Immer das gleiche Spiel

 

Ein adretter Niederländer landet unerwartet in einer WG von alternativen Deutschen – und bringt alles durcheinander. Das angebliche Kollektiv ist eine Hölle aus Dreck, Bier und Aggression: The Young Ones, ein extremes, körperbetontes Stück des niederländischen Regisseurs Jeroen Kriek (Growing Up In Public; Utrecht), vor kurzem beim Explosive!-Theaterfestival im Schlachthof zu sehen, polarisierte die Zuschauer. In engstem Zusammenleben mit jungen Schauspielern aus Bremen und Arnheim entwickelte Kriek mit Alexandra Lewing und Ester Gould (Regieassistenz; Schlachthof) dieses Stück über Vorurteile, Mißverständnisse und einen schwierigen Umgang miteinander. Er hat kein Klischee ausgelassen: von Wagner-Musik bis zum kiffenden Holländer. Daß sich darunter eine wesentlich tiefgründigere Schicht verbirgt, erfuhr Kersten, der sich mehrere Stunden lang mit Jeroen Kriek unterhalten hat – über seine Theaterarbeit, deutsche und niederländische Realitäten und die Angst vor dem Islam.

 

In seinen Stücken gehe es um soziale Mechanismen, die er dann zu ‚Mikro-Gesellschaften‘ wie der WG in The Young Ones verdichte. Es gehe um die schwierige Suche nach einem Weg in einer kompliziert gewordenen Welt. Die Stücke sind komplex, gespickt mit Themen und Anspielungen. Eine Message im engeren Sinne gebe es nicht, er verstehe seine Inszenierungen eher als Spiegel. Ohne Rücksicht auf ästhetisches Empfinden will er „zeigen, was gezeigt werden muß“. Häufig verwirre und strapaziere das die Zuschauer und das wolle er auch. Neugierig diskutiert er dann nach den Aufführungen mit dem Publikum.

Eine beinahe unerträgliche Leere und ein Gefühl von Einsamkeit sind Grundelemente seiner Inszenierungen. Viele Leute würden sagen, er mache immer das gleiche Stück. Kriek vergleicht das mit Vincent van Gogh, der ja auch jahrelang Sonnenblumen gemalt habe. Es gehe darum, sich zu verbessern. Daß seine Charaktere von Klischees nur so triefen sei Absicht, denn sie sind für ihn Zeichen, Symbole. Er nennt das „icons“. Auch die WG sei so ein icon - „für die globalen Beziehungen“. Und bekanntlich haut sich die ganze Welt ja auch permanent einen in die Fresse.
Das liebevoll versiffte Bühnenbild war voll von den Ikonen verschiedener Generationen: das obligatorische Che-Poster, Hanfblatt, Doc Martens oder Kurt Cobain. Letztlich seien diese icons jedoch austauschbar. Die Mechanismen der Bewegungen wiederholten sich, auch wenn die Umstände und damit die sozialen Akteure sich änderten. Als Beispiele nennt er die Anpassung vieler Alt-68er; auch Koalitionsaussagen deutscher Politiker und Punx am Bremer Bahnhof mit teuren „special made punk clothes“ sind ihm nicht entgangen. Es handele sich um leere Zeichen: „The icons are empty“. In diesen Opportunismus und seine Widersprüche will er Salz streuen.

Und das tut er gewaltig: Wenn etwa „WG-Chef“ Theo (Fabrice Kamp) vom Elend der Welt berichtet, macht sich eine seltsam unangenehme Leere breit. Es gibt im Verhalten der Akteure keine Vermittlung zwischen dem Wissen um die globalen Ungerechtigkeiten und dem eigenen Lebensstil, es wirkt oberflächlich und unreflektiert. Nach einem sexuellen Übergriff auf Ute (wunderbar gespielt von Berit Sliwinski) sind die WG-Frauen, die vorher groß auf Frauen-Solidarität machten, nicht einmal in der Lage, sie in den Arm zu nehmen. Im Gegenteil, sie schieben ihr die Schuld zu. Solche Mechanismen der Ignoranz, Bequemlichkeit und Selbstgefälligkeit versucht Kriek auf ein „Meta-Niveau“ zu bringen, er benutzt sie als Metapher. Parallelen sieht er etwa in Bezug auf den Hurricane in New Orleans: „Die ganze Welt schaut sehenden Auges weg“. Sarkastisch merkt er an, das könne daran liegen, daß dort ja nur „Schwarze, Arme und Demokraten“ wohnten. Oder Demonstrationen: „Traffic goes on, nobody cares“. Wenn aber die Benzinpreise stiegen, würden die Leute die Welt ändern wollen. Doch was tun mit solchen Erkenntnissen? Der Ausweg sei schwierig. Mindestbedingung sei, sich der Mechanismen bewußt zu werden. Und dann: „Macht was draus!“

Auch der Holländer Bart (Nard Verdonschot aus Arnheim) ist ein Symbol - für das ‚Fremde‘, ‚Andere‘. Seine Anwesenheit in der WG stellt die gewohnte Ordnung in Frage. Die Leute müssen sich neu entscheiden, wovor sie sich aus Angst um ihre Identität jedoch scheuen. Das wird dann auf den ‚Fremden‘ projiziert: er wird zum Eindringling. Um diesen Mechanismus geht es Kriek. Denn obwohl Bart gute Laune ins Spiel bringt, Witze erzählt („Deutsche Witze sind eines der dünnsten Bücher der Welt“), Frühstück holt und natürlich was zu kiffen mitgebracht hat, verschärfen sich die WG-Konflikte. Ein erfolgloser Versuch, die Situation zu entspannen, sind seine Liebeserklärungen an Deutschland: alles sei so sauber, die Leute so höflich (selbstredend trifft nichts davon zu): „Und Eure Dichter und Philosophen: Goethe, Marx, Beckenbauer“. Auch seine Lobreden auf deutsche Frauen („Holländische Frauen schmeißen Dir schon beim ersten Rendezvous einen Tampon ins Gesicht“) und deutschen Fußball sollen ihm wenig nützen – es geht nicht gut. Kulturelle Unterschiede sind für Kriek kein Grund für Haß oder Vorurteile: „Es ist lustig, all diese Mißverständnisse zu haben“. Ungeachtet aller Bemühungen passiert, was auf dem WG-Klo stand: „Shit happens“. Die entscheidende Frage sei, wie der Prozeß weiterverläuft: „Sometimes it goes right, sometimes it goes wrong“. Im Stück endet er in einer Katastrophe. Nachdem sich die WG für Bart und gegen Theo entschieden hat, fühlt sich dieser um seine Position betrogen und erschießt den Holländer.

Am Umgang mancher Niederländer mit dem deutschen NS kritisiert Kriek, daß es immer einfach sei zu sagen: „Ich bin nicht verantwortlich“. Es habe auch in den Niederlanden eine NS-Bewegung gegeben. Die junge deutsche Generation hingegen sei nicht schuld an der Vergangenheit. Das Verhältnis der Nachbarländer habe sich geändert. Daher wolle sein Stück ermöglichen, dieses „Buch zu schließen“. Seine Liebe zu Deutschland hat Kriek Bart in den Mund gelegt, der die „Sendung mit der Maus“ und „Derrick“ hochleben ließ. Genau darum gehe es: „Es gibt kein Problem“!

Kriek berichtet von den Traumata der letzten Jahre. Es ist keine Rede mehr von einem liberalen Holland. Erst der 11. September. Dann, 2002, die Ermordung des offensiv schwulen Politikers Pim Fortuyn, der als Rechts-Populist galt. Er habe aber die „Selbstzufriedenheit“ der Gesellschaft aufgebrochen, viele hätten ihn bewundert. „Der Mord war ein großer Schock, der das Denken der Holländer veränderte“. 2004 wurde der Regisseur und umstrittene Islam-Kritiker Theo van Gogh (Kriek: „Elefant im Porzellanladen“) ermordet. Dies sei dann die „Lunte“ gewesen, die zu einer Explosion führte. Jetzt gäbe es „eine rechte Regierung“, welche „die Kluft zwischen Arm und Reich“ weiter vertiefe. Deren „Arroganz“ regt Kriek auf, sie hätte nach dem Nein beim EU-Referendum zurücktreten müssen.

Die alte Angst vor Veränderung / Identitätsverlust spiegele sich auch in der „Angst, die Muslime könnten den Laden übernehmen“. Gefordert werde Anpassung nach dem Motto: „Du bist ein braver Muslim“. Er verweist auf ein holländisches Sprichwort: „Do normal, you are crazy enough“. Und genau dies sei repressiv, denn es bedeute: „Don’t be different“. Wichtiger als der Trend zum „doing normal“ und zur „Angst vor Extremismus“ sei jedoch das Wagnis „eine eigenständige Position zu finden“. Wie auch in der engen Theaterarbeit mit den Jugendlichen gehe es darum „zu teilen“, eine gute Zeit zu haben und „eine neue Art des Zusammenlebens“ zu finden: „Confronting, but with respect“.

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