Nie wieder Techno (in these dark ages in this cold land)!
Das war jetzt also der Rave, um den wir uns gedrückt haben und ich glaube, daß eine Menge an Hoffnungen, die wir in Techno gesteckt haben, in uns zerbrochen ist an diesem Abend.
Das das ganze Musikbusiness schon immer ein ganz großes Geschäft war ist ja nichts Neues. Noch nie aber hat sich eine Musikrichtung von Beginn an so offensichtlich und freiwillig als Teil der jetzigen Gesellschaft eingeordnet. Ein Blick in die Techno - Postille "Frontpage" genügt. Werbung und redaktioneller Teil lassen sich optisch nicht mehr unterscheiden. Mit dem Techno ist der "Rock'n`Roll" endgültig im Kapitalismus angekommen.
Wie sagt Onkel Charlie immer:
"Die Bourgeoisie, wo sie zur Herrschaft gekommen, hat kein anderes Band zwischen Mensch und Mensch übriggelassen als das nackte Interesse, als die gefühllose "bare Zahlung". Sie hat die heiligen Schauer der frommen Schwärmerei, der ritterlichen Begeisterung, der spießbürgerlichen Wehmut in dem eiskalten Wasser egoistischer Berechnung ertränkt. Sie hat die persönliche Würde in den Tauschwert aufgelöst und an die Stelle der zahllosen verbrieften und wohlerworbenen Freiheiten die EINE gewissenlose Handelsfreiheit gesetzt. Sie hat, mit einem Wort, an die Stelle der mit religiösen und politischen Illusionen verhüllten Ausbeutung die offene, unverschämte, direkte, dürre Ausbeutung gesetzt." (Karl Marx/Friedrich Engels: "Manifest der Kommunistischen Partei", 1848).
Jürgen Laarmann zum Beispiel, das ist der Boss des Techno-Blättchens "Frontpage", hat gesagt:
"Wir sind Jungunternehmer, die im Grunde nichts anderes wollen als die Freigabe der Drogen und die Aufhebung der Ladenschlußgesetze".
Ich liebe dieses Zitat.
Es ist so schrecklich ehrlich.
Der hat`s mal geschafft in ner Fernsehdiskussionsrunde eineinhalb Stunden lang von seiner Vision der "ravenden Gesellschaft" zu reden, ohne auch nur einmal erklären zu können, was das sein soll, außer immer wieder vor sich hinzusabbern, das es ums Tanzen geht und um Liebe und Spaß haben und Frauen. Der ist total bescheuert. Und Dr. Motte, der Erfinder der Love Parade, hetzt auch noch öffentlich gegen JüdInnen.
Und so kommt es, daß eine Internationale Technologie-Messe in Hannover mit riesigen Werbetafeln auf Bahnhöfen mit tanzenden Ravern werben kann. - Es ist nicht so, daß die Wirtschaft den Techno vereinnahmt. In Wahrheit hat sich Techno gar nie bemüht, sich gegen die herrschenden Verhältnisse zu stellen. Er hat es aufgegeben. Techno ist als Bewegung nicht oppositionell - das unterscheidet ihn vom Rock'n'Roll, dem Beat, dem Blues, dem Soul, dem Punk, dem Hardcore, dem HipHop. Im Gegenteil werben die Raver geradezu um ihre Anerkennung als eine harmlose Bewegung, die nichts als ihren Spaß haben will und im übrigen keinen Ärger macht. Sie versuchen, den Drogengebrauch in der Szene herunterzuspielen (warum?) und machen das Ecstasy harmloser als es ist, um den Herrschenden zu beweisen, daß sie selbst ganz harmlos sind. In München demonstrierten 20 000 RaverInnen gegen Ecstasy in der Techno-Szene: "ES GEHT AUCH OHNE"!
Sie wollen anerkannt sein, sie wollen kein Streß mit den Bullen, sie kommen so rüber wie so Scheiß-Liberale, die fürchterlich weltoffen sind, für alles und alles Verständnis haben und auch sonst mit nichts und niemand ein Problem haben, aber die immer genau dann das Maul halten, wenn es drauf ankäme, es aufzumachen.
Und so dreht sich die Erde weiter unter der Knechtschaft des Kapitalismus und die selbsternannten "Führer" der Jugend verhandeln mit den Herrschenden aus Politik und Wirtschaft wie UNO-Funktionäre aktiengleich eine Jugendkultur, die gerade erst am entstehen ist und machen alles kaputt, bevor es überhaupt anfängt und sich entfalten kann. Sie predigen Gedanken, die nur einmal mehr bestätigen, daß "die herrschenden Ideen einer Zeit stets nur die Ideen der Herrschenden" sind (Marx/Engels "Manifest der Kommunistischen Partei", 1848).
Durch seine Weigerung aufständisch zu sein fällt Techno weit hinter die Geschichte des Rock'n'Roll zurück (als Schutzbehauptung behaupten sie, Techno hätte mit Rock`n` Roll garnichts zu tun, sei was völlig neues, was natürlich Schwachsinn ist).
Während es bei dem Rock'n'Roll der 50er Jahre noch um Spaß gegen die herrschende Moral ging -
"Jenny said when she was just five years old / There was
nothing happening at all / Every time she puts on a radio / there was nothing
going down at all / Then one fine morning she puts on a New York Station
/ She couldn`t believe what she heard at all / She started dancing to that
fine fine music / You know her life was saved by Rock`n`Roll - and it was
alright!"
( "Rock`n`Roll", The Velvet Underground 1970).
während der Beat und Folk der 60er sich mit einer weltweiten Protestbewegung vereinigte und zum Soundtrack des Aufstandes wurde (Spaß durch Auflehnung) -
"When human respect is disintegrating / This whole crazy
world is just too frustrating! / You may leave here / for four days in
space / but when you return / it is the same old place"
("Eve Of Destruction", Barry McGuire 1965)
während der Punk in den späten 70ern Spaß durch Revolte und Destruktion der herrschenden Ordnung und Werte propagierte -
"God save the queen / the fascist regime / there ain`t
no future / and England is dreaming"
("God Save The Queen", Sex Pistols 1977)
während die Wave-Musik noch Spaß trotz-und-nach-alledem empfand und die Grufties die herrschenden Verhältnisse wenigstens noch als so finster erlebten, daß sie nur noch in einer Art schwarzen Messe erträglich seien -
"It doesn't matter if we all die / ambition in the back
of a black car / in a high building there is so much to do / Going home
time / A story on the radio / I open my mouth / and my head bursts open
/ A sound like a tiger thrashing in the water / thrashing in the water
/ over and over / We die one after the other / over and over / we die one
after the other - after the other."
("One Hundred Years", The Cure 1982)
"Everyday I'm Crucified!" (The Chameleons 1982)
während HipHop nochmal versuchte, den Unterdrückten wie einst der Blues oder Gospel eine Stimme zu verleihen und zum Aufruhr aufzustacheln -
"You gotta fight the power - stay free!" ("Fight The Power", Public Enemy 1987)
während Hardcore dadurch bestach, unheimlich genau zu wissen, was er will - politisch sein, sich nicht kaufen zu lassen, unabhängig sein, direkt und zielstrebig -
"If people are asleep we must all become alarmclocks!" ("The Power Of Lard", Lard 1989)
während also alle auf verschiedene Art und Weise in verschiedenen Zeiten versuchten, gegen die herrschenden Verhältnisse zu leben, hat Techno nur noch Spaß. Spaß ohne gegen, Spaß ohne trotz-und-nach-alledem, Spaß ohne Inhalt. Einfach Spaß. Spaß an den herrschenden Verhältnissen. Er ist damit die reaktionärste Jugendkultur der Nachkriegszeit.
Obwohl der Techno die verschiedensten Leute zusammenbringt (wie jede aufkommende, vorherrschende Jugendkultur) geschieht dies auf der Basis einer absoluten Inhaltsleere. Es ist nicht nur die avantgardistisch anmutende Textlosigkeit der Musik. Sie ist das einzig positive, was sich über Techno sagen läßt - ein Alptraum, sich Techno vorzustellen, wie er etwa mit politischen Aussagen - und das ist fast jedeAussage, vor allem, wenn sie 30 mal wiederholt wird - gemixt wird, die erbarmungslos auf die Tanzenden einhämmern! Es ist der tatsächlich radikale Versuch, eine neue Musik- und Tanzkultur zu etablieren, die alle Erfahrungen der Rock-Geschichte wegwischt. Die nichts lernen will aus dem Ausverkauf des Rock'n'Roll, aus der Kommerzialisierung des Punk im New Wave, aus der Kritik an der etablierten Musikkommerzkultur durch Punk, Independent und Hardcore oder wenigstens aus dem Scheitern so vieler Bemühungen, sich gegen den Ausverkauf des Neuen zu wehren.Wo sich Punk und HipHop auf unterschiedlichste Weise noch gegen den Status-quo aufgelehnt hatten, versuchte der Techno nicht einmal in den Anfängen sich der Kommerzialisierung zu erwehren.
Und so werden die Laarmanns, Dr. Mottes und wie sie alle heißen uns auch die nächsten Jahre mit ihrem hirnlosen Output an den Nerven zerren und die Sparkasse und Computerhersteller und Fachmessen für neue Technologien werden uns den Techno um die Ohren blasen, daß es keine Freude sein wird. Falls irgendjemand so blöd sein sollte, sich auf solche Ereignisse einzulassen.
Techno ist nichts als eine Zustandsbeschreibung der Jetzt - Zeit (aktuell und modern also, da haben Laarmann & Co. ausnahmsweise recht). Eine Zeit, die nur Idioten für eine tolle Zeit halten können.
Die ravende Gesellschaft ist die, in der wir leben.
Copyright 1998 by Kersten
Das Büchlein mit den beiden Techno-Geschichten "Summer In Berlin - Greetings From The Love Parade!" und "Kaltland - Sich um die Party gedrückt!" könnt Ihr auf der MAILORDER-Seite bestellen. Weitere Auszüge finden sich unter KERSTEN. Subcultural Stories.