K E R S T E N  H A I N E S
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im Seminar „Liebeskonzeptionen“ (SS 2002)

Fachbereich 10 (Sprach- und Literaturwissenschaften)
Magister-Nebenfach Germanistik (Hauptstudium)
Universität Bremen
bei Prof. Dr. Gert Sautermeister
T R A U M N O V E L L E
 


 
 

- für Filomena und Abousoufiane -


 















Aufgabe: Arthur Schnitzlers „Traumnovelle“. Die Protagonisten Fridolin und Albertine werden aus der gewohnten Bahn ihrer Ehe geworfen. Wie reagieren beide auf das wechselseitige Eingeständnis einer herbeigesehnten bzw. imaginierten Untreue?
 
 

Bereits die eigentlich unbedeutenden und folgenlos bleibenden, jedoch erotisch-konnotierten Begegnungen auf dem gemeinsam besuchten Maskenball sind für die Protagonisten Albertine und Fridolin Anlaß genug, den Vorabend so schnell wie möglich Revue passieren zu lassen. Die Ehepartner haben es, nachdem das gemeinsame Kind ins Bett gebracht wurde, sogar überaus „eilig“ (Schnitzler: Traumnovelle, a. a. O., S. 11; im Folgenden werden hierzu nur noch die Seitenzahlen genannt), „ihre vor dem Abendessen begonnene Unterhaltung über die Erlebnisse auf der gestrigen Redoute wiederaufzunehmen“ (ebd.). Denn nachdem sie ihr „Tagewerk vollendet“ (S. 12) haben, kehrt die Erinnerung an die nicht ausgelebten Möglichkeiten, an die potentiellen Bereitschaften, die kleinen Flirts des Vorabends zurück. Diese Erinnerungen an „jene unbeträchtlichen Erlebnisse waren mit einemmal vom trügerischen Scheine versäumter Möglichkeiten zauberhaft und schmerzlich umflossen“ (S. 13). Obwohl also im Grunde nichts Ernsthaftes vorgefallen war, ja der Abend für das Paar in einer „schon lange Zeit nicht mehr so heiß erlebten“ (S. 12) gemeinsamen Liebesnacht geendet hatte, verhalten sich Albertine und Fridolin schon in dieser Situation wie ein eifersüchtelndes Pärchen, welches sich gegenseitig Vorhaltungen macht:
 

Harmlose und doch lauernde Fragen, verschmitzte, doppeldeutige Antworten wechselten hin und her; keinem von beiden entging, daß der andere es an der letzten Aufrichtigkeit fehlen ließ, und so fühlten sich beide zu gelinder Rache aufgelegt“ (S. 13).
 

Was als Geste des Vertrauens in Form einer Aussprache begonnen hat, schlägt um in einen Konflikt. Als ginge es nur darum, den anderen zu verletzen, übertreiben sie in ihren Darstellungen der ihnen „unbekannten Redoutenpartner(n)“ (ebd.), ziehen sich auf, verleugnen die eigene Eifersucht, bevor sie schließlich ernsthafter und ehrlicher „über jene verborgenen, kaum geahnten Wünsche, die auch in die klarste und reinste Seele trübe und gefährliche Wirbel zu reißen vermögen“ (ebd.), zu sprechen beginnen. Schon zu diesem Zeitpunkt ist nämlich offensichtlich, daß jenseits der Tatsache der Liebe zwischen Fridolin und Albertine auf der einen Seite und jenseits ihres geregelten, von Arbeits- und Elternpflichten geprägten Ehealltags auf der anderen ein Begehren besteht, welches in der Lage ist, das gewohnte gemeinsame Leben ins Wanken zu bringen:
 

Denn so völlig sie einander in Gefühl und Sinnen angehörten, sie wußten, daß gestern nicht zum erstenmal ein Hauch von Abenteuer, Freiheit und Gefahr sie angerührt; bang, selbstquälerisch, in unlauterer Neugier versuchten sie eines aus dem andern Geständnisse hervorzulocken und, ängstlich näher zusammenrückend, forschte jedes in sich nach (...) einem Erlebnis, so nichtig es sein mochte, das für das Unsagbare als Ausdruck gelten, und dessen aufrichtige Beichte sie vielleicht von einer Spannung und einem Mißtrauen befreien könnte, das allmählich unerträglich zu werden anfing“ (ebd.).
 

Zögerlich gestehen sie sich also auch kleinste Geheimnisse aus der Zeit ihres gemeinsamen Urlaubs in Dänemark im vergangenen Sommer. Geheimnisse, deren hervorstechendstes Merkmal die nun ans Tageslicht beförderte Bereitschaft der miteinander Verheirateten ist, mit einer fremden - ja, wildfremden - Person den Treue-Schwur von Ehe und monogamer Beziehung zu brechen. So weiß Albertine von einem attraktiven Mann mit gelber Handtasche zu berichten, der mit den Protagonisten das Hotel teilte. Dieser übte - wenngleich die beiden nicht ein einziges Wort, wohl aber Blicke, gewechselt hatten - eine ungeheuerliche Ausstrahlung auf Albertine aus, sie war „bewegt wie noch nie“ (S. 14), ja „traumverloren“ (ebd.). Fridolin hatte am dänischen Strand eine aufreizende Begegnung mit einem Mädchen von etwa fünfzehn Jahren mit „zarte(r) Brust“ (S. 16) und „junge(m) schlanken Körper“ (ebd.), dem er „mit halboffenen Lippen und flimmernden Augen“ (ebd.) gegenüberstand. Auch wenn es in beiden Fällen aus eher zufälligen Gründen zu keinerlei körperlichem Zusammenspiel kam - beide Ehepartner wären dazu bereit gewesen. Albertine versteigt sich sogar zu der Äußerung, ein Wink jenes Herrn hätte genügt, um Fridolin, ihr Kind und die gemeinsame Zukunft „hinzugeben“ (S. 14), sie „hätte nicht widerstehen können“ (ebd.) und „glaubte (s)ich (...) so gut wie entschlossen (...) aufzustehen, an seinen Tisch zu treten und ihm zu sagen: Da bin ich, mein Erwarteter, mein Geliebter, - nimm mich hin“ (S. 14 f.). Auch Fridolin ließ die Gelegenheit nicht etwa „aus Rücksicht, aus Gehorsam, aus Ritterlichkeit“ (S. 16) verstreichen. Weder die Tatsache des beinahe kindlichen Alters des Mädchens noch die Beziehung zu Albertine hätten ihn wohl aufhalten können, nein, allein weil er „unter ihrem letzten Blick eine solche, über alles je Erlebte hinausgehende Bewegung verspürt hatte“ (S. 17), die ihn an den Rand einer „Ohnmacht“ (ebd.) trieb, verließ er den Strand und kehrte zu seiner Frau zurück.
 

Nach diesem beiderseitigen Eingeständnis kommt es nicht zu einer grundsätzlichen Analyse, woher dieses Verlangen nach Abenteuer, Aufregung und Spannung rührt. Weder die Ehe noch die Liebesbeziehung - schon gar nicht der von Arbeit, Kindererziehung und gesellschaftlichen Verpflichtungen geprägte Ehealltag - werden hinterfragt, aufgebrochen oder den Bedürfnissen angepaßt; - dies bedürfte freilich nicht nur einer (tiefen-) psychologischen Analyse, sondern auch einer In-Frage-Stellung des gesamten bürgerlich-kapitalistischen Lebens und der damit verbundenen Werte, in dem die beiden leben und wohl auch gefangen sind.

Vielmehr einigt sich das Paar auf eine rein formale, ‚reformistische’ Lösung: „‚Wir wollen einander solche Dinge künftighin immer gleich erzählen‘“ (S. 17), schlägt Albertine vor. Doch schon die darauf folgende Rückerinnerung an Altbekanntes, nämlich an die einfache Tatsache, daß Fridolin vor der Beziehung mit Albertine bereits andere Partnerinnen hatte, wird für sie zum Anlaß erneuter Unruhe und Fridolin, dem vermutlich bewußt ist, daß diese Frauen keinerlei Gefahr mehr für die Beziehung zu Albertine darstellen, beginnt sich zu ärgern, sie überhaupt eingeweiht zu haben in Dinge, die „er lieber für sich hätte behalten sollen“ (S. 17). Die Einigung auf Ehrlichkeit steht also auf tönernen Füßen. Denn ein bloßes Geständnis des Begehrens einer dritten Person verhindert noch lange nicht, daß die Partner sich damit verletzen, in ihrer Ehre und ihrem Selbstbild kränken und das Vertrauen zueinander erschüttern können. Auf diese Weise demontieren die beiden gegenseitig ihr Selbstwertgefühl. Wichtig ist jedoch zu betonen, daß Schnitzler in seiner ganzen Novelle niemals einen Zweifel an der Liebe der beiden Protagonisten zuläßt, an der „Intaktheit der affektiven Basis der Beziehung, ein grundsätzliches Einverständnis, das noch in den kritischsten Momenten unerschüttert ist“ (Hartmut Scheible: Nachwort, in: Schnitzler, a. a. O., S. 112; im Folgenden: Scheible, a. a. O.). In der literarischen Form der Novelle wird „auf die intakte affektive Basis selbst dann noch (...) verwiesen, wenn diese den Gestalten selbst abhanden zu kommen droht; die zahllosen Entsprechungen, Parallelismen und Verweise in der Novelle (...), in der es kein Handlungselement gibt, das isoliert bliebe, stehen für den immer vorausgesetzten Zusammenhalt der Gestalten. Einmal verloren, wäre er durch keine noch so aufrichtige ‚Aussprache‘ zu restituieren“ (ebd., S. 112 f.).
 

Der Arbeitsalltag zwingt Fridolin mitten in dieser Situation gegenseitiger Verletzungen seine Partnerin verlassen zu müssen. Immer wieder stellt Schnitzler - zu Recht - den Alltag gegen die Leidenschaft („Ein grauer Morgen weckte sie allzubald“, S. 12) und die von (Arbeits-) Pflichten geprägte bürgerliche Welt als Feind einer Entfaltung von Liebe und Verlangen dar. Vordergründig sieht es auch hier so aus, als sei es allein die berufliche Verpflichtung, die Fridolin dazu veranlaßt, zu gehen („Ich muß wohl“, sagt er; S. 19). Doch bald wird klar, daß sich Fridolin treiben läßt in eine Situation, in der er bereit scheint, sich auf fast alles einzulassen, nur um vor dem mittlerweile krisenhaften Ehealltag fliehen zu können und nicht zurückkehren zu müssen. Hier reiht sich endlich die ursprünglich (zumindest subjektiv) aus Liebe und ‚freiwillig’ eingegangene Ehe mit ihrem, die materialistischen Hintergründe ausblendenden, romantischen Versprechen nahtlos und folgerichtig in die gesellschaftlichen Normen und Zwänge ein, die der Leidenschaft den Garaus machen. Ausgerechnet der Arbeitszwang wird dann wie so oft zur Ausrede und gar zur Fluchtmöglichkeit. Denn immerhin kann sich Fridolin bei seiner Arbeit der Gattin entziehen und Kontakte mit anderen Frauen unterhalten - eine Möglichkeit, die Albertine als Frau in einer patriarchalen Gesellschaft, die ihr einzig die Rolle als Mutter und Hausfrau zugesteht, umgekehrt freilich nicht hat.
 

Fridolin nutzt in der Folge diese relative Freiheit eines Mannes bürgerlicher Provenienz. Da ist die schon länger mit mittelmäßigem Interesse betrachtete Tochter des soeben verstorbenen Hofrates, Marianne, von der Fridolin schon lange angenommen hatte, „daß sie in ihn verliebt war oder sich einbildete, es zu sein“ (S. 25), die ihn in einer völlig skurrilen Situation (der tote Vater liegt im Zimmer, ihr zukünftiger Ehemann und die Verwandtschaft werden gleich eintreffen) anfleht, in seiner Nähe bleiben zu können und ihm ihre Liebe gesteht. Damit befriedigt sie weniger Fridolins sexuelle, denn seine Rachegelüste an Albertine: „Im selben Augenblick, er wußte nicht warum, mußte er seiner Gattin denken. Bitterkeit gegen sie stieg in ihm auf und ein dumpfer Groll gegen den Herrn in Dänemark “ (S. 25). Entscheidend dürfte für Fridolin nicht die reale Option einer Beziehung oder gar Ehe mit Marianne sein, sondern das beruhigende Gefühl, begehrt zu werden und Alternativen zu Albertine auf der Hand zu haben; Handlungsoptionen jenseits der als eingefahren und krisenhaft empfundenen Ehe.
 

Während diese Szene einen Hauch von Nekrophilie verströmt, wird Fridolin bei seinem folgenden nächtlichen Umherschweifen[1] seiner prinzipiellen Freiheit und Jugendlichkeit gewahr:
 

Und er freute sich, daß er noch lebte (...); ja daß er noch mitten in seiner Jugend stand, eine reizende und liebenswerte Frau zu eigen hatte und auch noch eine oder mehrere dazu haben konnte, wenn es ihm gerade beliebte“ (S. 27 f.).
 

Fridolin sehnt sich nach einer Freiheit von Verantwortung, die er als Vater, Arzt und Ehemann nicht ausleben kann.
 

Doch selbst eine halbzufällige Begegnung mit einer jungen Prostituierten namens Mizzi, der er neugierig in ihre Wohnung folgt, bleibt trotz grundsätzlicher Bereitschaft sexuell folgenlos. Zunächst ist es die Angst vor Krankheit, die ihn Zurückhaltung üben läßt, doch letztlich ist es Mizzi, die Fridolins dann doch über die Vernunft siegendes Begehren (s. S. 33 oben) aufgrund seines ihr gegenüber achtungsvollen Umgangs verantwortlich zurückweist: „Du hast ganz recht, wenn du dich fürchten tust. Und wenn was passiert, dann möchtest du mich verfluchen“ (S. 33). Es ist also nicht dem Verantwortungsbewußtsein des Arztes, sondern ‚ausgerechnet’ dem der ‚Hure’ zu verdanken, daß es nicht zum Sexualakt kommt. Und auch sonst behandelt Fridolin die Prostituierte auf eine Art aufmerksamer als Albertine: „Das Tor fiel hinter ihm zu, und Fridolin prägte mit einem raschen Blick seinem Gedächtnis die Hausnummer ein, um in der Lage zu sein, dem lieben armen Ding morgen Wein und Näschereien heraufzuschicken“ (S. 33).
 

Auch dieses Erlebnis kann also nicht Fridolins Hunger nach Rache, Ausbruch und Abenteuer stillen. Schnitzler zitiert hier ein klassisches Motiv des Abenteuerromans, wenn er der als geregelt, geordnet und monoton geltenden bürgerlichen Existenz das Ausbrechen in Unbekanntes, Unerwartetes, Nie-zuvor-Erlebtes entgegenstellt:
 

„seit dem Abendgespräch mit Albertine rückte er immer weiter fort aus dem gewohnten Bezirk seines Daseins in irgendeine andere, ferne, fremde Welt“ (S. 34).

 

Entscheidend ist hierbei die Unzufriedenheit mit der alltäglichen Situation; die begehrte Welt muß nicht wirklich besser sein, sie kann sogar fiktiv oder partiell bleiben, solange sie wenigstens anders, also weit entfernt, neuartig oder unbekannt ist. Dies deckt sich mit der prickelnden Spannung, die die Begegnungen mit Marianne und Mizzi auslösen, auch wenn es letztlich gar nicht zu sexuellen Handlungen kommt und die beiden innerhalb bürgerlicher Konventionen auch sehr gewagte bis unmögliche Optionen für eine längerfristige Beziehung darstellen.

Was nun folgt (schön umgesetzt auch in Stanley Kubricks Verfilmung Eyes Wide Shut; GB / USA 1999), ist wie das Begehren selbst: Fridolin begibt sich in vollem Bewußtsein und allen Warnungen zum Trotz in eine Situation, die er weder durchschauen noch überblicken kann. Auf seinen Wanderungen durch das nächtliche Wien trifft er zunächst in einem Kaffee-Haus seinen früheren Studienkollegen Nachtigall, der ihm nach einigem Nachbohren Andeutungen von einer geheimen, maskierten Gesellschaft macht, die ‚Orgien’ mit „nackte(n) Frauenzimmer(n)“ (S. 41) feiere. Unbeirrt durch Nachtigalls offensichtlichen Unwillen („‚Unmeglich, zu gefährlich‘“ sagt Nachtigall auf Fridolins Bitten, ihn mitzunehmen, ebd.) eilt Fridolin mitten in der Nacht zu einem Kostümverleiher, um sich in die Gesellschaft einzuschleichen. Bereits dort scheinen verborgene sexuelle Beziehungen abzulaufen: der Kostümverleiher erwischt in dieser nächtlichen Stunde ein „anmutiges, ganz junges Mädchen, fast noch ein Kind, im Pierrettenkostüm mit weißen Seidenstrümpfen“ (S. 44) in flagranti mit zwei als Femrichtern verkleideten Herrn. Eine erneute erotische Begegnung für Fridolin: „von ihren zarten Brüsten stieg ein Duft von Rosen und Puder auf; - aus ihren Augen lächelte Schelmerei und Lust“ (ebd.). Fridolin geriert sich gleichzeitig als Beschützer und als potentieller Liebhaber, ja, am „liebsten wäre er dageblieben oder hätte die Kleine gleich mitgenommen, wohin immer - und was immer daraus gefolgt wäre“ (ebd.). Abermals dominiert das Draufgängerische, die prinzipielle Bereitschaft zu einem Abenteuer mit unbestimmtem Ausgang („wohin immer - und was immer daraus gefolgt wäre“) über die Vernunft („fast noch ein Kind“). Allein die tollkühne Verabredung mit Nachtigall und die Neugier auf den Maskenball treiben Fridolin weiter in die Nacht hinein. Doch das Mädchen mit den Seidenstrümpfen ist längst nicht vergessen. Wenn Fridolin, besorgt, der Kostümverleiher könnte sie für ihre Unsittlichkeit bestrafen, zu diesem sagt: „Wir reden morgen weiter über die Sache“ (S. 46), so erscheint es als zweifelhaft, ob Fridolin dies wirklich in seiner Funktion als Arzt tun will, wie er behauptet, oder ob er sich nicht eher für sich selbst eine ‚sexualtherapeutische Wirkung’ erhofft - etwa von „ihren zarten Brüsten“ und „weißen Seidenstrümpfen“.
 

Während der Fahrt in der Kutsche kommen selbst Fridolin Zweifel ob seines Wagemuts. Doch eine „transzendentale Obdachlosigkeit“ (G. Lucács), ein Entfremdungsgefühl, welches Fridolin vielleicht nicht nur in erotischer Beziehung empfindet, sondern auch in der modernen Urbanität, etwa wenn er „die in Dunst verschwimmende, von tausend Lichtern flimmernde Stadt“ (S. 48) mit ihren vielen Optionen und wenigen Gewißheiten betrachtet, läßt ihn im unklaren, wo sein Platz ist. Wohin soll er, angenommen, er machte einen Rückzieher, denn hin?: „Zu der kleinen Pierrette? Oder zu dem Dirnchen in der Buchfeldgasse? Oder zu Marianne, der Tochter des Verstorbenen? Oder“ - diese Möglichkeit kommt ihm erst zu letzt, gar „nach Hause“ (S. 48)? Nein, er sehnt sich „nirgendshin (...) weniger (...) als gerade dorthin“ (ebd.). Dem Alltag und seinem vertrauten Platz in der bürgerlichen Welt vorübergehend entzogen, ist Fridolin verwirrt von der Palette der aufschimmernden Möglichkeiten. Schnell taucht hier die Rückerinnerung an die Gewohnheiten als schützendes Moment auf, um der Verunsicherung wieder Herr zu werden:

wie an etwas Erlösendes dachte er daran, daß er in wenigen Stunden schon, wenn alles gut ging, wie jeden Morgen zwischen den Betten seiner Kranken herumgehen würde - ein hilfsbereiter Arzt“ (ebd.).

 

Doch eine ungestillte Sehnsucht läßt ihm den Weg nach Hause als den „weiteste(n)“ (ebd.) erscheinen. Es gibt kein Zurück für Fridolin; - seine Triebe (Begehren und Lust), das, was die Psychoanalyse als Es benennt, setzen sich gegenüber dem Über-Ich, den gesellschaftlichen Normen und Sollensforderungen (Moral, Ehepflichten, Verantwortung als Arzt, Gatte und Vater), durch. Einmal ausgebrochen aus den bürgerlichen Konventionen, die Opposition von Es und Über-Ich wenigstens für eine Nacht zugunsten des Auslebens der Triebe und Wünsche entschieden, gibt es für Fridolin kein Halten mehr: „Weiter meinen Weg, und wär‘s mein Tod“ (S. 49) scheint er bereit, seine Existenz zu opfern. Tatsächlich gibt er mit dieser Entscheidung zumindest vorübergehend sein bürgerliches Leben auf, in dem er mit den damit verbundenen Werten wie Verantwortungsbewußtsein oder Treue - und sei es für eine Nacht - (ansatzweise) bricht.
 

Nachdem sich Fridolin endlich Zugang zu der geheimnisvollen Gesellschaft in der Villa verschafft hat (die Parole lautet, deutlicher geht es kaum: „Dänemark“), spitzt sich die Situation gefährlich zu. Eine als Nonne verkleidete, unbekannte Frau warnt Fridolin vor den Folgen einer Entdeckung und fordert ihn eindringlich zum Verlassen der Zeremonie auf. Doch Fridolins Sehnsucht nach einem erotischen Abenteuer, der Reiz der verborgenen Lüste, der existentielle ‚Kick’, sich in einer Situation zwischen Begehren, Lust, Leben und Tod zu befinden, eventuell alles auf‘s Spiel zu setzen für diesen Moment, ist stärker als jede Vernunft. Verlockender und bedeutsamer als die gewohnte Rationalität erscheint da schon, daß „unter den schwarzen Seidenspitzen der Larve“ der unbekannten Frau „ein blutroter Mund (leuchtete)“ (S. 50). Schon bei seinem Versuch, Nachtigall zu überzeugen, hatte Fridolin in einem seiner wenigen selbstreflexiven Momente gestanden: „Ich weiß schon, daß es ‚gefährlich‘ ist, - vielleicht lockt mich gerade das“ (S. 41). Schließlich ist es gerade die üblicherweise den Alltag des bürgerlichen Individuums bestimmende Vernunft, die im Ehe-Alltag (nicht nur) von Albertine und Fridolin Lust-tötend wirkt.
 

Die Gäste auf diesem geheimnisvollen Ball tragen zunächst Mönchskutten und Nonnengewänder, kirchliche Musik ist zu hören. Doch dann schlägt die ‚geistliche Messe’ in eine sehr weltliche Zeremonie um, die Hüllen fallen („alle mit dunklen Schleiern um Haupt, Stirn und Nacken, schwarze Spitzenlarven über dem Antlitz, aber sonst völlig nackt“, S. 51), die Triebe triumphieren über die bürgerlichen Konventionen. Es scheint, als könne Fridolin an diesem Ort sein Begehren nach einer triebhaften, lustvollen, hingebungsvollen, spannungsreichen Erotik ausleben: „Fridolins Augen irrten durstig von üppigen zu schlanken, von zarten zu prangend erblühten Gestalten; - und daß jede dieser Unverhüllten doch ein Geheimnis blieb und aus schwarzen Masken als unlöslichste Rätsel große Augen zu ihm herüberstrahlten, das wandelte ihm die unsägliche Lust des Schauens in eine fast unerträgliche Qual des Verlangens“ (ebd.). Fridolin jedoch wird ertappt, bevor er seine erotischen Wünsche ausleben kann; - er ist als ungebetener Eindringling mit dem Tod bedroht. Die geheimnisvolle Frau erklärt sich bereit, sich für ihn zu opfern - doch als sie ihren Schleier, der als Symbol für (den Wunsch nach) ‚Unberührtheit’ gelesen werden kann, schließlich abnimmt, wird Fridolin „von unwiderstehlichen Armen erfaßt, fortgerissen“ (S. 59) und aus dem Saal gedrängt, noch bevor er „das Bild ihres Antlitzes zu erhaschen vermochte“ (ebd.). Auch dieses erotische Abenteuer bleibt also ohne Erfüllung - wie alle anderen in der Novelle, denn keines war „zu Ende gelebt worden“ (S. 55 f). Statt dessen liegt die Todesdrohung nun über der begehrten Frau.[2]
 

Aus der Verstörung, die das Beichten von mehr oder weniger alten Geschichten des Begehrens Dritter bei den beiden Ehepartnern ausgelöst hatte, ist eine Identitätskrise geworden. Wer auch immer die Frau war, die bereit war, ihr Leben für Fridolin zu opfern - war das nicht die bedingungslose, leidenschaftliche, ‚wahre’ Liebe? So überrascht es nicht, daß Fridolin sich in der Folge als Detektiv versucht - er will die ‚Wahrheit’ herausfinden (an dieser Stelle tritt zum Motiv des Abenteuerromans das des Detektiv- bzw. Kriminalromans). Schon beim zwangsweisen Verlassen der Villa besinnt er sich darauf, daß er sich „nur alles genau einpräge“ (S. 59) und beschwört die Notwendigkeit, „das Haus (und damit auch sein Begehren?; Anmerkung: K. H.) wieder(zu)finden“ (ebd.). Er ist „entschlossen, auf alle Gefahr hin die Aufklärung des Abenteuers (...) in Angriff zu nehmen“ (S. 59 f.) und um jeden Preis will er die Identität der „unbegreifliche(n) Frau“ (S. 60) in Erfahrung bringen, „die in dieser Stunde den Preis für seine Rettung bezahlte“ (ebd.).
 

Tief beeindruckt ist er – allen von bürgerlichem Ethos geprägten, seine Schuld rechtfertigenden und „Beschämung“ (S. 62) abwehrenden Mutmaßungen über ein Dasein „diese(r) Weiber“ (S. 60) als „Dirnen“ (ebd.) zum Trotz – von dem Umstand, daß er offensichtlich eine solche Ausstrahlung auf die Unbekannte auszuüben im Stande war, daß sie zu diesem Opfer bereit war: „Vielleicht gibt es Stunden, Nächte, dachte er, in denen solch ein seltsamer, unwiderstehlicher Zauber von Männern ausgeht, denen unter gewöhnlichen Umständen keine sonderliche Macht über das andere Geschlecht innewohnt?“ (S. 60 f.). Auch hier also wieder das Motiv der Bestätigung des Wunsches, begehrt zu werden; in diesem Falle gekoppelt mit einer Mischung aus Understatement respektive Selbstmitleid („keine sonderliche Macht über das andere Geschlecht“) und Allmachtsphantasien („unwiderstehlicher Zauber“). Der Topos von der Frau als ‚Hure’ oder ‚Heilige’ taucht in Form eines Zwiespaltes auf. Gegen die „Beschämung“ (s. o.) mag es sicherlich helfen, die Unbekannte zur Prostituierten zu ‚degradieren’. Für das noch nicht ‚gestillte’ Begehren und das Interesse an ihrer Person ist es jedoch hilfreicher, der Frau wieder ‚Ehre’ zukommen zu lassen: „in ihrer Stimme, in ihrer Haltung, in dem königlichen Adel ihres unverhüllten Leibes war etwas gewesen, das unmöglich Lüge sein konnte“ (S. 60, Hervorhebung K. H.).
 

Dergestalt geadelt, kann Fridolin sein Verlangen vor sich selbst rechtfertigen:
 

Er schwor sich zu, nicht zu ruhen, ehe er das schöne Weib wiedergefunden, dessen blendende Nacktheit ihn berauscht hatte“ (S. 63). Erst spät auf seinem Nachhauseweg denkt er an Albertine,
 

doch so, als hätte er auch sie erst zu erobern, als könnte sie, als dürfte sie nicht früher wieder die Seine werden, ehe er sie mit all den andern von heute nacht, mit der nackten Frau, mit Pierrette, mit Marianne, mit dem Dirnchen aus der engen Gasse hintergangen“ (ebd.).
 

So überwiegen die Rachegelüste („hintergangen“) und der Wunsch, dem wilden Begehren einmal freien Lauf zu lassen („mit all den andern von heute nacht“) über das Wissen, am Ende ohnehin ‚in den Hafen der Ehe’ einzulaufen („wieder die Seine werden“) – wie es sich für einen angesehenen Arzt in der gegebenen Gesellschaft geziemt. Neben dem Besitzdenken („die Seine“ – und niemanden anderes) kann man hier auch ein gewisses Leistungsideal heraus lesen – wenn schon die Ehefrau betrügen, dann wenigstens richtig („ehe er sie mit all den andern“... – eine einzelne reicht nicht und es geht auch nicht um die konkrete Person, sondern um die Verletzung und das daraus resultierende Rachebedürfnis)... Für Fridolins von bürgerlich-patriarchaler Leistungsideologie geprägtes Denken spricht auch sein Eindruck einer „unsinnige(n) Nacht mit ihren läppischen (sic!, K. H.), abgebrochenen Abenteuern“ (ebd.), von der „heimzukehren (...) ihm geradezu lächerlich (erschien)“ (ebd.). Es ist nicht gerade männeruntypisch, Erotik nur dann Ernst zu nehmen, wenn sie im Geschlechtsverkehr gipfelt. Sich so noch im Akt des Fremdgehens als Versager fühlend, wünscht sich der Arzt in einem Schub von Selbstmitleid (und Verzweiflung!) gar, „mit einem Messerstich zwischen den Rippen (...) in der verlorenen Gasse zu liegen“ (ebd.).
 

Doch für einen Moment sinniert Fridolin vor dem Hintergrund einer “Todeskrankheit“ (ebd.), mit der er sich womöglich bei seiner Arbeit angesteckt hat, dann doch über die durchaus gesellschaftskritische Frage, ob man das eigene Leben „immer nur aus Pflicht (...) aufs Spiel setzen“ (ebd.) solle, anstatt aus „Laune, aus Leidenschaft“ (ebd.): während er an Wohnhäusern vorbeizieht, in denen allmählich Menschen erwachen, die „in ihren Betten sich recken und rüsten zu ihrem armseligen, sauren Tag“ (S. 64) – in einem Moment der Reflexion gesellschaftlicher Realität also. Mehr aus Gewohnheit denn aus einem Bedürfnis heraus kehrt auch Fridolin in den Alltag zurück - zu seiner schlafenden Frau.
 

Doch auch Albertine rächt sich für die Verletzung, die ihr die Vorstellung zufügte, daß Fridolin bereit gewesen wäre, für ein unbekanntes, kleines Mädchen am dänischen Strand Ehe und Beziehung aufs Spiel zu setzen. Sie ‚bedient’ sich dazu des „Mediums, das allein geeignet ist, ‚sowohl Glücks- als Unglücksgefühle quasi chemisch rein darzustellen‘“: des Traumes“ (Schnitzler, zitiert nach Scheible, S. 113), mittels dessen wir „zu letzten Gefühlswahrheiten kommen, deren sich im Wachsein unsre Eitelkeit schämt“ (ebd.). Es ist ein Bewußtseinsstrom, ein stream of consciousness, der Albertines Traum durchzieht. Denn Schnitzler hält als Autor (gedanklich nahe am zeitgenössischen Psychoanalytiker Sigmund Freud und dessen Traumdeutung) nichts davon, den Traum - sei es in der ‚Realität’, sei es in der Literatur - als pure, bedeutungslose Phantasie abzutun. Vielmehr läßt der Traum Eingeständnisse, Bedürfnisse und Begehren zu, deren wir uns im Wachzustand nicht gewahr werden wollen. Tatsächlich fällt es auch Albertine nicht leicht, ihren Traum zu erzählen: „In Worten lassen sich diese Dinge eigentlich kaum ausdrücken“ (S. 69) sagt sie, und doch ist es wohl weniger Sprachlosigkeit, sondern eher die Angst vor den innerhalb des Traumes zu Tage tretenden unterbewußten Bedürfnissen und Wünschen, die sie dazu bringt, ihr „Gesicht in den Händen gleichsam verborgen“ (ebd.) zu halten. Vielleicht versucht sie sich auch nur zu konzentrieren und die Außeneinflüsse abzuwehren, die die Erinnerung an einen Traum häufig so schwierig machen (siehe auch dazu Freuds Traumdeutung von 1900).
 

Man muß jedenfalls kein Experte (noch nicht einmal ein Anhänger!) psychoanalytischer Traumdeutung sein, um einige Passagen von Albertines Traumerzählung für bemerkenswert zu erachten. Schon der Beginn ihrer Erzählung läßt aufhorchen. Wenn sie am Anfang des (erinnerten) Traumes „wie eine Schauspielerin auf die Szene“ (S. 66) tritt, und zwar genau in dem Zimmer, welches mit der Erinnerung an die Verlobung mit Fridolin verknüpft ist, liegt es da nicht nahe, eine Parallele zur bürgerlich-patriarchalen Realität zu ziehen, die Frauen erst im Moment ihres Status als Ehefrau oder Mutter ernst nimmt und ihnen vor der Hochzeit keinen eigenständigen Wert zubilligt? Und ist nicht die Repräsentation sowohl die Aufgabe der (Ehe-) Frau wie die des Schauspielers? Und schon „morgen sollte unsere Hochzeit sein“ (ebd.) - ging es vielleicht etwas zu schnell? Hätte sich Albertine nicht vielleicht insgeheim gewünscht, zwischen dem Verlassen des Elternhauses und dem Beginn der Ehe ein wenig Zeit zu haben, ein eigenständiges, ‚freies’, unabhängiges Leben zu führen, womöglich auch (Liebes-) Erfahrungen zu machen? Gerade mal „Sechzehn vorbei“ (S. 18) war Albertine gewesen, als sich die beiden verlobten. Schon während der ersten Aussprache in der Novelle stellt sie die fordernde und provozierende Frage danach, wie Fridolin wohl reagiert hätte, „wenn es auch mir beliebt hätte, zuerst auf die Suche zu gehen“ (ebd.). Sie ist sich offensichtlich bewußt um die patriarchalen Strukturen, die lediglich dem männlichen Teil der Gesellschaft das Sammeln von (sexuellen) Erfahrungen vor der Ehe zubilligen. Auch wenn sie sagt „Ach, wenn ihr wüßtet“ (ebd.) und mit der Verwendung des Plurals nicht mehr nur Fridolin allein, sondern gleich alle Männer meint, deutet das ebenfalls auf ihr Bewußtsein über die Unterdrückung weiblicher Sexualität in der bürgerlichen Gesellschaft hin. In ihrer in diesem Zusammenhang bekundeten Bereitschaft, die gesellschaftliche Konvention zu brechen, indem es für sie damals durchaus denkbar gewesen sei, den sexuellen Akt mit Fridolin auch vor der Ehe zu vollziehen („er könnte von mir in dieser Nacht alles haben, was er nur verlangte“, S. 18 f.), drückt(e) sich bereits ihre (‚innere’ bzw. potentielle) Rebellion gegen die genannten Verhältnisse aus. Für diesen Blickwinkel spricht auch, daß sich im (erträumten!) Kleiderschrank „statt des Brautkleides eine ganze Menge von anderen Kleidern“ (S. 67) befanden, nicht zu verachtende zumal, „Kostüme eigentlich, opernhaft, prächtig, orientalisch“ (ebd.).
 

‚Träumen’ viele Frauen (Menschen jeglichen Geschlechts) nicht gelegentlich von einer solchen Auswahl hübscher Kleider (= Entscheidungsmöglichkeiten / = Partner?), zumal wenn sie regelrecht exotisch („orientalisch“) anmuten, also mit Freiheit, Abenteuer und Aufregung verbunden sind? Auch Albertine ist sich in ihrem Traum noch keineswegs sicher, welches Kleid sie „denn nur zur Hochzeit anziehen (soll)?“ (ebd.). Dies kann auch als Wunsch verstanden werden, die eigene Rolle und Position selbst bestimmen zu wollen. Und bevor sie Zeit hat, sich zu entscheiden, „(d)a fiel der Schrank plötzlich wieder zu oder war fort, ich weiß es nicht mehr“ (ebd.).
 

War mit der Eheschließung das kurze Beschnuppern der weiten Welt und seiner Möglichkeiten, kurz: die Freiheit, schon wieder zu Ende und folgten dem Brautkleid Alltagskleidung und bald Umstandsmoden? Albertine „weiß es nicht mehr“, - vielleicht weil sie ohnehin keine Alternative, keine Wahl gehabt hätte? Vielleicht drängten die Eltern, vielleicht Fridolin, vielleicht gehört es sich einfach nicht für eine attraktive erwachsene Frau, nicht verheiratet zu sein - zumal im bürgerlichen Wien der Jahrhundertwende? Das muß nicht heißen, daß die Ehe von Anfang an ein Fehler war, zumindest liebten sich die beiden auch in Albertines Traum „sehr“ (ebd.). Doch „trotz der innigsten Umarmung war unsere Zärtlichkeit ganz schwermütig wie mit einer Ahnung von vorbestimmtem Leid“ (S. 67 f.) - klingen hier schon die Sorgen des Alltags, der Kindererziehung, der Mutter- und Berufspflichten an? Zumindest scheint nach der anfänglichen Leidenschaft und empfundenen Intimität keine Leichtigkeit und Unbeschwertheit mehr in der gemeinsamen Zärtlichkeit zu liegen - ganz im Gegensatz zu „der Gelöstheit, der Freiheit, dem Glück“ (S. 70), welches Albertine später „in diesem Traum empfand“ (ebd.). Und zwar ausgerechnet in einem Moment, in dem Fridolin „hingerichtet“ (sic!) (ebd.) werden sollte, während Albertine auf einer Wiese in einer „unendliche(n) Flut von Nacktheit, die mich umschäumte“ (ebd.) in den Armen eines Mannes lag, der sie „umschlungen hielt“ (S. 70) und aussah „wie der Däne“ (S. 68), wenngleich er „immer derselbe und immer ein anderer“ (S. 69) war.
 

Selbst wenn Fridolin als im Berufsleben stehender Naturwissenschaftler nicht allzu viel auf den ‚Realitätsgehalt’ von Träumen geben sollte - es verwundert nicht, daß ihm beim Zuhören „die Kehle trocken“ (S. 69) wird.
 

So ‚träumt’ Albertine - (abermals eine Parallele, hier zu Fridolin auf dem geheimnisvollen Maskenball) - davon, daß sich jemand (in diesem Fall Fridolin selbst) für sie opfert. In Albertines Fall muß man jedoch mehr noch als bei der Unbekannten in der Geheimgesellschaft davon sprechen, daß Fridolin geopfert wird - und zwar von Albertines Unterbewußten selbst. Wenn Fridolin in Albertines Traum seine Rolle als Gatte, nicht als Liebhaber erfüllt; wenn er sich um ihre Kleider und damit ihre soziale Existenz sorgt, während sie ihrem Begehren folgt, „die Melodie eines Tanzes, die wir auf der Redoute gehört haben“ (S. 68) im Ohr, sich „leicht“ (ebd.) und „glückselig“ (ebd.) in der träumerischen Freiheit fühlend; - dann ist Fridolin für Albertine der fürsorgliche, vielleicht sogar etwas zu paternalistische Familienvater und Arzt, nicht aber der begehrenswerte ‚sexy Liebhaber’. Das spiegelt den Eindruck wider, daß Fridolin gar nicht mehr in der Lage ist, Albertine als sexuell-attraktive Frau zu sehen und nicht nur als Gattin oder Mutter. Daher wohl auch Albertines (Traum-) Wunsch, „viel schöner, als ich je in Wirklichkeit war“ (ebd.) zu erscheinen - auch sie fühlt sich offensichtlich im Alltag nicht genügend begehrt und daher unattraktiv.[3] Dennoch ist das eine Selbsteinschätzung, zu der es weder in Schnitzlers Novelle noch in Kubricks eng am Original angelegter filmischer Adaption real begründeten Anlaß zu geben scheint - zumindest wird Albertine in beiden Werken als durchaus attraktiv gezeichnet („reizende (...) Frau“, S. 27; Nicole Kidman als Albertine in Eyes Wide Shut).
 

Es verwundert auch nicht, daß all „die schönsten Dinge“ (S. 69), die Fridolin im Traum für Albertine kauft („Kleider, Wäsche, Schuhe, Schmuck“, ebd.) in die „kleine gelblederne Handtasche“ (ebd.) des Dänen hineinpassen - es ist eben eine große, weite, ja „die ganze Welt“ (ebd.) des Begehrens, für die der Däne symbolisch steht, zudem er im Gegensatz zu Fridolin auch sonst mit einer „Aura der Weltläufigkeit“ (Scheible, a. a. O., S. 116) behaftet ist [4]. Folgerichtig ist er im Traum „immer derselbe und immer ein anderer“ (S. 69).
 

Daß die Geständnisse aus der Zeit des Dänemark-Urlaubs auch an Albertine nicht spurlos vorbei gegangen sind, zeigt sich u. a. darin, daß das von Fridolin am Strand begehrte Mädchen eine zentrale Rolle in ihrem Traum bekommt. Als Fürstin (!) des Traum-Landes, deren Gefangener Fridolin wird, gebührt ihr die Entscheidung über Leben, Begnadigung (im Falle des sexuellen Gehorsams und wenn er ihr Geliebter wird) und - nachdem Fridolin dies verweigert - seinen Tod. Als Fridolin ihr zweites Gnadenangebot ebenfalls ablehnt, wird er unter Albertines schallendem Lachen ans Kreuz geschlagen... (s. S. 70 - 72).
 

Dieser Traum offenbart also nicht nur Albertines Sehnsüchte, sondern auch eine tiefe Entfremdung und ein großes Rachebedürfnis:
 

„Ich aber fand dein Gebaren über alle Maßen töricht und sinnlos, und es lockte mich, dich zu verhöhnen, dir ins Gesicht zu lachen, - und gerade darum, weil du aus Treue zu mir die Hand einer Fürstin ausgeschlagen, Foltern erduldet und nun hier heraufgewankt kamst (...) ich wußte: wir waren aneinander vorbeigeflogen (...) Und so lachte ich auf, so schrill, so laut ich konnte. Das war das Lachen, Fridolin, - mit dem ich erwacht bin“ (S. 72).
 

Fridolin wird Zeuge dieses Gelächters, nachdem er das eheliche Schlafzimmer betreten hat. Die Fremdheit der beiden könnte in diesem Moment kaum deutlicher hervortreten. Schon als Fridolin die noch schlafende (träumende) Albertine betrachtet, wirkt sie auf ihn wie eine Fremde, „es war ein Antlitz, das Fridolin nicht kannte“ (S. 64). Die Situation erscheint explosiv, es verwundert beinahe, daß es nicht zu Gewaltakten kommt[5]. Fridolin hegt indes den Gedanken, Albertine könnte um seine nächtlichen Erlebnisse wissen (s. S. 65) und „er hütete sich, sie zu berühren. Ein Schwert zwischen uns, dachte er“ (S. 65).
 

Nachdem Albertine ihre Erzählung beendet hat, zeigt sich in Fridolins Reaktion neben dem Schock, der stillen Wut und der Eifersucht ein abermals gesteigertes Rachebedürfnis:
 

„Auch er rührte sich nicht und sprach kein Wort. Jedes wäre in diesem Augenblick matt, lügnerisch und feig erschienen. Je weiter sie in ihrer Erzählung fortgeschritten war, um so lächerlicher und nichtiger erschienen ihm seine eigenen Erlebnisse, so weit sie bisher gediehen waren, und er schwor sich zu, sie alle zu Ende zu erleben, sie ihr dann getreulich zu berichten und so Vergeltung zu üben an dieser Frau, die sich in ihrem Traum enthüllt hatte“ (S. 72 f.).
 

An dieser Stelle zeigt sich allerdings auch ein gewisses Mißverhältnis zwischen den beiden: Fridolin genügt die gedankliche Untreue allein noch nicht, er meint, sie ausleben zu müssen um jeden Preis.
 

Dabei übersieht er die mögliche ‚therapeutische’ Wirkung, die im Traum liegen kann. So ist es eben nicht Albertines Traum, der die Beziehung zerstört, wie er fälschlicherweise glaubt. Ihr Traum wirft lediglich ein Licht auf den Zustand der Beziehung. Wenn Albertine Fridolin ihren Traum getreulich erzählt, hat sie diesen Moment erkannt und ist bereits erwacht, während Fridolin für diese Erkenntnis noch einen weiteren Tag benötigen wird, bevor auch er von seinen Erlebnissen und Wünschen erzählen kann.
 

Und dennoch bleibt die Beziehung zu Albertine immer der Bezugsrahmen auch für Fridolins Gefühle; „wie sehr er diese Frau auch zu hassen gewillt war“ (S. 73), muß er doch feststellen, daß er „eine unveränderte, nur schmerzlicher gewordene Zärtlichkeit (für Albertine, K. H.) empfand“ (S. 73).
 

Auch wenn letztlich nicht ganz klar ist, ob nicht auch Fridolins nächtlicher Streifzug nur ein Wunschtraum war (an einer Stelle heißt es etwa: „Er lachte und hörte sich, wie man sich im Traume hört“, S. 53), so macht die Vorstellung, Fridolin habe seine Abenteuer wirklich erlebt, während Albertine sie geträumt hat, aus verschiedenen Überlegungen heraus Sinn.[6]
 

Zunächst möchte ich hier festhalten, daß die konkrete literarische Vorlage selbst diese Unterscheidungen macht - zumindest werden Erlebnisse, Gedanken, Gefühle und Träume als solche benannt. Und immer, wenn auch in der Traumnovelle der Realitätsgehalt von Fridolins Abenteuern in Frage gestellt scheint (z. B. S. 101, Albertines Maskenfund: „Wirklichkeit?“), spart auch Schnitzler selbst nicht mit rasch nachgereichten ‚rationalen’ Erklärungsmustern, wobei diese wiederum die These der ‚Verwischungs-Strategie’ nahelegen, in dem sie manchmal seltsam unglaubwürdig ‚argumentieren’.[7]
 

Für wesentlich ergiebiger als die Spekulation über ‚Traum’ oder ‚Wirklichkeit’ (ohnehin ein wenig absurd im Falle von Literatur, welche ja per se nicht ‚real’ im Sinne einer Dokumentation ist) halte ich - auch vor dem Hintergrund von Schnitzlers oben skizziertem Standpunkt der Bedeutung von Träumen - eine tiefere Text- und Inhaltsanalyse im konkreten literarischen und gesellschaftlichen Kontext.
 

Im Falle von Albertines innerem und Fridolins äußerem Erleben drückt sich beispielsweise auch die Geschlechterhierarchie der bürgerlichen Gesellschaft aus: das äußere, das gesellschaftliche Leben ist dem Manne vorbehalten, das innere, private das Refugium der Frau. Und es entspricht durchaus gesellschaftlicher Realität, daß Fridolin unter beruflichem Vorwand das Haus verläßt, während Albertine zu Hause bleibt (bleiben muß), um das Kind zu hüten. An der Parallelität der Gefühlswelten, an der Doppelstruktur (und Doppelbödigkeit) der im Arbeitstitel „Doppelnovelle“ benannten Erzählung, ändert das vor dem Hintergrund der skizzierten Ernsthaftigkeit und Bedeutung des Geträumten ohnehin wenig. Albertine ist in diesem Sinne sogar weiter als Fridolin, da ihr bewußt scheint, daß das Traum-Begehren sehr wohl von Bedeutung und wichtig zu nehmen ist, während sich Fridolin einbildet, er könne seine Erlebnisse zunächst als Traum tarnen und damit scheinbar herunterspielen (s. S. 101).
 

Fridolins ‚Mißtrauen’ gegenüber dem Traume wie auch sein ‚bodenständiges’ Selbstbild drücken sich auch darin aus, daß für ihn „Alles in Ordnung“ (S. 63) ist, solange er nur „völlig wach“ (ebd.) ist.[8] Und während Albertine der Traum genügt (genügen muß), um ihre Gefühle und Wünsche zu verarbeiten und aufzuspüren, muß Fridolin am nächsten Tag durch die Stadt laufen und Privat-Detektiv bzw. „Geheimpolizist“ (S. 93) spielen, um Erkenntnisse für sich zu gewinnen. Das Ablaufen der nächtlichen ‚Tatorte’ am folgenden Tag ist nämlich im wesentlichen als ein Akt der Verarbeitung der Geschehnisse zu verstehen: Fridolin will letztlich Klarheit über sich selbst. Dabei relativiert er im übrigen seine Erfahrungen auch, etwa wenn er bezüglich der Geheimgesellschaft und des Opfers der Unbekannten von einer „Komödie“ (S. 79) spricht („Warum er nur immer wieder sich einbilden wollte, daß es wirklich ein Opfer gewesen war! Eine Komödie. Selbstverständlich war das Ganze eine Komödie gewesen“ (S. 79 f.)).
 

Ansonsten ist der Tag mit erotischen Rückschlägen und wenigen Erkenntnissen verbunden: der Maskenverleiher Gibiser entpuppt sich als Zuhälter seiner Tochter; die erneute Begegnung mit Marianne verläuft keineswegs so, wie er es sich vorgestellt hat, denn auch mit ihr wird es nichts; die Prostituierte Mizzi liegt bereits krank im Hospital und als Fridolin versucht, die Unbekannte zu finden, die sich für ihn geopfert hat, enden seine Nachforschungen im Leichenschauhaus.
 

Dort findet er eine Selbstmörderin, in deren Leiche er die Gesuchte vermutet. Es ist sich aber keinesfalls sicher. Beim Anblick der Leiche wird ihm vielmehr bewußt, daß er sich in der Unbekannten, „deren Antlitz er nicht kannte“ (S. 94), immer nur seine Frau, daß er sich sie immer „mit den Zügen Albertinens vorgestellt hatte, ja, daß ihm, wie er nun erst erschaudernd wußte, ununterbrochen seine Gattin als die Frau vor Augen geschwebt war, die er suchte“ (ebd.). Hier offenbart sich nachträglich auch Fridolins ambivalenter Wunsch, Albertine solle sich für ihn ‚opfern’, damit wie nach einer Katharsis eine neue Liebeshoffnung wachsen kann.
 

Erst diese Rückschläge des nächsten Tages also, das ‚Sich-Entziehen’ der von Fridolin scheinbar begehrten Personen, führen zu einer Rückwendung zu seiner Frau und bringen ihn gewissermaßen ‚auf den Teppich’. Denn all seine nächtlichen Erlebnisse führen Fridolin letztlich wieder zu Albertine (seine ‚Flucht’ schlägt auf die Ausgangsbasis zurück) und sie bestätigen - für Fridolin wohl selbst überraschend! - , was er schon bei der ersten Aussprache zu ihr gesagt hatte: „in jedem Wesen, das ich zu lieben meinte, habe ich immer nur dich gesucht“ (S. 18). Tatsächlich war jede von Fridolins erotischen Begegnungen immer mit Gedanken an seine Frau verbunden. Dies wird ihm jedoch erst Schritt für Schritt bewußt, denn Fridolin hält seine Augen besonders „wide shut“:
 

„Ein Gefühl von Zärtlichkeit, ja von Geborgenheit, wie er es nicht erwartet, durchdrang sein Herz“ (S. 101), als er endlich nach Hause zurückgekehrt ist.
 

Noch hat er nicht begriffen, daß es beinahe keinen Unterschied macht, ob er alles erlebt oder nur geträumt hat, und so beschließt er, Albertine seine Abenteuer so zu erzählen, „als wäre alles, was er erlebt, ein Traum gewesen - und dann, erst wenn sie die ganze Nichtigkeit seiner Abenteuer gefühlt und erkannt hatte, wollte er ihr gestehen, daß sie Wirklichkeit gewesen waren“ (ebd.). Doch er ist längst ertappt: als er abends nach Hause kommt, liegt seine Maske auf dem Kopfkissen neben Albertine. Durch Albertines „scherzhafte, fast übermütige“ (S. 102) Plazierung der Maske auf Fridolins Kissen, „in der zugleich eine milde Warnung und die Bereitwilligkeit des Verzeihens ausgedrückt schien“ (ebd.), kann er endlich erwachen. Dieses Erwachen ist gleichbedeutend mit freiwilligem Erzählen. War er im ersten Kapitel der Traumnovelle nur widerwillig bereit, von seinen Erlebnissen in Dänemark zu erzählen, so bittet er nun „aus der Tiefe seines Herzens“ (ebd.) mit dem Satz „Ich will dir alles erzählen“ (ebd.) darum.
 

Als er morgens seine Beichte beendet hat, schlägt Albertine versöhnlich vor, den Traum nicht mehr länger als Traum zu nehmen, sondern als Beginn einer Phase des Erwachens: die Realitäten zu erkennen, die ihre Beziehung prägen. Das Ende der Traumnovelle gibt auf diese Art einen positiven Ausblick: selbst der „graue Morgen“ ist nun mit einem „sieghaften Lichtstrahl“ (Aufklärung!) (S. 103) und „einem hellen Kinderlachen“ (ebd.) verbunden. Doch die Labilität der neugeordneten Beziehung wird noch einmal betont: „‘Nun sind wir wohl erwacht‘, sagte sie - ‚für lange.‘ Für immer, wollte er hinzufügen, aber noch ehe er die Worte ausgesprochen (...) flüsterte sie: ‚Niemals in die Zukunft fragen‘“ (ebd.). Der Verlust der Leidenschaft und die Entfremdung können sich jederzeit wiederholen, die Stabilität, die erreicht wurde, ist nur eine fragile: „bis es wie jeden Morgen um sieben Uhr an die Zimmertür klopfte“ (ebd.). Der bürgerlich-kapitalistische Alltag lauert bereits bedrohlich vor der Tür und die „gewohnten Geräusche von der Straße her“ (ebd.) drohen mit neuer Alltäglichkeit. Dies verheißt nichts Gutes für eine leidenschaftliche Beziehung...
 

Resümee:
 

Die Traumnovelle begleitet die Protagonisten Albertine und Fridolin über ein Stück ihrer Beziehung hinweg. Ausgangspunkt ist die nicht immer glückliche Synthese aus Liebes- und Ehe-Alltag. Es ist ein „vollendetes Paradox“ (Gert Sautermeister), daß die (Tatsache der) Liebe und das Glück hier keine Einheit (mehr) bilden. In dieser als ‚eingefahren’ zu bezeichnenden Situation ihrer Beziehung kommt es zu Verstörungen durch Dritte und Ansätzen eines Begehrens jenseits der Zweierbeziehung. Das gegenseitige Eingeständnis und das beiderseitige Fallen- oder Treibenlassen in die erotischen Wunschwelten (ob geträumt oder nicht) führt bei beiden zu einer Identitätskrise, die in der Folge zahlreiche gegenseitige Verletzungen mit sich bringt. Dabei liefern sämtliche Ereignisse und Träume in der Novelle letztlich eine Situationsanalyse der Beziehung. Aus diesem ‚Material’ können die beiden ihre Beziehung aber auch neu bestimmen. Am Ende kommt es so zu einer Wiederversöhnung, deren Basis die während der ganzen Beziehungskrise immer unangefochtene Tatsache der wechselseitigen Liebe der beiden ist.
 

Die ‚Gesellschaft’ ist keineswegs aktiver Gegner der Liebe und schon gar nicht der von ihr als Norm eingeforderten Ehe der beiden (im Gegensatz zu anderen „Liebeskonzeptionen“ in der Literatur - etwa Tristan und Isolde oder Romeo und Julia). Auch von Standes- oder Klassenunterschieden der beiden Partner ist in der Traumnovelle keine Rede. Doch die gesellschaftlichen Normen, Konventionen, Verpflichtungen und Werte haben einen deutlichen Leidenschaftsverlust zur Folge. Wer sich in Berufsleben und bürgerlichem Konkurrenzkampf behaupten muß, wer für Kind und Erziehung, für Reproduktion und Repräsentation sorgen muß, wer kurzum von Arbeit, Pflichten und Leistungszwang notwendig bestimmt ist, für den oder die wird es schwer, sich fallen zu lassen, der Leidenschaft und Intimität den gebührenden (und erwünschten!) Raum zu geben.
 

Die Traumnovelle ist dennoch eines der wenigen Prosawerke Schnitzlers, welches nicht in einer Katastrophe (meist Trennung oder Tod) oder Resignation endet. Dies ist dem Mittel des Traumes als Möglichkeit der Bewußtwerdung des Unbewußten zu verdanken. Indem die „Schattengestalten“ (S. 13) der Traumwelten und damit auch intimste Gedanken und erotische Wünsche ans Tageslicht befördert werden, kann der Traum als psychologisches Hilfsmittel der Erhellung dienen – als Möglichkeit, das eigene Leben in einem positiven Sinne neu zu ordnen und damit den erkalteten Leidenschaften neuen Auftrieb zu geben. Bei mir selbst bleiben indes gewisse Zweifel, ob dies allein ausreichen kann, wie ich am Schluß meiner Darstellung andeute. Denn wenn es nach der hoffnungsvollen Versöhnung sogleich „wie jeden Morgen um sieben Uhr an die Zimmertür klopft(e)“ und sich damit das kapitalistische ‚Hamsterrad’ von neuem zu drehen beginnt, erscheint es als fragwürdig, wie lange der gewonnene ‚Frieden’ währt. Nichts, aber auch gar nichts spricht dafür, daß nicht auch in Zukunft der Gatte durch „sein(en) Beruf schon in früher Stunde“ (S. 12) gefordert sein wird und „Hausfrau- und Mutterpflichten (...) Albertine kaum länger ruhen“ (ebd.) lassen werden, womit vorgezeichnet wäre, daß auch künftighin „die Stunden nüchtern und vorbestimmt in Alltagspflicht und Arbeit“ (ebd.) hingehen werden.
 

Die Bewußtwerdung verborgener intimer Wünsche und Träume mögen Mittel sein, dem Trott zu entgehen und aufmerksam und leidenschaftlich zu lieben. Den leidenschaftstötenden Zwängen der bürgerlichen Gesellschaft ist damit allein jedoch nicht zu begegnen. Dies bedürfte nichts weniger als des „Umsturz(es) aller bisherigen Gesellschaftsordnung“ (Marx)...
 

Kursive Zitate nach: Arthur Schnitzler. Traumnovelle / Die Braut, Philipp Reclam jun., Stuttgart 2002
 

Danksagung an Inka San, meine Geliebte, für alles, Torsten Schäfer für die psychoanalytischen Anregungen, Anna Margo Baude, meine Freundin und aufmerksame Kommilitonin sowie an Gert Sautermeister für ein überaus gelungenes Seminar.
 

Kommentare:

 
 „Sie haben eine intelligente und sensible Deutung der bedeutenden Erzählung
 entfaltet. Zu ihren Vorzügen zählt, daß Sie die im Seminar gegebenen
 Interpretationshinweise nicht nur adäquat rezipiert, sondern selbständig vertieft
 und ergänzt haben. So wird unter anderem der bürgerliche Alltag als einer der
 Gründe für den Leidenschaftsverlust der Ehepartner in wünschenswerter Klarheit
 kenntlich. Ihre Einsichten in die Verstörungen und Verletzungen, die sich Albertine
 und Fridolin wechselseitig zufügen, zeugen von psychologischer
 Durchdringungskraft. Und Ihre Skepsis gegenüber einem Neubeginn des
 Ehelebens von Lebenserfahrung. – Auch stilistisch erreichen Sie ein
 bemerkenswert gutes Niveau.“ (Prof. Dr. Gert Sautermeister)


[1] Fridolins mehr oder weniger zielloses ‚Umherschweifen’ durch eine moderne Metropole ist in Schnitzlers Novelle ganz sicherlich in skizzierten (Beziehungs-) Problemen, Verletzungen, Sehnsüchten und erotischen Begierden ‚geerdet’, nicht in einer Kritik der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft. Es hat einen - für Schnitzler - aus der Psychologie her rührenden Ausgangspunkt. Dennoch erscheint es mir reizvoll, Fridolins ‚Wanderungen’ durch die moderne Urbanität zumindest versuchsweise mit dem Konzept des dérive einer Situationistischen Internationale in Beziehung zu setzen. Auch der Flaneur (s. u. a. Charles Baudelaire) ist ein spezifisches Phänomen der Moderne. Im übrigen existiert ein Zusammenhang zwischen der mit Konsum in Verbindung gebrachten modernen Urbanität und der Erotik - die ‚Verführung’...
 
[2] Dieses traditionelle Motiv der Verbindung von Eros und Tod (unzählige Gemälde, Lieder und Opern erzählen vom erotischen, weiblichen Leichnam; im Französischen wird der Orgasmus „la petit mort“ genannt...) taucht wiederholt in Schnitzlers Novelle auf: bereits die Kutsche, die Fridolin zur Villa bringt, gemahnt an „eine Trauerkutsche“ (S. 42), wie auch die Begegnungen mit Marianne („süßlich fade(r) Geruch dieses blassen Mädchens“, S. 20) und Mizzi („sehr blaß mit rotgeschminkten Lippen. Könnte gleichfalls mit Tod enden, dachte er“, S. 31) von morbiden Andeutungen geprägt sind. Auch beim Kostümverleiher ist nicht nur die Erotik des jungen Mädchens präsent; während des Ganges durch die Kammer mit den aufgereihten Kostümen ist Fridolin „zumute, als wenn er durch eine Allee von Gehängten schritte“ (S. 43).
 
[3] Eine weitere Parallelität zwischen den Protagonisten. Auch Fridolin hatte ja das Gefühl, „unter gewöhnlichen Umständen keine sonderliche Macht über das andere Geschlecht“ (S. 60 f.) auszuüben und suchte nach Bestätigung des Wunsches, begehrt zu werden.
 
[4] Ähnliches gilt übrigens für Albertines Redoutenpartner, der - bevor er sie durch ein „häßlich-freches Wort verletzt“ (S. 12) und damit verschreckt hatte - durchaus eine Attraktion auf sie auszuüben im Stande war. Dessen „fremdländischer, anscheinend polnischer Akzent“ (ebd.), der „sie anfangs bestrickt“ (ebd.) hatte, kann ebenfalls als Beispiel für Albertines Suche nach dem Fremden, Neuen und Exotischen genommen werden.
 
[5] Interessanterweise kommen solche Gewalthandlungen innerhalb der Ehe in Schnitzlers Novelle generell nicht vor, obwohl sie als Gewalt von Männern an Frauen durchaus gängige, wenn auch traurige patriarchale Praxis sind. Schnitzler wußte das nur allzu gut, schließlich hat er selbst seine Partnerin geschlagen (!!!): „(...) gibt Schnitzler sich keinen Illusionen darüber hin, daß er dem männlichen Besitzdenken verfallen ist. So ist die jahrelange Beziehung zu der (...) Schauspielerin Marie (‚Mizi‘) Glümer von vornherein vergiftet durch die Tatsache, daß Schnitzler nicht ihr erster Liebhaber war; die Katastrophe tritt ein, als er von einem Liebesabenteuer seiner Freundin während eines auswärtigen Engagements erfährt“ (Scheible, a. a. O., S. 108). Schnitzler, „der es seinerseits mit der Treue nicht genau genommen hatte“ (ebd.), notiert in seinem Tagebuch: „plötzlich, indem ich ihr wieder ihre Ludereien vorhielt, überkam es mich übermächtig und ich schlug sie mit den Fäusten und Füßen“ (Tagebuch, 20. 4. 1893, nach: ebd., S. 108 f.)!
 
[6] Gängige Argumente für die These, daß auch Fridolins Erlebnisse zumindest partiell ‚nur geträumt’ waren, daß sich in ihnen reale Strukturen mit traumhaft-assoziativen Elementen verbinden, sind z. B.:
- die Unwirklichkeit bzw. Außeralltäglichkeit seiner Erlebnisse (insbesondere die Geheimgesellschaft); Fridolins nächtliches Abgleiten in eine traumähnliche, halb-bewußte ‚Zwischenwelt’ zwischen Realität und Traum
- typische Einbindung von Tageserlebnissen in die Traumwelten, z. B. bezüglich des Stichwortes „Dänemark“ (dies taucht in Fridolins Gedanken bzw. seiner Umwelt recht inflationär auf: erstmalig in Mariannes Wohnung, in der ein Bild eines Offiziers hängt (S. 22; - Albertines ‚Dänemark-Schwarm’ war in Gesellschaft zweier Offiziere gewesen!), als ‚Gedanke’ nach dem Zusammenprall mit den Verbindungsstudenten, wo er sich den „Dänen“ zum Duell wünscht (S. 30) und am deutlichsten in der Parole „Dänemark“ der Geheimgesellschaft - wobei es lediglich für letzteres schwer fällt, eine ‚rationale’ Erklärung zu finden. Das Bild bei Marianne ist weiter nichts ungewöhnliches; daß es zum gegebenen Zeitpunkt Fridolins Aufmerksamkeit findet, könnte auch dem bekannten Phänomen geschuldet sein, auf bestimmte Dinge besonders zu achten, die einen im Moment beschäftigen. Daß er sich den Dänen anstatt den jungen Verbindungsstudenten zum Duell wünscht, kann leicht aus seiner Wut heraus erklärt werden)
- die nach Freuds Traumdeutung häufige Erscheinung, daß Teile eines Traumes als ‚Realität’ oder ‚Wachzustand’ empfunden werden können, wobei sie doch Teil des Traumes sind (erklärbar durch durchgängig präsente Denkgewohnheiten des Menschen, die nicht ‚einschlafen’). Außerhalb der Tatsache des Erwachens gebe es zudem kein funktionstüchtiges Unterscheidungsmerkmal zwischen Traum- und Wachzustand.
- These von Verwischungen innerhalb des Textes selbst, die die Grenze zwischen Traum und Wirklichkeit aufweichen (z. B. Thematisierung der Frage, ob es alles nur ein Traum ist, im Text selbst)
-die Parallelität von Albertines Traum und Fridolins Erlebnissen, die symmetrische Struktur ihrer ‚Erlebnisse’, deren reales Zusammenkommen unrealistisch sei.
 
[7] Zum Beispiel folgende ‚Erklärung’: „er (...) hielt die Maske in der Hand, die er während der vorigen Nacht getragen, die ihm, während er heute morgen das Paket zusammengerollt, ohne daß er es bemerkt, entglitten, und von dem Stubenmädchen oder Albertine selbst gefunden sein mochte“ (S. 101 f.). Würde Fridolin vermuten, Albertine hätte mißtrauisch den Schrank durchwühlt, in den er die Maske gelegt hatte, wäre das vor dem Hintergrund des gegenseitigen Mißtrauens äußerst plausibel. Daß ihm allerdings ein Gegenstand von nicht geringer Größe und solcher Bedeutung „ohne daß er es bemerkt“ einfach so entgleitet, erscheint tatsächlich absurd und surrealistisch - zumal wenn man sich daran erinnert, mit welcher Umsicht Fridolin in betreffender Nacht das Haus betreten hat und „das Maskengewand sorgfältig in einen Schrank“ verschlossen hat, wie auf Seite 64 nachzulesen ist.
 
[8] Interessant auch, daß an dieser Stelle „wach“ mit „gesund“ gleichgesetzt wird (s. S. 63: „Todeskrankheit (...) diphteriekrank(es) (...) gehustet (...) krank (...) Fieber (...) Delirien (...) fühlte nach seinem Puls. Kaum beschleunigt. Alles in Ordnung. Er war völlig wach“ (statt „völlig gesund“, K. H.)). Hier drückt sich sicherlich auch eine von Schnitzler in Fridolins ‚Charakter’ gelegte Angst vor dem Unbewußten aus.

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