"Ein Erdbeerbaumhaus" wünschte sich die 12-jährige Sabrina, ein Erdbeerbaumhaus "in das keine Erwachsenen hinein dürfen". Das war 1996. Sabrina lebte in Hamburg-St. Pauli, dem Stadtteil mit der ärmsten Wohnbevölkerung Westdeutschlands. Dort, wo man Grünflächen mit der Lupe suchen muß, sollte nach dem Willen der Arbeitsgemeinschaft "Park Fiction" und der Bürgerinitiative Hafenrandverein für selbstbestimmtes Leben und Wohnen in St. Pauli e.V. ein Park für die Anwohner entstehen. Mit freiem Blick auf Hafen und Elbe. Seit 1994 kämpft man für die Realisierung - und gegen den Willen der Stadt, die die Freiflächen in bester Immobilienlage bebauen wollte. Gemeinsam mit den Künstlern Cathy Skene und Christoph Schäfer entstand ein Konzept radikaler Bürgerbeteiligung. Unter der Devise "Die Wünsche werden die Wohnung verlassen und auf die Straße gehen" stieß man eine kollektive Wunschproduktion an. AktivistInnen besuchten über 200 benachbarte Kiezwohnungen, eine Wunsch-Hotline, ein Knetbüro, eine als Inspirationsquelle fungierende Gartenbibliothek wurden eingerichtet und Fragebögen verteilt. Im produktiven Zusammenspiel von größeren und kleineren Anwohnern, Künstlern, politischen Aktivisten und einer Landschaftsarchitektin beteiligten sich über 1000 Menschen an der Planung - mehr als an jedem anderen Bauprojekt in Hamburg. Zwar sind öffentliche Beteiligungsverfahren mittlerweile gang und gäbe, doch Park Fiction eröffnete einen Raum, der üblicherweise von der Hegemonie der Stadtplanungsinstanzen erdrückt wird. Auch die Bürgerinitiative lag jahrelang "in bed with bureaucracy", einem bürokratischen Urbanismus, an dem die situationistische Theorie Guy Debords kritisierte, er gipfele letztlich "in der Abschaffung der Straße" und mache die Menschen zu Zuschauern, zu Konsumenten ihrer Entfremdung. Als phantasievollen Angriff darauf entdeckten die Situationisten das dérive (umherschweifen), die Zweckentfremdung, das Spiel, die Aneignung und das verschüttete Begehren - Elemente, die man in Park Fiction wiederfinden kann.Aus den Reihen der Politik wurden solche "unübersichtlichen" und "schlecht einsehbaren Nischen" bemängelt. Das tiefe Misstrauen von Kontrolljunkies mit Vorliebe für "Blicke, die sehen, ohne gesehen zu werden" (Michel Foucault) blockierte immer wieder den Baubeginn. Christoph Schäfer sprach angesichts von Politikern, die den öffentlichen Raum nur als Sicherheits- und Ordnungsproblem betrachten von einer "Verhinderungsarchitektur, deren unausgesprochenes Vorbild das Gefängnis ist". Den Durchbruch und internationale Aufmerksamkeit brachte 2002 eine Ausstellung auf der Documenta 11 in Kassel. Wenn Park Fiction jetzt Reality wird, hat man dies jedoch wie bei den Besetzungen der benachbarten Hafenstraße hauptsächlich der Beharrlichkeit der "Interventionisten" zu verdanken.Schon sieht man künstliche Palmen auf dem Dach einer neuen Turnhalle; der "fliegende Teppich", eine wellenförmige Rasenfläche, lädt mit seinen "schlecht einsehbaren Nischen" zum Sonnenbaden ein. Auch ein Seeräuberinnen-Brunnen, giftgrün und blutrot beleuchtet, ein türkischer Teegarten mit Hängematte, ein Teenie-Briefkasten zur Kommunikation untereinander und ein Labyrinth sollen nach und nach entstehen. Man darf gespannt sein, wie es weitergeht. Im Umgang mit Drogennutzern, Gewalt, Rowdytum u. ä. wird sich zeigen, ob man den Konflikt aushalten kann, die gesellschaftliche Realität im "eigenen" Garten wiederzufinden. Und auch die Wunschproduktion ist weitreichender, als sie von Park Fiction befriedet werden kann. Etwa wenn der kleine Bernhard sich "ne Rutsche in die Elbe" wünscht und anfügt: "die Elbe soll dann sauber sein". Die Idee des Erdbeerbaumhauses, in das keine Erwachsenen hinein dürfen, ist weiter Teil der Planung. Doch - Ironie der Geschichte - Sabrina wäre mittlerweile zu alt, um noch hineinklettern zu dürfen.
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