VON BRAUNEN SCHREIBTISCHEN IN DIE SCHWARZE SZENE

Der rechte Kulturkampf

„Es beherrscht unser Leben / es bringt kein Heil,

ich schreibe ein paar Zeilen / das Wetter hier ist fein,

doch dröhnt es Tag und Nacht / durch Lautsprecher."

(Siouxsie & The Banshees 1979, Mittageisen (Metal Postcard), dem kommunistischen Montagekünstler John Heartfield gewidmet)

Die sogenannte „Neue Rechte" (Alain de Benoist, Pierre Krebs, Thule-Seminar etc.) - eine intellektuelle Strömung innerhalb der Rechtsradikalen - ist auf der Suche nach weitergehendem gesellschaftlichen und politischen Einfluß als ihn prügelnde Nazi-Boneheads und ergraute Alt-Nazis an Stammtischen schon erreicht haben. Ihre Debatten kreisen immer wieder um die Frage, wie konservatives, rechtes oder rechtsextremes Gedankengut attraktiver werden könnte, auch und gerade für die Jugendlichen. So legte etwa Claus-M. Wolfschlag auf einem Herbstseminar der „neu"rechten Deutsch-Europäischen Studiengesellschaft / Synergon Deutschland unter dem programmatischen Titel „Rechts, Links: Ende einer Dichotomie?" der Rechten nahe, „ihr Verhalten zu ‚entmilitarisieren' und ruhig etwas mehr Hedonismus walten zu lassen", um den Einfluß „auf die heutige Jugend" zu vergrößern (DESG-inform 1-99).

Seit Anfang der 90er Jahre hatten Theoretiker der „Neuen Rechten" über ein Thema nachzudenken begonnen, welches den Rechten scheinbar per se diametral entgegenstand: Popmusik. Während klassische Rechte diese irgendwo zwischen „Negermusik", „amerikanischer Massenkultur", „Dekadenz" und „Heimatlosigkeit" verorteten, begannen einige ihrer realistischeren Köpfe zu begreifen, daß sie mit ihrer starren Ablehnung keinen Pfifferling mehr ernten würden.
 

„Pardon, ich höre Popmusik" überschrieb der Österreicher Jürgen Hatzenbichler (Mitglied der FPÖ) einen Artikel in „Nation & Europa" (3-4/91), in welchem er sich von „afrikanischen Strömungen", „schnelle(n) Rhythmen und auf Gestammel reduzierte(n) Texte(n)" distanziert, um gleichzeitig zur Herausbildung einer rechten „Gegenkultur und Alternativkultur" aufzurufen. „Und aus dieser Gegenkultur kann eine neue Kultur werden, die allgemein akzeptiert ist und über ihre Form und ihre Inhalte Einfluß nimmt". Auch wenn der Text extrem unbeholfen und klischeemäßig stocksteif daher kommt („Es gibt gerade unter den Jungen viele, die offiziell nur Marschmusik hören, dann aber, wenn sie allein oder im vertrauten Kreis der Freunde sind, sich ebenfalls Pop-Musik anhören"), so weiß er immerhin: „Das Feld von Kunst und Kultur ist alles andere als unpolitisch" und bemerkt: „Auch wenn man sich durch den heute laufenden Kunstzirkus angegriffen fühlt, ist Rückzug die falsche Antwort darauf. Wir brauchen selbst den Angriff!". Bezugnehmend auf „Den Tiger reiten", eine Schrift von Julius Evola ( italienischer Kulturphilosoph und Klassiker der Anti-Moderne, Berater Mussolinis, 1898 - 1974), den Umberto Eco treffend als „faschistischen Guru" beschrieb, schreibt er: „Man muß den Tiger reiten... Denn wenn man ihn reitet, dann kann man ihn vielleicht auch dirigieren."
 

Was bei ihm noch mit „Provokation" übertitelt war, präsentierte Roland Bubik, Stipendiat der CDU-nahen Konrad-Adenauer-Stiftung und Mitglied des Christlich-Konservativen Deutschland Forums in der CDU, im Herbst 1993 in der „neu"rechten Zeitung Junge Freiheit unter der Überschrift: „Die Kultur als Machtfrage". Er plädiert für einen „revolutionären Konservatismus"(!), beklagt die „Zerstörung der Familie", die „Entheiligung von Religion" sowie die „Negierung des Nationalen" und fragt sich, „welche Bedürfnisse in der modernen Welt Angeboten des jungen Konservatismus entsprechen". Interessant ist, welche Autoren er in seinem Text positiv erwähnt: darunter befinden sich Yukio Mishima, Ernst Jünger und Oswald Spengler, die alle im Zusammenhang rechter Tendenzen in der Dark Wave-Szene wieder auftauchen werden.

Bubik tut sich auch schwer mit der Anwesenheit von MigrantInnen in Deutschland, die er „Fremde" nennt: „...schon 6 Millionen an der Zahl, und es werden - beim derzeitigen politischen Personal kaum vermeidbar - noch mehr." Seine „revolutionären" Erkenntnisse über die „äußerlich und innerlich zerschlagene Nation"(!), über „das Bild (...), welches Deutschland heute aufweist" gehen jedoch weiter. Ihm ist nicht entgangen, dass „im Bereich der Kommunikationsnetzwerke" und in der „Unterhaltungsindustrie" „neue Möglichkeiten" entstanden sind, „auf Menschen einzuwirken." Und so sucht er schließlich in der Popmusik nach der „Revolte gegen die moderne Welt" (Julius Evola). Damit ist allerdings nichts irgendwie Progressives gemeint, sondern eine Weltsicht, die wie bei Evola gegen die Werte der französischen Revolution (Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit) gerichtet ist. Bei Evola wie bei Bubik wird „Kultur" zur „Machtfrage", der es sich zu stellen gelte. Und Bubik ist optimistisch. Im Abschnitt „Reaktionäre Ästhetik und Konservative Revolution" schreibt er:
 

„...die Jugendkultur von heute bietet erfolgversprechende Ansätze hierfür. (...) Ein merkwürdiges Bewußtsein, in einer Phase des Niedergangs zu leben, ist virulent, vom ‚age of destruction' ist die Rede, die Parties der Tekkno-Szene gleichen makabren Totenfeiern einer Epoche. Man (...) mißtraut der Erklärbarkeit der Welt, wendet sich sogar rückwärts, etwa in Form der verschiedenen Independent-Szenen. So kennzeichnet es die Lage trefflich, dass im besten Sinne reaktionäre Ästhetik und Lebensauffassung bislang nicht von ‚rechten Postillen' am erfolgreichsten verbreitet wurden, sondern mittels silberner CD-Scheiben. Neo Folk, Gothic, Gruppen wie ‚Dead Can Dance' oder ‚QNTL' (er meint Qntal, auch wenn er klammert: Leser der JF-Musikkritik wissen Bescheid) sprechen eine andere Sprache als die der Moderne." (alle Bubik-Zitate aus JF, Oktober 1993, S. 23)
 

In der gleichen Ausgabe der Jungen Freiheit, nur fünf Seiten weiter, berichtet Bubik dann unter der sagenhaften, an Ernst Jünger angelehnten Überschrift „Stahlgewitter als Freizeitspaß" über die Techno-Szene. Und zeigt, dass er von Techno nichts, aber auch gar nichts verstanden hat: „Macht, Gewalt, Ekstase, Geschwindigkeit, Totalität von Herrschaft und Unterordnung - diese Schlagworte bieten ganz brauchbare Eckpunkte zur Markierung des ästhetischen Gehalts von Tekkno."
 

Und er geht noch weiter. Scheinbar von einer Überdosis schlechter Pillen berauscht, fühlt sich der „konservative Revolutionär" „im düsteren Schein der Laserbatterien, die auf breiter Front im Kunstnebel die Halle durchfluten und an die Scheinwerfer der Luftaufklärung erinnern" an alte Zeiten erinnert: „Selten sieht man tausende Menschen so lustvoll und mit Hingabe ihren Führern folgen." (Roland Bubik in JF, Oktober 1993, S. 28)
 

Bubik's Träume von der Techno-Szene entpuppten sich bald als Schäume, da die Rave-Szene wenig geneigt schien, ihn und seinesgleichen als „Führer" zu akzeptieren. Daraufhin wird Bubik auf die Raver schimpfen und Techno plötzlich zur „seelischen Vergewaltigung durch Beat-Computer und Masse" (Roland Bubik in: xxx) mutieren. Er läßt die Techno-Szene fallen wie eine heiße Kartoffel. Sie wird es ihm gedankt haben.
 

Anknüpfungspunkte für einen rechten „Kulturkampf" sah er jedoch auch in der schwarzen Szene, bei Bands wie Dead Can Dance oder Qntal. Auch hier hatte sich Bubik vergriffen, denn in Wahrheit wollen beide Bands nichts mit rechtem Gedankengut zu tun haben. Qntal gehören in den Kreis der deutschen Dark Wave - Bands (Deine Lakaien, Estampie), die sich wiederholt und vehement gegen den rechten Kulturkampf zu Wort gemeldet haben. Und Bubiks Redaktionskollege Peter Boßdorf mußte feststellen, daß Dead Can Dance längst nicht auf eine Rezeption mittelalterlicher Musik zu reduzieren sind und keine (musikalischen) Grenzen kennen. Anläßlich ihrer CD „Spiritchaser" (4 AD/Rough Trade 1996) stellt er enttäuscht fest: „Man parodiert in gezierter Pose den Orient, (...) begleitet von nicht mehr an Langeweile zu übertrumpfenden Percussion-Einlagen der Marke Dschungel. (...) Wenn dies Weltmusik sein soll, ist die Welt nicht zu beneiden." (JF 29/96).
 

Neben diesen Fehlschlägen gab es leider auch reale Anknüpfungspunkte in der schwarzen Szene: Bubiks frühere Lebensgefährtin Simone Satzger (alias Felicia), Sängerin der „Gruft"-Band Impressions Of Winter, träumte 1995 in einem Artikel davon, „Opfer seines Glaubens" und einer „Idee zu sein" und von einer „Aufhebung des einzelnen im Ganzen". Sie wetterte gegen „Charakterlosigkeit" („Selbstverständlich kann man Menschen verstehen wie die geschlagene Ehefrau, die zu trinken beginnt... Trotzdem kann Schuld nur in der eigenen Charakterlosigkeit gesucht werden.") und gegen „Entgrenzung" („Energie aber, die Grenzen bricht, wird zur explosiven Gefahr"), beklagte einen Mangel an Liebe („Wer stirbt denn heute noch an gebrochenem Herzen?"), um daraufhin eine Lanze für die Rechte zu brechen („Die Ablehnung der multikulturellen Gesellschaft und das Bekenntnis zur Nation sind zunächst nichts weiter als Ausdruck einer träumerischen seelischen Verfaßtheit..."), die sie als Opfer einer linken Hegemonie beschreibt, um im letzten Abschnitt, „Zukunft" übertitelt, eine rechte Kulturinstrumentalisierung zu propagieren. Sie begrüßt die Bereitschaft der „neuen Konservativen (...) sich aktuellen kulturellen und politischen Phänomenen zu öffnen, um sie für die eigenen Zwecke zu nutzen: (...) Solange die Rechte als Ansammlung verkorkster Knickebockerträger auftrat (...) stellte sie keine Gefahr dar. Wird sie aber künftig in der Lage sein, innovativ zu denken und zu handeln, wäre sie durchaus in der Lage, gesellschaftliche Bedeutung zu erlangen" hofft sie am Ende ihres Beitrages (Simone Satzger: „Elemente", in Roland Bubiks (Hg.) „Wir 89er: Wer wir sind - was wir wollen", 1995).

Darüber hinaus existierten schon damals eine Reihe von schwarzen Bands mit tatsächlich rechten Inhalten (mehr dazu später im Abschnitt „Musikprojekte"), insbesondere im Neo-Folk und Industrial-Bereich sowie Zeitschriften aus der schwarzen Szene wie das Dresdner Blatt Sigill (inzwischen: Zinnober), welches Bubiks Vorstellungen von „reaktionärer Ästhetik und Lebensauffassung" schon damals extrem nahe kam.
 

Von Interesse für die „Neue" Rechte war zudem ein der Gothic-Szene nachgesagter Hang zum Mystischen. Auch die Bezüge von Teilen der Szene zu Romantik, Heidentum oder Esoterik sind für die Rechten von Interesse, sofern sie als Anknüpfungspunkt für rechte Propaganda dienlich sind.
 

Überlegungen für eine Annäherung rechtsextremer Organisationen an (Jugend-) Subkulturen wurden nicht nur in Österreich und Deutschland angestellt, sondern beispielsweise auch in Belgien. So erklärte Filip Dewinter, Fraktionsvorsitzender des rechten Vlaams Blok (eine nationalistische flämische Partei in Belgien) in einem Interview mit Peter Boßdorf der Jungen Freiheit: „Die Jugendkultur als dekadent und verwerflich abzutun, erscheint mir völlig verkehrt. Natürlich gibt es Auswüchse, beispielsweise Drogen, Home-Ehe und Permissivität (= Freizügikeit, Anti-Autoritäres). Das bedeutet aber doch nicht, dass man das Kind mit dem Bade ausschütten soll. Wir müssen versuchen, Anschluss an die heutige Jugendkultur zu finden. Wenn es uns nicht gelingen sollte, uns von einem verkrampften Konservatismus loszusagen, der alles, was mit Jugendkultur zu tun hat, von Rock'n'Roll bis Jeans, als ‚des duivels' (des Teufels) betrachtet, befürchte ich, dass wir jede Symphatie verlieren werden" (Junge Freiheit 35/95).
 

Während Peter Boßdorf von solchen Gedanken inspiriert den Weg bis zum Independent-Magazin Zillo finden sollte, findet Sandy Nys von der belgischen Ritual-Band Hybryds in einem Schreiben an die Grufties gegen Rechts vom 16. Juli 1999 klare Worte bezüglich des Vlaams Blok: „The more of these things one can see, the more you think it is acceptable, as we can see here in Belgium with the fascistic Vlaams Blok party. And once these kind of people are in power it will be to late to weep for the people of our tribe." (Je mehr du von diesen Dingen siehst, desto mehr denkst du, sie seien akzeptabel, wie wir das hier in Belgien mit der faschistischen Vlaams Blok-Partei beobachten können. Aber sobald diese Art von Leuten mal an der Macht ist, wirdes zu spät sein, Tränen zu vergießen für die Leute von unserem Schlag).
 

In Deutschland nahm die „Operation Dark Wave" (Alfred Schobert) in der Jungen Freiheit ihren Lauf. Über einen Nachwuchswettbewerb konnte eine mit Dark Wave vertraute Autorin aus der schwarzen Szene angeworben werden, die von 1994 bis 1995 für das Thema zuständig war, bis ihr klar wurde, was Bubik & Co. mit den Gothics vorhaben, und ausstieg.

Aber der Flirt zwischen Junger Freiheit und schwarzer Szene funktionierte auch andersherum:

Mit dem bereits erwähnten Peter Boßdorf, der auf eine lange Vergangenheit im rechtsextremen Milieu, u.a. im Thule-Seminar und bei den Republikanern, zurückblicken kann, konnte Mitte der 90er Jahre ein Junge Freiheit-Redakteur im Zillo, der auflagenstärksten Zeitschrift der „Independent Szene", als ständiger Mitarbeiter plaziert werden. Das Zillo unter seinem damaligen Herausgeber Rainer „Easy" Ettler druckte zudem eine Werbeanzeige der Jungen Freiheit („Romantisch, anders, frei"!) (Zillo 2 / 96), die mit einem Foto von Forthcoming Fire, der Gothic-Band um den rechtsextremen Sänger Josef Klumb, warb. Angekündigt wurden dort eine Reportage zur Zillo-Preisverleihung (für deutschsprachige, „alternative Rockmusik"), ein Forthcoming Fire-Interview und: „Spaß, Fakten, Hintergründe". Die Gothic-Szene wurde in der JF von Roland Bubik mit Begriffen wie „antimodernistischer Gestus", „archaische Gewalt" und „romantisierender Pathos" beschrieben und willkommen geheißen. Dieser meinte auch, „die Bezugspunkte" der schwarzen Szene seien „Mittelalter und deutsche Geisteskultur (...) statt ‚Love and Peace'" und überhaupt sei die schwarze Szene gegen die verhaßte „anglo-amerikanische Unterhaltungsindustrie" (deren Teil sie ist!) gerichtet (JF 4/96).
 

Zeitgleich widmeten sich auch andere Rechtsextreme der schwarzen Szene. Dies zeigt u.a. ein direkt neben der JF-Anzeige im Zillo abgedruckter Leserbrief, der sich darüber beklagt, daß bei einem Auftritt der US-Goth-Band London After Midnight zwei Konzertbesucher ihre Hand zum Hitlergruß erhoben hatten, weil sie deren anti-nazistischen Song „Revenge" mißverstanden hatten (Zillo 2 / 96).
 

Die Liason Zillo / Junge Freiheit war aufgrund von Protesten aus der schwarzen Szene bekanntgeworden: das Hamburger Wave-Label Strange Ways (u.a. Goethes Erben) und der Vertrieb Indigo machten den Skandal öffentlich, und auch einige Leser fragten sich, „was, in Gottes Namen, hat dieser Mann (...) (gemeint ist Peter Boßdorf) in der Zillo-Redaktion (...) zu suchen" oder baten - bezogen auf die JF-Anzeige - darum, „nicht jeden Mist (zu) drucken"(Zillo 4 / 96). Erst nach dem Tod des Zillo-Chefredakteurs Rainer Ettler wurde Peter Boßdorf im Frühjahr 1997 endlich vor die Tür gesetzt. Neuer Chefredakteur wurde Joe Asmodo.
 

Gerlinde Gronow, die den JF-Nachwuchswettbewerb gewonnen hatte und die „Operation Darkwave" über ein Jahr lang von „innen" heraus beobachten konnte, war vor ihrem Einstieg in die Welt der Jungen Freiheit ab 1991 Mitherausgeberin des Gothic-Fanzines Scarlet (später: Scharlach) gewesen. Nach etwas mehr als einem Jahr engster Zusammenarbeit mit Roland Bubik schmiß sie schließlich 1995 entsetzt das Handtuch und warnte eindringlich vor dem rechten „Kulturkampf". In einem Offenen Brief an den damaligen Zillo-Herausgeber wollte Gerlinde die Independent-Szene darüber aufklären, was sie am eigenen Leibe erfahren hatte und was Bubik & Co. mit der schwarzen Szene vorhaben.

Das Zillo druckte diesen Brief allerdings nicht ab, so dass er den meisten Gothics immer noch unbekannt ist. Um das - Jahre später - zu ändern und wegen der leider unveränderten Aktualität, geben wir Gerlindes Brief mit ihrer freundlichen Erlaubnis an dieser Stelle in voller Länge wider.
 

- Offener Brief -
 

„Easy" Ettler wollte indes lieber „Gras über die Sache wachsen lassen". Er hatte schon nach dem Streit um Boßdorf und die JF-Anzeige im Vorwort gepoltert, er wolle "von diesem verdammten Thema kein Wort mehr hören" (Zillo 3 / 1996)

Wir finden, daß Gerlindes Brief auch heute noch viel zur Vergangenheitsaufarbeitung einer in diesem Zusammenhang unrühmlichen Zillo-Geschichte beitragen könnte und gehen davon aus, dass die Diskussion über den rechten „Kulturkampf" in der schwarzen Szene um einiges weiter wäre, hätte das Zillo diesen aufschlußreichen Brief schon 1996 dokumentiert.
 

Mit dem Verlust der beiden zentralen „U-Boote" in den Jahren 1995 und 1997 war die „Operation Darkwave" der Jungen Freiheit keineswegs zuende. Noch heute wird im Kulturteil regelmäßig über Ereignisse, Platten, Zeitschriften und Bands aus der schwarzen Szene berichtet, die für die Ideen der „Neuen" Rechten interessant sein könnten. Auch der paternalistisch-umklammernde Tonfall ist immer noch derselbe: die von allen Seiten kritisierte, „arme" schwarze Szene wird - wie von Gerlinde beschrieben - von der Jungen Freiheit allemal verteidigt, wenn's denn nützlich ist.
 

Mittlerweile haben sich die „Kulturkämpfer" bis in die Reihen von ganz traditionellen Neonazis etabliert. Selbst das NPD-Blatt Deutsche Stimme widmet sich mittlerweile regelmäßig in Artikeln der schwarzen Szene. So wird über das Wave-Gotik-Treffen in Leipzig mit Formulierungen wie "die europäische Kulturveranstaltung der weißen Jugend", "die gesamte Bandbreite weißer, abendländischer Musikkultur" oder "stilvolle Verkaufsstände, die Kleidung und Schmuck (germanische Runen, Thorshämmer u.ä.) feilbieten" berichtet, wobei insbesondere Musikprojekte aus dem Neo-Folk-Bereich positiv hervorgehoben werden: "Neuvölkische Musik vom feinsten bietet die erste Gruppe aus Jena, die sich nach der germanischen Gottheit Forseti benannt hat. Hier stimmt einfach alles: Die Musik, die Texte (100 Prozent deutsch) sowie die Bühnenpräsentation" oder, bezüglich des Projekts Camerata Mediolanense: "Als Zugabe spielen die italienischen Musiker das (...) deutsche Soldatenlied Lili Marleen - auf deutsch! Eine rührende Geste, eine großartige Referenz an das deutsche Volk und seine gefallenen Söhne" (8/99). Auch wird wohlwollend über rechte Fanzines aus der schwarzen Szene wie Sigill (7/99: "eine unterstützenswerte Zeitschrift") oder Hagal (8/99: "ein gutes Mittel für unseren kulturellen Kampf um die Herzen und Köpfe der Menschen") berichtet. Seit einiger Zeit vertreibt der "Deutsche Stimme - Versandhandel" auch Platten von Feindflug(DS 8 / 99), Weissglut (DS 9 / 99) und Orplid (DS 10 / 99).
 

Was anfänglich ein eher gewagtes Experiment zu sein schien, ist inzwischen integraler Bestandteil rechtsextremer Strategien um die Hegemonie in der Gesellschaft. Dies zeigt sich auch an Details. In den Ankündigungen für das 9. Wave-Gotik-Treffen 2000 in Leipzig ist die Rede von "Silberscheiben" (gemeint sind CD's). Dieser Begriff findet sich schon bei Roland Bubik ("silberne CD-Scheiben", s. Zitat oben), wird seit Jahren von rechten Zeitschriften wie Sigill benutzt, bei denen ein Fax ein "Fernbild" ist und das Internet zum "Weltnetz" mutiert, und ist mittlerweile offensichtlich auch bei den Veranstaltern des Wave-Gotik (!)-Treffens salonfähig geworden. Was so harmlos klingt, zeigt in diesem Falle auch, wie langfristig die Strategie der "Neuen" Rechten angelegt ist. Gleiches zeigt sich auch in der Eindeutschung des "Gothic"-Begriffes, welche musikhistorisch einfach nur falsch ist, da sich der Begriff "Gothic" auf (englische) Schauergeschichten (Edgar Allan Poe u.a.) bezieht, nicht auf die mittelalterliche Epoche. Daß die schwarze Szene ihren Ursprung in England hat, wird damit gleich mit unterschlagen. Selbst "Szene-Kenner" Eckie Stieg hat sich diese absurde Schreibweise inzwischen zu eigen gemacht (s. Zillo 7 - 8 / 99) und pervertiert damit zugleich die vielbeschworene "Weltoffenheit" der Gothic-Szene. Daß dies kein Zufall ist, zeigte bereits die von Eckie Stieg geleitete Zillo-Podiumsdiskussion auf dem Wave-Gothic-Treffen in Leipzig 1998. Immer wieder versuchte Eckie Stieg, der als Diskussionsleiter ja eigentlich eine moderierende und also neutrale Position einnehmen hätte sollen, seine These durchzusetzen, Gothic sei eine "gewissermaßen deutsche Musik" (Josef Klumb). Seine Mitdiskutierer (leider ausschließlich Männer) versuchten die Absurdität dieser These zwar deutlich zu machen, doch Eckie Stieg verstieg sich derart auf diese Theorie, daß dies trotz ständigen Widerspruchs völlig an ihm abprallte. Widersprochen haben z.B. sein Chefredakteur, der Zillo-Herausgeber Joe Asmodo
 

"Du kannst doch heute nicht mehr sagen, welche Band welche Einflüsse hat. Die Welt ist doch so vernetzt, daß man gar nicht mehr weiß, ob nun eine englische eine deutsche Band beeinflußt hat - oder umgekehrt",
 

der Exil-Iraner Steve Naghavi von And One
 

"Es kommt ja auch ab und zu vor, daß jemand aus einem anderen Land, so wie ich, die deutsche Kultur repräsentiert. Unsere Musik wird ja auch im Ausland beurteilt, und da fällt oft genug der Satz, daß 'diese Musik nur die Deutschen machen können'. Dann schaue ich oft in meinen Reisepass und schmunzele...",
 

und Stefan Herwig vom Off Beat-Label
 

"Jeder bringt seine Einflüsse mit, jeder beeinflußt jeden. Nationen sind meiner Meinung nach völlig irrelevant. Wir sind zwar vorbelastet, sollten aber nicht endlos darüber referieren, denn ich sehe keinen Wert darin, ein Deutscher zu sein" oder "Die Geschlechter und die Nationen sind gleich. Warum sollte man gewisse Werte besonders herausstellen?"
 

Stefan Herwig verwies auf die internationale Verbreitung und das gegenseitige Beinflussen in der Popmusik hin und hob nicht nur die große Bedeutung der englischen und amerikanischen Einflüsse in der schwarzen Musik, sondern auch die belgischen Einflüsse (insbesondere im Elektro-Bereich) hervor. Ohnehin fand er es albern, in Zeiten wie diesen eine "nationale Identität" zusammenzubasteln. Eckie Stieg aber blieb beharrlich (s. Zillo 11/98).
 

Auch die Veranstalter des Wave-Gothic-Treffens befinden sich immer wieder in gefährlicher Nähe zum rechten Kulturkampf. Damit soll nicht das ganze Festival mies gemacht werden. Die schönen Seiten des internationalen Treffens habe ich allerdings bereits an anderer Stelle und in anderer Form dargestellt ("Gothic People", auszugsweise veröffentlicht in "Die Gothics", Archiv der Jugendkulturen, Berlin 1999, S. 23 - 35 und 69 - 77). Die Brauntöne waren allerdings in all den Jahren immer ebenfalls vorhanden. Nicht nur, daß jedes Jahr Bands aus dem rechten Rand der Wave-Szene (u.v.a. Allerseelen und Weissglut) fester Bestandteil des Programms waren, rechte Verlage und Zeitschriften ihre Produkte verkaufen konnten (Arun-, Grabert-Verlag, VAWS, Europakreuz, Sigill u.a.) und z.T. sogar eigene Veranstaltungen aus dem rechten Spektrum stattfinden konnten (z.B. 1998 eine "Sigill-Nacht" im Ratskeller, für die sich allerdings kein Schwein interessierte...). Auch im Programmheft der Veranstalter selbst finden sich seltsame, geschichtsklitternde Ansätze: so gibt es im Programmheft 1998 einen "Ausflug in die Geschichte von Leipzig", der vor 6000 Jahren beginnt und 1991 mit dem ersten Wave-Gothic-Treffen endet. Die Völkerschlacht 1813 findet noch Erwähnung, ebenso die Inbetriebnahme des Hauptbahnhofes ("der größte Kopfbahnhof Europas") im Jahre 1915, jedoch scheinen weder ein erster noch ein zweiter Weltkrieg in Leipzig stattgefunden haben. So liest sich das ganze wie die Firmengeschichtsschreibung der IG Farben.

Wer dies einem vermeintlichen "unpolitisch und nur kulturell sein" seitens der Veranstalter geschuldet sieht, sollte nicht übersehen, daß diese nicht unschuldig daran sind, wenn das Treffen längst auch zum Anziehungspunkt von Rechtsextremen geworden ist. Kein Wunder, daß sich die Deutsche Stimme äußerst erfreut zeigt über die Präsenz von rechten Verlagen auf dem Festival ("u.a. war auch der in nationalen Kreisen bekannte Arun-Verlag vertreten") (DS 8 /99) oder eine Ausstellung wie "Vergessene Völker Europas" auf dem Wave-Gothic-Treffen 1999
 

(O-Ton-Programmheft: "Es gibt heute knapp 200 Staaten, aber 5000 Völker auf der Welt. Dadurch können viele von ihnen nicht gemäß ihrer Kultur leben (...). Um es nun weder Euch noch uns schwer zu machen, wollen wir nur den 50 staatenlosen Völkern Europas unser Augenmerk widmen." - und dies zu einem Zeitpunkt, wo nicht nur in ex-Yugoslawien ein Krieg tobt(e), weil jedes "Volk" seinen eigenen Staat gründen will!).
 

So braucht man sich dann auch nicht mehr über unangenehme Zeitgenossen in Leipzig zu wundern: 1999 waren mit Katharina Handschuh und Christian Worch auch Neonazis aus dem militanten Flügel zugegen. Letzterer wirkte z.B. bei den tagelangen Pogromen in Rostock-Lichtenhagen 1992 mit.

Im Jahre 2000 gibt es beim Wave-Gotik-Treffen unter dem Namen "Lichttaufe" ein Stell-Dich-ein rechter Musikprojekte in so noch nie dagewesener, geballter Form: Death In June, Allerseelen, Von Thronstahl (ein Projekt von Josef Klumb), ein Blood Axis-Nebenprojekt, Waldteufel... manchmal werde ich einfach das Gefühl nicht los, Teile der Veranstalter kämen direkt aus dem Sigill-Kreis.
 

Sieben Jahre nach Roland Bubiks "Die Kultur als Machtfrage" existiert ein eindeutig rechts einzuordnendes Segment in der Dark Wave - Szene, das feste Strukturen herausgebildet hat und untereinander vielfältig vernetzt ist. Verlage, Zeitschriften und eine ganze Reihe von Bands fallen durch eine kontinuierliche Arbeit für die Sache einer rechtsextremen „Kulturrevolution" auf, einige davon werden in dieser Broschüre genauer unter die Lupe genommen.

Noch einmal Roland Bubik:

„Aus der Beobachtung der gesellschaftlichen Entwicklung (in den verschiedenen Subkulturen und Schichten) ergeben sich Ansatzpunkte zum ‚Einklinken'. In diesem Sinne ist Offenheit gefordert, einen ‚Fundamentalismus' kann sich der Konservative nicht leisten. (...) Revolutioniert werden soll die geistig-kulturelle Gestalt Europas, nicht im Rahmen einer Militärputsch-Logik, sondern in einer Permanenten Revolution auf verschiedensten Ebenen." (Roland Bubik - Die Kultur als Machtfrage, Junge Freiheit Oktober 1993, S. 23)
 

Die schwarze Szene wird sich überlegen müssen, ob sie wirklich die „nützlichen Spinner auf dem Weg zur Macht" sein wollen oder ob sie sich den Vereinahmungs- und Unterwanderungsversuchen entgegenstellt.
 

Love & Peace!

DJ Kersten
 

P.S.: Im April 2000 wurde in Berlin eine neue Studie der Konrad-Adenauer-Stiftung vorgestellt. Thema: "Grauzonen und Braunzonen in der schwarzen Musikszene"! Ausgerechnet die Konrad-Adenauer-Stiftung, deren Stipendiat Roland Bubik der Anführer der rechtsextremen Kulturkampftruppe war, will nun also davor warnen. Abgesehen davon, daß die Studie vor (konservativen) Vorurteilen nur so strotzt ("Während ein Großteil der 'schwarzen' Jugendszene sich der modernen Leistungsgesellschaft entzieht (...) und Alltagsprobleme in dunkle Ersatzwelten projiziert...") und zur Hälfte von Black Metal handelt (da gibt's noch so richtig gewalttätige, "satanische" Kerle und Nazis, wie man sich einen eben so vorstellt), steht nun zu befürchten, daß die CDU-nahe Stiftung der schwarzen Szene jetzt nach den Rechtsextremen auch noch die Sozialarbeiter auf den Hals hetzt. Düstere Zeiten...
 

Quellen und Material:

- DESG-inform 1 /99 (Deutsch-Europäische Studiengesellschaft / Synergon Deutschland): "Bilanz 1998"

- Nation & Europa 3-4 / 1991: „Pardon, ich höre Popmusik" von Jürgen Hatzenbichler

- Junge Freiheit 10 / 93: „Die Kultur als Machtfrage" (S. 23) und „Stahlgewitter als Freizeitspaß" (S. 28) von Roland Bubik

- Junge Freiheit 35 / 95

- Junge Freiheit 4 / 96: "Dunkler Aufbruch ins Licht" von Roland Bubik (S. 24)

- Junge Freiheit 29 / 96

- Roland Bubik (Hrsg.): Wir 89er (1995)

- Sigill: verschiedene Ausgaben

- Deutsche Stimme 3 / 99 über Joachim Witt (S. 9) , 4 / 99 über Rammstein (S. 9), 6 / 99 DS - Abo-Anzeige mit dem Cover von Roxy Music' "Flesh & Blood" 7 / 99, 8 / 99 (u.a. "Eine Stadt in schwarz" über das WGT, S. 14)

- "DS - Versandhandel", Rezensionen und Vertrieb: Feindflug in DS 8 / 99, Weissglut in DS 9 / 99 (S. 11), Orplid in DS 10 / 99, S. 13

- Programmheft "7. Wave Gotik Treffen Pfingsten 1998"

- "Der Pfingstbote" (Leitfaden zum 8. Wave-Gotik Treffen Pfingsten 1999)

- Daniela Tandecki: "Nachtsaiten der Musik - Grauzonen und Braunzonen in der schwarzen Musikszene" (Konrad Adenauer - Stiftung, 2000)

- Zillo 2 / 96, 3 / 96, 4 / 96, 11 / 98, 7-8 / 99

- Offener Brief von Gerlinde Gronow (mit freundlicher Erlaubnis der Autorin) (12. Mai 1996)

- Brief der Hybryds an die Grufties gegen Rechts (16. Juli 1999)

- Alfred Schobert: "Aufstand gegen die Moderne" (in: SPEX Mai 96)

- Alfred Schobert: "Geheimnis und Gemeinschaft. Die Dark-Wave-Szene als Operationsgebiet 'neurechter' Kulturstrategie" (in: Cleve, Gabriele u.a. (Hg.): Wissenschaft Macht Politik, Münster 1997)

- Alfred Schobert / Ronald Papke: "Ab durch die Mitte - Der Mitteleuropa-Gedanke in der Jungen Freiheit" (in: Helmut Kellershohn (Hg.): "Das Plagiat - Der Völkische Nationalismus der Jungen Freiheit", DISS 1994)

- Alfred Schobert: "Bei 'Kids' dreht nicht nur Opa durch" (über "Deutsche Sprachpflege") in: Jungle World Nr. 21, 20. Mai 1998, S. 28

- Alfred Schobert: "Auf Teufel komm raus" (DISS Internet Bibliothek) (1997)

(die erwähnten Texte von Alfred Schobert sind durchgängig empfehlenswert, besonders gut hat mir der letzte gefallen, wo A.S. den "erzkonservativen Kreisen" mit ihrer verlogenen Satanshysterie bei gleichzeitiger 'Wertekulturpolitik' eine auf den Deckel gibt. Hier wird der Satanismus als ein 'Bastard des Katholizismus' kritisiert und das Augenmerk auf den rechten Kulturkampf gerichtet)

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