Kersten

Die Unsichtbaren in Kreuzberg

Rezension und Diskussionsbeitrag anhand von:

Barbara Lang
Mythos Kreuzberg - Ethnographie eines Stadtteils 1961 - 1995
Campus Verlag. Frankfurt / M. und New York 1998

„Es war ein verhängnisvoller Tag, als das Volk entdeckte, dass die Feder mächtiger als der Pflasterstein ist."

„Hinter der Barrikade kann viel Edles und Heroisches stehen. Aber was steht hinter dem Leitartikel als Vorurteil, Dummheit, Heuchelei und Geschwätz?"
(Oscar Wilde - Der Sozialismus und die Seele des Menschen, Diogenes-Verlag 1970)

Kreuzberg - seit über 30 Jahren ist dieser Berliner Verwaltungsbezirk Thema öffentlicher Diskurse. Ob „Aussteiger-Mekka", „Republik der Hausbesetzer", „ferner Planet", „Insel" oder „Utopia", ob „Klein-Beirut", „Krawallbezirk", „Gallisches Dorf", „Klein-Istanbul" oder „Slumland" - mit einer schier unendlichen Vielfalt von Topoi belegt stand Kreuzberg immer wieder auf's Neue im Brennpunkt des öffentlichen Interesses. Den einen eine Art „Traumwelt", den anderen Haßobjekt - gleichgültig ließ der „Mythos Kreuzberg" kaum jemanden und er löste noch in der tiefsten Provinz Assoziationen aus.

Barbara Lang hat sich zum Ziel gesetzt, mit ihrer Dissertation am Beispiel Kreuzbergs aufzuzeigen, „wie Diskurse und Images auf die Materialisation der Städte Einfluß nehmen"; also den Wechselwirkungen zwischen Bilderwelt und Lebenswelt auf die Spur zu kommen. Und genau darin, das sei gleich verraten, liegt auch eine Stärke dieses Buches.

Barbara Lang zeichnet in drei Hauptabschnitten die Veränderungen des Stadtteils, beginnend mit dem Jahr des Mauerbaus 1961, endend im Jahre 1995, also 5 Jahre nach der Vereinigung von West- und Ostdeutschland.

Im ersten Kapitel betrachtet sie aus vier verschiedenen Blickwinkeln die „Metamorphosen" Kreuzbergs in diesem Zeitabschnitt. Die „territoriale Metamorphose" beschreibt insbesondere die Folgen des Mauerfalls und der Vereinigung, die Wandlung von der ummauerten Enklave weitab von Westdeutschland und Restberlin zum Innenstadtbereich der neuen deutschen Hauptstadt. Die „diskursive Metamorphose" beleuchtet die damit einhergehenden Veränderungen des Kreuzberg-Bildes in Medien und Öffentlichkeit. Diese beiden Metamorphosen kommen eher von außen, während die „kulturelle" wie auch die „soziale Metamorphose" eher Veränderungen beschreiben, die sich innerhalb der Bevölkerung (nicht-nur) Kreuzbergs selbst vollzogen haben. Damit ist der Wandel von der sogenannten Alternativ- zur Konsumkultur, von der alternativen Generation zur „Generation X" gemeint, der sich spätestens seit Mitte der 80er Jahre vollzogen hat.

Im Kapitel „Mythos Kreuzberg" beschreibt sie mit dem Kunstgriff eines fiktiven Kreuzberg-Museums vier Zeitabschnitte in der Entwicklung des Stadtteils. Im ersten Raum wird das Kreuzberg der sechziger Jahre als „Bohème am Berliner Montmartre" dargestellt. Es gilt als Künstlerviertel, als Ort für Nachtschwärmer und Lebenskünstler, der mit Begriffen wie. „een Stück von det olle Berlin", wo der „Leierkasten-Paule" noch seinen Platz findet und „Zilles Milljöh" belegt wird.

Im zweiten Raum das politische Kreuzberg, die Zeit der großen Kämpfe der siebziger und frühen achtziger Jahre. Kreuzberg wird Mekka der Hausbesetzer, Ausgangspunkt zahlloser Demonstrationen, Besetzungen, Aktionen und Straßenschlachten, ist Anziehungspunkt für Linke, Aussteiger, Hippies, westdeutsche Kriegsdienstverweigerer, Ökos, Spontis, Punx und Autonome... ein „Utopia jenseits bundesrepublikanischer Normen".

Im dritten Raum der späten 80er beginnen sich bereits Post-Moderne und consumer culture, Generation X und Kohlkopfigkeit breit zu machen. Die alleinige Definitionsmacht über das Stadtteilbild entgleitet den (vornehmlich) Wahl-Kreuzbergern mit revolutionären oder zumindest alternativen Idealen zunehmend. Kreuzberg wird zum „Erlebnisraum voll Spannung und Exotik". Es beginnt ein nebeneinander von Berufsrevolutionären und gesetzten Alternativen, von proletarischen Türken und Lifestyle-Architekten, von Öko-Yuppies und obdachlosen Punx.

Der vierte und letzte Raum, die neunziger Jahre, trägt - obgleich auch schon wieder Vergangenheit - dann viel Zukunftsmusik in sich. Ob sich das Kreuzberg der neunziger Jahre wirklich mit den „Schickimickis im wiedervereinigten Zentrum" beschreiben läßt, halte ich für fragwürdig. Insgesamt ist Barbara Langs Einteilung in erwähnte Epochen und Etappen jedoch gelungen und sinnvoll.

Im letzten Kapitel „Rezeptionsweisen" werden Barbara Langs Thesen dann noch einmal mit fünf ausgewählten Personenporträts konfrontiert. Interessante Biographien und Interviews, die bereits in die vorangegangenen Kapitel eingeflossen sind. Gegen Ende wird das Buch zunehmend langweiliger und schließlich ermüdend, da die in immer kürzeren Abständen wiederkehrenden Zusammenfassungen von bereits beschriebenen Thesen, Standpunkten und Analysen einem mit fortwährendem Lesen fast schon wie gebetsmühlenartige Wiederholungen erscheinen.

Beeindruckend dagegen die große Bandbreite ihrer Untersuchung. Neben der Auswertung unzähliger Zeitungsartikel und Reiseführer und den erwähnten Interviews, von denen die fünf Porträts nur ein kleiner Ausschnitt sind, trug die Autorin auch mit weiteren Mitteln der Feldforschung wie Kartierungen, Stadtrundgängen, dem Vorlegen von Fotos, Experteninterviews sowie einer umfassenden Diskursanalyse eine detailreiche, ja fast liebevolle Vielfalt von Material zusammen, um ihre Stadtteilgeschichte nicht auf tönernen Füßen stehen zu lassen.

Trotz ihres umfassenden Anspruchs einer „anthropology of the city", die „den gesamtstädtischen Kontext oder gar internationale Zusammenhänge" berücksichtigt und nicht als „anthropology in the city" im Stadtteil stecken bleibt, beschränkt sie sich allerdings im wesentlichen auf ein spezielles Segment der Kreuzberger Bevölkerung: die sogenannte alternative (deutsche) Szene. Und darin liegt ein entscheidender Kritikpunkt. Lang begründet diese Beschränkung mit der Annahme, dass dieses Bevölkerungssegment die engste ideologische Verbindung zum „Mythos Kreuzberg" habe und diesen überhaupt erst geprägt hätte. Das mag stimmen. Den Kreuzberg ebenso kennzeichnenden Ausländeranteil von rund 34%, insbesondere den hohen Prozentsatz an türkischer Wohnbevölkerung, in ihrer Analyse allerdings komplett außen vor zu lassen (gleiches gilt für die ansässige proletarische deutsche Bevölkerung) verzerrt nicht nur ihren Blickwinkel. Sie verfällt selbst dem Mythos Kreuzberg. Wenn es einmal doch um das Verhältnis Alternative - Türken geht, dann immer mit der Konnotation „nebeneinander herleben", „sich dulden", „leben und leben lassen", „man hat sich aneinander gewöhnt". Auch da mag etwas dran sein. In der Vehemenz von Langs Darstellung bezüglich des Verhältnisses von deutscher Linker und ausländischer Wohnbevölkerung in Kreuzberg entsteht allerdings der Eindruck einer Apartheid im Stadtteil.

TÜRK-KÜLT*ÜR

„Kebabträume in der Mauerstadt

Türk-Kültür hinter Stacheldraht...

Im ZK Agent aus Türkei

Deutschland, Deutschland, alles ist vorbei"

(Fehlfarben - Militürk 1980)
 

„Oranienstraße - Hier lebt der Koran

da hinten fängt die Mauer an

Mariannenplatz - rot verschrien

Ich fühl mich gut

ich steh auf Berlin

Zweiter Stock, vierter Hinterhof

neben mir wohnt ein Philosoph

Fenster auf

ich hör Türkenmelodien

ich fühl mich gut

ich steh auf Berlin"

(Ideal - Berlin 1980)
 

„Wir sind die Türken von Morgen!"

(Die Fehlfarben - Militürk 1980)

Unerwähnt bleibt, dass es durchaus Beziehungen gab (und gibt): zwischen deutschen und türkischen kommunistischen Organisationen genauso wie zwischen deutschen Autonomen oder Antifa-Gruppen und „ausländischen Jugendbanden". Auch einige der Interviewpartner betonen die Bedeutung der MigrantInnen für den Stadtteil. So gefällt dem Studenten Ulrich an Kreuzberg gerade, dass der Stadtteil „weniger deutsch" sei als andere. Seine schöne Äußerung „Der Ordnungssinn scheint sich dort nicht so ausgeprägt die Bahn zu brechen wie sonst" untermauert als Untertitel auch eines von Wolfgang Krolows wunderbaren Kreuzberg-Fotos, die über das Buch verstreut sind: Migrantenkinder, die mit diebischer Freude auf einem Schrottauto herumhüpfen. Und die 24jährige Artistin Lady X „dachte manchmal: ‚ich bin gar nicht mehr in Deutschland hier'" und zeigt sich begeistert über die darüber ausgelöste Gedankenkette „Sommer, Wiese, Urlaub". Barbara Lang hingegen verliert kaum ein Wort über gemeinsam spielende Kinder, nachbarschaftliche Kontakte, ArbeitskollegInnen und gemeinsame Demonstrationen. Auch ein Kreuzberger Zentralmythos wie der Aufstand am 1. Mai 1987, als der Stadtteil für Stunden zu einer polizeifreien Zone wurde und der im übrigen in eine Zeit fällt, in der nach Lang die Linken bereits die Hegemonie verloren hatten, ist ohne die rege Beteiligung der türkischen Community gar nicht denkbar gewesen. Es wäre sicherlich eine spannende Untersuchung, herauszufinden, wo diese Kontakte ihre Grenzen hatten, worin Probleme und Trennungen lagen, welche Rolle Rassismus auf der einen, ein gewisser Konservatismus der türkischen Community auf der anderen Seite dabei spielten und spielen. Durch die pure Negierung dieser Verbindungen trennt Lang eine entscheidende Bevölkerungsgruppe Kreuzbergs wie mit einem Seziermesser ab.

Deutlicher noch wird dieser Mißstand, wenn sie behauptet, die türkische Bevölkerung hätte sich mit dem Stadtteil(mythos) nicht identifiziert. Ich erinnere mich noch gut an meinen ersten Eindruck von Kreuzberg (1992), als der Bezirk nach Lang schon durch die „Schickimickis im wiedervereinigten Zentrum" geprägt war. Wenn man aus der U-Bahn-Station Kottbusser Tor ans Tageslicht trat, prangten direkt vis-a-vis an dem großen Wohnblock über der Adalbertstraße in Richtung der mythenumwobenen Oranienstraße die Köpfe von Marx, Engels, Lenin, Stalin und Mao in unübersehbarer Größe, gepaart mit Parolen türkischer kommunistischer Organisationen. Dieses (türkische) Wandbild signalisierte jedem noch in der Nach-Wende-Zeit: „Willkommen in der kommunistischen Zone!". Dieses Beispiel allein zeigt, wie unsinnig die Behauptung ist, einzig deutsche Alternative hätten sich den Ort als den „ihren", als „Utopia" auserkoren.
 

KREUZBERG IST ÜBERALL

„Züri brännt!" (Schlachtruf Schweizer Hausbesetzer Anfang der 80er)

„Klein-Zürich am Schwarzwald-Rand" (taz-Überschrift über eine Besetzung in der Kleinstadt Villingen-Schwenningen Mitte der 80er Jahre)

Kritikwürdig auch, dass Barbara Lang entgegen ihres übergreifenden Anspruchs allgemeine Entwicklungen der bundesdeutschen Linken wie auch globale Veränderungen nur dürftig berücksichtigt. Geht sie beispielsweise noch auf die Bedeutung des „Deutschen Herbstes" 1977 für die (west)deutsche Linke ein, so verliert sie in den 80er Jahren und insbesondere nach dem Mauerfall diesen übergeordneten Blick. Sie bleibt stehen bei einem Kreuzberg-Diskurs, der die Einzigartigkeit dieses Stadtteils zwischen Ost und West hervorhebt. Doch Kreuzberg war in den späten 70er und frühen 80er Jahren eben nicht nur „einzigartig", sondern auch „überall". Hausbesetzungen gab es selbst in der tiefsten Provinz, Straßenschlachten auch im hessischen Frankfurt oder badischen Freiburg, Punkerkrawalle auch in Hamburg und Hannover. Brennende Barrikaden ließen auch im unweit der deutschen Grenze liegenden Zürich der Schweiz Anfang der 80er den weitgehörten Ruf erschallen: „Züri brännt"! Wenngleich der Mythos Kreuzberg wirkmächtiger wurde und gegenwärtiger blieb als andere Mythen (vergleichbar vielleicht nur mit dem Zentral-Mythos der Anti-Atom-Bewegung Gorleben), so war Kreuzberg eben nicht nur - wie es Langs Darstellung nahelegt - ein Fluchtpunkt autonomer Träume. Richtig ist, daß in Kreuzberg zeitweise die Verwirklichung alternativer Konzepte weiter gediehen war als in anderen Stadtteilen Westdeutschlands. Mag sein, dass die Idee der „befreiten Zonen" in Kreuzberg mehr gelungen ist als anderswo. Aber die Umsetzung der autonomen Idee von den erkämpften Freiräumen war nie allein auf Kreuzberg fokussiert: in den späten 70ern und frühen 80ern waren beispielsweise die Kämpfe in Freiburg oder Zürich ebenso legendär. Mitte der 80er stand nicht Berlin, sondern die Hamburger Hafenstraße monatelang im Mittelpunkt des Medieninteresses und wurde ihrerseits zum wirkmächtigen Mythos. Und 1990, nach dem Fall der Mauer, fanden die zentralen (autonomen) Auseinandersetzungen im neuen Großdeutschland zwar wieder in Berlin statt, jedoch nicht in Kreuzberg, sondern in den erbitterten Schlachten um die Verteidigung der besetzten Häuser in der Mainzer Straße im ehemaligen Ostbezirk Friedrichshain. Dies im übrigen unter reger Beteiligung der Kreuzberger Besetzerszene, was Langs These vom Konservatismus der an Kreuzberg hängenden „Utopisten" entgegen steht.

Die „Kreuzberger Mischung" aus MigrantInnen, StudentInnen, KünstlerInnen, MalocherInnen, Obdachlosen und Punx gab es genauso wie die Bemühungen der Linken um die Hegemonie im Stadtteil auch anderswo: im Hamburger Schanzenviertel, im Freiburger Grün, im Bremer Ostertor-/ Steintor-Viertel und in vielen anderen Orten.

So war Kreuzberg also nicht nur „am Rand", „im Abseits" oder gar „im Weltraum" gelegen, sondern beispielsweise auch präsent in den Kämpfen um selbstverwaltete Jugendzentren in irgendwelchen Kleinstädten. In meiner Heimatstadt Villingen-Schwenningen fand Kreuzberg seinen Widerhall gar in einer keine 50 Meter langen Gasse, die hauptsächlich aus einer Kebab-Bude, einem Pub und der einzigen Alternativkneipe der Stadt bestand. Das Miteinander von auf der Straße sitzenden Punx, Kids, Antifas, MigrantInnen, Wavern, HipHoppern, Feministinnen, Hunden und Bierflaschen ließ eine junge Frau aus einer Nachbarstadt eines Sommerabends begeistert ausrufen: „Das hier, das ist ja wie Kreuzberg"! Kurze Zeit später stand an eine Wand gesprüht: „Freie Republik Schlösslegaß"!
 

UTOPIA, DAS LAND DAS NIRGENDS IST

„sieh mal sagte ich zu ihm ich weiß nicht warum aber ich hatte einen gereizten Ton weißt du ich kann einfach nicht mehr ich kann wirklich nicht mehr ist doch immer dasselbe immer diesselbe Geschichte auch jetzt wieder diese Geschichte vom Siegen und Verlieren und mir kommt es vor als ob genau das immer unser großes Unglück gewesen ist dass wir jedesmal dachten dass es im Grunde genommen nur drauf ankommt zu siegen oder zu verlieren während doch alles was wir gemacht haben wirklich nie irgendwas mit Siegen oder Verlieren zu tun hatte denn wenn es nämlich nur darum geht zu siegen oder zu verlieren dann ist klar dass wir hier schon längst alles verloren haben aber Tatsache ist dass ich glaube und viele andere glauben das gleiche wie ich dass wir im Grunde niemals weder dran gedacht haben zu siegen noch siegen wollten und auch mit keinem Gedanken gedacht haben dass es irgendwo irgendwas zu siegen gäbe und weißt du was wenn ich es mir recht überlege dann erscheint mir das Wort siegen jetzt wahrhaftig gleichbedeutend mit Sterben"

(Nanni Balestrini - Die Unsichtbaren, Roman, Weismann Verlag 1988)

Die Tatsache, dass Phänomene der 80iger Jahre wie die Etablierung der Grünen und der linken Mittelschicht wie auch die globalen ökonomischen Veränderungen der 90iger Jahre eine entscheidende Rolle beim inneren Zerfall nicht nur der Kreuzberger Linken spielten, wird ebenso ignoriert wie, daß der Niedergang der Kreuzberger Linken einher geht mit einem Niedergang der gesamten autonomen Linken, ja der Linken insgesamt und das im globalen Maßstab. Der Mauerfall ist ja selbst nur ein Mythos, eine Folie wie Kreuzberg. In den Jahren 1989 ff. fiel den kapitalistischen Ländern die halbe Welt in die Hände, die Sowjetunion bricht zusammen, Deutschland wird wieder Weltmacht, in Nicaragua wird die Revolution abgewählt, die Guerilla - Offensive in El Salvador wird niedergeschlagen und Millionen DDR-Bürger mit „Trabbis knatterten durch die Stadt" (Yok Quetschenpaua). Scene-Comic-Zeichner wie Gerhard Seyfried denken an eine „Flucht aus Berlin". Nach dem Mauerfall dauert es keine zwei Wochen, da gibt es mit Conny Wessmann in Göttingen die erste Tote in Zusammenhang mit einer polizeilichen Verfolgungsjagd nach Auseinandersetzungen zwischen Autonomen und Neonazis. In Berlin wird der Hausbesetzer Silvio Meyer von Neonazis umgebracht. Es folgten eine nicht für möglich gehaltene rassistische Terrorwelle mit über Hundert Todesopfern und im globalen Maßstab ein Widererstarken des Nationalismus, eine „Ethnisierung des Sozialen". Der zweite Golfkrieg 1991 war der erste der „Neuen Weltordnung", der das klassische Freund-Feind-Schema nicht mehr zuließ und die Linke spaltete. Während der Golfkrieg jedoch noch von großen Demonstrationen begleitet war, so ließen die Sezessionsbewegungen im ehemaligen Ostblock, die Kriege im ehemaligen Yugoslawien oder in Tatschikistan wie auch die Aufstände in Albanien oder im Kongo die Linke ratlos zuschauen. Folge war eine absolute Sprachlosigkeit der Linken in den 90iger Jahren. In Deutschland lösen sich nicht nur militante Gruppen wie die R.A.F. oder die Revolutionären Zellen auf. All diese verschiedenen Entwicklungen mögen nicht direkt miteinander zusammenhängen, doch gemeinsam wurden sie für viele Linke zu einem Trauma, welches den „Deutschen Herbst" bei weitem übertraf.

Auch muß sich Barbara Lang fragen lassen, ob der „Untergang" und Zerfall Kreuzbergs darüberhinaus nicht eher den Kürzungen von Sozialhilfe und Arbeitslosengeld in der Kohl-Ära geschuldet war, mit denen sich große Teile der Scene lange Jahre über Wasser gehalten hatten, als der Eröffnung des „für SO 36 zu feine(n)" Restaurants „Maxwell", „das den Kreuzberger Speiseplan mit frischem Fisch, knackigem Gemüse und ästhetisch anspruchvollem Arrangement ergänzte". Zumal dieses, so Barbara Lang weiter, ohnehin schon „1987 mit Molotovcocktails, Buttersäure und Fäkalien des Platzes verwiesen" wurde.

Waren also am Ende doch nicht Feinschmeckerrestaurants, „Friseurgeschäfte und Weinhandlungen" oder gar die jenseits von Kreuzberg tanzende Love Parade Schuld am Niedergang der (Kreuzberger) Linken, sondern der weltweite „vorläufige Endsieg des Kapitals" (Fühlberth)?

Und ist das erbitterte Festhalten an den alten Utopien von „Utopisten" wie „Paul" wirklich nur verurteilenswerter Nostalgismus und Konservatismus oder war die alte Wirklichkeit nicht vielleicht tatsächlich besser als die Neue?
 

YUPPIE-TOWN, SLUMLAND ODER CLASHLAND?

„Die neuen Tempel haben schon Risse /

Alles nur künftige Ruinen /

Material für die nächste Schicht"

(Einstürzende Neubauten - 2000)

Die mal eher zurückgewiesene, mal wieder kolportierte These (z.B. in den Kapiteln über die territoriale Metamorphose und in dem über das Kreuzberg der 90er Jahre) der „Schickimickis im wiedervereinigten Zentrum" hat - wie schon im Vorwort Rolf Lindners angedeutet - vorerst keinen Bestand. In einem 1998 veröffentlichten Sozialstrukturatlas der Berliner Bezirke rangiert Kreuzberg ganz unten, mit 30,8 % Arbeitslosen und 13 % Sozialhilfeempfängern. Mit den Thesen der Neunziger Diskurse über Kreuzberg - und zwar von der FAZ bis zu den Militanten von „Klasse gegen Klasse" - von der Yuppisierung Kreuzbergs will sich das nicht so recht vertragen. Hauptstadtwahn und Diskurse hin oder her - eine Wohnbevölkerung und der Charakter des Stadtteils lassen sich ohne Brachialmaßnahmen nicht einfach von heute auf morgen austauschen, und auch nicht - wie Barbara Lang annimmt - von heute auf übermorgen. Der eigentliche Vorreiter und Brückenkopf auf dem Weg vom proletarischem Stadtteil zur Yuppie-Town ist ohnehin die Alternativ- und Kunst-Szene. Und die ist in den letzten Jahren eher von Kreuzberg weg nach Mitte oder Prenzlauer Berg gezogen, wo die Rede geht, das dort mehr passiert. Die „symbolische Gentrifizierung" Kreuzbergs ist ein Diskurs der Herrschenden, wie alle Kreuzberg-Diskurse von der Autorin einprägsam und schlüssig analysiert. Ob aus der Bilderwelt dann allerdings auch - quasi automatisch und womöglich noch ungebrochen - eine reale Lebenswelt wird, ist fraglich. Vielleicht wäre Langs aktuelles Kreuzberg-Bild realistischer ausgefallen, wenn sie sich weniger an Diskursanalyse als an Statistiken, Sozial- und Einkommensstrukturen orientiert und neben der Alternativszene auch die MigrantInnen im Bezirk beleuchtet hätte. Bisher jedenfalls ist die Propaganda des „Gentrifizierungs- und Hauptstadt-Diskurses" an Kreuzberg relativ spurlos vorbeigegangen. Haben sich die Herrschenden in ihren feuchten Träumen von Shopping-Malls und Erlebnisparks im Prolo-Kreuzberg nicht wieder einmal etwas verkalkuliert? Oder haben sich die Bewohner Utopias einfach einmal mehr resistent gezeigt gegenüber dem interessierten Geschwätz von „denen da oben"? Kreuzberg adé - das hätten sie gerne.

Durch den Abbau sozialstaatlicher Leistungen und die ökonomischen Veränderungen des Neoliberalismus könnte vielmehr eintreten, das aus dem „Freakland" kein Yuppie-Bezirk, sondern ein „Slumland" wird. In welche Richtung die Kämpfe gehen, die dann ausbrechen, erscheint mir noch offen.

Für Barbara Lang aber ist der „Untergang" des rebellischen „Mythos Kreuzberg" schon besiegelt. Ihre Kapitel „Das Ende Utopias" und „Was geschah mit Utopias Bewohnern" suggerieren, dass es sich um ein abgeschlossenes Kapitel handelt. Schon in der Einleitung zitiert sie aus dem 1991 erschienenen Roman „Berlin - Letzte Vorstellung. Abschied von Kreuzberg" von Kits Hilaire:

„Kreuzberg heute ist ins Zentrum des vereinigten Berlin geschleudert worden. Es kann im Zentrum kein Ghetto geben. Berlin kann weder uns noch die Türken brauchen. Schon sind die Spekulanten da, schon steigen die Mietzinse, schon kommt die Mittelschicht. Weist uns die Tür".

Auch wenn ich nicht von einer Sozialromantik geprägt bin, die in Armut etwas Positives und in Wohnungen, durch die der Regen tropft, einen Eigenwert sehe, so hoffe ich doch, dass sich die „Kreuzberger Schmuddelkinder" noch einmal erfolgreich aufbäumen und der häßlichen Fratze der „Berliner Republik" mit ihrem selbstherrlichen (kalten) Kriegsgewinnlerlächeln noch einmal Paroli bieten werden. Um einen Kreuzberg-Kult im Sinne einer „Insel" kann es dann freilich nicht mehr gehen. Die Verarmungstendenzen, die Krise der Arbeitsgesellschaft, die Folgen von Neoliberalismus und Globalisierung machen nicht an den Grenzen irgendwelcher Stadtteile halt und werden - wenn überhaupt - gesamtgesellschaftlich zu Konflikten führen, nicht nur in Kreuzberg. Die Linke wird sich - überall - öffnen müssen, um eine Ghettopolitik kann es nicht mehr gehen. Nach wie vor bieten Stadtteile wie Kreuzberg aber eine gewisse Infrastruktur (Zentren, besetzte Häuser, Kneipen, Werkstätten, Läden), mit der eigentlich mehr angefangen werden müßte, als im eigenen Saft zu schmoren. Da ist Beweglichkeit gefragt, niemals aber Nostalgie. Auch wird sich zeigen müssen, ob die - nicht nur - in Kreuzberg akkumulierten Erfahrungen aus den Kämpfen der letzten Jahrzehnte und den Clubs der letzten Jahre sich auswerten lassen, um für die kommenden gesellschaftlichen Probleme adäquate Antworten zu finden. Das wäre die eigentlich spannende Zukunft Kreuzbergs: neue subversive Ansätze zu entwickeln, die weder nostalgisch sind noch sich im Ghetto verschanzen, sich aber auch nicht dem Mainstream unterwerfen. Erneute Konfrontationen zwischen Teilen der Gesellschaft und den Protagonisten des Neoliberalismus könnten dann durchaus wieder relevant werden - nur diesmal alles ganz anders.

Vermutlich ist das ein allzu rosiger Blick auf Kreuzbergs Zukunft. Das Kreuzberg allerdings bereits von der Bundesrepublik, die sich seit einiger Zeit nur noch „Deutschland" nennt, „ins Innerste derselben zurückgeholt" ist, wie Lang schreibt, wage ich zu bezweifeln.

Und sollte sie Recht haben mit der These, dass der Diskurs der Gentrifizierung der eigentlichen Gentrifizierung immer vorausgeht, so will ich mir wenigstens nicht vorwerfen lassen, mich daran beteiligt zu haben.

Dies war Teil einer Hausarbeit von Kersten, Student der Kulturwissenschaften an der Universität Bremen im Seminar "Die Stadt als Forschungsfeld" (Feldforschungspraxis) im WS 99 / 00 bei Kathrin Wildner.

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