Zwischen Übersee und Völkermord
Deutscher Kolonialismus in Namibia und die Hansestadt Bremen
"Die Deutschen kamen und sagten Kahimemua, daß sie Land wollten. ‚Gut‘, sagte Kahimemua, ‚bringt Gefäße, Eimer und Körbe und wir werden euch Land geben.‘ Behälter wurden gebracht und Kahimemua ließ sie mit Erdreich füllen. ‚Da habt ihr‘, sagte er zu den Deutschen, ‚hier ist Land für euch‘. Die Deutschen wurden wütend und sagten, daß sie keine Erde wollten, die man in Gefäße füllen kann, sondern daß sie unsere Erde, unser Land wollten"
Nicht nur vor dem Hintergrund anhaltender Wirtschaftskrisen im jungen Kaiserreich machten sich Ende des 19. Jahrhunderts Kaufleute, Missionare, Ethnologen, Kolonialschwärmer und Abenteurer von Deutschland aus auf den Weg nach Afrika, China oder gar in Richtung Südsee. Die bremische Afrikafahrt begann bereits im Jahr 1841, als die Brigg ‚Wilhelm Ludwig‘ zum Senegal segelte, gefolgt von Kaufleuten, die vor allem in Westafrika Handelsniederlassungen gründeten.
In Südwestafrika, dem heutigen Namibia, lösten in der zweiten Hälfte des 19. Jh. deutsche Missionare ihre britischen Kollegen ab. Die Rheinische Missionsgesellschaft mit ihrem selbstgesteckten Ziel, "so viel wie möglich deutsche Waaren einzuführen", erwarb sich den zweifelhaften Ruhm, florierende Geschäfte mit Waffen zu treiben, sie an die einheimische Bevölkerung zu verkaufen und diese dann in wechselnden Bündnissen zu kriegerischen Auseinandersetzungen aufzuwiegeln, um schließlich offen für die Errichtung einer Kolonialherrschaft zu plädieren. Um die Konflikte wieder zu unterdrücken, die sie geschürt hatten, waren die "Missionare" zwischenzeitlich sogar bereit, britische Kolonialherren ins Land zu holen, die sich jedoch mit Ausnahme der Walfischbucht nicht sonderlich interessiert zeigten. Auch "gehorsame und dringende Bitten" an das Auswärtige Amt und Reichskanzler Bismarck stießen zunächst auf taube Ohren, wenngleich der politische Druck von Kolonial-Lobbyisten Jahr für Jahr wuchs.
Es bedurfte letztlich des Anstosses des Bremer Kaufmanns Adolf Lüderitz, der im Mai 1883 dem Nama-Häuptling Josef Frederiks für 200 Gewehre und 100 Pfund Sterling die Angra Pequena-Bucht in Südwestafrika abkaufte. Frederiks erschien der vergessene Küstenstreifen wertlos, doch Lüderitz hatte von Kupfervorkommen im Hinterland gehört, sogar von Gold und Diamanten in dieser ungastlichen Steinwüste. War dieser Vertrag schon zwielichtiger Natur, so bestand ein zweiter aus einem handfesten Betrug. Fredriks verkaufte im August 1883 lediglich den südlichen Ausläufer der Namib-Wüste (20 englische Meilen von der Küste ins Landesinnere), doch Lüderitz spekulierte auf die sog. deutsche Meile, die das Fünffache betrug: "Lassen Sie Joseph Fredericks aber vorläufig in dem Glauben, daß es 20 englische Meilen sind" schrieb Lüderitz an seinen deutschen Agenten. Gleichzeitig aktivierte er Bismarck, seine Erwerbungen unter deutschen "Schutz" zu stellen. Frederiks stellte in einer Erklärung vom 31. Dezember 1883 nochmals ausdrücklich seinen Rechtsanspruch auf den südwestlichen Teil Namibias klar. Die Deutschen verschoben die "Grenzen" jedoch peu-á-peu noch entschieden weiter: nach Osten in Richtung des heutigen Botswana (Kalahari-Wüste), im Norden bis nach Angola. Damit agierten sie nicht nur gegen Frederiks erklärten Willen, sondern auch gegen alle anderen in Südwestafrika lebenden Volksgruppen wie etwa die Herero, die, wie die Geschichte von Kahimemua andeutet, sich mit Witz und Widerstand gegen die deutsche Invasion stellten. Dem späteren Reichskomissar für Südwest, Dr. Göring (Vater des NS-Reichsmarschalls), wurde nicht nur ein Pferd, sondern auch die deutsche Flagge geklaut, bevor er vom Herero-Chief Maharero in die Walfischbucht vertrieben wurde. Schon 1884 hatte Maharero in einer Proklamation "auf das ernstlichste gegen alle und jede Erwerbungen von Land und Mineralien" in seinem Herrschaftsgebiet protestiert.
Niemand, der sich hier, in einer der unwirtlichsten Gegenden der Erde, niedergelassen hatte, hatte dies freiwillig getan. Die San als älteste Bewohner wurden von den Holländern aus Südafrika abgedrängt, ebenso die Nama. Die Herero wiederum wurden von den Portugiesen aus Angola vertrieben. So war Südwestafrika ein Rückzugsgebiet für ein Gemisch vertriebener Volksgruppen, das bereits ein Produkt des Kolonialismus war, bevor dieser es in seinen Krallen hielt. Die Kargheit des Landes führte im 19. Jahrhundert zu zahlreichen, auch bewaffneten Konflikten innerhalb der Bevölkerung, wobei diese nicht, wie vielfach behauptet, entlang ethnischer Grenzen verliefen, sondern anhand verschiedener Interessen. Magdalena Maharero, eine Schwägerin des Herero-Chiefs, beklagte in einem Brief von 1892: "Zur Zeit ist es schlimm. Es gibt keine Verständigung, nur Streitigkeiten in vielen Sachen". Die Missionare taten ihr übriges, Konflikte für ihre Interessen auszunutzen. Dennoch waren Unabgeschlossenheit und Offenheit der politisch-kulturellen Systeme Kennzeichen des vorkolonialen Afrika und das 19. Jahrhundert eine Epoche der Modernisierung und Vereinigung weiter Teile der namibischen Stämme: das "Goldene Zeitalter der Viehzüchter".
Diese sahen die Problematik des Überlebens in einer von Ressourcenknappheit und Rassismus geprägten Umgebung mit klaren Augen. In einem gemeinsamen Brief von Chiefs aus dem "Damaraland" bzgl. einer drohenden Invasion von Buren aus dem Kap heißt es etwa: "Wir haben riesige Rinder- und Schafherden in unserem Besitz, und stoßen während der trockenen Jahreszeit auf erhebliche Schwierigkeiten, für diese ausreichend Wasser und Weideflächen zu beschaffen. Wir haben daher kein freies Land zur Verfügung, zu dem wir irgendeiner Nation Zutritt gewähren könnten, insbesondere jenen nicht, die die schwarzen Stämme stets mit Verachtung und Unwillen betrachtet haben und die die Sklaverei sowohl anerkennen als auch praktizieren".
Bereits ein Jahr nach den zwielichtigen Erwerbungen Lüderitz‘ stehen die Gebiete unter dem "Schutz des Deutschen Reiches": Am 7. August 1884 dampfen deutsche Kriegsschiffe in die Bucht von Angra Pequena, ziehen am Strand die kaiserliche Flagge auf, während das Kanonenboot "Wolf" den Auftrag hat, gleich die ganze restliche Küste bis nach Angola in Beschlag zu nehmen. Deutschland hat seine erste Kolonie: "Deutsch-Südwest".
Die Kolonien nährten die Hoffnung auf wirtschaftlichen Gewinn. Bereits 1887 gab es erste Goldfunde in Namibia, ab 1899 werden Kupfererze ausgeführt.
Um die Rohstoffe mit Hilfe billiger Arbeitskräfte zu gewinnen, wurde neben dem Aufbau von Polizeistationen und "Schutztruppen" ein ausgeklügeltes rassistisches Verwaltungs- und Überwachungssystem errichtet. Der Aufbau eines "effizienten" Wirtschaftssystems sollte durch eine an vormodernen Vorstellungen orientierte "ständische" Gesellschaftsordnung erreicht werden, in der Beamte, deutsche Siedler und Afrikaner einer festgefügten Hierarchie unterworfen waren. Um dies zu gewährleisten, setzten die Deutschen von Anfang an auf die Errichtung einer rassistischen Privilegiengesellschaft und die lückenlose Erfassung und Überwachung der afrikanischen Bevölkerung, die schon früh jegliche selbständigen politischen Rechte verlor. Bereits 1898 wurden erste "Eingeborenenreservate" etabliert.
Durch das "duale Rechtssystem" wurden selbst Kapitalverbrechen deutscher Siedler wie Mord an Einheimischen nicht geahndet, da Weiße nicht der afrikanischen Gerichtsbarkeit unterworfen waren und Prozesse in Deutschland aussichtslos waren, da man Afrikanern nicht glaubte. Vor allem die zahlreichen Vergewaltigungen brachten die Einheimischen zusätzlich gegen die Deutschen auf, während Vergewaltigungen an deutschen Frauen schon damals mehrheitlich als Propagandalügen entlarvt wurden, um die Gewalt der "Herrenmenschen" zu legitimieren. Farmer und Kolonialherren konnten so ungestraft wahre Prügelexzesse an Einheimischen vollführen. Bereits 1906, hundert Jahre nach dem Eintreffen der ersten Missionare, glichen weite Teile des Landes einem Gefangenenlager. Die Angst vor einer Durchbrechung der Rassenschranken durch Mischehen führte zu einer Entrechtung der Mischlingskinder, 1907 wurden die Ehen sogar rückwirkend annulliert. Der stellvertretende Gouverneur Tecklenburg hatte bereits 1903 beklagt: "Jetzt spreizt sich auf Krieger- und Schützenvereinsfesten das Panzlaff’sche Hottentottenweib neben unseren deutschen Frauen"... Eingeborenenverordnungen führten u. a. ein "Eingeborenenregister" und eine mit Nummern versehene, sichtbar zu tragende "Eingeborenen-Paßmarke" (!) aus Blech für alle Afrikaner ab 7 Jahren ein. Für das Verlassen des Wohnortes (!) war ein Reisepaß nötig. Ein Verbot der Haltung von Großvieh und Reittieren ohne ausdrückliche Genehmigung des Gouverneurs wie auch der Zuzug von 15.000 Weißen in die "Siedlungskolonie", der offiziell gefördert wurde und den Afrikanern das Land nahm, zwang diese, bei Europäern um Arbeit zu betteln, Farmen zu bestellen, Eisenbahnlinien zu bauen, Kupfer aus Berkwerken zu holen oder sich als Dienstboten zu verdingen. Wer es nicht tat, lief Gefahr, als "Landstreicher" bestraft zu werden.
Von Anbeginn der deutschen kolonialen Bestrebungen gibt es jedoch heftigen Widerstand der Bevölkerung in sämtlichen "Schutzgebieten".
In Namibia befanden sich mit kurzen Unterbrechungen von 1893 bis 1901 permanent Teile der Bevölkerung im Aufstand. Als sich 1904 zunächst die Herero, bald auch die Nama gegen die Deutschen erheben, endet das militärische Vorgehen der deutschen Truppen im ersten von Deutschen verübten Völkermord. Die Herero, deren Aufstand sich ausdrücklich nur gegen deutsche Männer richtete (ausgenommen waren alle Afrikaner, Buren, Engländer, Missionare sowie deutsche Frauen und Kinder, die z. T. sogar von Herero in die deutschen Siedlungen gebracht wurden), konnten innerhalb kurzer Zeit weite Teile ihres Landes wieder unter ihre Kontrolle bringen. Doch sie begnügten sich mit dem Erreichten, wodurch die Kolonialmacht, die sich zunächst in ihren Festungen verschanzt hielt, Gelegenheit hatte, Verstärkung aus dem Reich zu holen. Und die kam: der vom Kaiser entsandte "Kolonialschlächter" General Lothar von Trotha setzte seine Ankündigung um, einen Vernichtungskrieg gegen die Herero und Nama zu führen, in dem er unterschiedslos auf Männer, "Weiber und Kinder" schießen ließ und die Herero"wie ein halb zu Tode gehetztes Wild" in die wasserlose Omaheke-Wüste trieb, an deren Rändern die Deutschen systematisch alle Wasserstellen besetzten und Volk und Vieh dem Verdursten preisgaben. Alle aus der Wüste zurückkehrenden Herero sollten per Proklamation erschossen werden. Ein aus der NS-Zeit stammendes Denkmal für den Terroristen ("Gewalt mit krassem Terrorismus auszuüben war und ist meine Politik. Ich vernichte die aufständischen Stämme mit Strömen von Blut und Strömen von Geld") befindet sich bis heute in einer Hamburger Bundeswehr-Kaserne.
Die Krieg und Genozid Überlebenden wurden im Anschluss an den Krieg ab 1907 in landesweit errichteten "Konzentrationslagern" (sic!) interniert und zur Zwangsarbeit, u. a. in den 1908 entdeckten Diamantenfeldern verpflichtet. Hierbei kam fast jeder zweite afrikanische Kriegsgefangene zu Tode. Allein beim Bau der Eisenbahnlinie Lüderitzbucht - Keetmanshoop starben in 18 Monaten 1.359 von 2.014 Häftlingen.
Nach Beendigung des Krieges 1908 waren 80% des Hererovolkes und mehr als die Hälfte der Nama ermordet.
Nachdem Deutschland im Laufe des I. Weltkrieges seine Kolonien verloren hatte, war die Schreckensherrschaft für die namibische Bevölkerung nicht vorbei. Das Südafrikanische Apartheidregime übernahm bereits 1915 die Besatzung und setzte die von Deutschen eingeführte Rassentrennung fort. Mitte der 60er Jahre begann ein unter abermaligen großen Opfern geführter bewaffneter Befreiungskampf der SWAPO, der Namibia als einem der letzten afrikanischen Länder 1990 seine Unabhängigkeit zurückgab.
Das von den Nazis als "Stadt der Kolonien" auserkorene Bremen, welches eine so zentrale Rolle in der traurigen Kolonialgeschichte gespielt hatte, hatte einiges gut zu machen.
Seit Ende der 70er Jahre unterstütze Bremen als einziges Bundesland die SWAPO durch finanzielle und andere Hilfen, die in Deutschland ansonsten nur aus der in Namibia sehr wohl gelittenen DDR kamen. Aus Anlaß der Unabhängigkeit Namibias und auf Druck von Dritte-Welt- und Solidaritätsgruppen wurde das 1932 eingeweihte Kolonialehrenmal hinter dem Bahnhof zu einem "anti-kolonialen" DenkMal Elefanten umgewidmet. Der über einer Krypta mit in den Kolonien gefallenen dt. Soldaten errichtete steinerne Elefant war ein Produkt neokolonialer Kreise in Deutschland, die in den 20er und 30er Jahren bereits für einen Wiedergewinn der Kolonien und eine Rückkehr des dt. Handels warben. 1996 enthüllte der namibische Staatspräsident Dr. Sam Nujoma mit Bürgermeister Scherf eine Bronzetafel zum Gedenken an die Opfer der dt. Kolonialzeit.
Trotz solcher positiven Entwicklungen bleibt das Verhältnis ambivalent. So werden Flüchtlinge aus ehemaligen deutschen Kolonien wie Togo oder Kamerun trotz verheerender Menschenrechtslage bis heute aus Bremen abgeschoben, sind rassistische Gesetze wie die Residenzpflicht, die durchaus ein wenig an oben skizzierte Paßverordnung erinnert, Alltag für Asylbewerber. Nicht nur vor dem Hintergrund erneuter deutscher Kriegseinsätze in Afrika, geführt im Namen der Zivilisation und der Menschenrechte, steht eher ein deutscher Neo-Kolonialismus zu befürchten, denn Gerechtigkeit für die Opfer. Kanzler Kohl grüßte noch 1995 bei einem Staatsbesuch mit "liebe Landsleute", die deutschsprachige Minderheit fordert bis heute Privilegien in der namibischen (Sprach-) Politik ein und der grüne Außenminister Fischer will von Reparationen nichts hören, auch nachdem Vertreter der Herero nach dem Vorbild der Entschädigungsklage ehemaliger NS-Zwangsarbeiter eine Sammelklage gegen die Bundesrepublik als Rechtsnachfolgerin des Deutschen Reiches eingereicht haben.
Obwohl der Vernichtungskrieg so etwas wie eine Vorlage für die im 20. Jahrhundert von Deutschen verübten Verbrechen war, steht er traditionell im Schatten der Barbareien, die noch folgen sollten: der beiden Weltkriege und des Holocaust. Hierüber ist der Krieg gegen die Nama und Herero im Allgemeinen in Vergessenheit geraten. Der europäische ‚Gewaltmensch‘ jedoch hatte in den Kolonien das ‚Handwerk der Ausrottung‘ gelernt, und deutsche KZ und deutscher Völkermord in der Kolonie verweisen früh schon auf die dann im NS zur Perfektion getriebenen Verbrechen.
P. S.: Herero-Chief Kahimemua wurde übrigens bereits 1896 als "Aufrührer" hingerichtet.
Kersten H. aka Magenta Netzwerk
Der Autor ist Student der Kulturwissenschaften an der Uni Bremen und steht für Vortragsveranstaltungen zum Thema zur Verfügung (Anfragen an Magenta.Netzwerk@gmx.de).
Die Anti-Koloniale Afrika-Gruppe Bremen ist zu
erreichen unter:
africa-anticolonial.hb@web.de
www.africa-anticolonial.org