringente Kulturindustrie-These aufzubrechen. Denn daß die "Konsumenten" sich immer nur als "Objekte" der Kulturindustrie verhalten, kann man nach den Ereignissen der vergangenen Dekaden nicht gerade behaupten... (vgl. Anmerkung 8 und den folgenden Text).
Im übrigen weigere ich mich mit dem italienischen "Marxisten" Raniero Panzieri einhergehend – und der "Kulturindustrie-These" damit nicht notwendigerweise grundsätzlich widersprechend (da sie eine hochkarätige Analyse kapitalistischer ("Kultur"-) Entwicklung leistet) - ohnehin,
"die Analyse des Entwicklungsstandes der Arbeiterklasse von der Analyse der Entwicklung des Kapitals abzuleiten"
(Raniero Panzieri, in: Pozzoli (Hg.), a. a. O., S. 109, vgl. Anmerkung 11, Hervorh. K.)!
An diesem Punkt setzt auch Kaspar Maase seine Kritik an, wenn er Horkheimer / Adorno vorhält, daß diese die "populären Massenkünste" (Maase, a. a. O., S. 171) eben nicht als "Massenkultur" (ebd.) im Sinne einer modernen Ausprägung von "Volkskunst" (Adorno, nach: ebd.) anerkennt. Dieser völligen Negierung jeglicher Autonomie der RezipientInnen der Produkte der Kulturindustrie im Sinne Horkheimers / Adornos steht er skeptisch gegenüber. Für ihn verdeckt der Ansatz der Frankfurter Schule beispielsweise "Kreativität und Ambivalenzen des Halbstarken-Stils" (ebd.). Denn trotz der massiven Vermittlung der Pop-Kultur durch den Markt mit der notwendigerweise damit einhergehenden "Kommerzialisierung und Fremdbestimmung" (ebd.) interessieren ihn gerade die Handlungsspielräume, die Rezeptionsweisen und die Wirkungsmacht von Pop-Kultur in der Gesellschaft. Er leugnet also nicht die von der Kritischen Theorie analysierten kapitalistisch-totalitären Mechanismen der Kulturindustrie, er hält es aber für verkürzt, dabei stehen zu bleiben und versucht, die Auswirkungen und entstehenden Möglichkeiten zu differenzieren, womit er sich in gedanklicher Nähe zu den angelsächsischen, übrigens ebenfalls "marxistisch" geerdeten cultural studies befindet (vgl. Hebdige, a. a. O.). Für Maase ist es durchaus fruchtbar, Traditionen von "Volkskultur" (Maase, ebd.) auch "durch die Phänomene von Massenkultur hindurch weiterzuverfolgen" (ebd.), auch unter den Bedingungen der kapitalistischen Industriegesellschaft. Im übrigen hätten gerade die "halbstarken Arbeiterjugendlichen" (ebd.) - und das ist zugleich auch seine zentrale These - entscheidenden Anteil an der "inneren Modernisierung" (Wolfgang Kaschuba, nach: ebd.) der westdeutschen Nachkriegsgesellschaft gehabt.
Von diesen Prämissen ausgehend beleuchtet er das Aufkommen der Halbstarken und untersucht sie im Sinne eines (in diesem Fall zwangsweise retrospektiv arbeitenden) Feldforschers, der seine eigene Rolle reflektiert und ansonsten vor allem die Beteiligten selbst und ihre Erfahrungen, Erinnerungen und Sichtweisen ins Blickfeld rückt.
Er steht damit gewissermaßen auch in der Tradition operaistisch-marxistischer ArbeiterInnenuntersuchung, wenngleich er natürlich nicht nachträglich eine teilnehmende oder gar ins Geschehen eingreifende Beobachtung leisten kann. Eine "Klassenanalyse als Klassenkampf" (Romano Alquati) ist es - allein aufgrund der zeitlichen Distanz unmöglich - also nicht.
Aber immerhin untersucht Maase anhand des vorliegenden Materials die realen Verhaltensweisen proletarischer Jugendlicher in den 50ern, weniger ihre Rezeptionsgeschichte. Ein empirischer Ansatz also, wenngleich er auch Ansätze einer Diskursanalyse leistet.
Daß er aller Ambivalenzen zum Trotz auch Partei ergreift, macht den Text sympathisch.
3. Cultural Warfare
"Wer euch die Geschichte des Rock’n’Roll erzählen will, und es unterläßt, das Leben und die Revolten der Jugend zu beschreiben, die den Rock’n’Roll erst zu ihrer Musik machten, der verfälscht die Geschichte"
(Günter Amendt, nach: Lindenberg, a. a. O., S. 3)
3. 1. Mopeds, Rollkragen und Diktatur
"Wenn das bürgerliche Deutschland spürt, daß soziale und kulturelle Umbrüche sich seiner Kontrolle entziehen, dann artikuliert es seine Verunsicherung mit hoher Wahrscheinlichkeit in einer Debatte über die Zunahme von Verbrechen." (Maase, a. a. O., S. 171)
Auch in den Jahren 1955/56, der Hochzeit des westdeutschen Diskurses über die Halbstarken, empfand die Öffentlichkeit eine "allgegenwärtige Bedrohung" (ebd., S.172) durch die "Eckensteher und Unholde" (ebd., S. 171), die im Ruf nach der Todesstrafe kulminieren konnte. In den von Maase zitierten zeitgenössischen Stimmen aus Presse, Pädagogik und Kriminologie findet sich eine Hysterie, in der zwischen "Rock‘n‘Roll" und "Revolution", "überlangen Männerlocken" und "Krawall", "Lebensgier" und "Terror", "Moped fahren" und "Diktatur", "Elvis-Tolle" und "Zerstörungswut", "buntgestreiften Rollkragenpullovern" und "früher Geschlechtsreife" kaum noch Unterschiede gesehen wurden.
In die zeitlose Debatte über die sich anscheinend ewig ausbreitende "Jugendkriminalität" spielte damals neben der Angst vor Delinquenz auch die Furcht vor dem "amerikanisierten" Stil der Jugendlichen hinein. Beides, die Angst vor Amerika und die Angst vor "Verbrechen und Aggressivität" (!) (ebd., S. 172), gesucht bei Jugendlichen mit "buntgestreiften Rollkragenpullovern", kann vor dem Hintergrund der noch bis ca. zehn Jahre zuvor von großen Teilen der deutschen Bevölkerung im NS (und eines noch größeren Teiles, der geschwiegen und / oder mitgemacht hat) begangenen Verbrechen gegen die Menschheit und der darauffolgenden Befreiung, u. a. durch die Amerikaner, nur als Ausdruck verstärkter Projektionsleistungen, von Schuldabwehr und "Volkszorn", verstanden werden; etwa wenn die als linksliberal geltende DIE ZEIT zehn Jahre nach "Hitler" vor einer "Diktatur der Halbstarken" warnte und zum offenen Kampf gegen die Jugendlichen aufrief.
Aus heutiger Sicht muß man ja fast schmunzeln, wenn ausgerechnet die Hitler-verehrende Generation der Volkspalast-Inszenierungen und Massenaufmärsche sich über die "Massenhysterie" auf Rock‘n‘Roll-Konzerten beklagte, weil ggf. ein paar Stühle kaputt gegangen sind.
Vielleicht spiegelte sich im Diskurs über die Halbstarken in seiner ganzen Ratlosigkeit tatsächlich nur eine "diffus empfundene kulturelle Krise" (ebd.), deren Ausdruck die Jugendlichen ja auch selbst waren. Doch im Gegensatz zur Welt der deutschen Erwachsenen, denen im Grunde nichts besseres einfiel, als schon wieder (resp. immer noch!) nach Autorität und starker Hand zu rufen, steckten in den realen Handlungen und Lebenswelten der Halbstarken demokratische Elemente.
3. 2. Jailhouse Rock
Maase macht diese sehr schön an einem fast schon idealtypischen Beispiel fest. Das "Zoospiel" einer Kreuzberger Clique in den 50ern. Das Zoo-Spiel bestand darin, daß die Jugendlichen irgendwelche vorbeilaufenden Erwachsenen schnappten und über Zäune oder Absperrungen hievten, woraus es ohne weiteres kein Entrinnen gab. Dann machten sich die Halbstarken, die damit auch trotzig ihre Stärke unter Beweis stellen wollten (und sei es durch quantitative Überlegenheit), über die eingesperrten Erwachsenen lustig wie über die Affen im Zookäfig. Das war das Zoo-Spiel, und Maase zitiert Quellen, aus denen man schließen kann, daß die Erwachsenen gar nicht so beliebig herausgefischt wurden, sondern mit Vorliebe "Autoritätspersonen" wie Bademeister, Polizisten, Lehrer, Schaffner usw. waren. Den französischen Poststrukturalisten Michel Foucault zitierend sieht Maase hier eine Umkehrung des Blicks der bürgerlichen Disziplinargesellschaft; gegen Macht- und Kontroll-Verhältnisse, gegen "die kleinen Techniken der vielfältigen und überkreuzten Überwachungen, der Blicke, die sehen, ohne gesehen zu werden" (Foucault, a. a. O., S. 221). Diese "lichtscheue Kunst des Lichtes" (Foucault, ebd.) wird nach Maases Einschätzung auch in weiteren (sub-) kulturellen Styles des "Rock‘n‘Roll-Stils" (Maase, a. a. O., S. 175) ad absurdum geführt resp. spielerisch bekämpft: im Kult der Sonnenbrillen, in Marlon Brandos tief ins Gesicht gezogener Mütze, in James Deans zusammengekniffenen, skeptisch auf die Erwachsenen blickenden Augen, aber auch in Form von langen, den eingeforderten "offenen und ehrlichen Blick" verweigernden, ins Gesicht ragenden Haaren (Pony, Elvis-Tolle). Der französische Philosoph müßte eigentlich seine helle Freude an diesem Szenario (gehabt) haben: "Überwachen und Strafen" (Foucault, a. a. O.) auf den Kopf gestellt!
3. 3. Kultur und Klassenkampf
"War auch heut in der Berufsschule wieder ein klarer Sieg für Bill Haley. Ich lach mich krank, wie der Weisheitszahn (...) mit uns Demokratie spielen will, geheime Wahl machen, Zettelchen zum ankreuzen mit CDU, SPD usw. verteilt. Da wußte jeder, was zu machen ist; ich hab’s noch genau im Kopf: 15 Stimmen für Bill Haley, 6 für Elvis, 2 für Fats Domino und eine für die Everly Brothers. Die Alte hat abgeschnallt, wie ich durch die Nase töne: ‚Damit ist es den Everly Brothers wieder einmal nicht gelungen, in den Bundestag einzuziehen!‘" (Rainer Dorner, nach: Lindenberg, a. a. O., S.12)
Die Frage nach dem Zusammenhang von allgegenwärtiger "‚schulmeisterlicher‘ Berufung auf Bildung, Wissen und Erfahrung" (Maase, a. a. O., S. 173) und der Rebellion der Halbstarken durch Übermacht an Quantität und Entschlossenheit läßt sich nicht endgültig klären. Es steht jedoch zu vermuten, daß die Arbeiterjugendlichen im Wissen um die "Bildung" als Selektionsmaschine (dreigliedriges Schulsystem z. B.), als Einrichtung, die soziale Privilegien ermöglicht oder eben Ausgrenzungen verschärft, selbstbewußt ihren Anteil am Gesellschaftskuchen einforderten. Dies wurde sicherlich durch wirtschaftliche und gesamt-gesellschaftliche Entwicklungen begünstigt (Boom, Vollbeschäftigung, gutes Schulwesen, Optimismus usw.; siehe zu diesen allgemeinen Sozialprozessen im West-Deutschland der 50er den diesbezüglichen Exkurs in dieser Arbeit).
Da die "Wortmeldung" der Arbeiterjugendlichen in den 50ern mit einem allgemeinen Anstieg der Kaufkraft der Arbeiterklasse einherging, also auch eine materielle Basis besaß, ist es naheliegend anzunehmen, daß die Halbstarken zumindest instinktiv ahnten, daß es an der Zeit und auch möglich ist, dem Bürgertum die kulturelle Hegemonie abzusprechen. Fakt ist, daß die Halbstarken, indem sie die Güter der Kulturindustrie massenhaft konsumierten, dem Bürgertum die Definitionsmacht über Kultur, Distinktion und das, was man heute als Hipness bezeichnen würde, entrissen haben.
3. 4. The Kids are (not) alright
Erfreulich an Maases Ansatz ist, daß er nicht in den Fehler verfällt, die Verhaltensweisen der Halbstarken zu glorifizieren. Obwohl er ihnen eine progressive, emanzipatorische und modernisierende Rolle zuspricht, "kleistert" er dies nicht mit einem idealistischen Blick auf die Realitäten der Rebellion zu. Um den "verteufelten Jugendlichen gerecht zu werden" (ebd., S.174) müsse man sie nicht idealisieren. Im Gegenteil würden dadurch entscheidende Elemente der Bewegung verdeckt : "Weil man die Halbstarken rehabilitieren wollte, wurden ihre problematischen Züge verharmlost oder ganz ausgeblendet - Züge, die gerade auf die Zugehörigkeit zur Arbeiterkultur verweisen" (ebd.). Maase sieht diese in "Konsumstreben und Technikbegeisterung" (ebd.) (Mopeds, Plattenspieler usw.), "unverhohlener Frauenfeindlichkeit", "Neigung zu Raufhändeln, Gewalttätigkeit und Kleinkriminalität" und in der "extrem autoritären Gruppenstruktur" (ebd.). An dieser Stelle reflektiert er auch seine Rolle als bürgerlicher Wissenschaftler, wenn er sein Unbehagen gegenüber diesen proletarischen Ausprägungen bekundet. Die Grenzen einer solchen Untersuchung seien vorgegeben, dem bürgerlichen Wissenschaftler "ist die Arbeiterkultur nämlich nicht einfach fremd - von ihr stößt er sich ab, um seine Position als Gebildeter zu bestimmen" (ebd.). Arbeiterkultur und "scientific community" (ebd.) seien wie Nord- und Südpol, und - auf den französischen Soziologen Pierre Bourdieu (s. hierzu auch: Rooch, a. a. O.) anspielend - Distinktion "keine Schwäche, die man sich abgewöhnen kann wie das Rauchen, sondern Konstitutionsprinzip des Habitus" (ebd.).
Dennoch kommt er zu der überraschenden These, daß die "autoritären, sexistischen und gewalttätigen Züge" (ebd.) der Halbstarken Bedingung für ihre Rolle bei der Demokratisierung Nachkriegsdeutschlands gewesen seien.
4. Proletarische Jugend außer Rand und Band
Klassenverhältnisse & Rock‘n‘Roll
Sie waren wahrlich keine braven Lämmer. So zog sich vom harten Kern der "Avantgarde der Halbstarken" (ebd., S. 175) mit ihren "Cliquen", "Blasen" und "Clubs" ein "breites Übergangsfeld bis hin zu eindeutig kriminellen Banden" (ebd.). Auch wenn nur ein kleiner Teil dieser Rock‘n‘Roll-Fans wirklich kriminell war, so prägten diese Gruppen die sog. Halbstarkenkrawalle. 350 "‘Halbstarkenexzesse‘" und 113 "‘Großkrawalle‘" (ebd.) mit bis zu 1.500 TeilnehmerInnen zählt die Forschung allein im kurzen Zeitraum der Jahre 1956-58 in der Bundesrepublik und Westberlin. Beteiligt sollen insgesamt 23.000 Jugendliche gewesen sein, davon nur höchstens 10 % Mädchen. Höhepunkt waren die Aufläufe im Ruhrgebiet nach der Aufführung des Bill Haley-Films "Außer Rand und Band - Rock around the clock" (Teil I). Geprägt waren diese Krawalle und Zusammenrottungen von hauptsächlich männlichen Arbeiterjugendlichen: "Un- und Angelernte, Facharbeiter und Lehrlinge stellten über 90% der Aktivisten und 80% der restlichen Krawallbeteiligten" (ebd.). Unter den "Haupttäter(n)" (ebd.) fanden sich gerade mal zu einem Prozent Schüler und Studenten, wobei die Arbeiterjugendlichen durchgängig von der Volksschule kamen.
Ob nun Polizisten verprügelt wurden oder friedliche Umzüge durch die Straßen der Innenstädte stattfanden - beides gehört zu den "Ambivalenz(en) der Halbstarkenkultur" (ebd., S. 176). Im Versuch, "die Innenstädte als Foren einer symbolischen Wortmeldung zu nutzen" (ebd.) wurde tendenziell die "Ausgrenzung der Arbeiterschaft" (ebd.) aus dem öffentlichen Leben überwunden.
Dieser "Impuls für eine zivile politische Kultur" (ebd.) war eben nicht brav und zivil. Faktisch verliefen "die wenigsten Umzüge gewaltfrei, und dafür war durchaus nicht nur die Staatsmacht verantwortlich" (ebd. f.). Vielmehr wurden in den Krawallen die Macht- und Ordnungsverhältnisse umgekehrt und das war das progressive Element in der proletarischen Gewalt und Aggression.
Die proletarische Jugendkultur der Halbstarken war in diesem Sinne emanzipatorisch, was allerdings nicht ausschließt, daß die jungen Männer im Alltag häufig durch "sinnlose" Schlägereien auffielen, wie wir sie auch heute von proletarischen Jugendlichen kennen. Kurzum: "da kriegte man unheimlich schnell was auf‘s Maul" (ebd., S. 185), wie der bürgerliche Jugendliche Johann Gevelsberg zusammenfaßt.
5. Soziusmiezen und flotte Bräute
Geschlechterverhältnisse zwischen Machotum und Emanzipation
"das war halt der Tanz, mit dem die Erwachsenen erstens nichts anfangen konnten. Zweitens konnten sie ihn nicht - da waren sie ja schon meistens nicht mehr gelenkig dazu. Dann war‘s eben so: Die Röcke flogen hoch - konnt‘ man aber gar nicht ändern. Also diese Tabus, die da auch drinsteckten in diesem biederen Tanzen. Schon beim Walzer: die Arme breit auseinander, bloß nicht eng. Ich hab‘ das eher als Befreiung empfunden von all diesen Zwängen".
(Rock‘n‘Rollerin Rosemarie Kühn im Rückblick auf den Rock‘n‘Roll-Tanz in den biederen 50ern, nach: ebd., S. 180)
Deutlich werden diese unsympathischen Elemente auch bei der Untersuchung der Geschlechterverhältnisse innerhalb der Bewegung. Nicht nur, daß die "Eckensteher" (ebd., S. 171) ständig passierende Mädchen belästigten, auch innerhalb des Rock‘n‘Roll-Stils gab es eine klare (Geschlechter-) Hierarchie. Die Cliquen waren eindeutig männlich dominiert, Maase spricht sogar von "Männerbünde(n)" (ebd., S. 177). Selten kam eine Frau in diese Kreise hinein, und wenn, dann war sie entweder die Freundin des Bandenchefs, Vorzeigeobjekt, "Biene", "Braut" oder "Soziusmieze", die patriarchal "beschützt" und vom Kontakt mit konkurrierenden Männern abgehalten wurde. Die Freundinnen wurden - sofern überhaupt vorhanden - nach dem Ausgehen nach Hause gebracht, und dann traf man sich mit den Kumpels: "‘Wer mit einem Mädchen ausgehen will, hält sich der Gruppe fern‘" (nach: ebd.) faßt eine zeitgenössische Studie dieses, das weibliche Geschlecht ausgrenzende, Verhalten zusammen. Gerne spielten sich die jungen Männer dabei als Kavalier auf, um sich danach ungeniert austoben zu können.
Die Erzählungen schwanken jedoch. Man erfährt von Mädchen, die in "Treue zu ihren Herrn" (ebd., S. 178) und coolen Mackern potentiellen Konkurrentinnen "Dresche" verabreicht haben, aber auch von krassen Bestrafungsaktionen, wenn die Damen "in den Augen der Nachwuchs-Paschas ihre Pflichten versäumten" (ebd.), zu denen klassische "Frauenarbeiten" wie Wäsche waschen oder das Putzen des Clublokals gehörten. Kein Wunder, daß es auch viele Mädchen gab, die die Jungs aus den Cliquen mit ihrem "rauhbeinige(n), provokative(n) Gehabe" (ebd.) nicht ausstehen konnten.
Dennoch gab es auch für die Mädchen viele Möglichkeiten, "am Autonomiestreben der Halbstarken" (ebd.) teilzunehmen. Viele trafen sich privat zu Hause, um bei einer Tasse Tee und ohne die männlichen Rabauken die von den Eltern verpönte "Negermusik" anzuhören. Da setze es schon mal eine Ohrfeige des Familienoberhauptes. Eine Domäne der Mädchen war auch das Tanzen - der Rock‘n‘Roll war eben die rebellische, stark erotisierte Alternative zu gähnend langweiligen, braven und biederen Stunden in den Tanzschulen.
Seltener findet man Berichte über weibliche Halbstarke wie Lieselotte Hammacher, die mit Moped und Lederjacke nicht nur gegen das Elternhaus, sondern auch gegen die Vorurteile der eigenen Clique ankämpfen mußte, die sie als "Mannsweib" oder "herrische Olle" betrachtete (vgl. ebd.).
Wollten die Mädchen zu einem Rockkonzert, waren sie meist auf die Begleitung von älteren Geschwistern oder anderen von den Eltern als "vertrauenswürdig" angesehenen Personen angewiesen, um diesen Ausbruch aus den alten Bahnen überhaupt durchsetzen zu können.
Selbst innerhalb der sexistischen Strukturen des "proletarische(n) Patriarchats" (ebd., S. 179) gab es also trotz allem einen gewissen Spielraum für die jungen Frauen, den "weiblichen Handlungsraum auszuweiten" (ebd.). Dieser bestand in Experimenten "mit der eigenen Selbstdarstellung" (ebd.) und in der "Erweiterung von Ansprüchen und Selbstbewußtsein" (ebd.) gegen die bis dato geltenden Normen der weiblichen Passivität, Häuslichkeit und Zurückhaltung. Auf diese Weise entzogen sich die Mädchen sowohl den Werten ihres Herkunftsmilieus als auch der Unterordnung in den Cliquen. Sabine Harten schwärmt rückblickend auch von der "sexuellen Potenz" als "symbolische Kraft" (nach: ebd., S. 180) gegen die versteinerten Verhältnisse, die im Hüfteschwingen und den fliegenden Röcken steckte, während andere Zeitgenossinnen sich vor der "Hemmungslosigkeit" und "Unkontrolliertheit" genierten oder schlicht und einfach nicht durften oder sich nicht getraut haben. Für viele Mädchen aber war der Rock‘n‘Roll trotz allem Chauvinismus der Jungs ein Ausbruch "erotisch akzentuierter Körperlichkeit" (ebd.), der die "Grenzen eingeforderter Selbstkontrolle sprengte" (ebd.) und letztlich den Wandel im Frauenbild beschleunigte.
Interessant Maases Hinweis auf den ab 1958 hip gewordenen "Teenagerstil" (ebd.), der zwar "softer" war, dafür aber mehr Mädchen Platz, Entfaltungs- und Rebellionsmöglichkeiten gab. Der Teenagerstil war nicht mehr "machistisch bestimmt" (ebd.) und bot den jungen Frauen die Möglichkeit, sich v. a. via schicker Mode von der "Welt der Älteren" (ebd.) abzusetzen.
Rebellion funktioniert also nicht notwendigerweise nur chauvinistisch - es geht auch anders, aber es geht leider auch unter. Denn daß diese Bewegung heute in Vergessenheit geraten ist, ist typisch für den Umgang mit weiblicher Sozialgeschichte und läßt sich auch nicht damit entschuldigen, daß die "randalierenden Jungen" einen "peppigeren" Eindruck machen als die zurückhaltenderen Mädchen des Teenagerstils. Schließlich sind beide Phänomene Ausdruck eines grundlegenden Wandels sowohl in den Klassen- als auch in den Geschlechterbeziehungen.
6. Bravo Amerika!
Amerikanisierung von unten gegen Volksgemeinschaft
An den zeitgenössischen Reaktionen auf die neuen kulturellen Handlungsmuster kann man auch ablesen, wie reaktionär der deutsche "Volksgeist" in seinem Inneren immer noch war. Die angeblichen Bildungsbürger gönnten den proletarischen Schichten (auch den Eltern unter ihnen) nicht ihren Wunsch nach mehr Konsumgütern, nach "Musiktruhe" (vgl.: ebd., S. 181) und Fernsehapparat, nach modischer Kleidung und Make-up; sie sahen in den Entwicklungen den Untergang der deutschen Kultur. Auch wenn diese leider bis heute nicht endgültig untergegangen ist, so ist man doch froh, das rassistische Gejammer über "Negermusik" und die "‘lärmende Häßlichkeit eines Boogie oder Bebop‘", über den "‘niedrige(n) Geschmack‘", die "‘gefährliche(n) Unterhaltungsware‘", die "‘in Klang und Rhythmus umgesetzte Philosophie des Häßlichen‘" und das "‘Feuerwerk eines wilden, an primitiven Urzuständen abgelesenen Schlagzeugs‘" (zeitgenössische Stimmen; vgl.: ebd., S. 181 f.) heutzutage etwas seltener vernehmen zu müssen. Die Deutsche Allgemeine Lehrerzeitung verstieg sich 1956 angesichts von Bill Haleys Erfolgen gar zu der Behauptung: "‘Dieser Jazz ist keine Musik!‘" (nach: ebd., S. 182). Hier offenbart sich ein Rassismus, der in der amerikanischen, "schwarzen" Musik nichts anderes sehen konnte als die Verwirklichung deutscher Alpträume von fremden "Buschmännern" und wilden, ekstatischen afrikanischen "Horden". Da erscheint die "Amerikanisierung von unten" (ebd., S. 181), die in den proletarischen Halbstarken ihren Ausgangspunkt nahm, wie eine Offenbarung, die "‘die wirklichen kulturellen Werte und Schätze unseres Volkes im Herzen der Masse verpönt und vergessen, geleugnet und gelästert‘" (Deutsche Allgemeine Lehrerzeitung, 1956, nach: ebd.) und völlig zu Recht auf den Misthaufen der Geschichte geworfen hat. Damit machten "Rock‘n‘Roll- und Teenagerstil einen großen Schritt in Richtung auf eine Gemeinkultur, in der der populare Umgang mit Freizeit, Unterhaltung und Konsum als normal und zeitgemäß anerkannt wurde. Damit verschob sich das symbolische Kräfteverhältnis zugunsten der einfachen Leute" (ebd., S. 182). Die Ausbreitung der "Kulturindustrie" (a. a. O.) brachte die Entfaltung einer "Massenkultur" (ebd., S. 171) auf neuem Niveau. Technische Entwicklungen und das Ansteigen der Massenkaufkraft waren Voraussetzungen dafür. Die mit diesem Prozeß einhergehende Amerikanisierung war ein Faustschlag ins Gesicht der Nazi-Generation und - ganz unabhängig davon, wie (un-)bewußt die Jugendlichen sie vollzogen – letztlich eine Art von "antifaschistischer" Wohltat für das Nachkriegsdeutschland. Es ist in der Hauptsache den Jugendlichen dieser Zeit zu verdanken, daß sich die "Kulturindustrie" im musikalischen Sektor heute hauptsächlich in Form von "Pop"-Musik ausdrückt und nicht etwa in Form von Operetten-Videos oder gar Marsch-CD-Sammlungen...
Keine deutsche Gewerkschaft, keine Sozialdemokratie und keine KPD kann für sich beanspruchen, was man den Halbstarken zu Gute halten kann: eine Avantgarde der Arbeiterkultur gewesen zu sein, die "populare Träume vom guten Leben in neuer Dimension verwirklichte" (ebd., S. 182), den Spießbürgern die Leviten gelesen und gleichzeitig dem deutschen "Volksempfinden" eine Harke verpaßt hat. Sie forderte den Pluralismus heraus und begann damit die "Volksgemeinschaft" von innen her aufzulösen.
Sie veränderte die "Arbeiterklasse" insgesamt und langfristig mehr, als dies die deutschen Gewerkschaften je (und bis heute nicht!) verarbeitet haben.
7. Mit Knüppel, Pfeil und Bogen
Über die Gewalt
Daß die Schläge, die die "Halbstarken" in verschiedenste Richtungen austeilten, häufig auch ganz real, geprägt von "Wertmuster(n) männlich-körperlicher Stärke" (ebd., S. 183), vollzogen wurden, ändert an einer positiven Beurteilung wenig. Schließlich waren diese der "Distanz zur bürgerlich-staatlichen Ordnung" (ebd.) und ihren Werten geschuldeten Verhaltensweisen, zu denen auch die "verletzende ‚Vulgarität‘ des halbstarken Stils" (ebd.) gehörte, genau der Grund, warum sich die randständigen Jugendlichen überhaupt gegen die Übermacht der dominierenden Mittelschichten und des Bürgertums behaupten konnten. Prügel als Möglichkeit der "sozialen Selbstbehauptung und der Selbstaufwertung" (ebd.). Dies gilt; - selbst wenn dieses "‘Faustrecht‘" (nach: ebd.) auch hierarchisch innerhalb der Gruppen und territorial in den proletarischen Stadtteilen mittels "‘Ohrlaschen‘" und "‘Kinnhaken‘" (nach: ebd., S. 184) oder auch gewaltförmiger mit Kette, Stock und Knüppel vollzogen wurde.
Die territorialen Schlägereien erlangten schließlich "Selbstwert" (ebd.) als Ereignis, als ritualisiertes männliches Happening; knüpften aber auch an die alte Tradition der Bandenbildung der früheren "roten" Viertel an.
Mittlerweile beeinflußt von amerikanischen "‘Wildwestfilme(n), wo die Gerechtigkeit praktisch immer siegte‘" (ein Zeitgenosse, nach: ebd., S. 185) wurde dann auch mal kriegerisch und heftig mit "‘Pfeil und Bogen‘" (ebd.) geschossen, denn "‘wir hatten immer das Gefühl, die Gerechten zu sein‘" (ebd.). Wobei die Gerechtigkeit auf Seiten des Stärkeren, nicht auf Seiten des "Guten" lag, wie die proletarischen Jugendlichen aus Alltagserfahrung wußten. Diese Ideologie konnte dann auch zu so kruden Ergebnissen führen, daß ein Teil des James-Dean-Clubs "Mitte der 60er Jahre die NPD unterstützte" (Maase, a. a. O., S. 185) - Hauptsache "hau drauf" und gegen das "Establishment"...
Und dieses "Establishment", ob es nun die Eltern aus der Arbeiterklasse oder die Erwachsenen aus dem Bürgertum waren, beurteilte die proletarischen Jugendlichen auch ungleich schlechter als die teilweise ebenso "über die Stränge" schlagenden Jugendlichen aus besserem Hause, die zur gleichen Zeit ebenfalls groben Unfug trieben, in blutige Schlägereien verwickelt waren oder mit "‘Messern in den Hosen rumgelaufen‘" sind, wie Maase anhand von Zeitzeugen berichten kann (vgl.: ebd., S. 186).
Die Beurteilung von "Gewalt" war also auch in den 50ern in der öffentlichen Wahrnehmung nicht unabhängig vom sozialen Milieu. Man muß an dieser Stelle unweigerlich an die unsäglichen Debatten heutiger Zeit über die sog. "Ausländerkriminalität" denken.
8. Levi‘s - Jeans und Cowboy-Stiefel
Der Übergang vom Klassen- zum Markenbewußtsein
Aller Klassenunterschiede und -feindschaften zum Trotz: es ist bemerkenswert, daß die Arbeiterjugendlichen als "Trendsetter der industrialistischen Moderne" (ebd., S. 187) eine "Pionierfunktion" (ebd.) mit Ausstrahlungskraft auch in die Mittelschichten und auf Jugendliche aus (bildungs-) bürgerlichen Elternhäusern ausüben konnten. In ihrer Affinität zu den modernen Kultur- und Konsumgütern waren sie auf der Höhe ihrer Zeit, denn "Lebenskonzept und Verhaltensmuster" (ebd.) paßten in die Zeit des "Wirtschaftswunders". So verfügten die jungen ArbeiterInnen über Geldmittel als "Zugang zu Freizeit und Unterhaltung" (ebd.), von "Schallplatten bis zu Motorrädern" (ebd.). Damit war das alte Konzept von "Jugend als Schutzraum" (John R. Gillis, nach: ebd.), als Zeit von Bildung, Erziehung, von "Genußfeindlichkeit, Triebaufschub, Häuslichkeit" (Maase, S. 188) ins Wanken geraten zugunsten einer von den proletarischen Jugendlichen am konsequentesten erprobten, durch deren "verallgemeinerbare Formen" (ebd., S. 187) aber auch auf andere Schichten ausstrahlenden, "klassen- und schichtübergreifenden Jugendkultur" (ebd.).
In dieser Lesart sind dann "(z)erschlagene Schaufenster" und "umgekippte Autos" (ebd.) nicht als Protest der Arbeiterjugendlichen gegen die Konsumgesellschaft zu deuten, sondern als Anspruch, als Aneignung der Konsumgüter. Hierbei war es sehr bedeutsam, die richtigen Produkte zu besitzen: man wollte eben die echten Levi‘s und keine billigen Kopien, auch wenn man ein Vielfaches dafür ausgeben mußte. In diesem aufkommenden Markenbewußtsein, aber auch in den erkämpften Freiräumen, waren die proletarischen Jugendlichen den bürgerlichen voraus, sie "erprobten als erste die Konsum- und Freizeitgesellschaft" (ebd.). Dies führte zu einer bis dato undenkbaren Umkehrung der Machtbeziehungen innerhalb der Klassen - die bürgerlichen Jugendlichen waren plötzlich neidisch auf die proletarischen, wenn sie mit ansehen mußten, wie ihre AltersgenossInnen über "mehr Geld, unkontrollierte Zeit, eine Sphäre außerhäuslicher Orte für Kommunikation und Vergnügen sowie über frühere und weniger verklemmt-formalisierte Beziehungen zu Mädchen" (ebd., S. 188) verfügten. Und schließlich - vielleicht der entscheidende Punkt - hörten sie die bessere, weil hippere und "angesagtere" Musik. In all diesen Momenten steckte so viel Sprengkraft, daß Jugendliche aus "besseren" Elternhäusern schon mal ein "‘Gefühl (...) der totalen Diskriminierung‘" (Ralf König, nach: ebd.) beschlich.
Der "Aufstand gegen die verwaltete Welt" (Maase, S. 189), der sich in Randale, Unfug und Krawallen, in einem als "unzivilisiert" geltenden Verhalten also, Bahn brach, war für die bürgerlichen Jugendlichen ein Faszinosum. So gesellten sie sich häufig - oft am Rande, aber immerhin - zu ihren proletarischen AltersgenossInnen, wenn Polizisten vermöbelt, Schaufenster eingeschlagen, Autos in Brand gesteckt oder "‘recht friedfertig‘" (Peter Stein, nach: ebd.) und ohne daß irgendetwas "‘großartig Böses passiert‘" (ebd.) wäre, ein Streifenwagen mitsamt Besatzung "‘die Böschung abgekippt‘" (ebd.) wurden, wie Peter Stein, "Gymnasiast aus kleinbürgerlichem Elternhaus" (Maase, ebd.), berichtet. Für ihn umgab die Halbstarkenkultur ein "‘Glorienschein praktizierter Gewalt‘" (Peter Stein, nach: ebd.), der sich in der "Herausforderung der öffentlichen Ordnung" (Maase, ebd.) ausdrückte, gegen die Versuche "der Sozialreformer und der Obrigkeiten, modernes, rationalisiertes, zivilisiertes Verhalten ... möglichst flächendeckend durchzusetzen" (Detlev Peukert, nach: Maase, S. 190). Man mag hier "Grenze(n) des Zivilisationsprozesses" (Peukert, ebd.) erkennen, wenngleich augenfällig erscheint, daß sich der Gewaltcharakter meist auf "symbolische und rituell eingegrenzte Formen der Gewalt" (Maase, ebd.) beschränkte und vielleicht auch deshalb Jugendliche aus besseren Häusern ansprechen konnte.
9. My Generation und die andere
"People try to put us down... (but I don‘t) wanna die before I get old...
In older times an old man stepped back, when a young man passed by... Why don‘t you all... f-f-f-fade away?"
(The Who - My Generation, hier nach: Live At Leeds, 1970)
Wie auch ihre historischen Vorläufer, die "Halbstarken" der Wilhelminischen Zeit, die "Wilden Cliquen" der Weimarer Republik und die "Swingheinis" und "Schlurfs" der späten 30er Jahre war auch die Halbstarkenkultur der 50er geprägt von einer "Distanz zu den Zwängen der Lohnarbeit" (Maase, S. 191) sowie zu "pädagogischen Autoritäten" (ebd.). Dennoch war es für die meisten nur eine Übergangsphase, ein jugendlicher Ausbruch, bevor man dann (leider) doch wieder bei den "grundlegende(n) Einstellungen und Praktiken" (ebd.) der proletarischen "Stammkultur" landete, also bei "Ehe, Elternschaft und geregelter Arbeit" (ebd.). Die "Leichtigkeit" (ebd.), mit der diese Transformation oftmals vollzogen wurde (bzw. wird), spiegelt sich in der befremdeten Feststellung, aus dem früheren Kumpel sei ein "Spießer schlimmster Sorte" (ebd.) geworden.
Dies wirft ein anderes Licht auf den "Widerstand der proletarischen Väter gegen eine Halbstarkenkarriere ihrer Söhne" (ebd.). Man kennt die Chose aus eigener Erfahrung und weiß, daß es am Ende dann doch um "das Gelingen der proletarischen Familienexistenz" (ebd.) geht. Vor diesem Hintergrund scheint sich die bürgerliche und die proletarische Ablehnung der Halbstarken dann doch grundlegend zu unterscheiden. Der bürgerlichen Hysterie steht die weitaus gelassenere proletarische Kritik auf Grundlage des "Realitätsprinzip(s)" (ebd., S. 192) entgegen, nach dem Motto: "Junge, Du wirst es auch noch kapieren".
Während die Arbeiterjugendlichen nicht nur einen Generationskonflikt, sondern auch einen Kampf "um die soziale Definition der Rechte und Pflichten, des Ansehens und der Bewertung verschiedener biologischer Altersphasen" (ebd.) führten, in dem sie sich einerseits in "Erscheinung und Verhalten von den Älteren abgrenzten" (ebd.), andererseits "deren Statussymbole für sich beanspruchten, um zu dokumentieren, daß sie die Kindheit hinter sich gelassen hatten: Rauchen, Trinken, Kneipenbesuch" (ebd.), so war in der Ablehnung dieses Verhaltens von Seiten der Arbeitereltern gerade angelegt, die Jugendlichen wegen ihrer "fehlende(n) Reife" (ebd.) und "halben Stärke" nicht übermäßig ernst zu nehmen. Maase behauptet, dies sei die Basis gewesen, auf der die "konservativen Ordnungsmächte Teile der Arbeiterklasse auf ihre Seite" (ebd.) ziehen und mit diesem "Spaltungsmechanismus" (ebd.) die revoltierenden Jugendlichen von ihren proletarischen Eltern abtrennen konnten.
Auch wenn ich nicht sicher bin, ob dies als Erklärung ausreicht, ob nicht doch auch autoritäre Züge innerhalb des Proletariats eine gewichtige Rolle gespielt haben mögen (s. u.), so heißt es doch im Effekt, daß sich die jugendliche Revolte nicht in eine gesellschaftliche bzw. gesamt-proletarische verwandelte (nicht im Sinne einer revolutionären Krise jedenfalls). Dies mag auch mit dem beschriebenen Übergang von der Klassen- zur Konsumgesellschaft zusammenhängen. Auch daß die Halbstarken überhaupt auf eine Art als (vorläufige) Sieger aus dem beschriebenen inner-proletarischen wie auch gesamt-gesellschaftlichen Konflikt hervorgingen hat einen materiellen Grund, denn dieser war kultureller Ausdruck einer gesellschaftlichen Veränderung, nämlich der Entstehung "einer Phase eigenständiger jugendlicher Erwerbstätigkeit zwischen Schule und Erwachsenenstatus" (ebd.; vgl. Akka, a. a. O.). Dazu kamen weitere materielle wie auch ideologische Voraussetzungen. Maase nennt erstens "steigende Einkommen und wachsende Freizeit" (ebd.) als Grundlage für die Herausbildung einer eigenständigen Jugendkultur "als Massenphänomen" (ebd., S. 193). Zweitens das signifikante "Bündnis (...) von Arbeiterjugendlichen und Kulturindustrie" (ebd.), welches via Kaufkraft der Massen "die Autorität der ‚Gebildeten‘ als Geschmacksrichter"(ebd.) untergrub und letztlich ablöste. Und last but not least spielte auch die vorangegangene NS-Zeit eine wichtige Rolle.
10. Roll Over The Nazis
Das Verhältnis zum NS
"Wir brauchen nur Dachau zu sagen, und das reicht eigentlich schon, um sie zu verunsichern"
(ZeitgenossIn, nach: ebd., Endnote 27, S. 204)
Die revoltierenden Jugendlichen gehörten zur ersten Generation, die "nicht mehr in NS-Organisationen erfaßt und geprägt" (ebd., S. 193) worden waren. In Anbetracht der Verstrickung der (meisten) Älteren in die NS-Verbrechen, welche zwar nur "vage bekannt(er), aber atmosphärisch allgegenwärtig(er)" (ebd.) waren, "suchten sie durch die Wahl einer neuen kulturellen Tradition den moralischen Altlasten der Deutschen zu entgehen" (ebd.).
Rosemarie Kühn (s. o.) erinnert sich, daß die Jungen damals den Erwachsenen "dieses Kaputtmachen der Welt auch übelgenommen" (nach: ebd.) hatten. Rock‘n‘Roll und amerikanisierter Lebensstil wurden so zu einer "Möglichkeit der Rache" (dies., nach: ebd.), in dem man "die andere Kultur" (dies., nach: ebd.), die fremde, der angeblich "eigenen" gegenüber bevorzugte.
Und - wie wenig man auch darüber wußte - man konnte auch herrlich damit provozieren. Dann wurde dem Spruch "Ihr mit Euerm Ami-Gejaule" (nach: ebd., Endnote 27, S. 204) ein "Und Ihr mit Euerm Hitler!" (ebd.) entgegengehalten und so die Älteren mit der Erinnerung an die NS-Zeit "erpreßt". Überhaupt waren "Hüfteschwingen" und "Negermusik" natürlich "zackige(m) Soldatentum" (ebd., S. 194) und "Volksgemeinschaft" diametral entgegengesetzt.
Dabei darf aber nicht vergessen werden, wie tief verankert das "Nazi-Denken" im "Inneren des deutschen Volksgeistes" damals war (und heute noch ist!). Auf diesen Umstand verweist (neben vielen anderen) noch 1992 die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN) – im Angesicht der Pogrome in Hoyerswerda, Mannheim-Schönau oder Rostock-Lichtenhagen - in einer Rede:
"Was sie damals noch nicht wissen konnten (gemeint: die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes bei ihrer Gründung im Jahre 1947, K.), wurde dann schon 1950/51 in einer eindrucksvollen Untersuchung des Frankfurter Instituts für Sozialforschung offenbar: nämlich, daß es sich keineswegs nur um ‚Überreste‘ der Nazi-Denkungsart handelte, gegen die sie sich von nun an zur Wehr setzen mußten. Das schockierende Ergebnis dieser 5 Jahre nach Kriegsende erforschten ‚öffentlichen und nicht-öffentlichen Meinung‘ war, daß es zwei ‚Meinungswährungen‘ gab: Die öffentliche Meinung war angepaßt an die erwünschte offizielle Meinung der Zeit, während die nicht-öffentliche Meinung weitgehend jener Denkungsart entsprach, die während der Nazi-Zeit offizielle Gültigkeit hatte. Viele der Teilnehmer an der groß angelegten Untersuchung wollten z. B. nicht wissen, was in den Konzentrationslagern vorgegangen war. Sie hatten davon eine ‚vorgefaßte und zwar durchgängig falsche Meinung... und wehrten sich mit Händen und Füßen dagegen, die schlichte Wahrheit zu erfahren. Sie nehmen Belehrungen über diese Fakten auch gar nicht an. Sie bilden sich überhaupt ihre Urteile nicht von den Fakten her, sondern sie verbiegen die Fakten so lange, bis sie zu den bereits vorher gefaßten Urteilen passen...‘. Die Aufklärung über das, was passiert war, prallte offenbar an den Köpfen und Gemütern eines großen Teils der Bevölkerung ab. ‚Es muß wohl‘ – so heißt es in einer Zusammenfassung der Untersuchungsergebnisse – ‚wirksame Kanäle geben, auf denen die Meinungen der ‚nicht-öffentlichen Meinung‘ kursieren. Wahrscheinlich bestehen diese Kanäle in Familien-, Bahn- und Kollegengesprächen, von denen die Familiengespräche die weitaus wichtigsten zu sein scheinen. Denn das Denken der Eltern prägt sich den Kindern ein‘"
(fett gesetzte Passagen aus: Frankfurter Beiträge zur Soziologie: ‚Gruppen-Experiment‘ Ein Studienbericht. Bearbeitet von Friedrich Pollock. Europäische Verlagsanstalt 1955, nach: Redebeitrag der VVN vom 9. 11.92, in: Das Nestbeschmutz, a. a. O.).Mit einem einfachen "Roll Over The Nazis" war es also sicherlich nicht getan. Es wäre gesondert zu untersuchen, in wieweit sich die diesbezüglichen Einstellungen der (halbstarken) (Arbeiter-) Jugendlichen von denen der anderen Gesellschaftsangehörigen unterschieden und welche Schlüsse daraus gezogen werden können. Festzuhalten bleiben eine Orientierung an Werten jenseits der "traditionellen" NS-Ideologie, eine Offenheit für "Amerika" und "Negermusik", sexuelle Freizügigkeit und Emanzipation, Konsum- statt Arbeitsfixierung und weitere, mit der NS-Ideologie nicht oder nur schwer zu vereinbarende Kulturmuster, mit denen sich die "Halbstarken" von der NS-geprägten Elterngeneration positiv absetzten. Auch wenn hierfür wohl eher ein "Hedonismus" denn ein "antifaschistisches Bewußtsein" verantwortlich war, so bleibt es beachtenswert, daß nicht die 68er den Konflikt mit ihren Eltern um die Nazi-Zeit "erfunden" hatten, sondern bereits die Halbstarken der 50er.
III. Exkurs: Gesellschaftsstruktur in der Bundesrepublik Deutschland
der 50er JahreNach diesem vielfältigen und detailreichen Blick ins "Innere" der "Halbstarken-Kultur" und den damit verbundenen Analysen von und zu Kaspar Maases Text erscheint es sinnvoll, dieses Bild durch einen übergreifenderen soziologischen Blickwinkel auf die gesamte Gesellschaft zu ergänzen und nach Entsprechungen und Widersprüchen zu suchen. Kurz: was waren eigentlich die allgemeinen Entwicklungen in der westdeutschen Gesellschaft der "50er Jahre" und welche Art von Gesellschaft wurde mit den "Halbstarken" konfrontiert?
Diese westdeutsche Gesellschaft und ihre Veränderungen werden detailliert in Axel Schildts über 700 Seiten langer Untersuchung "Moderne Zeiten" (a. a. O.) über "Freizeit, Massenmedien und ‚Zeitgeist‘ in der Bundesrepubik der 50er Jahre" (Untertitel; ebd.) analysiert.
1. Was waren die Fünfziger?
"Restauration" zwischen Modernisierung und Konservatismus
Schildt weist zunächst auf die verschiedenen (retrospektiven) Diskurse über die 50er Jahre hin, die meist von Verklärung ("Die goldenen Fünfziger" schrieb "Die Welt" schon im April 1959, vgl. Schildt, a. a. O., S. 16), Reduzierung auf bestimmte - nicht repräsentative - Momente, einen starken Fokus auf die zweite Hälfte der 50er sowie von Vereinheitlichung und Hervorhebung ausgesuchter Elemente geprägt sind. So würden die immer gleichen "Ikonographien" hervorgeholt: "‚Hula-Hoop‘-Mädchen" (Schildt, S. 17), James Dean, Elvis Presley, reduzierte Ausschnitte der "‚50er Jahre Mode‘" (ebd.), "das Design im Wohnbereich" (ebd.), "Spielfilme(n) und Wochenschauen" (ebd.), "die schrillen und lauten Töne des Rock‘n‘Roll" (ebd.), aber auch - und dies spielt in Maases Darstellung überhaupt keine Rolle - der zur gleichen Zeit überaus populäre "deutsche(n) Schlager" (ebd.), der in den 50ern durchaus "in" oder "hip" war und bis heute in Form sog. "Oldie"-Programme recycelt wird.
Bei einem genaueren Blick auf das gesellschaftliche Ganze stellt sich jenes - auch und gerade in den 50er Jahren - jedoch als wesentlich heterogener und widersprüchlicher dar.
Zwar zeichnet auch Schildt die 50er Jahre als Zeit des (Wirtschafts-) Wachstums (s. u.). Er legt jedoch Wert auf die Feststellung, daß zwischen "Modernisierung" und "Konservatismus" eine Spannung herrschte, welche die Zeit im Gegensatz zur nostalgisch-retrospektiven Verklärung ("‚ein Warenhaus der Projektionen‘" (Lutz Niethammer), vgl. Schildt, S. 18) als im Wesentlichen widersprüchliche Dekade erscheinen läßt.
Typisch für eine Verklärung, die diese Widersprüchlichkeiten verdeckt, sind Sichtweisen wie die Folgende aus einer Dokumentation über "Unsere 50er Jahre" (von 1984!):
"‚Die Fünfziger wirken in der Rückschau wie eine letzte einheitliche Epoche, in der (fast) alle dasselbe Ziel anstrebten‘" (nach: Schildt, ebd.). Gänzlich verwirrend wird es, wenn die bei Maase insbesondere mit dem Rock‘n‘Roll verknüpften positiven Seiten der 50er auf Erinnerungen wie diese treffen: "‚Die 50er Jahre haben uns alle gefordert, aber gerade deshalb war es so schön. (...) Nie wieder waren die Deutschen mit ihrem Land so einverstanden wie damals. Nie wieder hat es ein derartiges Heimatgefühl gegeben. (...) Das Leben in dieser Zeit war überschaubarer, einfacher und in vieler Hinsicht sinnvoller‘" (Zitat aus der Illustrierten "Quick" von 1983 (sic!!!), nach: Schildt, ebd.).
Begriffe wie "Heimatgefühl" oder "die Deutschen" erinnern aber auch daran, daß die 50er eben nicht nur das Zeitalter von "Rock‘n‘Roll", "Petticoats" und "Levi‘s Jeans" waren. Vielmehr ist es zunächst eine Epoche mit ihren Mythen von einer angeblichen "‚Nullpunkt-Situation des Jahres 1945'" (Forsthoff, 1960, nach: Schildt, S. 19), vom gemeinsam in harter Arbeit vollbrachten "‚Wiederaufbau‘" (Schildt, S. 19) mit anschließendem ‚"Wirtschaftswunder‘" (ein Begriff aus den 30er Jahren (!); vgl. ders., S. 454, Anmerkung 32) und Errichtung eines "demokratische(n) Gemeinwesen(s)" (ders., S. 19).
Kritischere Darstellungen sprechen indes eher von einer "‚Bleierne(n) Zeit‘", von einer "‚Unkultur des Konformismus‘", einem "‚unkritische(n) Optimismus‘" und "‚Konsumismus‘" (vgl. ebd.):
"In Margarethe von Trottas Film ‚Fürchten und Lieben‘(1988) (...) bringt (...) (es) eine Protagonistin abschließend voller Ekel auf den Punkt: ‚Alles dreht sich um Geld und Erfolg wie in den 50er Jahren‘" (ebd.)
Zwei scheinbar entgegengesetzte Schlagworte prägen auch den wissenschaftlichen Diskurs über die 50er: "Restauration" und "Modernisierung".
Bezüglich der "Restauration" ist immer schon unklar, was überhaupt "restauriert" wurde oder werden sollte: die 20er oder die 30er Jahre? Auf der Ebene der "Demokratisierung" konnten sicherlich nur die 20er Jahre als Vorbild und Bezugspunkt einer "Restauration" dienen.
Doch geht es in den gesellschaftlichen Entwicklungen weniger um "Demokratie or not to be", sondern vielmehr darum - wie Axel Schildt anhand empirischen Materials überzeugend nachweisen kann - daß hinsichtlich allgemeiner historischer "Trends" die 50er Jahre in der Hauptsache einen status quo ante wiederherstellten und in Richtung "Zukunft" fortführten. Ob Lehrer-Schüler-Verhältnis pro Klasse oder Anzahl der Kinder - Trends wurden lediglich fortgeschrieben bzw. nach kriegs- und krisenbedingten Schwankungen wieder auf die Linie der "Langen Reihe" gebracht - woraus sich in vielen Fällen ein sozialhistorisches Kontinuum von den 20er bis Anfang der 60er ergibt. Die 50er Jahre haben demnach zunächst die Verhältnisse der 20er und / oder 30er Jahre wiederhergestellt. Darüber sind sie von Anfang an über das Altbekannte hinaus gegangen, waren von Anfang an "modern" und zukunftsorientiert. Die 50er sind demnach am ehesten Wendepunkt zwischen "alter" und "neuer" Ordnung, zwischen der Gesellschaft der ersten Hälfte des 20. Jh. und der der zweiten Hälfte, die sich auf die sog. "Post-Moderne" (oder das, was man mit diesem schwammigen Begriff assoziiert) zubewegt.
Wenn man sich die 50er unter dem Aspekt von "Modernisierung" und Wirtschaftsstrukturen betrachtet, erscheinen eher die 30er Jahre als Vorbild der "Restauration". Schon das gemein hin mit den 50ern assoziierte Wort vom "Wirtschaftswunder" stammt aus den 30ern und referiert auf die Jahre des nationalsozialistischen "Wirtschaftsaufschwungs" (!). Auch was die Wirtschafts- und Gesellschaftsstruktur betrifft, so erscheinen die 50er näher an dem auf seine Art überaus "modernen" (sic!, K.) NS-Staat als vermutet. Der Film-Regisseur Edgar Reitz ließ gar verlauten: "‚die fünfziger Jahre selbst bedeuteten die Wiederherstellung der Verhältnisse der dreißiger Jahre - nur ohne Hitler`" (nach: Schildt, S. 454 f., Anmerkung 45)
Man macht es sich also zu einfach, den Begriff der "Modernisierung" gleichzusetzen mit "Demokratisierung" - nicht zuletzt die Nazis haben gezeigt, daß "Modernisierung" und "Diktatur" sich nicht ausschließen müssen (vgl. hierzu: Schildt, S. 25 f. u. S. 456 f., Anmerkung 104). Modernisierung muß hier zunächst als ein "‚Modernisierungsschub‘" (Schwarz, nach: Schildt, S. 20), als "eine Periode des großen Abräumens jener vorindustriellen Reste" (ders., nach: ebd.) erscheinen, eine rasche und endgültige Durchdringung der Gesellschaft mit typischen Erscheinungsformen einer Industriegesellschaft (Abwertung der Landwirtschaft zugunsten der Industrieproduktion; Technisierung / Rationalisierung; hohe Mobilität und Migration; ArbeiterInnen nicht nur als Produzenten, sondern auch als Konsumenten u. v. m.).
In diesem Prozeß kommt es zu einer signifikanten Aufspaltung in traditionelle und "moderne" Werte. Während der Großteil der Bevölkerung (und die Politik der Adenauer-Regierung) politisch deutlich konservativ und "resignativ" waren, schätzte man im Privatleben und in der Freizeit, also auf der eher persönlichen Ebene, die Vorzüge und Attraktivität des "Modernen" und "Komfortablen". Die Spannung zwischen diesen Elementen prägt die 50er Jahre. Eine eindeutige Aufteilung in eine quasi-traditionelle, überkommene, ewiggestrige (Eltern- und Nazi-) Generation und eine US-begeisterte, Demokratie-liebende, Moped-fahrende, Rock‘n Roll-hörende Jugend läßt sich nach Schildt also nicht ohne weiteres treffen (zu diesem Abschnitt vgl.: Schildt, S. 21).
Ein schönes Beispiel für diese Ambivalenz findet sich bezüglich der "typisch" runden Designformen der 50er. Der Publizist Karl Markus Michel sieht in der Annahme der Modernität im Lebensalltag (hier: Möbel-, Industrie-, Technik-, Mode-Design usw.) auch eine Suche nach "Unschuld" und Versöhnung:
"‚Überall Kurven, Bauchiges, Schwingendes. So als sollte die böse Zackigkeit von Hakenkreuz, Hitlergruß und SS-Rune durch die Gnade von Käfer, Muschel, Niere vergeben und vergessen werden. In diesen Formen fühlten wir uns versöhnt‘"
(Michel, nach: Schildt, S. 20)Wir haben es also mit einer "Modernisierung unter ‚konservativen Auspizien‘" (Christoph Kleßmann, nach: ebd., S. 21) zu tun, mit einer "Bejahung der Moderne durch den deutschen Konservatismus" (ebd.). In diesem Kontext war "schon im zeitgenössischen Verständnis eine extreme Spannung zwischen schillernder ‚Moderne‘ und Zügen demonstrativer Beharrung oder sogar der ‚Sehnsucht nach vormodernen Zusammenhängen‘" (ebd., S.22; siehe auch: ebd., Anmerkung 69, S. 455) zu spüren, die Erich Kästner bereits im Jahre 1956 mit dem Satz auf den Punkt brachte: "Wir leben im motorisierten Biedermeier" (nach: ebd., S. 22). Hierbei entstehen Ungleichzeitigkeiten, die eine Analyse der 50er umso schwerer machen. Dies drückt sich in Begriffen wie "‚cultural lag‘" (William F. Ogburn, nach: ebd., S. 24) oder der Rede von "‚unmoderne(n) Menschen in der modernen Welt‘" (Dahrendorf, nach: ebd.) aus.
Diesen "cultural lag" haben die Halbstarken gerade vermittels ihrer Affinität zu den Konsumgütern der "Kulturindustrie" als erste aufgebrochen - das ist unumstritten. Sie waren damit eine Art "Avantgarde" der Freizeit- und Konsumgesellschaft (im Gegensatz etwa zur Volksgemeinschaft) und des Pluralismus.
Im Folgenden will ich ausschnittsartig einige der von Schildt zusammengetragenen empirischen Daten bezüglich der westdeutschen Nachkriegsgesellschaft zusammenfassen, sofern sie für Kaspar Maases Untersuchung von Interesse sind.
2. Von der "Währungsreform" zum "Wirtschaftswunder"
Über die ökonomischen Verhältnisse
Konsens unter Wirtschaftshistorikern ist das rasante Tempo der (Wirtschafts-) Entwicklung in den 50er Jahren ("singuläres Wirtschaftswachstum", Schildt, S. 43) sowie die Relevanz der wirtschaftlichen Prosperität für die politische Stabilität der Bundesrepublik. So ist die Akzeptanz der "Demokratie" unter "den Deutschen" stark der ökonomischen Zufriedenheit geschuldet.
Beispiel Bruttosozialprodukt: 1950 in etwa auf dem Stand von 1939 (ebd.); wächst "im folgenden Jahrzehnt um jahresdurchschnittlich ca. 6 % und verdoppelte sich damit; die Werte streuten zwischen 3,7 % (1955) und 12,0 % (1958)" (ebd.); Westdeutschland hatte damit auch international gesehen "die höchsten Zuwachsraten des Sozialprodukts (...), weltweit übertroffen nur von Japan, dem zweiten militärischen Hauptverlierer des vorangegangenen Weltkrieges" (ebd.).
Beispiel westdt. Exportwirtschaft u. Importe nach Westdeutschland: die Exporte der BRD "stiegen im Laufe der 50er Jahre um das Sechsfache, die Importe um das Fünffache; dies entsprach jährlichen Zuwachsraten von 20,3 bzw. 17,9 %. Beim Export verdrängte Westdeutschland 1959 Großbritannien vom zweiten Platz der Weltrangliste" (ebd., S. 44)
Veränderungen der volkswirtschaftlichen Zusammensetzung der Wertschöpfung (1950 - 1960):
- Bedeutungsverlust des "primären Sektors" (Land- u. Forstwirtschaft):
dessen "Anteil (...) bei der Wertschöpfung halbierte sich in diesem Zeitraum von ca. 10 % auf ca. 5 %" (ebd., S. 45) - und das trotz beschleunigter Modernisierung bzw. Technisierung dieses Sektors. Wachstumsrate nur bei durchschnittlich 3, 9 % (ebd.).
- Zunahme des "sekundären Sektors" (Industrieproduktion):
"Anteil (...) erhöhte sich nahezu entsprechend auf über 50 %, wobei dieser Anstieg wiederum hauptsächlich auf das verarbeitende Gewerbe, vor allem die Industrie, entfiel"
(ebd.). Wachstumsrate bei durchschnittlich 9,5 % (ebd.).- Zunahme des "tertiären Sektors" (Handel und Dienstleistungen) mit jahresdurchschnittlicher Wachstumsrate von 6,35 %, was in etwa der "gesamtwirtschaftliche(n) Wachstumsrate" (ebd.) entsprach.
Entscheidende Zweige des "Industriewunder(s)" (Mertens, nach: ebd.) waren
"der wachsende Anteil der Produktionsgütererzeugung, der Fertigwarenerzeugung und die Herausbildung neuer struktureller Wachstumsindustrien, daneben das Wiedererstarken ‚traditioneller‘ ‚neuer‘ Industrien wie der Elektroindustrie. Der Wachstumsrangliste industrieller Branchen entsprach die Rangliste des Verbrauchs von Roh- und Werkstoffen, bei der Synthesekautschuk und Kunststoffe an der Spitze standen. Die oft beschriebene ‚Plastik-Euphorie‘ der 50er Jahre ist also keine (...) Legende. Daß die Automobilindustrie als Branche mit der zweitgrößten Wachstumsrate sehr stark die Signatur jener Jahre prägte, ist bekannt"
(Schildt, S. 46).Ab 1957 geht der Trend vom wirtschaftlichen Aufstieg vermittels "bessere(r) Ausnutzung von Produktionsanlagen und durch mehr Arbeitskräfte" (ebd.) zu "betriebliche(n) Rationalisierungsmaßnahmen (...), die zugleich Voraussetzungen für nun beginnende Arbeitszeitverkürzungen waren" (ebd.).
Schildt faßt zusammen:
"Mit dem angedeuteten tiefgreifenden Strukturwandel innerhalb des enormen Aufschwungs gingen - z. T. dadurch ermöglicht und bedingt - sozialgeschichtlich ‚revolutionäre‘ gesellschaftliche Umwälzungen einher"
(ebd., S. 47).Die materiellen Grundlagen für den beginnenden Boom von Freizeit- und Kulturindustrie waren also deutlich gegeben. Die gute Wirtschaftslage, der Stand der modernen Produktionsmittel, die Technisierung und Modernisierung der Landwirtschaft, die Ausbreitung von Konsumgütern (gleich ob Elektro-Rasierer oder Automobil), die Ende der 50er Jahre einsetzenden Arbeitszeitverkürzungen - diese und weitere Faktoren begünstigten das Wirken von "Kulturindustrie" und "Halbstarken" ab der Mitte der 50er Jahre.
3. Strukturwandel der Sozialstruktur
3. 1. Wohnsituation, geographische Mobilität & Migration
Insbesondere in den großen Städten war die Wohnraumsituation in Folge von Zerstörungen durch den Krieg bei gleichzeitiger großer Zuwanderung ("Vertriebene" und Flüchtlinge aus den ehemaligen deutschen "Ostgebieten" und der SBZ / DDR) äußerst angespannt.
Trotz der hohen Ost-West-Mobilität und eines großen Auswanderungsdrucks, bis 1958 v. a. in die USA, danach mit dem europäischen Zusammenwachsen zunehmend ins europäische Ausland, gab es erstaunlicherweise und entgegen aller Klischees eine vergleichsweise geringe Binnenmigration innerhalb Westdeutschlands (vgl. Schildt, S. 53) : "Damit setzte sich über den Zweiten Weltkrieg hinweg offenbar der langfristige (...) Trend der Mobilitätssenkung seit dem Ersten Weltkrieg fort" (ebd.)
Selbst das mit der Moderne klassischerweise konnotierte Phänomen der "Landflucht" und des Bevölkerungswachstums der Metropolen läßt sich vor dem Hintergrund zerbombter Groß-Städte und in großer Zahl auf dem Land bzw. in Kleinstädten eintreffender Flüchtlinge und Vertriebener so pauschal nicht konstatieren, wenngleich der Bedeutungsverlust der ländlichen Region sich auf Dauer nicht aufhalten läßt:
"Während die westdeutsche Wohnbevölkerung 1950 gegenüber 1939 um 7, 8 Millionen zugenommen hatte, verringerte sich der großstädtische Anteil daran von 36,8 % (1939) auf 31,3 % (1950); demgegenüber hatten in diesem Zeitraum die Klein- und Mittelstädte zwischen 5000 und 100 000 Einwohnern ihren Anteil an der Gesamtbevölkerung erhöht, insbesondere wegen der Aufnahme von Evakuierten, Flüchtlingen und Vertriebenen. Der Zug in die Großstädte bestimmte dann schwerpunktmäßig die Wanderungen in der ersten Hälfte der 50er Jahre. Vor allem die wachsende Nachfrage nach Arbeitskräften trug dazu bei; allerdings erreichte der großstädtische Anteil an der westdeutschen Bevölkerung mit 34,2 % (1961) nicht wieder an den höchsten Stand der Zwischenkriegszeit (1939). Gleichzeitig verringerte sich in den 50er Jahren der Anteil der dörflichen Bevölkerung, während die Klein- und Mittelstädte ihren Einwohneranteil (...) halten konnten"
(ebd., S. 51).Die Vertriebenen waren Vorhut der Urbanisierung - sei es durch Regierungsprogramme, nach denen sie "ökonomisch-funktional" (ebd.) vom Land in die Städte "umgesiedelt" (ebd.) wurden, sei es, weil sie auf der Suche nach Arbeit "selbst in industrielle Zentren abwanderten" (ebd.) oder vor "feindseliger Dorfatmosphäre" (ebd.) flüchteten.
Die relative Tendenz der ersten Hälfte der 50er Jahre zur Urbanisierung (im Sinne eines Zuzugs in die Kernstädte) steht im Schatten einer allgemeinen "räumlichen Verdichtung" (ebd.), die sich von den Kernstädten bis in den ländlichen Raum hinein zieht und mit Begriffen wie "Tertiärisierungsprozeß der Kernstädte" (ebd., S.52), "Prozeß der Suburbanisierung" (ebd.) und Entwicklung von "‚Stadtregionen‘" (ebd.) verknüpft ist. Hiernach ballen sich die Menschen "überall", vor allem aber in den "Ergänzungsgebieten und Verstädterungszonen" (ebd.), während sich "seit Mitte der 50er Jahre die Zuwachsraten der Kernstädte (verringerten)" (ebd.).
Schildt faßt zusammen:
"Nicht mehr Fernwanderungen von einer Arbeitsstelle zur nächsten und Landflucht, sondern räumliches Auseinanderrücken von Arbeitsplatz und Wohnort, der außerhalb der Kernstadt lag, bestimmten den Trend seit der Mitte der 50er Jahre. Ermöglicht wurde diese Entwicklung durch eine enorme Ausweitung des täglichen Personenverkehrs, der in den 50er Jahren rascher anstieg als zusammengenommen im gesamten vorhergehenden Jahrhundert von 1850 bis 1950 (...) Zwischen 1950 und 1961 stieg die Zahl der im öffentlichen Verkehr beförderten Personen um 32 % auf 7,2 Mrd. Personen. Die Straßen- und U-Bahnen beförderten auch 1961 noch die meisten Fahrgäste, doch war ihr Anteil am Verkehrsaufkommen seit 1950 (...) zurückgegangen. Bei der Eisenbahn sank seit 1957 die Zahl der beförderten Personen (...) Eine deutliche Zunahme war allein für die Omnibusse zu verzeichnen, die 1961 zweieinhalbmal soviele Personen beförderten wie 1950 - ein Hinweis auf eine schnelle verkehrsmäßige Erschließung und gesteigerten Bedarf an neuen Verbindungen. Während seit 1957, in eben diesem Zeitraum war der bereits Ende der 1920er und Ende der 1930er Jahre einmal gegebene Stand wieder erreicht worden, die Beförderungsleistung des Öffentlichen Personenverkehrs zurückging, gewann der individuelle motorisierte Personenverkehr eine neue Qualität. Erstmals in diesem Jahr gab es auf den westdeutschen Straßen mehr zugelassene PKWs als Krafträder (ohne Mopeds, die in diesen Jahren aufkamen und zum Teil die Fahrräder ablösten). (...) Dagegen verachtfachte sich der PKW-Bestand 1960 gegenüber 1950 auf 4 Millionen. Damit kamen jetzt etwa 80 PKWs auf 1000 Einwohner. Die Bundesrepublik übertraf mit dieser Motorisierungswelle alle anderen vergleichbaren Industriegesellschaften" (ebd., S. 53 f.).
Zusammengefaßt lassen sich also konstatieren:
3. 2. Work Work Work
Klassenlagen und Geschlechterverhältnisse
"in demselben Maße, wie Maschinerie und Teilung der Arbeit zunehmen, in demselben Maße nimmt auch die Masse der Arbeit zu, sei es durch Vermehrung der Arbeitsstunden, sei es durch Vermehrung der in der gegebenen Zeit geforderten Arbeit, beschleunigten Lauf der Maschinen usw."
(Marx / Engels, a. a. O., S. 53)
3.2.1. Trend zur Arbeit
Daß die 50er wahrlich kein "Freizeitparadies" waren, zeigt sich bei einem Blick auf die durchschnittlichen Arbeitszeiten und die allgemeine Erwerbstätigkeit. Vielmehr war vermutlich selten eine Gesellschaft so sehr und "total" in die (Lohn-) Arbeitswelt eingebunden:
- "Anstieg der Erwerbstätigen von ca. 20 auf ca. 26 Millionen" (ebd., S 55)
- "Die Erwerbsquoten (Anteil der Erwerbstätigen an der Gesamtbevölkerung und an der erwerbsfähigen Bevölkerung von 14 - 65 Jahren) stiegen bis zum Ende der 50er Jahre auf in der Zwischenkriegszeit nie erreichte Höhen. Um 1960 gingen sie dann wieder zurück" (ebd.)
- "Gleichzeitig sank die Arbeitslosenquote, die 1950 noch bei (...) 11,0 % gelegen hatte, bis 1960 auf 1,3 %; danach fiel sie für einige Jahre sogar unter die 1 %-Grenze" (ebd.)
Die "Deutschen" - tendenziell optimistisch, arbeitssam und "vollbeschäftigt" - waren damals übrigens weitgehend "unter sich": erst Mitte der 50er Jahre kamen die ersten italienischen Saisonarbeiter in die süddeutsche Landwirtschaft, doch der Anteil der "ausländischen" Erwerbstätigen in der Bundesrepublik blieb gering: er betrug 1957 nur 0,4 % und noch 1960 gerade mal 1,1 % (nach: ebd., S. 56)
3. 2. 2. Anstieg der Frauen- Lohnarbeit
"An der Ausweitung der Beschäftigung in den 50er Jahren hatten die Frauen einen überdurchschnittlichen Anteil" (ebd.): die Zahl erwerbstätiger Frauen stieg von 4,3 auf 6,8 Millionen (d. h. um 59 %). Allerdings unterschieden sich die Zahlen bezüglich des Anteils der erwerbstätigen Frauen an allen Frauen zwischen 1950 (31,3 %) und 1961 (33,4 %) nur wenig von den teils sogar höheren Quoten aus dem Zeitraum von den 20er (!) bis zu den 50er Jahren (1925: 35,6 %, 1939: 36,1 %), womit diese weit auseinanderliegenden Dekaden (nicht nur diesbezüglich) eine "relative sozialhistorische Einheit" (ebd.) bilden.
In den 50ern stieg der "Anteil der erwerbstätigen Frauen an den Frauen im erwerbsfähigen Alter von 15 bis unter 60 Jahre" (ebd.) von 44,4 auf 48,9 %, d. h. gegen Ende der 50er ging etwa jede zweite Frau im erwerbsfähigen Alter einer Erwerbstätigkeit nach.
"Von den verheirateten 20 - 29jährigen Frauen waren 1950 27,3 % erwerbstätig, 1961 dann 43,1 %, (...) bei den 30 - 39jährigen" stieg der Anteil "von 26,0 auf 37,1 % (1979: 56,6 bzw. 49,6 %)" (ebd.). Insgesamt verdoppelte sich der Anteil der verheirateten Frauen, die "trotz" der Erwerbstätigkeit ihres Ehemannes selbst einer Lohn-Beschäftigung nachgingen von 1950 (12,8 %) auf 26, 8 % im Jahre 1961 (1979: 49 %). Des weiteren verlagern sich die Beschäftigungen der Frauen zunehmend vom Bereich der "‚mithelfenden Familienangehörigen‘" (ebd.) auf externe Erwerbstätigkeiten ohne Familienanbindung:
"Die Rationalisierung in der Landwirtschaft, das Schwinden kleiner Kaufläden, die Verbesserung der beruflichen Ausbildung von Frauen (...), das größer gewordene Angebot an geeigneten Arbeitsplätzen und die Verlagerung von Haushaltstätigkeiten auf Marktleistungen sind als einige der Gründe für diesen Trend zu nennen. Charakteristisch ist auch, daß der steile Anstieg der Frauenerwerbstätigkeit bei den 20 - 40jährigen verheirateten Frauen einherging mit einer Verringerung der Erwerbsquote von 15 - 20jährigen Frauen von über drei Vierteln (1957) auf unter ein Drittel Anfang der 1980er Jahre - Teil einer ‚revolutionären‘ Veränderung des Verhältnisses von Schule und beruflicher Bildung / Berufstätigkeit, die Ende der 50er Jahre einsetzte" (ebd., S. 56 f.)
Mit diesen Veränderungen einher gehen der "Zuwachs von berufstätigen Müttern mit Kindern im schul- und vorschulpflichtigen Alter" (ebd., S. 57) und der "Trend zur Kleinfamilie" (vgl. ebd.).
3.2.3. Bedeutungsverlust des "primären Sektors" zugunsten des sekundären, v. a. aber des tertiären Sektors
Allg.: beschleunigte sektorale Verschiebungen des Arbeitskräfteanteils; historisch letztmalig mit Zuwachs im "sekundären Sektor"; ab den 50ern beginnt bereits die Beschäftigungsexpansion im sog. "tertiären Sektor" (vgl. ebd., S. 58)
"Halbierung des ‚primären Sektors‘ von 26,0 auf 13, 8 %" (ebd.):
"Die spektakulärste Entwicklung bildete zweifellos die Freisetzung von ca. 2 Millionen landwirtschaftlichen Arbeitskräften in den 50er Jahren"
(ebd.)- "Ausweitung des ‚sekundären Sektors‘ von 41,7 auf 49,0 und des ‚tertiären Sektors‘ von 32,3 auf 37,2 %" (ebd.)
"Die 50er Jahre bildeten den Abschluß einer sozialhistorischen Einheit seit den 1920er Jahren auch hinsichtlich des Arbeiteranteils an den Erwerbstätigen" (ebd.) - er lag zwischen 1925 und 1961 kontinuierlich bei ca. 50 %, vor 1925 war er höher, nach 1961 ging er zurück (vgl. ebd.). Besonders rasch und auffällig stieg in den 50ern der Anteil der Industriearbeiter an den Arbeitern insgesamt auf 72 %.
Gleichzeitig verschwimmen zunehmend die Grenzen zwischen Arbeitern und Angestellten (vgl. ebd.)
"Für die Ausweitung der Frauenerwerbsarbeit war in den 50er Jahren die Anteilssteigerung des ‚sekundären‘ wie des ‚tertiären Sektors‘ gleichermaßen bedeutend gewesen; um eine Million Frauen wuchs allein die Beschäftigung im Handels-, Geld- und Versicherungswesen während der 50er Jahre"
(ebd., S. 59)"Die 50er Jahre (...) können als eine Phase absoluter und relativer Ausweitung der Lohnarbeit gekennzeichnet werden, mit einer charakteristischen Verdopplung der Angestelltenschaft (...) Diese Veränderungen der Sozialstruktur können als Indikator eines allgemeinen sozialen Aufstiegsprozesses gesehen werden, der sich in den 50er Jahren fortsetzte und beschleunigte (...) jenes ‚Abschieds von der ‚Proletarität‘‘, der sich auch in allgemeiner Aufstiegsorientierung und ‚Bildungsbeflissenheit‘ äußerte"
(ebd., S.59 f.)Auch wenn man mit "Abschieden von der ‚Proletarität‘" (vgl. Karl Heinz Roth: Die Wiederkehr der Proletarität, a. a. O.) immer vorsichtig sein sollte, so decken sich die hier skizzierten Sozialprozesse ("als Indikator(en) eines allgemeinen sozialen Aufstiegsprozesses", s. o.) mit den bei Maase festgestellten Aneignungs- und Aufstiegsszenarien von Arbeiterjugendlichen in die (post-) moderne, bürgerliche "Konsumgesellschaft" hinein.
3. 3. Bildungswesen
Charakteristisch für die 50er Jahre ist der tendenzielle Fall des Anteils an Volks- bzw. Hauptschülern (von 77,2 (Jahrgänge 1931 - 1935) auf 72,5 % (Jahrgänge von 1936 - 1940)), während sich von 1952 bis 1960 der Anteil der Mittel- oder Realschüler verdoppelt (auf 11, 3 %) und auch der Gymnasiastenanteil erhöht (von 11,7 auf 15 %).
Noch augenfälliger ist der hohe Anteil der Berufsschüler und Auszubildenden: "nahezu drei Viertel dieser Altersgruppe (gemeint hier: die 16jährigen, K.) besuchte in den 50er Jahren Berufsschulen bzw. Berufsfachschulen" (ebd., S. 62), wobei die Mädchen hier nachgeordnet "berücksichtigt" worden sind:
"bis zum Jahr 1952 konnten dann nahezu alle männlichen Berufsschulpflichtigen erfaßt werden, aber nach wie vor ca. 20 % der Mädchen nicht. Die Zahl der Schüler an berufsbildenden Schulen hatte 1953 - 1957 ihren höchsten Stand erreicht und ging dann wieder zurück. Die vorherrschende Form der Berufsausbildung (...) war (...) die Lehre. Die Lehrlingsquote, d. h. die Zahl der Lehr- und Anlernlinge je hundert der Gleichaltrigen, stieg von 46 im Jahr 1950 auf 55 im Jahr 1960 und 64 im Jahr 1966"
(ebd., S. 62),- wobei das Gros der neuen "Azubis" auch hier im sekundären (Abnahme von ca. 70 auf ca. 50 %) und tertiären Sektor (großer Zuwachs von 28 auf 46 %) zu finden war:
"Insgesamt kann man von einer stetigen Zunahme des Ausbildungsstandes (...) sprechen (...) bei den höheren Schulabschlüssen eine überproportionale Zunahme bei Kindern von Eltern mit niedriger (Volksschul-) Bildung und ein Ausgleich des Rückstandes weiblicher Bildungsbeteiligung (...) kann (...) generell festgehalten werden, daß jüngere Bürger durchschnittlich besser gebildet waren als ältere"
(ebd., S. 62 f.)Dieser "Qualifikationsanstieg" (ebd., S. 63) gehört gemeinsam mit den "Formveränderung(en) der geographischen Mobilität" (ebd.) und dem "Übergehen von geographischer in soziale Mobilität" (ebd.) zu den empirischen Grundlagen der Rede von einer in den 50er Jahren "‚mobilisierten Gesellschaft‘" (ebd.).
(Vgl. zu diesem Abschnitt ebd., S. 60 ff.)
Interessant in unserem Zusammenhang die Frage, ob der die Eltern häufig übertreffende Bildungsstand der Jugendlichen auch eine Rolle in Bezug auf das Selbstbewußtsein im "Jugend-Protest" spielte...
4. Freizeit & Freizeitverhalten
Um die materiellen Rahmenbedingungen für Möglichkeiten der Nutzung von "kulturindustriellen" Produkten herauszufinden, seien es Kino-Besuch, Radio hören oder fernsehen, der Besuch von Tanzlokalen, Bars und Clubs, Schallplatten kaufen oder Moped fahren, ist neben "infrastrukturellen" Fragen die Untersuchung der zeitlichen, räumlichen und finanziellen Budgets von besonderem Interesse.
4. 1. 1. Arbeitszeiten & Freizeit
Was die Entwicklung der Arbeitszeiten betrifft,
"bildet die Phase vom Ende des Ersten Weltkrieges bis zur Mitte der 50er Jahre eine Einheit, in der, mit starken Ausschlägen, die Arbeitszeit um einen achtstündigen Arbeitstag innerhalb einer sechstägigen Arbeitswoche bei nahezu gleichbleibender Jahresarbeitszeit pendelte; vor dem Ersten Weltkrieg waren die Arbeitszeiten länger gewesen, seit den 1960er Jahren sind sie kürzer" (ebd., S. 79; Hervorhebung K.).
So wurde, nach vergleichsweise drastischen Verkürzungen mit dem Ende des Ersten Weltkrieges, fortan generell "von den 1920er bis Mitte der 1950er ca. 48 bis 50 Stunden in der Woche gearbeitet" (ebd.), erst danach "verringerte sich die Wochenarbeitszeit bis zur Mitte der 1980er Jahre um etwa 10 weitere Stunden" (ebd.). Insgesamt muß davon ausgegangen werden, daß sich die wöchentliche Arbeitszeit in den 50er Jahren kaum verringerte, im Gegenteil, je "mehr es wirtschaftlich aufwärts ging, desto mehr mußte gearbeitet werden" (ebd., S.80; vgl. Marx-Zitat in dieser Arbeit, S. 32). Den Höhepunkt erreichte diese Entwicklung in der Industrie im Jahre 1955, als mit "ca. 49 Stunden die längste durchschnittliche Wochenarbeitszeit seit Ende des Zweiten Weltkrieges erreicht wurde" (ebd.) – womit die Bundesrepublik auch "im internationalen Vergleich (...) zum Spitzenreiter bei der Länge der Arbeitswoche" (ebd.) geworden war. Dieses "Bild außerordentlicher Kraftanstrengung" (ebd., S. 81) hat grundsätzlich für alle Wirtschaftssektoren Gültigkeit, wenngleich die einzelnen Sektoren durchaus sehr ungleiche Arbeitszeit(entwicklung)en hatten. So wurde vor allem in der Landwirtschaft extrem viel und lange gearbeitet, während es in der Industrie ab Mitte der 50er Jahre zu leichten Arbeitszeitverkürzungen kam.
Zentraler für die Veränderungen des Zeitbudgets ist zunächst die etappenweise "Einführung der Fünf-Tage-Woche" (ebd.) im Laufe der 50er Jahre. Dies galt insbesondere für die IndustriearbeiterInnen: so war die gesamte "erwachsene Erwerbsbevölkerung am Ende des Jahrzehnts erst zu einem Drittel in den Genuß des regelmäßigen freien Samstags gekommen (...), während dies bei den Arbeiter(innen) bereits 1957 der Fall gewesen war" (ebd.).
Die Durchsetzung der Fünf-Tage-Woche ist jedoch keinesfalls einfach gleichzusetzen mit Arbeitszeitverkürzungen, im Gegenteil: "Durch die Einführung der Fünf-Tage-Woche mußte täglich zunächst, bis in die 1960er Jahre hinein, länger als zuvor gearbeitet werden" (ebd.). So wies auch nur "ein Drittel der Betriebe mit fünf Arbeitstagen (...) 1956 tarifliche Wochenarbeitszeiten unter 48 Stunden aus" (ebd.). Dennoch sank die "durchschnittliche tarifliche Wochenarbeitszeit (...) von 1956 bis 1960 für Arbeiter um drei Stunden von 47,1 auf 44,1 Stunden, für Angestellte im gleichen Zeitraum von 47,5 auf 44,5 Stunden" (ebd., S. 81 f.). Zwischen "Mitte der 50er bis Anfang der 1960er Jahre" (ebd., S. 82) kam es zu einer "rasche(n) Durchsetzung der Fünf-Tage-Woche" (ebd.) und auch "bei der Zahl der Wochenarbeitsstunden in der Industrie" (ebd.) gab es hier nun "in der Bundesrepublik, die Mitte der 50er Jahre noch Spitzenreiter (...) gewesen war, eine kürzere Arbeitsdauer als in anderen westeuropäischen Ländern wie Großbritannien oder Frankreich" (ebd.). Die "Vorreiterrolle der Arbeiter und Angestellten bei der Arbeitszeitverkürzung" (ebd.) spricht dennoch der damaligen Rede von der neuen "Freizeitklasse" (Institut für Demoskopie Allensbach 1958, nach: ebd.) Hohn, wenn man die hohe Zahl der Überstunden, den "Trend zum ‚Zweitjob‘" (ebd.), die "Ausweitung der Schichtarbeit" (ebd.) und die "parallel zur allgemeinen Arbeitszeitverkürzung" (ebd.) stattfindende Ausweitung der "Frauenerwerbstätigkeit" (ebd., S. 83; vgl. Abschnitt 3.2.2. in dieser Arbeit) berücksichtigt.
Zu beachten ist auch die große Zahl der Berufspendler mit einer "Zunahme der täglichen ‚Pendler‘ zwischen Wohn- und Arbeitsort" (ebd.), so daß zur ohnehin nicht gerade geringen Anzahl an täglichen wie wöchentlichen Arbeitsstunden noch die "Arbeitswegzeiten" (ebd.) hinzukommen: "Im groben Durchschnitt kam für jeden Berufstätigen pro Werktag zur Arbeitszeit eine Stunde hinzu, die er für den Arbeitsweg benötigte" (ebd., S 84 f.).
Auch weil "durch Einführung des Fünf-Tage-Rhythmus diese Stunde einmal eingespart" wurde (ebd., S. 85) erfreute sich die 5-Tage-Woche "allgemeiner Beliebtheit in der berufstätigen Bevölkerung" (ebd.) mit großen Zustimmungsraten bei Arbeitern,
Arbeiterinnen und den männlichen und weiblichen Angestellten (vgl. ebd.). Damit war jedoch auch eine "Tendenz zu früherem Arbeitsbeginn" (ebd.) verbunden, "so daß das Bild einer am Werktag hart schaffenden berufstätigen Bevölkerung, die zu vier Fünfteln von 22 Uhr 30 im Bett lag und vor 7 Uhr wieder aufgestanden war, um ihren mindestens 11stündigen Arbeitstag zu beginnen, wohl für den gesamten Zeitraum der 50er Jahre zutrifft. Die einzige gravierende Veränderung hatte sich offenbar am Freitag ergeben, an dem nun (...) ähnlich spät zu Bett gegangen wurde wie vordem am Samstag" (ebd., S. 85 f.)).
Unter Berücksichtigung des durchschnittlich notwendigen Zeitpensums an "Schlaf", "Waschen und Anziehen", "Hausarbeit", "Essen und Trinken" und "Einkauf" (ebd., S. 86) blieb – trotz aller prinzipiell erfreulichen Entwicklungen wie 5-Tage-Woche oder Arbeitszeitverkürzungen zum Ende der 50er Jahre - wahrlich nicht viel echte Freizeit übrig. Nach Abzug dieser Tätigkeiten verblieben 1952 durchschnittlich "2 Stunden und 33 Minuten" (ebd.), 1957 "2 Stunden und 43 Minuten" (ebd.) und auch 1960 noch gerade mal "2 Stunden und 54 Minuten" (ebd.) (zum Vergleich: 1981 waren es immerhin schon "4 Stunden und 18 Minuten" (ebd.). Schildt schließt:
"Der ‚wertvollste‘ Teil des Tages hatte sich also in der Wahrnehmung in den 50er Jahren zeitlich kaum vergrößert, im Durchschnitt um ganze 21 Minuten innerhalb von 8 Jahren. Der Verringerung oder geringen Ausweitung der werktäglichen Freizeit stand dabei allerdings die Schaffung eines zweitägigen Wochenendes für die Mehrheit der Arbeiter und Angestellten gegenüber. Dieses erst rechtfertigt es, davon zu sprechen, daß erstmals für die Masse der Lohnabhängigen ‚die Chance für eine nicht mehr durch Mühsal, sondern auch durch Muße bestimmte Freizeit, für ein stärker individuell bestimmtes Privatleben‘ entstand"
(ebd., S. 86 f.)Auch bezüglich der Arbeitsbedingungen ist durch die "sektorale Umstrukturierung der Erwerbstätigkeit" (ebd., S. 87) "sehr stark zwischen Anfang und Ende des Jahrzehnts zu differenzieren" (ebd.), mit einer Tendenz zur "Verminderung des Anteils der Handarbeit" (ebd.), einer relativen "Abnahme schwerer körperlicher Arbeit" (ebd., S. 90) bei gleichzeitig notwendiger "erhöhte(r) Konzentration und nervliche(r) Beanspruchung" (ebd.).
Durch die "geringe Neigung der Männer, die Ehefrau und Mutter" (ebd.) im Haushalt "zu entlasten" (ebd.), blieb die Situation insbesondere für den weiblichen Teil der arbeitenden Bevölkerung sehr belastend:
"Prononciert könnte man die Hausfrauen und vor allem die berufstätigen Mütter mit Familienhaushalt sogar als ‚Freizeitverlierer‘ ansehen; zumindest aber waren sie nicht die Profiteure des bescheidenen Zuwachses an Freizeit bis zum Ende der 50er Jahre" (ebd.).
Summa summarum läßt sich bezüglich der "freien" Zeit in den 50er Jahren festhalten:
"Von einer ‚Freizeitgesellschaft‘, die besorgte Publizisten, Sozialwissenschaftler und Kirchenvertreter in jener Zeit heraufziehen oder gar gekommen sahen, konnte angesichts der doch nach heutigen Maßstäben bescheidenen individuell disponiblen Zeit kaum die Rede sein" (ebd.).
4. 1. 2. Wohnen, Haushalt, Familie
Die "räumlichen Möglichkeiten für das Alltagsleben und für die Nutzung der Freizeit" (ebd.) verbesserten sich, ausgehend "von der miserablen und oft katastrophalen Ausgangslage nach dem Krieg, von der aus gesehen es nur ‚aufwärts‘ gehen konnte" (ebd.) von Beginn der 50er Jahre an zusehends, was u. a. ambitionierten Wohnungsbauprogrammen zu Verdanken war. Dennoch kamen noch 1950 "im Bundesgebiet auf 100 Wohnungen 54 Notwohnungen" (ebd., S. 91) (gemeint: "Behelfsheime aus Stein, aus Holz, aus Platten, Wohnlauben, Wochenendhäuser, Baracken, Wohnbuden, bewohnte Garagen, Ställe, Schuppen, Scheunen, Wohnwagen, Bunker, Keller und Notwohnungen in zerstörten Gebäuden", ebd., S. 90f.). Dies führte auch dazu, daß das "Untermieterdasein" (ebd., S. 91) zum "Massenschicksal" (ebd.) wurde, was z. B. häufig dazu führte, daß "der Besuch alleinstehender Männer oder Frauen (...) von Vermietern bzw. ‚Hauptmietern‘ kontrolliert und um 22 Uhr herauskomplimentiert wurde" (ebd.). Allgemein kann von einem "Bild der drangvollen Enge" (ebd.) ausgegangen werden, ein "Drittel der Bevölkerung hielt eine sofortige Änderung ihrer Wohnsituation für erforderlich, und 10 % führten familiäre Streitigkeiten auf diese zurück" (ebd.).
Mit der allmählichen Verbesserung der Wohn-Situation im Laufe der 50er Jahre, die stark von der "Anstrengung bestimmt war(en), aus Enge und Armut zu entfliehen und dafür auch materielle Opfer zu bringen" (ebd., S 100), verstärkte sich die für die Freizeitgestaltung der 50er Jahre generell zu konstatierende "Dominanz der Häuslichkeit" (ebd., S. 110; vgl. ebd. S. 151) eher noch. Zu den Anstrengungen im häuslichen Bereich gehörten neben der Suche nach besserem Wohnraum oder dem Bau eines Eigenheims dann einerseits eine "‘weitgehende Rationalisierung des Haushaltes‘" (ebd., S. 96), d. h. die schrittweise Anschaffung moderner Haushaltsgeräte wie Waschmaschine, Bügeleisen, Kühlschrank usw., andererseits eine "‚Verschönerung der Wohnung nach einem veralteten Repräsentationsideal‘ einschließlich der Versuche, die ‚gute Stube‘ zu erhalten und der Tendenz zu echten oder unechten Stilmöbeln aller Art" (ebd.). Letzteren Hinweis fand ich spannend: viel "typischer" (weil beliebter) für die 50er als die damit gemeinhin konnotierten "runden Formen" waren nämlich "wuchtige(r) Wohnzimmerschrank" (ebd.) und "klobige(r) Polstersessel" (ebd.), kurz: der sogenannte "‘Gelsenkirchener Barock‘" (ebd.) mit seinem Streben nach "‘Gemütlichkeit‘" (ebd.), während nur "eine kleine Minderheit (...) das Wohnzimmer mit den im Rückblick typischen Insignien der 50er Jahre wie Nierentisch, Schalensessel und flexibler Stehlampe (schätzte)" (ebd.). Auch im Bereich des häuslichen Wohnens also eine Spannung zwischen "Modernisierung" und "Konservatismus".
Insgesamt muß davon ausgegangen werden, daß die "enormen Anstrengungen, sich häuslich / wohnlich einzurichten (...) eine zentrale Bezugsgröße für das Freizeitverhalten bzw. das Alltagsleben allgemein dar(stellten)" (ebd.), und zwar sowohl finanziell als auch zeitlich auf Kosten von anderen "mögliche(n) Freizeitvergnügungen" (ebd.). Somit waren und blieben die "‘eigenen vier Wände‘" (ebd.), gerade nach Stabilisierung oder Verbesserung der Wohnsituation, der "bevorzugte Freizeitraum" (ebd.) – ein Umstand, der zudem noch durch die tendenzielle Vorsicht im Umgang mit sozialen Kontakten jenseits der Familie gefördert wurde, die wiederum mutmaßlich mit Verdrängungsleistungen und Ängsten vor der NS-Vergangenheit, politischen Diskussionen usw. zusammen hing (vgl. ebd., S. 110 ff.). Stattdessen suchte man in der "als ‚restabilisiert‘ angesehene(n) Zwei-Generationen-Familie" (ebd., S. 96) und der Ehe "nach emotionaler Aufgehobenheit" (ebd., S. 97), was sich u. a. in einer verbreiteten und sogar zunehmenden Ablehnung von Scheidungen ausdrückte (vgl. ebd.). Der "Zeitraum zwischen erster Begegnung und Heirat" (ebd., S. 98) war kurz, ein "‘voreheliches Zusammenleben‘" (ebd.) selten, dazu kam ein "in Verbindung mit der allgemeinen Wohnungsnot" (ebd.) großer "Heiratsdruck" (ebd.). Allerdings hatte der Trend zur Betrachtung der Ehe "als Solidaritätsverband zum Erreichen materieller Verbesserungen" (ebd.) – gekoppelt an die "vermehrte außerhäusliche Frauenerwerbstätigkeit" (ebd., S. 99) - auch positive Folgen; so beförderte diese "Funktionszuschreibung (...) ganz offensichtlich den bereits nach dem Ersten Weltkrieg beobachteten Trend von ‚patriarchalischen‘ zu ‚partnerschaftlichen‘ Mustern des Zusammenlebens in Ehe und Familie" (ebd., S. 98), sie beförderte letztlich den "Trend vom patriarchalischen zum ‚partnerschaftlich-egalitären‘ System und von der institutionellen zur emotionalen Bindung" (ebd.), wenngleich die damaligen "Klagen vornehmlich christlich-konservativer Provenienz" (ebd.) über eine "Einebnung der Vorherrschaft des Mannes" (ebd.) angesichts damaliger (und selbst heutiger) Geschlechterverhältnisse sicherlich nur ein müdes Lächeln hervorrufen können.
4. 1. 3. Finanzielle Situation
Relativ eindeutig konstatieren läßt sich ein enormer Anstieg der finanziellen Mittel:
"Die Löhne und Einkommen aus unselbständiger Arbeit entsprachen von der Kaufkraft her um 1950 ungefähr denen von 1938 / 39, und dieses Niveau wiederum war vorher lediglich zu zwei Zeitpunkten erreicht worden: 1913 / 14 am Ende eines lange dauernden wirtschaftlichen Aufstiegs im Kaiserreich und 1928 / 29 auf dem Höhepunkt der mit ausländischem Kapital angeheizten kurzen Prosperität in der Weimarer Republik. (...). Insofern konnte sich in der Bevölkerung Anfang der 50er Jahre das Gefühl ausbreiten, wieder in guten Zeiten zu leben" (ebd., S. 100). So war "der steile und lang dauernde, nur 1967 geringfügig beeinträchtigte Anstieg der Löhne und Gehälter im wirtschaftlichen Prozeß des Wiederaufbaus eine beispiellose generationentypische Erfahrung" (ebd.). Die "Verdopplung der Nettolöhne von 1950 bis 1963" (ebd.) war allerdings keinesfalls "das Ergebnis von Umverteilungsprozessen" (ebd.), die "Einkommensschichtung unterschied sich 1950 weder von derjenigen unmittelbar vor dem Ersten Weltkrieg und in den 1920er Jahren noch von derjenigen in den 1960er und 1970er Jahren grundlegend" (ebd.) – ein Hinweis auf die Hartnäckigkeit der kapitalistischen Klassenverhältnisse. Dennoch wuchsen die Arbeitseinkommen überdurchschnittlich "in Industrie und Handwerk, danach bei Handel, Banken und Versicherungen" (ebd., S. 101), wobei allgemein "in der Großstadt (...) mehr verdient (wurde) als auf dem Dorf" (ebd.) und es auch "‘Stiefkinder(n) des Wirtschaftswunders‘" (ebd.) gab, immerhin "ein Fünftel der privaten Haushalte" (ebd.), die extrem arm waren / blieben. Und im industriellen Bereich wuchsen vor allem "die Löhne männlicher Facharbeiter" (ebd.), während "die Frauenlöhne (...) im industriellen Bereich im Durchschnitt (...) nur knapp zwei Drittel der Lohnhöhe für männliche Arbeiter (erreichten)" (ebd.).
Insgesamt läßt sich ein enormer Zuwachs der finanziellen Mittel im Laufe der 1950er Jahre, sogar gemessen am historischen Vergleich mit vergangenen Prosperitäts-Phasen, konstatieren. Die Frage ist nun, wofür das Geld ausgegeben wurde.
4. 2. Konsumverhalten
Auf die Veränderungen im privaten Konsumverhalten geht Michael Wildt in seiner Untersuchung "Privater Konsum in Westdeutschland in den 50er Jahren" (in: Schildt / Sywottek, a. a. O.), insbesondere im Bereich des Nahrungsmittelkonsums und der Küchenausstattung, ein. Auch wenn dem gängigen Bild von mehr oder weniger homogenen, aufeinanderfolgenden Wellen des Konsums, "dem zufolge auf die ‚Freßwelle‘ die ‚Kleidungs-‚, ‚Einrichtungs-‚, ‚Urlaubs-‚ und ‚Edelfreßwelle‘ folgten" (Wildt, in: Schildt / Sywottek, a. a. O., S. 276), skeptisch begegnet werden kann, so sind die späten 50er Jahre auch nach Wildt von neuen Formen des "Massenkonsum(s)" (ebd.) geprägt. Entscheidend ist zunächst, "‘daß fast jedermann seinen Fähigkeiten angemessen das Gefühl entwickeln kann, nicht mehr ‚ganz unten‘ zu sein, sondern an der Fülle und dem Luxus des Daseins schon teilhaben zu können‘" (Helmut Schelsky, nach: ebd.). Diese behauptete (tendenzielle) "‘Nivellierung ehemals schichten- und klassentypischer Verhaltensformen‘" (ders., nach: ebd.) sei "‘der heute vielleicht dominierendste Vorgang in der Dynamik unserer modernen Gesellschaft‘" (ders., nach: ebd.), für Hans Jürgen Teuteberg war die "Periode zwischen 1948 und 1965 sogar eine zweite ‚Ernährungsrevolution‘, die den ‚letzten Durchbruch zum heutigen Massenwohlstand gebracht‘ habe" (Wildt, a. a. O., ebd.).
Zusammengefaßt lassen sich folgende Konsum-Entwicklungen der "50er Jahre"aufzeigen: